Menschliches Treibgut

Ein Theaterfestivalbetrieb ist wie ein großes Schiff, mit mehreren Decks, jeder Menge Crew und Personal, einem Kapitän oder wie beim Theatertreffen, mit einer Kapitänin an der Kommandobrücke. Es gibt eine vorhergesehene Route für die Reise und einen sorgsam ausgeklügelten Zeitplan, in den alle Landgänge (in diesem Fall die zehn Premieren) eingetragen sind. Während der Fahrt gibt es etliche Gala-Dinners, auf denen sich Gäste, Prominenz und Crew amüsieren, hinter vorgehaltener Hand tuscheln, Insider-News austauschen und jede Menge Seemannsgarn spinnen. Von außen betrachtet, mag das stimmen. Aber was heißt es, selbst mit an Bord gewesen zu sein? Es bedeutet, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Auf hoher See zu treiben. Einzutauchen.

Es hieß, vom Büro aufs Schiff mit dem Namen Festspielhaus zu wechseln, alles für das Auslaufen aus dem Hafen vorzubereiten, danach langsam an Fahrt zu gewinnen und sich auf offener See treiben, schaukeln oder gar hin- und herwerfen zu lassen. Oft, wenn ich den Boden unter den Füßen verlor, fühlte ich mich wie menschliches Treibgut: Mal trug mich ein gesehenes Stück langsam und fast still, dann wieder schäumte und zischte es mir um die Ohren, und ich ritt auf einer Welle, einer Theaterwelle, die mich Salzwasser schlucken ließ und mich nach mehr Wasser, nach mehr Texten, nach mehr solchen Erlebnissen verlangen ließ. Es gab keinen Stillstand, weil jede Enttäuschung nach einem nicht ganz so bemerkenswerten Stück von der nächsten großen Welle neuer Eindrücke überrollt wurde. Ich brauchte nur auf eine dieser Welle warten, um wieder abzutauchen. Danke für das tt 2010, dem ich 3 “t“s hinzufügen werde: Tiefgang, Tiefenrausch, Tiefenwirkung.

Das Spiel im Spiel

90 Minuten dauert Peter Handkes “Die Stunde da wir nichts voneinander wussten“, das heute Abend im Haus der Berliner Festspiele zu sehen war. Parallel dazu gab es 90 Minuten Fußball. Im Olympiastadion Berlin, natürlich. Aber auch in der Theaterkantine im Keller der Festspiele. Eine kleine Schar fußballbegeisterter Theaterleute tauschte nach acht Tagen Hochkultur die Bühne gegen den Rasen und verfolgte ein akustisch ganz außergewöhnliches DFB-Pokalfinale Bayern gegen Bremen live vor dem Fernseher: Die Stimme des Fußballkommentators und der Fangesang aus dem Stadion mischten sich mit Flugzeuggeräuschen, Motorradlärm, Techno-Beats und Operngesang, die live von der Theaterbühne per Lautsprecher in der Kantine zu hören waren. Während Franck Ribéry sich gleich an zwei Werder-Spielern vorbeidribbelt, bekommt er den passenden dramatischen Soundtrack von der Bühne. Wann haben sich Theater und Fußball je so gut verschränkt? Ribéry wird von Torsten Frings per Foul gestoppt und sieht Gelb. 20 Minuten später, die Bayern führen nun schon 3:0, wird Frings mit Gelb-Rot vom Platz verwiesen. Wäre Frings ein Schauspieler, dürfte er seiner Wut und seiner Enttäuschung richtig Platz machen. In seiner Regieanweisung würde stehen: “Schreien!”, “Gegen die Bühnenwand springen!“ Auf dem Rasen reicht es nur für “Meckern gegen den Schiri“. Dann muss er von der Bühne ab, äh, vom Rasen.

Wer hat Angst vorm bösen Wolf?

Alle reden über den Krisenwolf. Ich nicht. Der Wolf, über den ich rede, habe ich zum ersten Mal kennengelernt, als ich klein war. Er machte mir Angst, weil er sich als Großmutter ausgab und das unschuldige Rotkäppchen fraß. Er zeigte mir früh, dass der Schein trügen kann und hinter einer Verkleidung oder Maske jemand anderes steckt, als man denkt. Er brachte mir das Prinzip Schauspieler näher und damit auch das Theater, zu einem Zeitpunkt, als ich sogar für das Puppentheater noch nicht alt genug war. Wenn ich das Wolf-Titelblatt des Theatertreffen-Magazins umblättere, sind da zwei gestrichelte Kreise und eine Bastelanleitung: “Bitte ausschneiden und bei Bedarf aufsetzen!” Eine Aufforderung zum Spielen? Zum Verkleiden? Auf jeden Fall eine Erinnerung an das Wesen des Theaters, seinen Ursprung und seine Herkunft. Freude am Spielen! Lust an der Verwandlung! Das ist es, was ich die nächsten gut zwei Wochen sehen will. Ich habe Blut geleckt.