Was war und was wir uns wünschen!

Nach 18 Tagen Theater, Diskussionen und schlaflosen Nächten zieht das TT-Blog-Orchester kollektiv Bilanz.

Herzliche Begrüßung des Blog-Orchesters mit Blümchen. Bestechungsversuch?

Eröffnung T. Oberender: „Theater ist das Leitmedium eines neuen Zeitalters.“ wtf?

Zement: Heiner Müller und Dimiter Gotscheff sprechen zu uns. Auferstehung der Toten?

Trophäe wurde von Ai Weiwei gestaltet. Alles wirklich selbstgemacht?

Amphitryon, eine einzige Regie-Idee zieht sich durch den Abend. Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?

Theater und Netz, eine zukünftige Liebesgeschichte. Mit Happy End?

Eröffnung des Internationalen Forum mit Mittagessen für Leib und Seele. Gibt es am gemeinsamen Tisch mehr Austausch, als auf der Bühne?

Situation Rooms von Rimini Protokoll leider aus dispositorischen Gründen nur als multimedialer Info-Stand vertreten. Theatertreffen: zu statische Strukturen für dynamische Produktionsbedingungen?

Onkel Wanja. Zelebrierte Langeweile oder atmosphärisches Treibenlassen in einer unübersichtlichen Zeit?

Fegefeuer in Ingolstadt. Eine beklemmende Playbackinszenierung gewinnt den 3Sat-Preis. Aber kann der bayerische Erzkatholizismus heute noch in Berlin schockieren?

Eröffnung Camp. Warum zeltet hier niemand?

Stadttheater: Metropole vs. Provinz. Stand der Gewinner nicht schon immer fest?

Reise ans Ende der Nacht. Castorfs Schauspieler jagen durch den Bretterverhau und wir twittern davon aus der letzten Reihe. Unfall mit dem iPad: Die Apple-Sprachsoftware Siri spricht aus, was alle denken: „Ich habe das leider nicht verstanden.“ Wo geht die Reise hin?

Jurorin Daniele Muscionico hat aus dem Programmheft abgeschrieben. Wie ernsthaft wird hier ausgewählt?

Tauberbach, Alain Platels Tanztheater spaltet das Blog-Orchester. Nichtssagend, inhaltlich problematisch oder tief berührend?

Intervention beim Theatertreffen. Tauberbach in der Kritik. Plagiat? Fortschreibung des Kolonialismus?

Debatte überInternationalisierung des Theaters“. Betrifft das nur Stadttheater?

Eröffnung Stückemarkt. Ein spannendes neues Konzept unter falschem Label. Etikettenschwindel?

Mystery Magnet. Expressiver Umgang mit zeitgenössischen Oberflächen und aktuellen Inhalten. Sind wir nicht bereits alle übersättigt?

There Has Possibly Been An Incident. Ein Text wird gelesen und nicht gespielt. Wird er dadurch besser wahrgenommen?

Haus//Nummer/Null. Willkommen in einer furchtbaren Zukunft! Warum passt unsere gegenwärtige Gesellschaft nicht besser auf?

Während wir im Festspielgarten sitzen, wird der junge Autor Jörg Albrecht in Abu Dhabi festgehalten und, zum Glück, bald wieder frei gelassen. Hat die Öffentlichkeit für Freiheit gesorgt?

Letzte Zeugen des Holocaust, eine berührende Stimmübergabe mit Standing Ovations. Geht der Dialog auch aus dem Theater heraus?

Bei der Preisverleihung von Die letzten Zeugen, gibt Regisseur Matthias Hartmann seinen ersten öffentlichen Auftritt nach seinem Rauswurf aus dem Burgtheater Wien. Während noch alle von den Geschichten der Überlebenden bewegt sind, stilisiert er sich als Opfer und spricht von seinem Karrierealptraum: „Nach dem Horror der letzten Wochen, kommt es mir so vor als mache es jetzt Klick, und alles sei nur ein böser Traum gewesen“. Gehts noch?!

Ohne Inhalt Titel. Glitzerkostüme und Furzgeräusche. Worüber wird da gelacht?

Kasper Hauser. Ein freiheitsliebendes Pferd kommentiert das Geschehen im Puppenhaus.

Jury Debatte.


Schlussszene. Ein Tisch. Sechs Personen. Zwölf Bier. Viele Wünsche.

mehr freie Produktionen, auch aus kleineren Häusern, aus der Provinz und nicht nur große Namen”…„wieso machen sie nicht mal eine Ausnahme?”…„wieso sind sie ängstlich?”… „große Namen heißt ja vielleicht nur besserers Handwerk, und nicht die spannenderen Themen und relevanteren Fragen”…„mehr solche Inhalte wie sie im Stückemarkt verhandelt wurden”… „ja, das hat sich das Internationale Forum auch gewünscht”…„auch wenn Freie Szene nicht automatisch besser ist.”… “ja, Inhalte!”… „nach dieser schwachen Juryschlussdiskussion bitte alle Juroren austauschen” … „vielleicht auch ein paar Juroren aus der Bildenden Kunst, Kuratoren, oder aus anderen Disziplinen”…„ich wünsche mir ein heterogeneres Publikum”…„günstigere Karten, dann wären auch noch Freunde von mir gekommen”…„und keine Angst vor dem Internet”… „Inhalte fürs Netz. Momente, die man dort mit Freunden teilen kann”…„besseres Wetter!” … „ohja, und Freibier!”… „ich hätte gern mehr vom Internationalen Forum und dem Stückemarkt wahrgenommen” …„noch mehr Austausch”…„Prost”…„Prost” … „ja, waren intensive und spannende zwei Wochen”… „dennoch wünsche ich mir mehr Relevanz der Themen, mehr Aktualität” … „ja ,dafür ist Theater einfach da” …„von mir aus kann das Theatertreffen auch zwei Sparten machen. Also die Gala-boring-Nummern und die wilden Sachen” ….„also ich finde es gefährlich, zwei Sparten zu machen. Ich finde, die Sachen vom Stückemarkt sollten mit ins Hauptprogramm, nicht, dass die relevanten Themen zum Nebenschauplatz werden”… „beim Theatertreffen ähnelt das Konzept auch stark einer Museumsidee”… „ja stimmt, voll 90er” … „und Theater ist ja auch nicht per se ein Schatz”

Alle ab.

[Vorhang]

 

 

Der Autor ist tot, es lebe die Autorschaft! – Ein Kommentar zum diesjährigen „Stückemarkt"

Der Idee eines erweiterten Begriffs von Autorschaft folgend, hat sich der diesjährige Stückemarkt beim Theatertreffen der Berliner Festspiele nun von seinem bisherigen Modell der Autorennachwuchsförderung verabschiedet. Drei sogenannte „Paten” – Katie Mitchell, Signa Köstler und Simon Stephens – haben stattdessen jeweils einen Theaterkünstler für den Stückemarkt nominiert, der in ihren Augen für ein anderes Autorenverständnis steht und der, so die öffentliche Erklärung des Stückemarkts, „neue Formen von theatraler Sprache und außergewöhnliche performative Erzählweisen” entwickelt. So will das Theatertreffen aktuelle Tendenzen der Theaterlandschaft abbilden und fördern, die sich von rein textbasierten Inszenierungen wegbewegen und entweder kollektivere Prozesse von Stoffentwicklungen ausprobieren oder auch performative und interdisziplinäre künstlerische Ansätze verfolgen.

Die Regisseurin Katie Mitchell hat sich in diesem Auswahlverfahren mit folgender Begründung für Miet Warlop entschieden: „Ihr Gefühl für Spannung und dramatisches Timing ist vollendet und die Arbeit ist auf dunkel-ironische Weise sehr komisch. (…) Ich habe mich wegen ihrer Beherrschung der theatralen Mittel und ihrer einzigartigen visuellen Handschrift für sie entschieden, aber auch weil ihre Produktionen ein klares Potential für das zukünftige Gesamtwerk versprechen.“ Miet Warlops Inszenierung „Mystery Magnet” erscheint wie ein knallbunter Reigen visueller und pyrotechnischer Effekte: seltsame Wesen mit Wischmobfrisuren betreten den Raum und tackern sich gegenseitig an das Bühnenbild. Blaues und violettes Kunstblut fließt in Strömen. Ein dicklicher Mann verschwindet irgendwann ganz unvermittelt in einer Wand und bleibt reglos darin hängen. Riesige farbige Schaumfontänen spritzen aus kleinen Flaschen in die Höhe. Rauch steigt auf. „Mystery Magnet” kommt ganz ohne Text aus und macht dabei den Eindruck einer wirkungsvollen Showeinlage bei einem Kindergeburtstag. Der Abend ist unterhaltsam und visuell überzeugend, aber auch irritierend inhaltsleer. Hinter der exzessiven Farb- und Kostümschlacht lässt sich kaum wirklich eine tiefergehende Auseinandersetzung, geschweige denn mit irgendeinem politisch oder gesellschaftlich relevanten Thema, ausmachen. Die sich Effekt für Effekt entfaltende surreale und poppige Märchenwelt kippt zwar irgendwann ins Düstere, Brutale, wird aber letztlich doch durch ein schräge Töne spuckendes, fröhliches Tonbüsten-Ensemble wieder ins Niedliche und Harmlose zurückgeholt. Eine besondere „visuelle Handschrift”, vielleicht. Aber ansonsten? Viel, die eigenen Mittel feiernder, Ästhetizismus und Lärm um nichts.

Simon Stephens hat sich in seiner Recherche für den Performancekünstler und Autor Chris Thorpe entschieden und begründet dies so: „Er ist ein Autor, der das komplizierte Chaos der menschlichen Existenz versteht. Dieses Verständnis zwingt ihn zur Ehrlichkeit. Aber es lässt ihn niemals zum Richter werden. (…) Seine Texte entsprechen nicht dem traditionellen Verhältnis zwischen Stück und Inszenierung. Er ist eher Theatermacher als Dramatiker.” „There has possibly been an incident” kann man Inhaltsleere keineswegs vorwerfen. Ganz im Gegenteil, bebt der Text nur so vor Inhalt und brennt sich, emphatisch vorgetragen von den drei Lesenden, allen voran von Chris Thorpe selbst, der all seine Energie in diesen Text legt, direkt in die Köpfe der Zuschauer. Die Lösung, den Text ohne szenische Bebilderung trocken, aber gesetzt und forciert in einer szenischen Lesung zu präsentieren, hat durchaus etwas Zwingendes. Auch ist der Text inhaltlich brisant: es geht um so wichtige Themen wie Terrorismus, die europäische Idee, um Macht und Widerstand. Erfreulich ist, dass Thorpe offensichtlich auch aufgrund seiner dezidierten Beschäftigung mit aktuellen, drängenden politischen Themenkomplexen ausgewählt wurde. Sprachlich und auch dramaturgisch ist der Text für mein Empfinden jedoch ein wenig zu schematisch angelegt. Fraglich ist daher, inwieweit hier tatsächlich ein Autor ausgewählt wurde, der eine neue, auch formal und sprachlich wagemutige Form in seinem Schreiben verfolgt.

Die dritte Wahl der Patin Signa Köstler fiel auf die Bühnenbildnerin Mona el Gammal, mit der sie bereits in gemeinsamen SIGNA-Projekten zusammengearbeitet hat: „Mona el Gammal arbeitet kompromisslos. Sie gestaltet Räume, die durch die Detailbesessenheit selbst im kleinsten Requisit real werden und für einen Moment an die Stelle der Wirklichkeit treten. Mona el Gammals „narrative spaces” sind weit vom konventionellen Bühnentheater entfernt, dennoch offenbaren sie viel über das Theater, besonders über das Zuschauersein.“ Die für mich überzeugendste Arbeit der drei Stückemarkt-Produktionen zeigt an, was vielleicht damit gemeint sein könnte, wenn man von einem neuen Verständnis von Autorschaft spricht. Nicht nur ist die Erarbeitung der Texte für „Haus//Nummer/Null” kollektiv entstanden, im Zusammenspiel zwischen Mona el Gammal und ihrem Co-Autor und Regisseur Juri Padel, sowie dem Sounddesigner und anderen Teammitgliedern. Auch offenbart das Konzept der „narrative spaces” eine spannende und herausfordernde Verlagerung der Autorschaft vom Text hin zum Raum, der Geschichten erzählt. Mona el Gammal beschreibt ihre sogenannten Zeit- und Rauminstallationen als Bücher, die der Zuschauer betritt und in denen er sich selbst eine Geschichte zusammensetzen kann. In „Haus//Nummer/Null” ist es die beklemmende Vision einer dystopischen Zukunft, in der ein privater Konzern die Weltherrschaft übernommen hat und die Menschen in all den Facetten ihres Lebens kontrolliert, ähnlich wie in den Romanen „1984” oder „Brave New World”. Dieser Stoff, den man in „Haus//Nummer/Null” ganz plastisch und unmittelbar erfahren und ertasten kann, ist in Zeiten von NSA-Skandal und ähnlichen Phänomenen hochaktuell und mahnt an, totalitäre Zeittendenzen zu erkennen und dagegen Widerstand zu leisten, statt solche Zustände einfach konformistisch und passiv hinzunehmen. Man darf auf Gammals zukünftige Projekte gespannt sein. Ihre Arbeitsweise und die inhaltliche Brisanz bei “Haus//Nummer/Null” ist jedenfalls sehr vielversprechend.

Ich freue mich darüber, dass solche neuen, auch formal experimentierfreudigen Theaterformen wie „Haus//Nummer/Null” beim Theatertreffen gezeigt werden und Raum und Öffentlichkeit bekommen. Fraglich bleibt für mich jedoch, ob dies unter der Rubrik des bisherigen Stückemarktes seinen richtigen Platz hat. Solche Projekte gehen zwar mit einem neuen Verständnis von Autorschaft einher, sie haben jedoch nur wenig noch mit der ursprünglichen Idee zu tun, junge talentierte Dramatiker und ihre Stücke zu fördern und zu unterstützen; das Label “Stückemarkt” scheint hier schlichtweg falsch gewählt. Gerade eben weil sich die Theaterlandschaft so vehement neuen, kollektiven Formen von Autorschaft und performativen Produktionsweisen öffnet, halte ich es für wichtig, dass demgegenüber auch der individuelle Dramatikertypus weiterhin gefördert wird, da sprachlich eigenwillige dramatische Texte und Theatersprachen nachwievor prominente Foren brauchen. Die Kraft eines guten dramatischen und gern auch postdramatischen Textes ist schlichtweg unersetzlich. Das eine tun und das andere nicht lassen, sollte daher hierzu tatsächlich die Devise sein. Das Theatertreffen wäre, so meine Einschätzung, gut beraten damit, auch diese individuelle Form von Autorschaft zukünftig weiterhin zu fördern, will man sich daran beteiligen, die Vielfalt und den Reichtum der deutschen Theaterlandschaft zu erhalten. Wichtig finde ich es zudem für so ein Forum wie den Stückemarkt, dass zurückgekehrt wird zu einem offenen Bewerbungsverfahren, da man bei einem solch exklusiven Auswahlverfahren durch Paten wie in diesem Jahr zu vielen jungen Dramatikern die Chance nimmt, sich mit einem starken Text bewerben und letztlich öffentlich präsentieren zu können.

Vielleicht wäre es auch eine Möglichkeit, dass man den Stückemarkt in seiner voherigen Form wiederbelebt und hier vor allem auf eigenwillige und experimentelle dramatische Positionen von Autoren beziehungsweise Autorenteams Wert legt und solche Produktionen, wie sie beim diesjährigen Stückemarkt gezeigt wurden, entweder in einer eigenen Rubrik für junge experimentelle performative Formate – ähnlich dem Young Director`s Project bei den Salzburger Festspielen – präsentiert, oder sie gleich ganz in das zentrale Programm des Theatertreffens, in die Auswahl, aufnimmt. Letzteres wäre ein mutiger Schritt für das Theatertreffen und würde verhindern, dass performative Theaterformen oder installative Projekte zum wenig beachteten Nebenprogramm des Festivals verkommen. Ich halte insgesamt ein neues, nicht-hierarchisches Verständnis von Autorschaft definitiv für verfolgens- und unterstützenswert, weil es das Denken erweitert und öffnet. Die Pluralität der Theaterlandschaft – also auch die Förderung starker individueller Autorenstimmen und -positionen – statt des alleinigen Fokus auf performative, kollektive Theaterformen sollte dennoch in jedem Fall weiterhin das Ziel sein!

Foto: Piero Chiussi

Die Berliner Zeitung ist Partner des Theatertreffen-Blogs.

Interview mit Mona el Gammal zu ihrer Zeit- und Rauminstallation „Haus//Nummer/Null“

Mona el Gammals Rauminstallation „Haus//Nummer/Null”, die sie gemeinsam mit dem Autor und Regisseur Juri Padel und ihrem Team erarbeitet hat, wurde von Signa Köstler als eine von drei Produktionen für den diesjährigen Stückemarkt ausgewählt. Ich habe vor Beginn des Stückemarktes eine Voraufführung besucht und hatte am 14. Mai die Gelegenheit, mit Mona el Gammal im Café Alberts in der Nähe von “Haus//Nummer/Null” ein Interview zu führen.

Was war für „Haus//Nummer/Null“ dein Antrieb, das zu machen? Gab es für dich so etwas wie ein gesellschaftliches Thema, das dich umgetrieben hat? 
Dadurch dass wir in „Haus//Nummer/Null“ so ein sehr komplexes Gesellschaftssystem – ein Privatunternehmen, das den Staat ersetzt hat – aufgebaut und dem ganzen auch ein Gesetzbuch geschrieben haben, konnten wir natürlich in ganz verschiedene Richtungen arbeiten. „Haus//Nummer/Null“ spielt in der Zukunft, den 2030er Jahren, also einer Zukunft, die viele unserer Gäste noch erleben werden. Es ging also darum, eine Zukunft zu betreten, eine mögliche, eine unangenehme vielleicht, aber eine durchaus vorstellbare und eigentlich realistische. Vieles von dem was es bei uns gibt, gibt es tatsächlich schon, das haben wir recherchiert, das ist gar nicht so futuristisch.

Zum Beispiel?
Zum Beispiel solche Nährstoffautomaten. Wir sind dabei Fleisch zu züchten. Der Desinfektionswahn, den es ja bei jungen Eltern mittlerweile ganz stark gibt, die ihre Kinder nicht mehr in den Dreck lassen. Körperfunktionsüberwachung. Das Funktionieren wie eine Maschine. Und so ein Leistungsdruck. Vereinzelung. Stigmatisierung. Unsere Protagonistin ist eine politisch Verfolgte. Das haben wir ja durchaus auch sehr präsent in unserer Gesellschaft. Unsere Protagonistin Frau N. hat die Kurve gekriegt. Sie hat das ganze mit aufgebaut. Sie hat für das IFM gearbeitet und dann gemerkt, dass es falsch läuft und hat sich dann der Gegenbewegung angeschlossen. Es wäre wünschenswert, wenn das mehr Menschen in unserer Gesellschaft auch tun würden. Dann hätten wir diesen ganzen Scheiß vielleicht nicht in dem Maße.

Das heißt, das Ganze ist auch ein Appell an jeden Einzelnen zu schauen, wo man Widerstand leisten kann gegen solche negativen bzw. totalitären Tendenzen, die es jetzt schon gibt?
Ein Appell würde ich nicht sagen. Es gibt nicht die eine Aussage bei „Haus//Nummer/Null“. Jeder Zuschauer geht da mit einer eigenen Version raus. Und das finde ich auch gut so. Wir wollen nichts Didaktisches machen. Ich glaube, das kommt auch nicht an. Uns ist wichtig, dass man in diese Welt eintreten kann. Es gibt viele Zuschauer, die sich fürchten, die das ganz schrecklich finden, die zittern, die kurz vorm Nervenzusammenbruch sind, das hatten wir gestern zum Beispiel. Das kann einem ja schon beklemmend vorkommen. Und wenn man da mal kurz drüber nachdenkt – und so viel trauen wir ja dem Zuschauer zu, dass er denkt, so kann es ja werden –, dann kommt vielleicht auch der Gedanke: da müsste man vielleicht was gegen tun. Ich würde nicht sagen, dass das eine direkte Aufforderung ist. Aber es ist auf jeden Fall so, dass ich mir vor allem von meiner Generation erhoffe, die am meisten in der Verantwortung steht, weil sie die meiste Energie hat, dass sie unsere Zukunft gestaltet. Unser Format spricht ja auch vor allem Jüngere an. Wir hoffen generell schon, dass Gedanken losgestoßen werden und ein Gefühl für Verantwortung aufkommt. Das steckt auch teilweise in den Texten. Frau N. klagt an, ganz klar. Gerade am Schluss sagt sie auch, wie bequem die Menschen sind, spricht über das Einverständnis der Masse. Dass alle immer so schön mitlaufen. Dass es keinen so richtig interessiert, dass niemand wirklich Verantwortung übernimmt. Eben nicht mit dem Zeigefinger gedacht, sondern eher so: habt ihr Bock so zu leben, wenn nicht, dann sollte man vielleicht mal aufwachen.

Da du das gerade schon angerissen hast, dass sich Leute in den Vorstellungen fürchten: wie sind generell die Reaktionen auf „Haus//Nummer/Null“?
Wir kriegen nicht die Reaktionen danach, aber wir beobachten die Leute ja währenddessen. Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Grundsätzlich würde ich unterstellen: alle sind so ein bisschen verunsichert. Dann gibt es Leute, die finden das alles ganz lustig, die muss man dann erst mal ein wenig einschüchtern mit dem IFM. Und dann gibt es Leute, die sind sehr ängstlich, die trauen sich nicht wirklich die Räume zu betreten. Man konnte ja auch Sondergenehmigungen beim IFM bekommen, zu zweit reinzugehen. Dann verhält man sich aber komplett anders. Die Leute sind viel aufmerksamer, wenn sie alleine sind. Sie lenken sich gegenseitig nicht ab. Und sie kommen auch nicht auf dumme Ideen, irgendwelche Sachen zu klauen oder zu zerstören.

Das heißt so etwas gab es nicht, dass der Raum verändert wurde?
Es gab schon zwei Versuche, dass geklaut wurde. Wir haben das mitgekriegt, wir sehen das ja. Wir haben dann auch die Leute gerügt. Eine Person mussten wir auch rausschmeißen, weil die hat einfach weitergemacht, was ich überhaupt nicht verstehe, wie man auf die Idee kommt, da irgendwelche Sachen zu klauen. Einer davon war sogar eine Person, die in der Öffentlichkeit steht. Und als wir der Person gesagt haben, sie solle das bitte zurückstellen, hat sie laut gesagt: „Warum?“ Na ja, weil das Diebstahl ist!? Ich glaube, dass so was dann auch wieder Übersprungshandlungen sind, weil die Leute sich nicht wohlfühlen.

Natürlich ist das eine klare Verabredung, dass man nichts mitnimmt. Aber es ist ja dann auch eine künstlerische Frage, inwiefern dieser Raum vom Zuschauer verändert werden kann. Im Grunde ist es ja so, dass der Zuschauer das Ganze durch seine Präsenz beeinflusst – aber eben nicht physisch.
Genau, und das ist auch nicht wirklich die Idee. Natürlich werden ständig irgendwelche Sachen in die Hand genommen und wieder anders zurückgestellt. Das lasse ich dann meistens auch so. Aber ich gucke auch abends noch mal durch die Räume. Manche Leute hinterlassen auch was, kleine Notizen: liebe Grüße oder kleine rote Herzchen. Das nehme ich dann raus, auch wenn es süß ist. Ich sehe das ganze eher immer so wie ein Buch. „Haus//Nummer/Null“ ist das erste, was wir selbst geschrieben haben. Vorher habe ich immer mit literarischen Vorlagen gearbeitet. Ich sehe das so, dass der Zuschauer in eine Geschichte reinspringt. Er ist dann in diesem Buch, in dieser Welt. Wir haben ja auch eine sehr klare Führung. Manche Zuschauer gehen dem nicht wirklich nach, mit denen spielen wir dann ein wenig anders. Aber an sich gibt es diese Führung, und die ist auch ziemlich linear. Und es ist auch nicht so gedacht, dass der Zuschauer –

Das Buch verändert.
Wir wollen ganz klar eine Geschichte erzählen. Die erzählt sich aber eh immer anders, weil jeder mit seiner speziellen Biografie da reinkommt. Der eine macht eine Schublade auf und findet da irgendwas, und andere interessieren sich eher für die Nahrungsmittel oder diesen OP-Raum oder die Geschichte mit dem Chip oder die Flucht, oder was auch immer. Da legt jeder seinen eigenen Fokus. Der Zuschauer ist selbst gefordert. Und je mehr der Zuschauer sich interessiert, umso mehr findet er auch und kann die Geschichte für sich zusammensetzen. Wir sind ja mit den Erfahrungen aus Köln hierher gekommen. Da sind ganz spannende Sachen passiert. Da war Frau N. dann plötzlich lesbisch und hat eine aufregende Affaire gehabt und hat Kinder in Afrika adoptiert und solche Sachen. In Köln gab es noch mehr gesellschaftspolitische Diskussionen danach. Man hat sogar Schlachtpläne für die Zukunft gemacht. Hier mit dem Theatertreffen-Publikum ist es anders, weil die Zuschauer hier so viel anderes Programm drumherum haben.

Die dystopische Welt, die ihr da aufmacht: woraus hat die sich gespeist? Was waren da Vorlagen, Inspirationen?
Ursprünglich habe ich an einer anderen Geschichte gearbeitet. Erst habe ich keine Geschichte gefunden, die ich erzählen wollte. Dann ist mir klar geworden, dass mich die Frage nach der Zukunft und Visionen der Zukunft interessieren. Ich habe auch recht schnell gemerkt, dass mir das sehr leicht fällt, mich in die Zukunft zu begeben. Dann habe ich angefangen mit Juri Padel zu arbeiten, weil ich auch gemerkt habe, dass ich nicht gerne alleine schreibe. Ich habe extrem viel gelesen: wissenschaftliche, soziologische Bücher, die sich mit Zukunftsforschung beschäftigen. Solche über Tendenzen in der Wirtschaft, in der Kriegsindustrie. „Klimakriege“ habe ich gelesen. „Wie wir leben werden“ von Matthias Horx. Von all dem inspiriert haben Juri und ich dann das Skript zusammen geschrieben.

Wie nimmst du den Stückemarkt-Rahmen wahr und wie siehst du „Haus//Nummer/Null“ darin? Und was sagst du zu der Debatte um Autorenschaft, darüber, dass der Stückemarkt weggeht von der Autorenförderung hin zu neuen, performativen Formen? Chris Thorpe in diesem Jahr vielleicht mal ausgenommen.
Ich bin da nicht so bewandert. Es gibt ja mittlerweile ziemlich viele Stückemärkte. Bei uns waren zum Beispiel drei Leute von Stückemärkten aus anderen Städten da. Es gibt ja andere Formate der Autorenförderung. Ich habe, als ich mich in die Thematik eingelesen hab, das so verstanden, dass das Theatertreffen Vorreiter sein möchte und sie gucken, dass sie sich ständig weiterentwickeln. Daher die Formatsveränderung, weil einfach schon sehr viel Autorenförderung stattfindet. Ich find es natürlich schön, nicht nur weil wir hier gezeigt werden, dass hier auch andere Formate gezeigt werden. Ich sehe das auch absolut als eine Form von Autorenschaft, was wir tun, als Kollektiv.

Wie funktioniert denn für dich Autorenschaft bei „Haus//Nummer/Null“?
Es funktioniert nicht so, dass einer alleine in der Kammer sitzt und schreibt, sondern dass Juri und ich uns zusammensetzen und uns überlegen, welche Geschichte wollen wir erzählen und dann gemeinsam anfangen Texte zu entwickeln. Und dann schreibt er, und ich baue. Er schickt mir dann die Texte und ich bringe die mit rein. Und wir haben ja tatsächlich sehr viele Texte. Es gibt dieses Gesetzbuch. Es gibt die Briefe. Es gibt alles, was auf den Projektionen läuft. Es gibt die Texte, die gesprochen werden. Radionachrichten, Interviews. Die Manifeste. Zum Rhizomat gibt es noch ganz viel Material. Das ist teilweise selbst geschrieben, teilweise sind das Collagen aus Zitaten. Und es gibt nicht nur diesen bedeutungsgeladenen Text, sondern auch sehr viel Raum und Gegenstände, die auch eine Bedeutung tragen. Ich finde ja, „Haus//Nummer/Null“ funktioniert sehr plakativ. Es sind für mich ganz klare Räume. Du kommst rein und denkst, aha: ein geheimer Raum hinter der Wand. Das sind sehr eindeutige Geschichten, weil natürlich der Zuschauer nicht viel Zeit hat und das ganze schnell erfassen muss. Und ich glaube, dass es deshalb auch sehr in Bildern funktioniert. Du hast eigentlich ein klares Bild und kriegst dann den Text dazu. Und ich finde auch, das ist das, was auf der Bühne passiert. Bei uns gibt es nur keine physische Anwesenheit. Mir ist es auch extrem wichtig, dass die Figuren keine Gesichter bekommen, weil das der Fantasie noch mehr Raum lässt.

Und es gibt zu diesem Autorenschaftsbegriff bei dir ja auch ein ganz stark räumliches Konzept. Es gibt eine Autorenschaft der Texte, die anders funktioniert, die in einem kollektiveren Prozess abläuft und in dem Konzept der „narrative spaces“ spielt der Raum ja generell eine viel größere gestalterische Rolle.
Ja, und ich komme natürlich vom Raum. Und ich finde auch, Räume beeinflussen uns ganz extrem. Zum Beispiel hier, wo wir jetzt sitzen, würde man sich niemals anfangen wohlzufühlen. Ich zumindest nicht. Der Raum besteht ja nicht nur aus den vier Wänden, sondern auch aus der ganzen Einrichtung und den Einzelheiten. Wir manipulieren ja auch die Temperatur bei „Haus//Nummer/Null“, die Gerüche. Wir bestimmen, wie lange die Leute in diesen Räumen sind. Wann Licht da ist, wann das Licht gewechselt wird. Das alles ist für mich der Raum. Und natürlich brauche ich auch die Sprache dafür. Nur will ich halt nicht, dass jemand da steht und sagt, ich bin Frau N. Die Figur der Frau N. ist mir extrem wichtig. Die gibt es auch schon länger als es das Haus Nummer Null gibt. Frau N. ist für mich ein Bild von jemandem, der in einem System lebt und immer dieses System unterstützt hat und dann irgendwann endlich aufwacht und merkt, dass doch alles nicht so gut läuft. Frau N. entscheidet sich dagegen, obwohl man ihre Tochter wegnimmt, obwohl ihr Mann sie verlässt und obwohl sie unter politisches Arrest gestellt wird und fertiggemacht wird. Das kommt ja auch in diesem Videointerview raus. Da bekommt sie Besuch, und dann sagt er: denk doch mal an dein Leben! Und sie sagt, mein Leben, mein Leben, das ist mir eigentlich egal, ich habe wieder eine Aufgabe. Ich sehe einen Sinn, seit ich ich für dieses Rhizomat forsche und versuche an einer Zukunft zu arbeiten. Und wenn ich da jetzt einen Schauspieler für hinstelle, und dieser Schauspieler ist dann 30 Prozent oder 80 Prozent unsympathisch, dann verliere ich einen Großteil der Zuschauer. Außerdem bin ich auch ein großer Fan von Geisterwelten. Und man ist ja beides. Man ist der Verfolgte in dem Haus. Man weiß, man hat nicht viel Zeit. Man wird weitergeschickt. Dann kommt immer wieder diese Kontamination in so und so viel Minuten. Und gleichzeitig verfolgt man auch diesen Geist von Frau N. Man weiß nicht, ob der nicht irgendwo hinter der nächsten Ecke sitzt. Manche Leute wissen das wirklich nicht. Die haben so viel Angst jemandem zu begegnen. Es kann passieren, dass jemand kommt, aber nur, wenn die Leute völlig durchdrehen. Und es ist natürlich ein schockierender Moment. Aber einer, der mich in diesem Format nicht allzusehr interessiert. Dass dann die Leute anfangen zu spielen und für Frau N. Position beziehen oder das IFM beschimpfen – das finde ich alles gut. Der “narrative space” ist allerdings nicht so sehr dafür gedacht, eine Mitspieler-Rolle wie beispielsweise in einer SIGNA-Show anzunehmen, sondern eher dafür durch eine Geschichte geleitet zu werden.

Kannst du das noch mal näher erläutern, warum Interaktion dir für das Projekt nicht so wichtig ist?
Ich finde das ganze schon sehr interaktiv: der Identitätscheck am Anfang. Die Leute müssen sich selbst die Wege freimachen, die Türen aufmachen. Sie müssen selber Sachen in die Hand nehmen, Sachen öffnen. Sie befinden sich ja alleine in Privaträumen. Da fühlen sich viele schon sehr unwohl. Sie wissen nicht so richtig, ob sie dürfen. Ihr Geheimraum wird auch von fünfzig Prozent der Leute nicht betreten. Das finde ich superspannend. Ich find das natürlich auch ein bisschen schade, weil ich den Raum so gerne mag. Aber es passiert eben nicht. Das ganze ist ja aber auch wie eine Vagina-Form, man geht so richtig in sie rein. Vielleicht ist das manchen Leuten auch zu krass. Ich finde das alles schon sehr interaktiv. Wir haben zum Beispiel überlegt, ob die Leute am Anfang eine Pille schlucken müssen. Ewig hat mich das beschäftigt. Wir haben die zwar hergestellt, diese 4G-Pille. Man findet sie auch in dem Haus. Aber ich hatte auch das Gefühl, dass mir das dann zu weit geht. Wir haben sehr verschiedene Zuschauer. Und manche stehen überhaupt nicht auf Interaktion. Ich kann das auch verstehen, weil sie in manchen Momenten auch albern wird. Dann ist das Mitmachen um des Mitmachens willen. Mir geht es gar nicht so sehr darum, dass die Leute mitmachen, sondern darum, dass sie wahrnehmen. Sie füllen die Abwesenheit des Darstellers durch ihre eigene Präsenz. Es werden ja alle Sinne bedient, außer der Geschmackssinn. Es ist hauptsächlich eine sinnliche Erfahrung, die wir da schaffen wollen. Das, was da an Interaktion verlangt wird, das reicht mir schon. Die Leute sind schon sehr gefordert damit, dass sie irgendwann begreifen, dass sie beobachtet werden. Sie wissen dann gar nicht mehr, wie sie sich verhalten sollen. Wenn sie dann auch noch was machen müssten, kommen sie ja auch in eine Position, wo sie für uns was spielen. Und darum geht es uns nicht. Wir sitzen ja nicht im Regie-Raum und denken uns: haha, guck mal, was der da macht. Wir gucken eher, wie verhält der sich, was können wir dem jetzt geben. Wie können wir ihn  weiterleiten. Braucht er jetzt mehr Licht, um das lesen zu können. Oder gerade nicht, soll der mal aufhören, da zu lesen. Oder erschrecken wir ihn jetzt mal von hinten mit einem Ton. Aber das passiert natürlich ganz schnell, dass sich jemand als Beobachteter unwohl fühlt. Und dem dann noch zu sagen: jetzt steh mal auf einem Bein und dreh dich im Kreis – dann wird es auch schwierig werden nicht zu glauben, dass wir das zu unserer persönlichen Belustigung tun.

Wenn du wieder ein eigenes Projekt im Rahmen der “narrative spaces” machen wirst, was wären da Sachen, die du nach “Haus//Nummer/Null” anders angehen oder neu erforschen wollen würdest?
Ich würde es nie wieder mit so wenig Budget machen, weil mein Team völlig kaputt ist. Bis zu einem Punkt, wo es nicht mehr schön ist. Die haben unglaublich durchgehalten, aber denen geht es echt nicht gut. Das macht keinen Spaß. Wir wollen auf jeden Fall weiter mit dem Rhizomat arbeiten. Ich denke, dass ich mit den „narrative spaces“ in der Zukunft bleibe, das finde ich grad sehr spannend. Oder mir begegnet mal wieder ein literarischer Text, den ich umsetzen möchte, was natürlich auch viel einfacher ist, was ich auch gerne mache. Dann bin ich freier und kann viel mehr alleine entwickeln.

Wirst du dich dann auch wieder mit gesellschaftspolitischen Themen befassen?
Ich entwickele sowieso nichts, was sich nicht mit aktuellen gesellschaftlichen Zuständen beschäftigt, weil mich das nicht interessiert. Ich denke ja immer, ich mache was, was ich Menschen zeige. Und dann mache ich nichts über Ponys, weil ich Ponys süß finde. Und das finde ich wirklich. Ich könnte mich auch ein Jahr nur mit Ponys beschäftigen und denen dann vielleicht noch Schaum aus dem Kopf kommen lassen. Das fände ich lustig. Aber das würde mir jetzt nicht reichen, um das anderen Leuten zu zeigen. Den Anspruch habe ich auch an mich selbst. Sonst hätte ich auch Medizin studieren können, um Menschen zu heilen. Wenn ich so viel Energie und so viel Lebenszeit und so viel Kraft in ein Projekt stecke, dann muss es auch eine Relevanz für einen großen Kreis von Menschen haben. Und das ist für mich auch immer unsere aktuelle Gesellschaft. Schon vor allem hier in Deutschland. Ich war auch eine Zeit lang in Barcelona und habe angefangen, da ein Projekt zu entwickeln. Das fand ich sehr schwierig, weil mir diese Kultur noch zu fremd war und ich die Sprache auch nur so halb beherrsche. Dann habe ich gedacht, ich beschäftige mich erst mal von uns ausgehend. Aber natürlich macht dann so eine Form wie wir es jetzt bei “Haus//Nummer/Null” hatten mit so einer gesamten Systementwicklung total Spaß, weil wir trotzdem alles Globale mit einbauen konnten: Die Welt wird in Zonen aufgeteilt. Man beutet die eine Zone komplett aus, versklavt da die Menschen: Afrika, was ja auch so ist. Es ist halt alles gar nicht so weit weg. Ich bin mir nicht sicher, ob das nächste Projekt wieder in der Zukunft spielt, aber ich werde mit Sicherheit ein Thema behandeln, was alle Menschen angeht. Und es wird dann auch sicher wieder so verständlich sein, dass es hoffentlich auch die meisten Menschen anspricht. Weil mich Sachen nerven, die dann immer nur für so eine elitäre, kleine Publikumswelt geschaffen sind, die wissen, welche Strömungen und Zitate in die Sachen einfließen, und der Ottonormalverbraucher kann nichts damit anfangen.

Das heißt, es ist schon dein Anspruch, dass jeder mit „Haus//Nummer/Null“ gemeint ist?
Ja, weil ich denke, dass ist einfach jedermanns Thema, Zukunft gestalten, geht alle etwas an. Das ist ein Anspruch, den ich an jeden Menschen habe. Aber vor allem an die Menschen, die es sich leisten können. Es gibt auch viele Menschen in unserer Gesellschaft, die so starke existenzielle Probleme haben und die erst mal gucken müssen, dass sie irgendwie Futter auf den Tisch bekommen oder dass sie in der Nacht irgendwas zum Schlafen haben. Aber ganz besonders diese jüngere Generation, die aus der gehobenen Mittelschicht kommt, oder nur aus der Mittelschicht, die ihre Bildung genossen haben – wenn die dann den ganzen Tag nur über Design reden oder die nächste Party, das macht mich wahnsinnig.

Foto: Melanie Lotus Göbl

Die Berliner Zeitung ist Partner des Theatertreffen-Blogs.

Copy & Paste beim Theatertreffen Teil 2 – Nach weiteren Enthüllungen trennen sich das Theatertreffen und Daniele Muscionico

Der Skandal ist perfekt! Nachdem Wolfgang Behrens von nachtkritik.de bereits am 9.5. aufgedeckt hatte, dass die Theatertreffen-Jurorin Daniele Muscionico große Teile aus dem Programmheft des Münchner Residenztheaters für ihre Jury-Begründung abgeschrieben hat, ist nun – erneut durch nachtkritik.de-Recherchen – herausgekommen, dass Muscionico bereits letztes Jahr Programmheft-Texte für das Plädoyer zu Luk Percevals Produktion „Jeder stirbt für sich allein” zweckentfremdete. (Lesen Sie hier unseren Bericht über den Plagiatsfall vom 10.5.)

In Folge dieser erneuten Enthüllungen hat die Jurorin die Verantwortung für diese Vorfälle übernommen und ihren Rücktritt aus der Theatertreffen-Jury bekanntgegeben. Die Berliner Festspiele haben diese Entscheidung bereits akzeptiert und werden sich zeitnah um eine Nachfolge bemühen. In der offiziellen Stellungnahme der Festspiele heißt es weiter: „Auch die Berliner Festspiele sind ihrer Verantwortung bei der Erstellung des Magazins in diesem Fall leider nur ungenügend nachgekommen: Trotz Hinweisen aus dem Münchner Residenztheater haben wir nicht mit der nötigen Konsequenz reagiert. Wir bedauern dieses Versäumnis zutiefst.”

Dies ist für mich der sehr viel entscheidendere Punkt in der ganzen Angelegenheit. Dass eine Jurorin, ihrer verantwortungsvollen Position zum Trotz, über zwei Festivals hinweg so haarsträubend fahrlässig ihrer Arbeit nachgegangen ist, ist eine Sache. Dieses Verhalten ist kaum begreiflich und sollte nicht verharmlost werden. Viel schwerer jedoch wiegt der Umstand, dass der Theatertreffen-Apparat, durch alle Kontrollinstanzen hinweg, beide Jahre nicht in der Lage war, diese Vorgänge zu bemerken. Selbst als die Dramaturgin Angela Obst auf das Plagiat aufmerksam machte, wurde nicht interveniert.

Diese Verkettung der Ereignisse wirft kein gutes Licht auf das Festival. Wenn dem Theatertreffen also an seiner Glaubwürdigkeit gelegen ist, wäre es angebracht, die Vorfälle, weit über knappe schriftliche Presseerklärungen hinaus, umfassend aufzuklären, womöglich öffentlich zu diskutieren. Und natürlich muss intern dafür gesorgt werden, dass sich so etwas künftig nicht wiederholt. Sicher ein weiterer Anlass, grundsätzlich das Zustandekommen der Nominierungen zu überdenken.

„Diese Unabhängigkeit der Jury ist Grundlage des Theatertreffens.”, heißt es an einer Stelle der Presseerklärung noch. „Die Unabhängigkeit gilt sowohl gegenüber den Berliner Festspielen als auch gegenüber den Theatern.” Als Außenstehender kommt bei solchen Erklärungen das starke Bedürfnis auf, dass das Theatertreffen solche hehren Grundsätze auch praktisch sehr ernst nimmt und sich darum bemüht, die Strukturen der Jury in diesem Sinne für die kommenden Jahre zu modifizieren. Wünschenswert wäre es darüber hinaus, dass die Festival-Jury das Erneuerungspotenzial unter der Leitung von Yvonne Büdenhölzer noch stärker ausschöpft, in seiner Auswahl der Inszenierungen die Bandbreite der Theaterlandschaft, aber auch, wie bereits erwähnt, vor allem progressive künstlerische Ansätze kleinerer Häuser oder freier Gruppen – wie dieses Jahr vor allem beim Stückemarkt zu erleben – mit seinen Nominierungen zu fördern und zu unterstützen. Vielleicht ist der Rücktritt und die neu zu besetzende Juroren-Position eine Chance, diese Neuausrichtung des Theatertreffens voranzutreiben. Man darf gespannt sein.

Die Berliner Zeitung ist Partner des Theatertreffen-Blogs.

„Bitte lassen Sie Jörg Albrecht umgehend ausreisen!"

Jörg Albrecht, Schriftsteller und Gast der Buchmesse in Abu Dhabi, wurde vor zwölf Tagen von der dortigen Geheimpolizei irrtümlicherweise aufgrund des Verdachts der Spionage inhaftiert. Freunde und Kollegen haben nun bei www.change.org eine Petition veröffentlicht, in der sie mit heutigem Tage die Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate dazu auffordern, den Autor Jörg Albrecht umgehend aus Abu Dhabi ausreisen zu lassen. Wir veröffentlichen an dieser Stelle den Link zu dieser Petition mit der Bitte, sie zahlreich zu teilen und zu unterschreiben. Je mehr Solidarität öffentlich gemacht wird, umso eher wird eine schnelle Ausreise wahrscheinlich. Das Theatertreffen und der Theatertreffen-Blog unterstützen dieses Anliegen geschlossen und mit aller Vehemenz:

Klicken Sie hier, um die Petition zu unterschreiben!

Jörg Albrecht ist mittlerweile wieder auf freiem Fuß. Es ist jedoch ungewiss, ob ihm nicht eine erneute Inhaftierung oder eine Geldstrafe droht. Daher möchten wir hiermit den Aufruf starten, dass diese Petition auf allen wirkungsvollen Kanälen geteilt wird und sich möglichst viele daran beteiligen, in der Hoffnung, dass er möglichst rasch und wohlbehalten nach Deutschland zurückkehren kann!

Abschließend noch ein Dropbox-Link zum aktuellen Stand der Berichterstattung und der Verweis auf ein Interview, das Florian Kessler für die “Zeit” mit Jörg Albrecht geführt hat, in welcher der Autor seine aktuelle, sehr bedenkliche Lage schildert. Das Interview macht deutlich: es ist keine Zeit mehr zu verlieren!

„tauberbach” – Zigarettenkritik

Nach der Theatertreffen-Premiere von „tauberbach” erzählten Jannis Klasing und Hannah Wiemer David Winterberg bei einer Zigarette und einem Bier, von Alain Platels Inszenierung.

Steckbrief zu „tauberbach“ von Alain Platel
Regie: Alain Platel
Premiere: 17. Januar 2014, Münchner Kammerspiele
Handlung: Eine schizophrene Frau lebt auf einer Müllkippe und kämpft gegen ihre  Geister.
Anzahl der Kleidungsstücke auf der Bühne: unzählig
Rekord: der bisher stärkste Applaus

Lesen Sie auch Nathalie Franks Interview mit Alain Platel und sehen Sie unsere erste Zigarettenkritik zu „Onkel Wanja” mit Felix Ewers und Manuel Braun. 

Beitragsbild: Julian Röder

Copy & Paste beim Theatertreffen? – zu der Plagiatsaffäre um die TT-Jurorin Daniele Muscionico

Nun ist es also soweit, der reibungslose Ablauf des Festivals gerät ins Wanken: das Theatertreffen hat seinen ersten kleinen handfesten Skandal! Die Jurorin Daniele Muscionico hat, wie Wolfgang Behrens von Nachtkritik.de gestern aufgedeckt hat, in unwesentlichen Variationen große Teile aus dem Programmheft des Münchner Residenztheaters von Angela Obst zu Castorfs „Reise ans Ende der Nacht“ im Copy and Paste-Verfahren abgeschrieben. Unterdessen haben die Berliner Festspiele, und auch Daniele Muscionico selbst, eine schriftliche Erklärung dazu abgegeben. Die Berliner Festspiele „bedauern” den Vorfall und Muscionico beteuert, dass sie das ganze nicht als ihre „Arbeitsgrundlage“ betrachtet, sondern als „Panne, die sich nicht wiederholen darf.“

Bei einer solch umfassenden Übernahme fremder Textstellen mutet Muscionicos Formulierung eines „Fauxpas“ in einem „Moment von Gedankenlosigkeit“ ein wenig seltsam an. Auch sollten diese Stellungnahmen nicht zu sehr im Alltagsgeschäft untergehen. Doch stellt sich die Frage: taugt diese ganze Geschichte wirklich zum Skandal? Sicherlich, in Zeiten, in denen zahlreiche hochrangige Politiker in Plagiatsaffairen verwickelt sind und auch der Urheberrechtsdiskurs hoch im Kurs steht, reagieren viele sehr empfindlich auf eine solche „Gedankenlosigkeit”. Zu recht, geht man weiterhin davon aus, dass auch geistiges Gut uneingeschränkt schützenswert ist.

Beschwichtigende Stimmen sprechen nun davon, dass die Übernahme fremden Textmaterials aus Programmheften in der schnelllebigen und unterbezahlten Theaterpraxis gang und gäbe ist, andere stellen dann gleich die Grundsatzfrage nach dem Umgang mit geistigem Eigentum und plädieren, der Idee von Intertextualität folgend, für einen entspannteren und freieren Umgang mit dem Urheberrecht. Doch vor allem stark vertreten ist die moralische Position, dass es indiskutabel sei, dass eine Theatertreffen-Jurorin einfach für die Begründung einer Einladung aus dem Programmheft des entsprechenden Theaters abschreibt. Die Frage nach der Glaubwürdigkeit und Seriösität der Jurorin und des Festivals insgesamt wird dabei aufgeworfen. Viele fordern sogar, dass Daniele Muscionico ihren Rücktritt aus der Jury bekanntgeben solle.

Bei so viel Wirbel und Empörung ist es sicherlich ratsam, einen Schritt zurückzutreten und genauer hinzuschauen. Skeptisch wird man doch in letzter Zeit immer dann, wenn sich die mediale Öffentlichkeit geschlossen auf eine einzelne Person stürzt und ihren Kopf fordert. Ungute Assoziationen werden da wach. Ohne Zweifel hat Muscionico einen Fehler begangen, der vor allem in ihrer Position gravierend ausfällt, den sie jedoch selbst bereits eingesehen und für den sie sich entschuldigt hat. Fatal wäre es jedoch, über die Personaldebatte Muscionico, die Möglichkeit zu versäumen, viel eher strukturell darüber ins Gespräch zu kommen, wie die Einladungen beim Theatertreffen zustande kommen und ob dabei immer so sehr die Achtsamkeit und Professionalität am Werk ist, wie man es bei solch einem renommierten Theaterfestival doch zumindest erhoffen kann.

Häufig, auch bei der TT-Diskussion zur Zukunft des Stadttheaters am 8. Mai, ging es ja in den letzten Tagen wieder einmal um die Frage, wie es sein kann, dass die Auswahl des Theatertreffens sich fast zur Gänze aus „großen Namen” und von den einschlägigen Häusern der großen Städte speist. Auch wenn die Urheberrechtsdiskussion eine eminent wichtige ist, die gerade im digitalen Zeitalter neu geführt werden muss: mit Blick auf das Theatertreffen stellt sich umso mehr die drängende Frage, wie das Festival zukünftig noch stärker junge ambitionierte Künstler und auch Produktionen kleinerer Häuser in ihrer Auswahl berücksichtigen kann – fernab jeglichen Quotenzwangs. Diese Diskussion erscheint vor allem deshalb so wichtig, da aktuell unter der Leitung von Yvonne Büdenhölzer und Thomas Oberender die Möglichkeit besteht, dass sich das Theatertreffen in den kommenden Jahren noch sehr viel stärker zu einem Festival neuer, mutiger ästhetischer Impulse und (kultur-)politischer Diskurse wandeln könnte und es die abweisende Aura der elitären Leistungsschau endgültig abstreift. Denn, soviel steht fest: nur dann kann ein solch großes hochsubventioniertes Festival in Zeiten massiver Kulturkürzungen seine Legitimation behalten.

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Kollektivkritik zu „Reise ans Ende der Nacht"

„Die Reise ans Ende der Nacht“ nach Louis-Ferdinand Céline
Regie: Frank Castorf
Premiere: 31. Oktober 2013, Residenztheater München
Handlung: episodischer Taumel entlang der Ränder der Gesellschaft
Anzahl der Hühner: eins
Rekordverdächtig: die ersten Zuschauer verlassen nach 22 Minuten den Saal

Nach „Zement“ reiste das Münchner Residenztheater mit „Reise ans Ende der Nacht“ nun ein zweites Mal für das 51. Theatertreffen an. Ein Gastspiel für das Ensemble, ein Heimspiel für den Berliner Intendanten Frank Castorf. Auf der Drehbühne erhebt sich an diesem Abend ein sperriges Barackengerüst mit Holzhütte, Hühnerstall, Küchenzeile und vielem mehr. Über allem ragt eine Leinwand, auf der Filmeinspielungen und Livebilder zu sehen sind (Bühnenbild: Aleksandar Denic). Der Eingang zu diesem heruntergekommenen Abenteuerspielplatz ist mit den Idealen der Französischen Revolution „Liberté, Égalité, Fraternité“ überschrieben, die provokant an die zynische Begrüßungsparole „Arbeit macht frei“ im KZ Auschwitz erinnern. Schon vor Beginn der Aufführung wird die Szenerie somit als trostloses Sinnbild einer Schein-Version von Menschenwürde entlarvt.
Mit „Reise ans Ende der Nacht“ widmet sich Castorf dem 1932 erschienenen Episodenroman von Louis-Ferdinand Céline. Dieser erzählt die Lebensreise des Medizinstudenten Ferdinand Bardamus, der sich 1914 freiwillig zum Kriegseinsatz meldet. Vom Krieg desillusioniert, schlägt er sich nach Afrika durch, wo er das Elend des Kolonialismus erlebt. Eingeborene verschachern ihn nach Amerika, wo er an den Fließbändern der amerikanischen Autoindustrie schuftet. Schließlich kehrt er nach Frankreich zurück und strandet als Armenarzt in einem Pariser Vorort.
Castorf bricht schon zu Beginn mit dem chronologischen Aufbau des Romans. Seine Reise beginnt auf der Überfahrt nach Afrika. Der Ausgangspunkt dieser Reise liegt im Inneren eines ausrangierten Krankenwagens, der irgendwo in einem Bretter- und Wellblechverschlag untergebracht ist und in dem eine hysterische Gesellschaft an einer afrikanischen Patientin herumdoktert. Krank und kaputt ist die Welt, in der das Morden des Ersten Weltkrieges noch im Gange ist und in welcher die eigentliche Apokalypse des Faschismus noch bevorsteht. Kaputt ist aber auch Afrika, das vom Kolonialismus beherrscht wird.
Aus dem Krankenwagen stürzen die Schauspieler voller Intensität auf die Bühne. Ein heilloses Szenengetümmel von nervösem Getrippel und heiserem Geschrei beginnt. Man springt von einer Rolle in die andere. Bibiana Beglau ist die entfesselte Hauptfigur, kurz darauf Spion, Arzt und Arbeiter. Aber auch Franz Pätzold, ein ungestümer Knabe, ist ebenfalls Bardamu und zugleich auch sein Widersacher. Und obwohl es sich von selbst erkennen lässt, dass auf der Bühne nicht hübsch die Chronologie der Ereignisse eingehalten wird, wendet sich Beglau irgendwann von der Rampe aus an das Publikum und betont: „Unsere Reise erfordert Fantasie! Brüche und Sprünge gehören hier dazu!”. Und so entlädt sich der Abend wie eine Irrfahrt auf der Bühne: Wirr und wild, laut und hektisch, anstrengend lang und unvermutet komisch. Eingestreut in die Textvorlage werden vertonte Heiner-Müller-Zitate, darunter der „Engel der Verzweiflung“, gesungen von der Sängerin Fatima Dramé, oder Passagen aus „Der Auftrag“, als harte Blues-Nummer, vorgetragen von Aurel Manthei.
„Reise ans Ende der Nacht“ überzeugt vor allem durch die Kraft des Ensembles. Mit großer Lust gibt es sich Szenen und Aktionen hin, bis sich Bibiana Beglau nach viereinhalb Stunden verträumt durch die gesamte Szenerie in den begeisterten Schlussapplaus tanzt. Wieviel Céline letztendlich von diesem Ereignis in Erinnerung bleibt, ist schwer zu sagen. An einen „Castorf“ erinnert man sich allemal. (David Winterberg)

Bibiana Beglau kämpft sich keuchend durchs Lager, wild getrieben, mit herunterhängender Hose und blechernem Toiletteneimer im Arm. Sie flieht vor der Meute ihrer Kollegen, um schließlich einen Moment Einsamkeit im Kaninchenstall zur Verrichtung ihres Geschäft zu finden. Doch auch hier bleibt kaum Zeit zum Verweilen, denn kurz darauf steht sie bereits voller Energie an der Rampe und zischt mit geschlossenen Zähnen: „Es lebe Frankreich!“ Sie ist rau und wild. Erst nach der ersten Stunde des Fiebertraums schlägt sie leise Töne an und kommt körperlich etwas zur Ruhe. In der Hängematte liegend, träumt sie sehnsüchtig davon, „dass all diese Tage ein Ende nehmen mögen“, und von einer Flucht aus diesem Dschungel, aus diesem Buschwerk, aus diesem Drehbühnenwahnsinn, auf den die goldenen Strahler niederbrennen. Ausweglos erscheint diese Reise, diese Irrfahrt eines Einzelkämpfers, dem Bibiana Beglau ihre Stimme und ihren Körper zur Verfügung stellt. Sie liefert ihren Körper förmlich aus, um dann versoffen und mit heiserer Stimme einzusehen: „Keiner hat Liebe zu verschenken dieser Tage.“ Sie klettert durch Backöfen, verbiegt ihren Körper, trägt die hohen Absätze, als wären sie Kriegsinstrumente. Sie kämpft, krampft und beißt sich durch den Abend – ja man sieht ihr den Ehrgeiz und die Anstrengung bis in die letzte Muskelfaser an. Doch manchmal wirkt das ein wenig zu verbissen, zu sehr gewollt. Und so wartet man oftmals auf die seltenen leisen Momente, in denen sie viel stärker ist, dort wo sie verletzlich ist. Wenn ihre Stimme abreißt, dann erreicht mich Bibiana Beglau mehr, als mit dem lauten Getöne. (Manuel Braun)

Britta Hammelstein ist in diesem wilden und überhitzten Castorf-Abend als liebessehnsüchtige Molly ein beharrlicher Gegenpol zu all den bitteren und kategorischen Absagen an die romantische Liebe. Mit ihrem ganzen Körper, ihrer kraftvollen Stimme, stemmt sie sich gegen den abgestumpften Zynismus, von dem sie umgeben ist. Sie will lieben und geliebt werden, um jeden Preis. In Leon (doppelt besetzt mit Aurel Manthei und Franz Pätzold) scheint sie jemanden gefunden zu haben, der ihr Verlangen stillen kann. Doch er ist ein ewig Suchender, nicht bereit, sich fest an sie zu binden. Gegen Ende des Abends eskaliert der Konflikt zwischen den beiden. Sie sitzen im Taxi, und Leon, mittlerweile regelrecht angewidert von ihrer Liebe, stößt sie ein weiteres Mal rüde von sich, raunt, dass er nichts mehr von ihr wolle, dass ihm alles egal sei. Die ungeschützte Verzweiflung, mit der Britta Hammelstein sich dann gegen diese ganze kalte „Scheiße” aufbäumt, ist sehr berührend und intensiv. Da ist jemand, gefangen in einem falschen Film, voller heißbrennender Liebe unter lauter Gefühlskrüppeln eingepfercht. In dieser Ausweglosigkeit greift Molly nun zur Waffe und schießt Leon nieder. Auch sie ist bereits so sehr vergiftet vom Kreislauf der Brutalität, dass ihr nichts anderes mehr einfällt als zu diesem fatalen Schritt zu greifen. In der kolonialistischen, rassistischen und hysterischen Welt, die Castorfs „Reise ans Ende der Nacht” beschreibt, findet niemand einen Fluchtpunkt. Alle Hoffnung scheint erloschen. Britta Hammelsteins Molly befragt diese Ausweglosigkeit mit aller Vehemenz und setzt dem all ihr Liebesverlangen entgegen, auch wenn der Kampf am Ende verloren gehen wird. Britta Hammelsteins Hingabe an das Ringen dieser Figur um die Liebe in einer kalten, unwirtlichen Welt ist beeindruckend. (Jannis Klasing)

Wo das andere Ende der Nacht liegt
Franz Pätzold war auf einmal da. Nach einer gefühlten Stunde Spielzeit stand er einfach auf der Bühne. Oder hatte ich ihn vorher nur nicht bemerkt, als das Ensemble in den Anfangsszenen gemeinsam lärmend, schreiend durch den Bretterverhau, den Abenteuerspielplatz für energiegeladene Schauspieler, jagte? Das Ipad auf meinem Schoß und unser Twitterexperiment nahmen zu Beginn des Abends den größten Teil meiner Aufmerksamkeit in Anspruch. Wir Twitterer saßen in der letzten Reihe, fünfzehn displayerleuchtete Gesichter. Und dann – nach Bibiana Beglaus Abgang durch die Waschmaschine – stand da auf einmal Pätzold als neuer Ferdinand Bardamu, oder Léon, oder eine Mischung, das wechselte in unberechenbaren Übergängen. Er switchte in rasanter Wendigkeit hin und her, zwischen den Rollen und in den Extremen der beiden Figuren. Der junge Pätzold, das Küken der Truppe, bildete den Gegenpol zur breitbeinigen Männlichkeit Aurel Mantheis und spann auf interessante Weise Beglaus Ferdinand weiter. Pätzold spielte Macker und Ekel: die Hände in den Hosentaschen, lässiges Zurückstreichen seiner Haare, unfehlbarer Ausdruck von Coolness und Mackertum. Eine kleine Wunde auf seinem nackten Oberkörper markierte ihn als gestandenen Krieger. Sein Gesicht allerdings entlarvte ihn als weniger abgebrüht – bei der Entlarvung halfen die Männer, die ihn auch gegen seinen Widerstand mit der Kamera verfolgten und oft so nah wie möglich auf sein Gesicht hielten. Ein schöner Bruch, der mich Bardamu so manchen unerträglichen Ausspruch – mit der Reproduktion von Rassismus und Sexismus wurde in dieser Inszenierung nicht gerade sparsam umgegangen – fast verzeihen ließ. Dann wieder war er nach ein paar flinken Runden durch die gezimmerten Räume mit unzähligen Ein- und Ausgängen oder Öffnungen, die kurzerhand dazu gemacht wurden, ein weinerliches Häuflein. Er krümmte sich in einer der vielen Ecken oder suchte als erblindeter Léon tastend, jammernd die schützende Nähe weiblicher Brüste. Eine Inszenierung, die mich ratlos am anderen Ende der Nacht zurückließ. So viel Energie auf der Bühne – da muss doch etwas Wichtiges gewesen sein, das mir entgangen ist.

PS: Nach der ganzen Kinderbuchdebatte des letzten Jahres, mit exzessivem Gebrauch des N-Wortes, gerne auch auf der Titelseite großer Zeitungen, verstehe ich nicht, warum es so vielen Menschen offensichtlich immer noch so schwer fällt, sich von ihrem lieb gewonnen Recht auf Überlegenheitsgesten in kolonialer Kontinuität zu trennen. Herr Castorf, was gibt Ihnen das? Fühlen Sie sich nur dann wild und frei, wenn Sie dem weißen Publikum mit rassistischen Witzchen ein paar Lacher abringen können?
(Hannah Wiemer)

Bon Voyage, das Leben ist ‘ne Reise. Steig einfach ein und es zieht seine Kreise. In turbulenten Kreisen schraubt sich die „Reise durch die Nacht” hoch. Ein Filmest, und es soll in weiten Teilen ein Film werden, zwischen kongolesischem Township und Detroiter Trailerpark, ist der üppig ausgestattete Austragungsort der Castorfschen Bühnenadaption von Louis-Ferdinand Célines Roman. Ein Roadmovie durch verschiedene Abgründe und Höhenflüge der Existenz, besonders den Facetten der Liebe und der Angst. Trotz hundert Jahre zwischen erzählter und Jetztzeit, ist es eine Konfrontation mit Klischees, die immer noch allzu aktuell sind.
Der Protagonist Ferdinand (Bibiana Beglau), dem wir nich als Soldat im Ersten Weltkrieg begegnen, sondern als Fremdkörper auf einem Schiff nach Afrika, springt durch die Welten: Im kongolesischen Dschungel, in Paris und plötzlich in den USA. Auf einer Leinwand flackert der erste Weltkrieg in einer Rückblende. Ferdinand, der immer wieder von seinem Gefährten Léon Robinson (Aurel Manthei, Franz Pätzold) unterstützt oder heimgesucht wird, irrt von der Angst getrieben durch die Welt. Alle Konstanten scheinen sich abzulösen. Ist Léon schizophren oder ein vielschichtiger, komplexer Charakter? Frank Castorf lässt seine Figuren jedenfalls nicht sie selbst sein, die Charaktere und Schauspieler springen untereinander wild umher. Das Spiel zieht sich oft in die kleinen Buden und Nischen zurück, um dann von mehreren Kamerateams, in oft penetranter Nahaufnahme, auf die Leinwand gebracht zu werden. Diese Nähe ist besonders hilfreich, um das reiche Mienenspiel auch in der letzten Reihe noch verfolgen zu können. Es bringt einen jedoch auch leicht um die Konzentration, wenn das Spiel parallel auf Bühne und Leinwand zu sehen ist. Dabei gibt es aber auch sehr schöne Momente, in denen nicht mehr die Kamera die Handlung verfolgt, sondern die Bühne selbst zum Gegenstand der Beobachtung wird. Die vielen, dekorativen Kleinigkeiten und Zitate an historische Ereignisse, die Aleksandar Denić (Bühne) und Adriana Braga Peretzki (Kostüm) eingebracht haben, erwecken die Lust, durch die Kulisse zu streifen und die Lieben zum Detail zu entdecken. (Felix Ewers)

Nathalie Frank hat eine Skizze von Regisseur Frank Castorf beim Publikumsgespräch angefertigt. Das Twitterexperiment wurde unter dem Hashtag #TTReise geführt. 

Beitragsbild: Matthias Horn

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Zum hören: Die Zeit ist ein gieriger Totschläger – Robert Borgmanns „Onkel Wanja”

Der Text „Die Zeit ist ein gieriger Totschläger – Robert Borgmanns ,Onkel Wanja'” von Jannis Klasing, vorgelesen.

Das Theatertreffen-Blog 2014 versucht erstmals alle schriftlich verfassten Texte auch als Audiobeiträge zu präsentieren.
Den vorliegenden hat die Schauspielerin Sophie Weikert  freundlicherweise für uns eingelesen.

Das klägliche Restzucken toter Tiere – Susanne Kennedys „Fegefeuer in Ingolstadt"

Bevor das Stück beginnt, wird bereits das Bühnenbild auf den heruntergelassenen Eisernen Vorhang projiziert. Ein in der Tiefe perspektivisch kippender Raum in siffigem Pastellton kündigt drohendes Unheil an. Rechts neben einem lichtdurchfluteten Fenster: ein Kruzifix. Die Projektion beginnt zu flackern, wie in einem Horrorfilm. Als der Eiserne Vorhang sich hebt und das tatsächliche Bühnenbild freigibt, die ersten Gestalten den Raum bevölkern, setzt sich der unheimliche Eindruck fort: aufgezogenen Puppen oder Comicfiguren gleich scheinen sie in den Raum gestellt, bewegen sich künstlich und maschinell, mal verlangsamt, mal in zackigen, abgehackten Gesten. Die Stimmen kommen vom Band und werden von den Schauspielern tonlos synchron mitgesprochen. Jedes bisschen Leben, alles Menschliche scheint aus diesen Figuren entwichen.

Die Textvorlage wird zergliedert in kurze Standbilder, die Geschichte von der ungewollten Schwangerschaft und der darauf folgenden Hetzjagd in der Provinz verdichtet sich zu einem düsteren Diavortrag aus der Hölle. Jede Szene wird harsch unterbrochen von einem Black, begleitet von bedrohlichem Brummen. Mal wird in einem einzigen Standbild bloß ein Lied gesungen oder ein Satz gesprochen, schon wird weitergeschaltet. Ab und zu ensteht ein Flirren, wenn sich über die Szenerie, leicht versetzt, das gleiche Bild als Projektion darüberlegt.

Die Szenen sind von unterkühlter Brutalität und Abgestumpftheit geprägt. Die künstlichen, hochgepitchten Stimmen und der stark verdichtete Fleißer-Text zeichnen ein nihilistisches Bild von einer Gemeinschaft, der jeglicher sozialer Zusammenhang und jede Empathie abhanden gekommen ist. Die Töchter Clementine (Anna Maria Sturm) und Olga (Çigdem Teke) beneiden einander, der Vater (Walter Hess) ist ein resignierter Schläger, Mutter Roelle (Heidy Forster) löffelt ihrem Sohn (Christian Löber) debil und, Gottesbeschwörungen murmelnd, das Essen in den Rachen. Gervasius (Edmund Telgenkämper) und Protasius (Marc Benjamin) – zwei tumbe Dorfproleten – haben es auf Roelle abgesehen und wollen ihn stumpf vernichten, weil er ihnen zu fremd ist. Die Regungen der Darsteller, ihr zwischenzeitliches Aufbäumen und Aufbegehren, erscheint wie das klägliche Restzucken toter Tiere.

„Fegefeuer in Ingolstadt“ von Susanne Kennedy überzeugt vor allem in seiner ästhetischen Entschiedenheit. Die hohe Künstlichkeit der Bühne, der Kostüme, vor allem aber die der Spielweise zeichnet insgesamt ein groteskes, beklemmendes Bild einer erkalteten und seelenlosen Gesellschaft und schafft darin einen ganz eigenen theatralen Kosmos, der entfernt an die Arbeiten von Ida Müller und Vegard Vinge erinnert, aber doch eine sehr eigenwillige Sprache und einen ungewohnten Rhythmus entwickelt. Die kalkulierte Kälte dieser Inszenierung macht schaudern. Doch die subtile Komik, die hier und da aufschimmert, und der stilsichere ästhetische Gestaltungswille, die konsequent eingesetzten Mittel, bringen das in der Inszenierung verhandelte Grauen in eine intensive Schwebe, die sehr viel Raum für Assoziationen lässt.

Felix Ewers hat sich grafisch mit der Inszenierung auseinandergesetzt. 

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Beitragsbild: Ostkreuz / Julian Röder