Was war und was wir uns wünschen!

Nach 18 Tagen Theater, Diskussionen und schlaflosen Nächten zieht das TT-Blog-Orchester kollektiv Bilanz.

Herzliche Begrüßung des Blog-Orchesters mit Blümchen. Bestechungsversuch?

Eröffnung T. Oberender: „Theater ist das Leitmedium eines neuen Zeitalters.“ wtf?

Zement: Heiner Müller und Dimiter Gotscheff sprechen zu uns. Auferstehung der Toten?

Trophäe wurde von Ai Weiwei gestaltet. Alles wirklich selbstgemacht?

Amphitryon, eine einzige Regie-Idee zieht sich durch den Abend. Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?

Theater und Netz, eine zukünftige Liebesgeschichte. Mit Happy End?

Eröffnung des Internationalen Forum mit Mittagessen für Leib und Seele. Gibt es am gemeinsamen Tisch mehr Austausch, als auf der Bühne?

Situation Rooms von Rimini Protokoll leider aus dispositorischen Gründen nur als multimedialer Info-Stand vertreten. Theatertreffen: zu statische Strukturen für dynamische Produktionsbedingungen?

Onkel Wanja. Zelebrierte Langeweile oder atmosphärisches Treibenlassen in einer unübersichtlichen Zeit?

Fegefeuer in Ingolstadt. Eine beklemmende Playbackinszenierung gewinnt den 3Sat-Preis. Aber kann der bayerische Erzkatholizismus heute noch in Berlin schockieren?

Eröffnung Camp. Warum zeltet hier niemand?

Stadttheater: Metropole vs. Provinz. Stand der Gewinner nicht schon immer fest?

Reise ans Ende der Nacht. Castorfs Schauspieler jagen durch den Bretterverhau und wir twittern davon aus der letzten Reihe. Unfall mit dem iPad: Die Apple-Sprachsoftware Siri spricht aus, was alle denken: „Ich habe das leider nicht verstanden.“ Wo geht die Reise hin?

Jurorin Daniele Muscionico hat aus dem Programmheft abgeschrieben. Wie ernsthaft wird hier ausgewählt?

Tauberbach, Alain Platels Tanztheater spaltet das Blog-Orchester. Nichtssagend, inhaltlich problematisch oder tief berührend?

Intervention beim Theatertreffen. Tauberbach in der Kritik. Plagiat? Fortschreibung des Kolonialismus?

Debatte überInternationalisierung des Theaters“. Betrifft das nur Stadttheater?

Eröffnung Stückemarkt. Ein spannendes neues Konzept unter falschem Label. Etikettenschwindel?

Mystery Magnet. Expressiver Umgang mit zeitgenössischen Oberflächen und aktuellen Inhalten. Sind wir nicht bereits alle übersättigt?

There Has Possibly Been An Incident. Ein Text wird gelesen und nicht gespielt. Wird er dadurch besser wahrgenommen?

Haus//Nummer/Null. Willkommen in einer furchtbaren Zukunft! Warum passt unsere gegenwärtige Gesellschaft nicht besser auf?

Während wir im Festspielgarten sitzen, wird der junge Autor Jörg Albrecht in Abu Dhabi festgehalten und, zum Glück, bald wieder frei gelassen. Hat die Öffentlichkeit für Freiheit gesorgt?

Letzte Zeugen des Holocaust, eine berührende Stimmübergabe mit Standing Ovations. Geht der Dialog auch aus dem Theater heraus?

Bei der Preisverleihung von Die letzten Zeugen, gibt Regisseur Matthias Hartmann seinen ersten öffentlichen Auftritt nach seinem Rauswurf aus dem Burgtheater Wien. Während noch alle von den Geschichten der Überlebenden bewegt sind, stilisiert er sich als Opfer und spricht von seinem Karrierealptraum: „Nach dem Horror der letzten Wochen, kommt es mir so vor als mache es jetzt Klick, und alles sei nur ein böser Traum gewesen“. Gehts noch?!

Ohne Inhalt Titel. Glitzerkostüme und Furzgeräusche. Worüber wird da gelacht?

Kasper Hauser. Ein freiheitsliebendes Pferd kommentiert das Geschehen im Puppenhaus.

Jury Debatte.


Schlussszene. Ein Tisch. Sechs Personen. Zwölf Bier. Viele Wünsche.

mehr freie Produktionen, auch aus kleineren Häusern, aus der Provinz und nicht nur große Namen”…„wieso machen sie nicht mal eine Ausnahme?”…„wieso sind sie ängstlich?”… „große Namen heißt ja vielleicht nur besserers Handwerk, und nicht die spannenderen Themen und relevanteren Fragen”…„mehr solche Inhalte wie sie im Stückemarkt verhandelt wurden”… „ja, das hat sich das Internationale Forum auch gewünscht”…„auch wenn Freie Szene nicht automatisch besser ist.”… “ja, Inhalte!”… „nach dieser schwachen Juryschlussdiskussion bitte alle Juroren austauschen” … „vielleicht auch ein paar Juroren aus der Bildenden Kunst, Kuratoren, oder aus anderen Disziplinen”…„ich wünsche mir ein heterogeneres Publikum”…„günstigere Karten, dann wären auch noch Freunde von mir gekommen”…„und keine Angst vor dem Internet”… „Inhalte fürs Netz. Momente, die man dort mit Freunden teilen kann”…„besseres Wetter!” … „ohja, und Freibier!”… „ich hätte gern mehr vom Internationalen Forum und dem Stückemarkt wahrgenommen” …„noch mehr Austausch”…„Prost”…„Prost” … „ja, waren intensive und spannende zwei Wochen”… „dennoch wünsche ich mir mehr Relevanz der Themen, mehr Aktualität” … „ja ,dafür ist Theater einfach da” …„von mir aus kann das Theatertreffen auch zwei Sparten machen. Also die Gala-boring-Nummern und die wilden Sachen” ….„also ich finde es gefährlich, zwei Sparten zu machen. Ich finde, die Sachen vom Stückemarkt sollten mit ins Hauptprogramm, nicht, dass die relevanten Themen zum Nebenschauplatz werden”… „beim Theatertreffen ähnelt das Konzept auch stark einer Museumsidee”… „ja stimmt, voll 90er” … „und Theater ist ja auch nicht per se ein Schatz”

Alle ab.

[Vorhang]

 

 

Über #bemerkenswert

Viele Worte sind gefallen. Auf den Bühnen, in Diskussionen und in den Pausengesprächen des Theatertreffens. Aus Liebe zur Sprache ist die Idee entstanden, das Gesprochene aufzuzeichnen und in Form von Plakaten aus dem Haus der Berliner Festspiele hinauszutragen. Als TT-Blog-Orchester, haben wir kontinuierlich Aussagen aus dem Geschehen heraus gefiltert, welche von unserem Grafikinsturmentalist Felix in Plakatform umgewandelt wurden. So sind über den Zeitraum des Theatertreffens mehr als 60 Motive entstanden, die in den Straßen und Parkanlagen, rund um das Haus der Berliner Festspiele,  verbreitet worden.

Über Theater. So insgesamt. Eine U-Bahnfahrt mit Daniel Wetzel (Rimini Protokoll)

Felix Ewers führte ein Interview mit Daniel Wetzel von Rimini Protokoll und dem aus Peking stammenden Regisseur Chong Wang.
Das Audiofile ist der Mitschnitt des Gesprächs, während einer U-Bahnfahrt vom Bahnhof Pankstraße zur Haltestelle Mehringdamm, im direkten Anschluss an den Workshop von Rimini Protokoll, der für das Internationale Forum stattfand. Das Gespräch ist in englischer Sprache.

Inhaltsverzeichnis:
0:30 Wie entstand das Interesse, die Regeln eines klassischen Theaterbegriffs zu brechen?
3:00 Kurze Vorstellung von Chong Wang.
4:00 Bahnfahrt geht los. Zur Konstellation von Rimini Protokoll.
5:00 „Remote Berlin” als Ausgangspunkt für „Situation Rooms”?
8:00 Über Experten.
8:45 Was inspiriert ?
11:25 Chong Wang steigt am Alexanderplatz aus.
13:35 Beobachtung.
13:55 Über Freie Szene und Stadttheater.
16:30 Deutschland als geschützter Ort für Theater.
18:45 Werden Projekte wie Rimini Protokoll genügend unterstüzt?
19:30 Über das Theartertreffen, über den Begriff „bemerkenswert“.
21:10 Eine Vision für das Theatertreffen?
22:20 Umsteigen in die U7 am Hermannplatz
22:40 Anregungen. Das Internationale Forum.
25:40 Erfahrungen
27:25 Regisseur oder Künstler?
28:45 What´s next?
29:35 Über den Arbeitsprozess.
31:00 Goodbye

Sehen Sie auch unseren Beitrag zur Trophäenverleihung und Diskussion mit Rimini Protokoll, sowie die Camp-Videos #6 und #7 über die Workshops mit den Künstlern.

 

„Ohne Titel Nr. 1 ” // Visuelle Auseinandersetzung

OhneTitelNr1

Felix Ewers, 2014, 900 x 1125 px
Mehr Visuelles von Felix unter www.weissreflex.de

„Ohne Titel Nr. 1“ von Herbert Fritsch
Regie: Herbert Fritsch
Premiere: 22. Januar 2014, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
Handlung: Befreiung von allem, auf einem Planeten, den wohl auch schon Captain Kirk zum Besäufniss gern besucht hat.
Regisseure mit Brettern vorm Kopf: Einer
Rekordverdächtig: Anzahl der Schulklassen im Theater.

Eine fortlaufende Serie.
Teil 1 zu „Zement”
Teil 2 zu „Onkel Wanja”
Teil 3 zu „Fegefeuer in Ingolstadt”
Teil 4 zu „Tauberbach”
Teil 5 zu „Reise ans Ende der Nacht”

„Reise ans Ende der Nacht” // Visuelle Auseinandersetzung

ReiseDurchDieNacht

Felix Ewers, 2014, 900 x 1125 px
Mehr Visuelles von Felix unter www.weissreflex.de

Eine fortlaufende Serie.
Teil 1 zu „Zement”
Teil 2 zu „Onkel Wanja”
Teil 3 zu „Fegefeuer in Ingolstadt”
Teil 4 zu „Tauberbach”

Lesen Sie auch unsere Kollektivkritik zu Frank Castorfs Reise ans Ender der Nacht” und sehen Sie Dorothy Siegls Skizzenbuch, das sie live in der Aufführung erstellt hat.

„Tauberbach” // Visuelle Auseinandersetzung

Tauberbach

Felix Ewers, 2014, 900 x 1125 px
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Eine fortlaufende Serie.
Teil 1 zu „Zement”
Teil 2 zu „Onkel Wanja”
Teil 3 zu „Fegefeuer in Ingolstadt”

Sehen Sie zu Alain Platels „tauberbach” auch unsere Zigarettenkritik und den Debattentext von Hannah Wiemer über die Intervention vom Ballhaus Naunynstraße am zweiten Aufführungsabend.

Wann hört ihr endlich auf mich zu langweilen und euch zu beweinen?

Das Theatertreffen zeichnet nun seit 51 Jahren die bemerkenswerten Stücke einer Saison aus. Wohl gemerkt die bemerkenswertesten Stücke, nicht die besten. Man will sich ja nicht angreifbar machen. Aber was ist denn bemerkenswert? Da sich das bisher nicht mit meiner Vorstellung deckt, hier der Versuch einer subjektiven Klärung.

Zum einen steckt in dem Wortkonstrukt der Wert. Der Wert kann zum einen ein monetärer Wert sein, aber im Theater? Das Theater ist ein Ort unserer Kulturlandschaft, der keinen Cent Gewinn macht. In Berlin wird eine Theaterkarte mit circa hundert Euro bezuschusst (Stand 2011), und das ist auch gut so. Es kann also nicht darum gehen, welche Inszenierung das meiste Geld einspielt. Zum Glück gibt es ja dann noch den ideellen Wert. Diesen sollten wir uns mal ansehen. Laut Wikipedia ist „Der Ideelle Wert […] eine subjektive (das heißt auf die Wertvorstellung der einzelnen Person bezogene) Wertform, die aufgrund einer emotionalen Bindung zur Sache unter Umständen einen höheren Wert darstellt, als dies finanziell gemessen tatsächlich der Fall ist.“ Dieser Wert ist wohl eher geeignet, um ihn hier als Grundlage zu nutzen. Also geht es wohl eher um persöhnliche Wertvorstellungen und aus der eigenen Perspektive geschaffene Normen, oder?

Jedoch ist das nur einer der beiden Teile, die hier zu unserer Auszeichnung führen. Der zweite Teil ist das Bemerken. Etwas zu bemerken, fordert Aufmerksamkeit. Der Gegenstand, der wahrgenommen wird, bekommt eine gewisse Wichtigkeit zugesprochen und wird also bemerkt.

Bringt man jetzt beide Begriffe zusammen, müssen die Inszenierungen, die hier geadelt werden, zum einen aus der jährlichen Masse von über 3000 Premieren im deutschsprachigen Raum herausstechen und überhaupt bemerkt werden. Im zweiten Schritt müssen sie einen hohen subjektiven Wert haben. Hier ist das Theatertreffen also für immer unangreifbar?

Die Berliner Festspiele bzw. die Leitung des Theatertreffens bestellen die Jury. Dieser, zur Zeit aus 7 Personen bestehende Kreis nominiert nach seinen Wertvorstellungen die zehn bemerkenswertesten Stücke aus 3000, und von diesen 3000 werden wiederum auch nur circa 400 Stücke angeschaut. Warum kommen dann diese 10 Inszinierungen aus nur fünf großen Häuser? (Wurde auch in der Diskussion zum Stadttheater thematisiert) In der Woche, die ich jetzt hinter die Kulissen des Theatertreffens geschaut habe, hörte ich über diese Werte auf den Fluren des Hauses der Berliner Festspiele das Folgende: Man will keiner Produktion zumuten, vor dem Berliner Publikum durchzufallen, ja, sie im Vergleich untereinander, schlecht aussehenlassen, weil die eine Produktion sich keine so tolle Ausstattung leisten konnte wie eine andere. Aber ginge es nicht auch anders herum? Ist bei einer guten Idee nicht die Opulenz der Mittel egal? Wenn nun neun erfinderische, kluge und innovative Inszenierungen eingeladen wären, welche aus egal welcher Produktionsstätte, frei oder städtisch, stammen, die vielleicht mal den Bühnenraum verlassen, Inszenierungen also, die nicht von da oben für uns hier unten gemacht werden – würde dann nicht die eine große Produktion plötzlich ganz klein und verstaubt wirken? Wer hat uns eigentlich im Vorfeld gefragt, was wir als Berliner Publikum bestehen lassen? Mich hat keiner gefragt. Jetzt sitze ich hier und bin gelangweilt von dem, was andere als bemerkenswert betrachten. Bemerkt sei dazu noch, dass Robert Borgmanns Stuttgarter Inszenierung von „Onkel Wanja“, gemessen an den Buh-Rufen und der Zuschauerflucht zur Pause, wohl nicht bestanden hat. Ist aber bemerkenswert.

Ich würde gerne einen ähnlichen Begriff wie bemerkenswert hinzunehmen: merkwürdig.

Wenn ich diesen Begriff wieder in seine Bestandteil zerlege, kommen wir zum einen erneut auf das Merken. Hier ist jetzt der Prozess des Bemerkens abgeschlossen, und wir speichern das Auffällige ab. Hinzu kommt jetzt die Würde. Der Duden spricht hier davon, dass etwas Würde ausstrahlt. Also ist ein Wert, der sogar eine ehrenvolle Strahlkraft besitzt. Kommen die beiden Wort jetzt zusammen zum Merkwürdigen, erhalten sie einen negativen Anstrich. Als Beispiele nennt hier der Duden: „Merkwürdige Gestalten treiben sich dort herum“ oder „sein Verhalten ist merkwürdig“. Das heißt: Der ist nicht  wie wir sind, den möchte ich jetzt gerne mal treffen oder der verhält sich ja wie alle. Und genau das würde mich doch jetzt mal brennend interessieren! Was im deutschsprachigen Raum Produzierte verhält sich denn merkwürdig! Wer sind denn hier die merkwürdigen Gestalten? Klar ist es heute nicht mehr so einfach, etwas Neues zu entwickeln. Alles wurde schon gemacht und gedacht und, ach, uns geht es ja so schlecht, die Lage ist sogar alternativlos!

Nehmen wir ein Beispiel, einen Sturm. Durch das Verschieben von kalten und warmen Luftmassen entsteht Reibung. Dies erzeugt Winde, die immer stärker werden bis sie zu einem Sturm oder gar einem Hurrikan herangewachsen sind. Diese Winde kommen dann über das von uns bewohnte Gebiet und hinterlassen tiefe Spuren. Sie zwingen uns, uns den neuen Gegebenheiten anzupassen. Jedoch entstehen diese Stürme meist auf dem offenen Meer und nicht in der Mitte der zivilisierten Umgebung.

Was ich damit sagen möchte, ist nichts Neues, jedoch etwas das in der Bildenden Kunst vielleicht schon eher angekommen ist, während es im Theater seit Jahren nur diskutiert wird. Auch auf den Fluren und sogar in den Diskussionen zum Theatertreffen habe ich die Erkenntnis schon gehört:

Das Neue entsteht am Rande der Gesellschaft.
(Schorsch Kamerun 08.05.2014 zur Camp Eröffnung)

Aber irgendwie juckt das in den heiligen Hallen der darstellenden Kunst keinen. Das bisher Gesehene war Guckkastentheater par Exzellenz! Es wäre den Stücken doch vollkommen egal gewesen, ob ich da bin oder nicht! Aber so geht die Wahrnehmung doch nicht mehr. Die Bühne ächzt vor alten Texten, die künstlich in neue Räume gesteckt werden und einen Hippster-Pulli angezogen bekommen, wie sie Gervasius und Protasisu in Susanne Kennedys Münchner Inszenierung „Fegefeuer in Ingolstadt“ tragen. Aber was ist der neue Text, der so entstehen soll? Die Radikalität der Interaktion besteht im Federballspielen von Elena mit EINEM Zuschauer, als kleine Lachnummer am Anfang von „Onkel Wanja“, sonst nichts! Sonst werde ich mit meiner Langeweile allein gelassen. Das einzige Stück, das interagiert, „Situation Rooms“ von Rimini Protokoll, kann aus strukturellen Problemen des Theatertreffens nicht gezeigt werden. Aus terminlichen Gründen, wie mir Daniel Wetzel von Rimini Protokoll, denn der der Planungszeitraum, also die kurze Frist zwischen Einladung und dem Theatertreffen, ist mit modernen Tourplänen nur schwer vereinbar. So werden Produktionen dieser Art auch weiterhin meist fernbleiben müssen.

Ich will angesprochen werden! In meiner Wirklichkeit möchte ich abgeholt werden. Das Ttheatertreffen aber bewegt sich zu langsam und zuckt zu spät. Wir stehen am Rande der Aufgabe unserer Grundrechte. Wer zum Beispiel an einer Sitzblockade gegen Nazis teilnimmt, ist ein linker Terrorist; wer für die Netzneutralität einsteht, hat etwas zu verbergen und Onkel Wanja hat nix Besseres zu tun, als sich selbst zu bemitleiden? Es ist Zeit aufzuwachen.

Hallo Theatertreffen, hallo Theater, ich bin kein Teil eurer Welt, und ich bin desillusioniert von dem, was ihr mir auf dem Theatertreffen vorlebt. Ich will inspiriert sein von dem, was ihr zu sagen habt, und es gibt ja Regisseure und Produktionen, die mir etwas zu sagen haben. Das was ich hier sehe ist jedoch so verstaubt und hat mit der Realität, in der ich mich bewege, wenig zu tun. Wenn das Theater nicht mehr inspirieren kann – es gibt genügend Orte, die gleichzeitig und zeitgemäß um meine Aufmerksamkeit buhlen. Dann gehe ich halt dahin. Und vermutlich interessiert es euch überhaupt nicht, dann seit ihr unter euch und werdet nicht mehr so missverstanden.

Die Berliner Zeitung ist Partner des Theatertreffen-Blogs.

Kollektivkritik zu „Reise ans Ende der Nacht"

„Die Reise ans Ende der Nacht“ nach Louis-Ferdinand Céline
Regie: Frank Castorf
Premiere: 31. Oktober 2013, Residenztheater München
Handlung: episodischer Taumel entlang der Ränder der Gesellschaft
Anzahl der Hühner: eins
Rekordverdächtig: die ersten Zuschauer verlassen nach 22 Minuten den Saal

Nach „Zement“ reiste das Münchner Residenztheater mit „Reise ans Ende der Nacht“ nun ein zweites Mal für das 51. Theatertreffen an. Ein Gastspiel für das Ensemble, ein Heimspiel für den Berliner Intendanten Frank Castorf. Auf der Drehbühne erhebt sich an diesem Abend ein sperriges Barackengerüst mit Holzhütte, Hühnerstall, Küchenzeile und vielem mehr. Über allem ragt eine Leinwand, auf der Filmeinspielungen und Livebilder zu sehen sind (Bühnenbild: Aleksandar Denic). Der Eingang zu diesem heruntergekommenen Abenteuerspielplatz ist mit den Idealen der Französischen Revolution „Liberté, Égalité, Fraternité“ überschrieben, die provokant an die zynische Begrüßungsparole „Arbeit macht frei“ im KZ Auschwitz erinnern. Schon vor Beginn der Aufführung wird die Szenerie somit als trostloses Sinnbild einer Schein-Version von Menschenwürde entlarvt.
Mit „Reise ans Ende der Nacht“ widmet sich Castorf dem 1932 erschienenen Episodenroman von Louis-Ferdinand Céline. Dieser erzählt die Lebensreise des Medizinstudenten Ferdinand Bardamus, der sich 1914 freiwillig zum Kriegseinsatz meldet. Vom Krieg desillusioniert, schlägt er sich nach Afrika durch, wo er das Elend des Kolonialismus erlebt. Eingeborene verschachern ihn nach Amerika, wo er an den Fließbändern der amerikanischen Autoindustrie schuftet. Schließlich kehrt er nach Frankreich zurück und strandet als Armenarzt in einem Pariser Vorort.
Castorf bricht schon zu Beginn mit dem chronologischen Aufbau des Romans. Seine Reise beginnt auf der Überfahrt nach Afrika. Der Ausgangspunkt dieser Reise liegt im Inneren eines ausrangierten Krankenwagens, der irgendwo in einem Bretter- und Wellblechverschlag untergebracht ist und in dem eine hysterische Gesellschaft an einer afrikanischen Patientin herumdoktert. Krank und kaputt ist die Welt, in der das Morden des Ersten Weltkrieges noch im Gange ist und in welcher die eigentliche Apokalypse des Faschismus noch bevorsteht. Kaputt ist aber auch Afrika, das vom Kolonialismus beherrscht wird.
Aus dem Krankenwagen stürzen die Schauspieler voller Intensität auf die Bühne. Ein heilloses Szenengetümmel von nervösem Getrippel und heiserem Geschrei beginnt. Man springt von einer Rolle in die andere. Bibiana Beglau ist die entfesselte Hauptfigur, kurz darauf Spion, Arzt und Arbeiter. Aber auch Franz Pätzold, ein ungestümer Knabe, ist ebenfalls Bardamu und zugleich auch sein Widersacher. Und obwohl es sich von selbst erkennen lässt, dass auf der Bühne nicht hübsch die Chronologie der Ereignisse eingehalten wird, wendet sich Beglau irgendwann von der Rampe aus an das Publikum und betont: „Unsere Reise erfordert Fantasie! Brüche und Sprünge gehören hier dazu!”. Und so entlädt sich der Abend wie eine Irrfahrt auf der Bühne: Wirr und wild, laut und hektisch, anstrengend lang und unvermutet komisch. Eingestreut in die Textvorlage werden vertonte Heiner-Müller-Zitate, darunter der „Engel der Verzweiflung“, gesungen von der Sängerin Fatima Dramé, oder Passagen aus „Der Auftrag“, als harte Blues-Nummer, vorgetragen von Aurel Manthei.
„Reise ans Ende der Nacht“ überzeugt vor allem durch die Kraft des Ensembles. Mit großer Lust gibt es sich Szenen und Aktionen hin, bis sich Bibiana Beglau nach viereinhalb Stunden verträumt durch die gesamte Szenerie in den begeisterten Schlussapplaus tanzt. Wieviel Céline letztendlich von diesem Ereignis in Erinnerung bleibt, ist schwer zu sagen. An einen „Castorf“ erinnert man sich allemal. (David Winterberg)

Bibiana Beglau kämpft sich keuchend durchs Lager, wild getrieben, mit herunterhängender Hose und blechernem Toiletteneimer im Arm. Sie flieht vor der Meute ihrer Kollegen, um schließlich einen Moment Einsamkeit im Kaninchenstall zur Verrichtung ihres Geschäft zu finden. Doch auch hier bleibt kaum Zeit zum Verweilen, denn kurz darauf steht sie bereits voller Energie an der Rampe und zischt mit geschlossenen Zähnen: „Es lebe Frankreich!“ Sie ist rau und wild. Erst nach der ersten Stunde des Fiebertraums schlägt sie leise Töne an und kommt körperlich etwas zur Ruhe. In der Hängematte liegend, träumt sie sehnsüchtig davon, „dass all diese Tage ein Ende nehmen mögen“, und von einer Flucht aus diesem Dschungel, aus diesem Buschwerk, aus diesem Drehbühnenwahnsinn, auf den die goldenen Strahler niederbrennen. Ausweglos erscheint diese Reise, diese Irrfahrt eines Einzelkämpfers, dem Bibiana Beglau ihre Stimme und ihren Körper zur Verfügung stellt. Sie liefert ihren Körper förmlich aus, um dann versoffen und mit heiserer Stimme einzusehen: „Keiner hat Liebe zu verschenken dieser Tage.“ Sie klettert durch Backöfen, verbiegt ihren Körper, trägt die hohen Absätze, als wären sie Kriegsinstrumente. Sie kämpft, krampft und beißt sich durch den Abend – ja man sieht ihr den Ehrgeiz und die Anstrengung bis in die letzte Muskelfaser an. Doch manchmal wirkt das ein wenig zu verbissen, zu sehr gewollt. Und so wartet man oftmals auf die seltenen leisen Momente, in denen sie viel stärker ist, dort wo sie verletzlich ist. Wenn ihre Stimme abreißt, dann erreicht mich Bibiana Beglau mehr, als mit dem lauten Getöne. (Manuel Braun)

Britta Hammelstein ist in diesem wilden und überhitzten Castorf-Abend als liebessehnsüchtige Molly ein beharrlicher Gegenpol zu all den bitteren und kategorischen Absagen an die romantische Liebe. Mit ihrem ganzen Körper, ihrer kraftvollen Stimme, stemmt sie sich gegen den abgestumpften Zynismus, von dem sie umgeben ist. Sie will lieben und geliebt werden, um jeden Preis. In Leon (doppelt besetzt mit Aurel Manthei und Franz Pätzold) scheint sie jemanden gefunden zu haben, der ihr Verlangen stillen kann. Doch er ist ein ewig Suchender, nicht bereit, sich fest an sie zu binden. Gegen Ende des Abends eskaliert der Konflikt zwischen den beiden. Sie sitzen im Taxi, und Leon, mittlerweile regelrecht angewidert von ihrer Liebe, stößt sie ein weiteres Mal rüde von sich, raunt, dass er nichts mehr von ihr wolle, dass ihm alles egal sei. Die ungeschützte Verzweiflung, mit der Britta Hammelstein sich dann gegen diese ganze kalte „Scheiße” aufbäumt, ist sehr berührend und intensiv. Da ist jemand, gefangen in einem falschen Film, voller heißbrennender Liebe unter lauter Gefühlskrüppeln eingepfercht. In dieser Ausweglosigkeit greift Molly nun zur Waffe und schießt Leon nieder. Auch sie ist bereits so sehr vergiftet vom Kreislauf der Brutalität, dass ihr nichts anderes mehr einfällt als zu diesem fatalen Schritt zu greifen. In der kolonialistischen, rassistischen und hysterischen Welt, die Castorfs „Reise ans Ende der Nacht” beschreibt, findet niemand einen Fluchtpunkt. Alle Hoffnung scheint erloschen. Britta Hammelsteins Molly befragt diese Ausweglosigkeit mit aller Vehemenz und setzt dem all ihr Liebesverlangen entgegen, auch wenn der Kampf am Ende verloren gehen wird. Britta Hammelsteins Hingabe an das Ringen dieser Figur um die Liebe in einer kalten, unwirtlichen Welt ist beeindruckend. (Jannis Klasing)

Wo das andere Ende der Nacht liegt
Franz Pätzold war auf einmal da. Nach einer gefühlten Stunde Spielzeit stand er einfach auf der Bühne. Oder hatte ich ihn vorher nur nicht bemerkt, als das Ensemble in den Anfangsszenen gemeinsam lärmend, schreiend durch den Bretterverhau, den Abenteuerspielplatz für energiegeladene Schauspieler, jagte? Das Ipad auf meinem Schoß und unser Twitterexperiment nahmen zu Beginn des Abends den größten Teil meiner Aufmerksamkeit in Anspruch. Wir Twitterer saßen in der letzten Reihe, fünfzehn displayerleuchtete Gesichter. Und dann – nach Bibiana Beglaus Abgang durch die Waschmaschine – stand da auf einmal Pätzold als neuer Ferdinand Bardamu, oder Léon, oder eine Mischung, das wechselte in unberechenbaren Übergängen. Er switchte in rasanter Wendigkeit hin und her, zwischen den Rollen und in den Extremen der beiden Figuren. Der junge Pätzold, das Küken der Truppe, bildete den Gegenpol zur breitbeinigen Männlichkeit Aurel Mantheis und spann auf interessante Weise Beglaus Ferdinand weiter. Pätzold spielte Macker und Ekel: die Hände in den Hosentaschen, lässiges Zurückstreichen seiner Haare, unfehlbarer Ausdruck von Coolness und Mackertum. Eine kleine Wunde auf seinem nackten Oberkörper markierte ihn als gestandenen Krieger. Sein Gesicht allerdings entlarvte ihn als weniger abgebrüht – bei der Entlarvung halfen die Männer, die ihn auch gegen seinen Widerstand mit der Kamera verfolgten und oft so nah wie möglich auf sein Gesicht hielten. Ein schöner Bruch, der mich Bardamu so manchen unerträglichen Ausspruch – mit der Reproduktion von Rassismus und Sexismus wurde in dieser Inszenierung nicht gerade sparsam umgegangen – fast verzeihen ließ. Dann wieder war er nach ein paar flinken Runden durch die gezimmerten Räume mit unzähligen Ein- und Ausgängen oder Öffnungen, die kurzerhand dazu gemacht wurden, ein weinerliches Häuflein. Er krümmte sich in einer der vielen Ecken oder suchte als erblindeter Léon tastend, jammernd die schützende Nähe weiblicher Brüste. Eine Inszenierung, die mich ratlos am anderen Ende der Nacht zurückließ. So viel Energie auf der Bühne – da muss doch etwas Wichtiges gewesen sein, das mir entgangen ist.

PS: Nach der ganzen Kinderbuchdebatte des letzten Jahres, mit exzessivem Gebrauch des N-Wortes, gerne auch auf der Titelseite großer Zeitungen, verstehe ich nicht, warum es so vielen Menschen offensichtlich immer noch so schwer fällt, sich von ihrem lieb gewonnen Recht auf Überlegenheitsgesten in kolonialer Kontinuität zu trennen. Herr Castorf, was gibt Ihnen das? Fühlen Sie sich nur dann wild und frei, wenn Sie dem weißen Publikum mit rassistischen Witzchen ein paar Lacher abringen können?
(Hannah Wiemer)

Bon Voyage, das Leben ist ‘ne Reise. Steig einfach ein und es zieht seine Kreise. In turbulenten Kreisen schraubt sich die „Reise durch die Nacht” hoch. Ein Filmest, und es soll in weiten Teilen ein Film werden, zwischen kongolesischem Township und Detroiter Trailerpark, ist der üppig ausgestattete Austragungsort der Castorfschen Bühnenadaption von Louis-Ferdinand Célines Roman. Ein Roadmovie durch verschiedene Abgründe und Höhenflüge der Existenz, besonders den Facetten der Liebe und der Angst. Trotz hundert Jahre zwischen erzählter und Jetztzeit, ist es eine Konfrontation mit Klischees, die immer noch allzu aktuell sind.
Der Protagonist Ferdinand (Bibiana Beglau), dem wir nich als Soldat im Ersten Weltkrieg begegnen, sondern als Fremdkörper auf einem Schiff nach Afrika, springt durch die Welten: Im kongolesischen Dschungel, in Paris und plötzlich in den USA. Auf einer Leinwand flackert der erste Weltkrieg in einer Rückblende. Ferdinand, der immer wieder von seinem Gefährten Léon Robinson (Aurel Manthei, Franz Pätzold) unterstützt oder heimgesucht wird, irrt von der Angst getrieben durch die Welt. Alle Konstanten scheinen sich abzulösen. Ist Léon schizophren oder ein vielschichtiger, komplexer Charakter? Frank Castorf lässt seine Figuren jedenfalls nicht sie selbst sein, die Charaktere und Schauspieler springen untereinander wild umher. Das Spiel zieht sich oft in die kleinen Buden und Nischen zurück, um dann von mehreren Kamerateams, in oft penetranter Nahaufnahme, auf die Leinwand gebracht zu werden. Diese Nähe ist besonders hilfreich, um das reiche Mienenspiel auch in der letzten Reihe noch verfolgen zu können. Es bringt einen jedoch auch leicht um die Konzentration, wenn das Spiel parallel auf Bühne und Leinwand zu sehen ist. Dabei gibt es aber auch sehr schöne Momente, in denen nicht mehr die Kamera die Handlung verfolgt, sondern die Bühne selbst zum Gegenstand der Beobachtung wird. Die vielen, dekorativen Kleinigkeiten und Zitate an historische Ereignisse, die Aleksandar Denić (Bühne) und Adriana Braga Peretzki (Kostüm) eingebracht haben, erwecken die Lust, durch die Kulisse zu streifen und die Lieben zum Detail zu entdecken. (Felix Ewers)

Nathalie Frank hat eine Skizze von Regisseur Frank Castorf beim Publikumsgespräch angefertigt. Das Twitterexperiment wurde unter dem Hashtag #TTReise geführt. 

Beitragsbild: Matthias Horn

Die Berliner Zeitung ist Partner des Theatertreffen-Blogs.

„Fegefeuer in Ingolstadt” // Visuelle Auseinandersetzung

„Fegefeuer in Ingolstadt“
Regie: Susanne Kennedy
Premiere: 08. Februar 2014, Münchner Kammerspiele
Handlung: das „Höhere” negiert das Menschsein mit Stroboskop und eindringlicher Unbewegtheit.
Anzahl der Schauspieler: sieben
Rekordverdächtig: die Sprachlosigkeit

FegefeuerInIngolstadtFelix Ewers, 2014, 900 x 1125 px
Mehr Visuelles von Felix unter www.weissreflex.de


Eine fortlaufende Serie.

Teil 1 zu „Zement”
Teil 2 zu „Onkel Wanja”

„Onkel Wanja” // Visuelle Auseinandersetzung

OnkelWanja

Langsamkeit und Leere vereinnahmen die Bühne. Allein das Zirpen der Grillen und ein paar Gartenstühle erinnern an Tschechows Landhausidylle und lassen Raum für das intensive Spiel der Darsteller.

Onkel Wanja, Felix Ewers, 2014, 900 x 1125 px
Mehr Visuelles von Felix unter www.weissreflex.de

Eine fortlaufende Serie.

Teil 1 zu „Zement”

Felix Ewers hat außerdem mit Manuel Braun in einer Zigarettenkritik über die Inszenierung gesprochen.
Jannis Klasing sah die zweite Aufführung, in der das Publikum zur Pause buhte. Seine Kritik finden Sie hier.