Spiegel im Spiegel – „Amphitryon und sein Doppelgänger" von Karin Henkel

Jannis Klasing besuchte die zweite Aufführung von Kleists „Amphitryon und sein Doppelgänger” in der Inszenierung von Karin Henkel am Schauspielhaus Zürich. Seine Kurzkritik ergänzt Hannah Wiemers und Manuel Brauns Eindrücke von der Berlin-Premiere am Deutschen Theater.

Das anfänglich schummerige, düstere Bühnenlicht legt eine falsche Fährte.
Denn wenn in Karin Henkels „Amphitryon und sein Doppelgänger“ vom Schauspielhaus Zürich wenig später gleich fünf Sosiase hintereinander mit den immer gleichen Sätzen auf die Bühne geweht werden, wird recht schnell deutlich, dass man sich schließlich wohl doch, entgegen aller anderen Befürchtungen, in einer Komödie befindet.

Die Inszenierung spielt alle ihre Möglichkeiten gekonnt aus, vor allem das Potenzial der Verwechslungskomödie wird bis zum Bersten ausgereizt. Die Verdopplungen und Vervielfältigungen der Figuren werden noch um ein Weiteres zur Vorlage potenziert, bis alle Identitäten vollständig durcheinander geraten. Selten wird dies ins beißend Psychedelische getrieben, sondern dient in dieser Inszenierung meistens dem szenischen Witz. Besonders deutlich immer dann, wenn die Schauspieler vorgeben, dass sie selbst in dem Wirrwarr nicht mehr zurecht kommen: „Ich hab hab mich von Anfang an nicht ausgekannt.“ Oder wenn einer der Amphitryonen verkündet:
Ich war Sosias, Merkur, Jupiter und Amphitryon, aber am liebsten wär ich Alkmene, die war ich noch nie.“

Das ist über weite Strecken in jedem Fall sehr unterhaltsam. Auch sind die Vervielfachungschoreografien beeindruckend variantenreich inszeniert. Doch hätte es dem Abend gut getan, den bedrohlichen Aspekten des Identitätsverlusts mehr Beachtung zu schenken und diese stärker zuzuspitzen. So löst sich die sicherlich virtuose Inszenierung, vor allem gegen Ende, dann doch ein wenig zu behaglich in Wohlgefallen auf.

 

Geplagt vom Teufels Ich // „Amphitryon und sein Doppelgänger"

Hannah Wiemer mit Geplagt vom Teufels Ich // „Amphitryon und sein Doppelgänger” über Karin Henkels eingeladene Inszenierung.

Das Theatertreffen-Blog 2014 versucht in diesem Jahr erstmals alle schriftlich verfassten Texte auch als Audiobeiträge zu präsentieren.
Den vorliegenden hat die Schauspielerin Sophie Weikert  freundlicherweise für uns eingelesen.

Geplagt vom Teufels Ich

Amphitryon und sein Doppelgänger“ von Heinrich von Kleist
Regie: Karin Henkel
Premiere: 27. September 2013, Schauspielhaus Zürich
Handlung: ein Doppelgänger beschert einer Frau eine Götternacht und alle verstehen die Welt nicht mehr. Das ist lustig und natürlich auch irgendwie sehr ach!
Anzahl der Würstchen: vier
Rekordverdächtig: Anzahl zitierfähiger sprachverwirrter Sprüche (aber das liegt an Kleist)

Am zweiten Abend des Theatertreffens schien die Totenschwere des Vorabends längst verflogen – wurde sie noch nachts auf der Premierenfeier abgeschüttelt, nachdem zu Ehren Gotscheffs ein verbogener Stahlträger von Hand zu Hand gereicht wurde?

Die bekannte Verwechslungskomödie war ein absolutes Kontrastprogramm zum Eröffnungsabend. Erfrischend, witzig, unterhaltsam. Es beginnt mit dem Diener Sosias und einer unheimlichen Atmosphäre. Sosias guckt sich ängstlich um, er hat das Gefühl, dass er nicht allein ist. Und das ist er auch nicht. Jemand hält sich in einer Ecke versteckt und durch die Tür werden nacheinander noch weitere Männer und Frauen hereingeweht, gekleidet wie er, die seine Worte wiederholen, als wäre es ihr Text: „Heda! Wer schleicht da? Holla!“

Hier ist etwas faul, das hört man schon an der leicht flirrenden Musik. Aber bis der eine Sosias, im Wechsel auch mal durch die anderen verkörpert, merkt, dass er es mit einem brutalen göttlichen Doppelgänger zu tun hat, wird er fast verrückt und muss einiges an Prügel einstecken. Wer bist du und wenn du ich bist, wer bin dann ich? Wenn ich nicht ich bin, wer bin ich dann?

Bei derlei durch Doppelgängertum ausgelösten Identitätskrisen kommt nicht nur die Sprache ins Stolpern. Trotzdem fliegen die verbogenen Wörter in von der Grammatik nicht vorgesehenen Konstellationen nur so von Mund zu Mund – mit einer Virtuosität, die großen Spaß macht. Es gibt noch weitere Verwechslungen, die die Zuschauer amüsieren und die Protagonisten an den Rand des Wahnsinns bringen. Am Ende probt Alkmene im Obergeschoss des Bühnenbildes mehrfach den Sprung aus dem Fenster, während jemand anderes Kollegen samt ihren Tellern mit Würstchen aus der Theaterkantine zur Verstärkung holt. Doch auch die, Rollenwechsler von Beruf, bringen nicht gerade Ordnung in die Welt der außer Kontrolle geratenen multiplen Identitäten.

„Amphitryon und sein Doppelgänger“ ist wohl das, was man „geistreich“ nennt: voller Einfälle, mit einem Witz, der ernste Fragen streift und dabei sein Interesse für Philosophie lässig durchblicken lässt. Die Sicht auf die Figuren, ihre Verzweiflung und ihre aus den Fugen geratene Welt bleibt dabei distanziert. Wer niemals seinem eigenem Doppelgänger begegnet ist, muss hier jedenfalls nicht um seine Identität fürchten.

Die Berliner Zeitung ist Partner des Theatertreffen-Blogs.

Foto: Matthias Horn