Was war und was wir uns wünschen!

Nach 18 Tagen Theater, Diskussionen und schlaflosen Nächten zieht das TT-Blog-Orchester kollektiv Bilanz.

Herzliche Begrüßung des Blog-Orchesters mit Blümchen. Bestechungsversuch?

Eröffnung T. Oberender: „Theater ist das Leitmedium eines neuen Zeitalters.“ wtf?

Zement: Heiner Müller und Dimiter Gotscheff sprechen zu uns. Auferstehung der Toten?

Trophäe wurde von Ai Weiwei gestaltet. Alles wirklich selbstgemacht?

Amphitryon, eine einzige Regie-Idee zieht sich durch den Abend. Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?

Theater und Netz, eine zukünftige Liebesgeschichte. Mit Happy End?

Eröffnung des Internationalen Forum mit Mittagessen für Leib und Seele. Gibt es am gemeinsamen Tisch mehr Austausch, als auf der Bühne?

Situation Rooms von Rimini Protokoll leider aus dispositorischen Gründen nur als multimedialer Info-Stand vertreten. Theatertreffen: zu statische Strukturen für dynamische Produktionsbedingungen?

Onkel Wanja. Zelebrierte Langeweile oder atmosphärisches Treibenlassen in einer unübersichtlichen Zeit?

Fegefeuer in Ingolstadt. Eine beklemmende Playbackinszenierung gewinnt den 3Sat-Preis. Aber kann der bayerische Erzkatholizismus heute noch in Berlin schockieren?

Eröffnung Camp. Warum zeltet hier niemand?

Stadttheater: Metropole vs. Provinz. Stand der Gewinner nicht schon immer fest?

Reise ans Ende der Nacht. Castorfs Schauspieler jagen durch den Bretterverhau und wir twittern davon aus der letzten Reihe. Unfall mit dem iPad: Die Apple-Sprachsoftware Siri spricht aus, was alle denken: „Ich habe das leider nicht verstanden.“ Wo geht die Reise hin?

Jurorin Daniele Muscionico hat aus dem Programmheft abgeschrieben. Wie ernsthaft wird hier ausgewählt?

Tauberbach, Alain Platels Tanztheater spaltet das Blog-Orchester. Nichtssagend, inhaltlich problematisch oder tief berührend?

Intervention beim Theatertreffen. Tauberbach in der Kritik. Plagiat? Fortschreibung des Kolonialismus?

Debatte überInternationalisierung des Theaters“. Betrifft das nur Stadttheater?

Eröffnung Stückemarkt. Ein spannendes neues Konzept unter falschem Label. Etikettenschwindel?

Mystery Magnet. Expressiver Umgang mit zeitgenössischen Oberflächen und aktuellen Inhalten. Sind wir nicht bereits alle übersättigt?

There Has Possibly Been An Incident. Ein Text wird gelesen und nicht gespielt. Wird er dadurch besser wahrgenommen?

Haus//Nummer/Null. Willkommen in einer furchtbaren Zukunft! Warum passt unsere gegenwärtige Gesellschaft nicht besser auf?

Während wir im Festspielgarten sitzen, wird der junge Autor Jörg Albrecht in Abu Dhabi festgehalten und, zum Glück, bald wieder frei gelassen. Hat die Öffentlichkeit für Freiheit gesorgt?

Letzte Zeugen des Holocaust, eine berührende Stimmübergabe mit Standing Ovations. Geht der Dialog auch aus dem Theater heraus?

Bei der Preisverleihung von Die letzten Zeugen, gibt Regisseur Matthias Hartmann seinen ersten öffentlichen Auftritt nach seinem Rauswurf aus dem Burgtheater Wien. Während noch alle von den Geschichten der Überlebenden bewegt sind, stilisiert er sich als Opfer und spricht von seinem Karrierealptraum: „Nach dem Horror der letzten Wochen, kommt es mir so vor als mache es jetzt Klick, und alles sei nur ein böser Traum gewesen“. Gehts noch?!

Ohne Inhalt Titel. Glitzerkostüme und Furzgeräusche. Worüber wird da gelacht?

Kasper Hauser. Ein freiheitsliebendes Pferd kommentiert das Geschehen im Puppenhaus.

Jury Debatte.


Schlussszene. Ein Tisch. Sechs Personen. Zwölf Bier. Viele Wünsche.

mehr freie Produktionen, auch aus kleineren Häusern, aus der Provinz und nicht nur große Namen”…„wieso machen sie nicht mal eine Ausnahme?”…„wieso sind sie ängstlich?”… „große Namen heißt ja vielleicht nur besserers Handwerk, und nicht die spannenderen Themen und relevanteren Fragen”…„mehr solche Inhalte wie sie im Stückemarkt verhandelt wurden”… „ja, das hat sich das Internationale Forum auch gewünscht”…„auch wenn Freie Szene nicht automatisch besser ist.”… “ja, Inhalte!”… „nach dieser schwachen Juryschlussdiskussion bitte alle Juroren austauschen” … „vielleicht auch ein paar Juroren aus der Bildenden Kunst, Kuratoren, oder aus anderen Disziplinen”…„ich wünsche mir ein heterogeneres Publikum”…„günstigere Karten, dann wären auch noch Freunde von mir gekommen”…„und keine Angst vor dem Internet”… „Inhalte fürs Netz. Momente, die man dort mit Freunden teilen kann”…„besseres Wetter!” … „ohja, und Freibier!”… „ich hätte gern mehr vom Internationalen Forum und dem Stückemarkt wahrgenommen” …„noch mehr Austausch”…„Prost”…„Prost” … „ja, waren intensive und spannende zwei Wochen”… „dennoch wünsche ich mir mehr Relevanz der Themen, mehr Aktualität” … „ja ,dafür ist Theater einfach da” …„von mir aus kann das Theatertreffen auch zwei Sparten machen. Also die Gala-boring-Nummern und die wilden Sachen” ….„also ich finde es gefährlich, zwei Sparten zu machen. Ich finde, die Sachen vom Stückemarkt sollten mit ins Hauptprogramm, nicht, dass die relevanten Themen zum Nebenschauplatz werden”… „beim Theatertreffen ähnelt das Konzept auch stark einer Museumsidee”… „ja stimmt, voll 90er” … „und Theater ist ja auch nicht per se ein Schatz”

Alle ab.

[Vorhang]

 

 

„Die Grenzen müssen aufgehoben werden" – Ein Interview mit Journalistin Maike Hank

Manuel Braun traf während des Theatertreffens verschiedene Persönlichkeiten, um über das Verhältnis von Theater und Netz zu sprechen. Darunter waren z.B. Johan Simons und Ada Blitzkrieg. Nun unterhielt er sich mit der Journalistin Maike Hank darüber.

Ich treffe mich mit Maike Hank in einer Berliner Eckkneipe. Seit Jahren lese ich sie auf Twitter und freue mich wahnsinnig, sie endlich persönlich kennenzulernen. Ziel des Gesprächs soll es sein, herauszufinden, wie gesellschaftliche Diskurse im Internet entstehen und wie das Theater als Impulsgeber dazu beitragen kann. Maike Hank ist Print-Redakteurin und schreibt seit 2002 auch online. An einer der ersten Buchveröffentlichungen über die deutsche Blogosphäre, „Blogs! Fünfzehn Blogger über Text und Form im Internet – und warum sie das Netz übernehmen werden“, war sie als Autorin beteiligt. Das Buch erschien 2004, also fünf Jahre bevor das erste Theatertreffen-Blog das Licht des Netzes erblickte. Sie ist außerdem Autorin des Kollektivblogs „kleinerdrei“, wo regelmäßig Texte zu verschiedenen, meist gesellschaftlichen und popkulturellen Themen, veröffentlicht werden. 2013 erschien dort ihr Text „Normal ist das nicht!“, der u.a. die Entstehung des Hashtags #aufschrei und damit eine nationale Debatte über Sexismus auslöste.

Manuel Braun: Was ist der #aufschrei?
Maike Hank:
Anfang 2013 erschien im Stern ein Porträt von Laura Himmelreich über Rainer Brüderle. Die Journalistin erhob in diesem Artikel Sexismusvorwürfe gegen den Politiker. Schon davor hatte Annett Meiritz im Spiegel über frauenfeindliche Erlebnisse im Umfeld der Piratenpartei berichtet. Zufälligerweise erschien am selben Tag  ein schon lange geplanter Text von mir, der sich mit sexuellen Übergriffen im Alltag beschäftigte. Der Beitrag motivierte Nicole von Horst, abends auf Twitter, von ihren persönlichen Erlebnissen mit sexuellen Übergriffen zu berichten. Anne Wizorek schlug daraufhin vor, die Erfahrungen unter dem Hashtag #aufschrei zu bündeln, angelehnt an den Hashtag #shoutingback des Everyday Sexism Projects. Unglaublich viele Frauen folgten, ohne einen expliziten Aufruf, Nicoles Beispiel, weil sie sich von dem Mut anstecken ließen und genau so ein Bedürfnis hatten, ihre Geschichten zu teilen. In der Nacht wurden unfassbar viele Tweets veröffentlicht. Sie erzählten von persönlichen Erfahrungen von Frauen, die sexuell belästigt oder missbraucht wurden. Das war unglaublich! Selbst jetzt, wenn ich darüber spreche, bekomme ich sofort wieder Gänsehaut. Und es hörte nicht mehr auf. Jeden Tag wurde weiter in dieser Form zu dem Thema getwittert. Alle Tweets dazu können hier nachgelesen werden. Unter alltagssexismus.de können Betroffene anyonm ihre Erfahrungen teilen.
#aufschrei fungiert mittlerweile als Label für das, vormals als verstaubt angesehene, Wort Sexismus. Der Hashtag und alle, die sich konstruktiv an der Debatte beteiligten, haben im vergangenen Jahr als erster Hashtag überhaupt den Grimme Online Award gewonnen.

MB: Wie wurde aus der persönlichen Erfahrung eine deutschlandweite Diskussion?
MH:
Wir hatten das Glück, dass die Mainstream-Medien mit Rainer Brüderle einen Aufhänger für das Thema hatten, denn es war Wahlkampf. Noch heute denken die meisten, dass er der Auslöser für #aufschrei war. Das stimmt so nicht. Er, bzw. die Diskussion um sein Verhalten, war höchstens der Katalysator, der das Ganze vom Internet in die Zeitungen und vor allem ins Fernsehen gebracht hat. Günther Jauch hatte danach kurzfristig das Thema seiner Sendung geändert, und auf einmal saß Anne Wizorek dort. Das war verrückt und toll. #aufschrei hat die Diskussion auf den Alltagssexismus ausgeweitet – vorher ging es ja noch ausschließlich um das Verhältnis zwischen Politikern und Journalistinnen.

MB:  Werden diese Themen, über die du schreibst, auch  im Theater verhandelt oder aufgegriffen?
MH:
Ehrlich gesagt: ich habe keine Ahnung. Bis auf Podiumsdiskussionen zu dem Thema Sexismus, kann ich mich an nichts erinnern. Eine Freundin hat mich neulich darauf aufmerksam gemacht, dass im HAU demnächst ein Festival stattfindet, das sich mit Kunst und Politik nach Fukushima auseinandersetzt. Dafür interessiere ich mich sehr, aber ohne die Freundin, hätte ich das gar nicht mitbekommen. Ich gehe nämlich eher selten ins Theater und dann kaum in Stücke, die etwas offensichtlich Politisches, Aktuelles verhandeln. Das ist ganz sonderbar, weil für mich beim Kino diese Hemmschwelle nicht da ist. Neulich habe ich mir die „Paradies”-Trilogie von Ulrich Seidl am Stück angeschaut. Wenn so etwas im Theater gespielt würde, hätte ich gleich wieder das Gefühl, sicher irgendwas nicht zu verstehen, nicht diskursfähig oder intellektuell genug zu sein. Im Theater habe ich auch nicht das Gefühl, mich verkriechen zu können. Vielleicht fühle ich mich durch die Präsenz der Schauspieler und Schauspielerinnen dazu verpflichtet, Stellung zu beziehen, anstatt mich unbemerkt fallen zu lassen, so wie im Kino. Die Präsenz der Schauspieler ist aber eben auch gerade das Tolle. Wann immer ich dann doch mal im Theater lande, bin ich meistens ziemlich beeindruckt.

MB: Passen Theater und Netz überhaupt zueinander?
MH:
Aber ja! Alles, was es „draußen in der Welt” gibt, passt zum Netz. Das sind keine getrennte Welten. Das Internet bietet doch unzählige Möglichkeiten und eine hervorragende Infrastruktur, um Menschen zu erreichen, die Berührungsängste haben. Noch am ehesten findet man die Verschränkung von Theater und Internet bei kleinen, freien Projekten, die kaum Geld für Werbung und die Technik haben. Schwieriger wird es bei den großen Häusern, die sich doch eigentlich richtig austoben könnten. Ich habe keine Lösung, wie die Hemmschwelle gegenüber dem Theater abgebaut werden kann. Aber ich weiß, dass es mich meist stört, wie beim Theater selbst und auch in den Feuilletons über das Theater gesprochen wird. Als Laie fühle ich mich dadurch ausgeschlossen. Diese Sprache sagt mir: da gehörst du nicht hin und schon gar nicht hast du die Berechtigung, darüber zu urteilen, denn du hast keine Ahnung.
Immer, wenn ich im Theater war, fiel es mir schwer, andere irgendwie mit Material zu versorgen, das die Emotionen weckt und vermittelt, die  mich an einem Stück so ergriffen haben. Es wäre also vielleicht ein Anfang, online viel mehr Snippets zu den Stücken bereitzustellen: Making-Ofs, Interviewfragmente, ganz kurze Ausschnitte – oder womöglich sogar animierte Gifs. Das halbe Internet kommuniziert doch mit animierten GIFs.
Die Schaubühne hat zum Beispiel immer tolle Plakate. Könnte man mit den Sprüchen und den Ensemblemitgliedern nicht viel mehr Content erstellen, der dann im Netz verbreitet werden kann? Generell muss man einfach viel mehr ausprobieren, rumspinnen und auch mal vermeintlich Abwegiges versuchen. Erfolg und Verbreitung im Netz sind unberechenbar. #aufschrei war ja auch keine geplante Aktion.
Die Verantworlichen in den Theatern sollten sich außerdem die Mühe machen, solche Menschen mit diesen Netz-Aufgaben zu betrauen, die das Internet nicht nur kennen, weil sie dort Bücher bestellen und sich Konzertkarten kaufen. Das müssen Menschen machen, die das Internet lieben und dort zu Hause sind.
Außerdem könnten sie sich Leute aus dem Netz mit Reichweite suchen, die in Blogs übers Theater berichten. Und zwar keine Experten und Expertinnen, sondern Menschen, die an Geschichten und Themen interessiert sind, und die sich trauen dürfen, in ihrem Duktus und mit ihrer Herangehensweise über Inszenierungen zu schreiben. Ganz ohne theaterwissenschaftllichen Hintergrund, und ohne sich in der Szene auszukennen. Die Grenzen müssen aufgehoben werden!

Die Berliner Zeitung ist Partner des Theatertreffen-Blogs.

Herbert Fritschs „Ohne Titel" – ein Abend über das Foyer?

„Ohne Titel Nr.1 / Eine Oper von Herbert Fritsch“
Regie: Herbert Fritsch
Premiere: 22. Januar 2014, Friedrichstadt-Palast Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
Handlung: Witzigkeit kennt keine Grenzen!
Anzahl der platten Witzchen: viele
Rekordverdächtig: Regisseur trägt Brett am Kopf zum Schlussapplaus

Ich habe mich sehr gefreut auf diesen Abend, denn von Herbert Fritschs Inszenierung „Murmel Murmel” hab ich nur Gutes, ja Sensationelles gehört – doch als Münchner habe ich es nie geschafft, dieses Berliner Spektakel zu sehen. Dafür aber war ich von seiner Arbeit „Revisor” am Reseidenztheater München völlig begeistert, und auch sonst mag ich diesen verrückten Kopf.

Aber diese, nun vorletzte Inszenierung beim Theatertreffens 2014, ist mir schlichtweg egal.

Man hat mir beigebracht, dass in diesem Abschnitt eines Artikels eine Beschreibung dessen folgen sollte, was auf der Bühne zu sehen war.
Da ich aber ein faules Internetkind bin und keine Karriere als Feuilletonist anstrebe, füge ich einfach zwei Fotos ein und damit haben Sie dann auch schon alles gesehen, was Sie für den restlichen Verlauf wissen müssen.

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Ohne Titel. Foto: Thomas Aurin
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Ohne Titel. Foto: Thomas Aurin

Damen und Herren in schillernden, bonbonfarbenen Revue-Outfits mit Plastikfrisuren und ein überdimensoniertes Holzsofa. Was einem die Bilder nicht verraten: die Figuren haben keine verständliche Sprache. Kommuniziert wird in Fantasieworten oder -gesang.

Vor der Bühne im Orchestergraben sitzen drei Musiker samt Instrumentensammelsurium, um den Abend musikalisch zu begleiten oder das Geschehen auf der Bühne mit Geräuschen zu vertonen.
Man kann sich sehr gut vorstellen, wie das Publikum zu Hause seinen Bekannten davon erzählen wird, wie „witzig” und „raffiniert” der ganze Abend doch gewesen war. Und vielleicht könnte es der Abend auch sein. Für mich jedoch wirkte er wie die Aneinanderreihung von einzelnen Slapsticknummern.

Die Schauspieler werden mal zu Aufziehfiguren, mal robben, singen oder tanzen sie virtuos übers Holzparkett, spielen Darmprobleme, die vom Orchester untermalt werden. Mal bringt der eine seine Pantomime-Solonummer, mal darf die andere Zungengymnastik im Spot vorführen.
Irgendwie Altherrenhumor, aber handwerklich gut gemacht. Fritsch kann das. Man sieht ihn förmlich vor sich, wie er den Schauspielern in den Proben alles leidenschaftlich vorspielt. Dennoch fehlt dem Abend ein Bogen. Ich weiß nicht, wo er anfing und wo er hinwollte und was sich wohl die Zahnarzttochter im goldenen Oberteil hinter mir gedacht hat, die zu Beginn noch stolz den Kronleuchter fotografierte und sich auf den Opernabend freute?
Zumindest wird es gegen Ende noch einmal etwas ernster. Dann drehen alle Figuren ihre bunten Revuekleider auf links, aufs holzgemusterte Innenfutter, und werden dadurch eins mit dem hölzernen Bühnenbild. Traurig sitzen sie da, diese Holzpüppchen. Sie haben ihren Glanz verloren und sehen nun alle gleich aus. Am Ende dürfen sie aber – Gott sei Dank –  zum musikalisch unterlegten Schlussapplaus noch einmal so richtig aufdrehen.

Amüsant mag das jemand finden, der selbst eine „freche” Frisur trägt und sich als „keck” bezeichnet. Ich hingegen habe selten so oft auf die Uhr geguckt wie an diesem – eigentlich kurzen – Abend. Draußen treffe ich meine Kollegen und blicke in die gleichen, enttäuschten Gesichter.
Uns allen ist das Prädikat „bemerkenswert” mal wieder nicht ganz verständlich.
„Mir fehlt heute sogar die Muße für einen Verriss”, meint einer der beiden. Und deshalb übernehme ich, und bin froh nun einen Grund mehr zu haben, nicht noch einen weiteren Abend auf einer Theaterparty mit Weißwein und Schnittchen verbringen zu müssen. Irgendwann hat man das nämlich auch ziemlich über. Man kann sie nach nach zwei Wochen einfach nicht mehr sehen, diese immer gleichen Gesichter, diese Damen und Herren mit ihren bonbonfarbenen Kleidchen im Foyer, wie sie in Fritscher Manier stolz ihre Hochsteckfrisuren tragen und sich auf hölzernen Sitzgelegenheiten in einem unverständlichen Kauderwelsch austauschen. Wie sie alle an die Rampe laufen, stolpern und in glitzernden Anzügen und schrillen, lauten Tönen um die meiste Aufmerksamkeit buhlen. Sie schreien, winken mit den Armen, wollen „hier bin ich” rufen. Doch es fehlt ihnen die Sprache, und das Orchester spielt sowieso schamlos über sie hinweg. Wie sie fallen, wieder aufstehen, mal den einen, mal die andere auslachen und unbeholfen miteinander kommunizieren. Ja, man hat ihn über, diesen engen Theaterkosmos, der nur um sich selber kreist und tanzt und innen bereits morsch und hölzern ist.

Huch?!

Foto:  Thomas Aurin

Die Berliner Zeitung ist Partner des Theatertreffen-Blogs.

Kollektivkritik zu „Reise ans Ende der Nacht"

„Die Reise ans Ende der Nacht“ nach Louis-Ferdinand Céline
Regie: Frank Castorf
Premiere: 31. Oktober 2013, Residenztheater München
Handlung: episodischer Taumel entlang der Ränder der Gesellschaft
Anzahl der Hühner: eins
Rekordverdächtig: die ersten Zuschauer verlassen nach 22 Minuten den Saal

Nach „Zement“ reiste das Münchner Residenztheater mit „Reise ans Ende der Nacht“ nun ein zweites Mal für das 51. Theatertreffen an. Ein Gastspiel für das Ensemble, ein Heimspiel für den Berliner Intendanten Frank Castorf. Auf der Drehbühne erhebt sich an diesem Abend ein sperriges Barackengerüst mit Holzhütte, Hühnerstall, Küchenzeile und vielem mehr. Über allem ragt eine Leinwand, auf der Filmeinspielungen und Livebilder zu sehen sind (Bühnenbild: Aleksandar Denic). Der Eingang zu diesem heruntergekommenen Abenteuerspielplatz ist mit den Idealen der Französischen Revolution „Liberté, Égalité, Fraternité“ überschrieben, die provokant an die zynische Begrüßungsparole „Arbeit macht frei“ im KZ Auschwitz erinnern. Schon vor Beginn der Aufführung wird die Szenerie somit als trostloses Sinnbild einer Schein-Version von Menschenwürde entlarvt.
Mit „Reise ans Ende der Nacht“ widmet sich Castorf dem 1932 erschienenen Episodenroman von Louis-Ferdinand Céline. Dieser erzählt die Lebensreise des Medizinstudenten Ferdinand Bardamus, der sich 1914 freiwillig zum Kriegseinsatz meldet. Vom Krieg desillusioniert, schlägt er sich nach Afrika durch, wo er das Elend des Kolonialismus erlebt. Eingeborene verschachern ihn nach Amerika, wo er an den Fließbändern der amerikanischen Autoindustrie schuftet. Schließlich kehrt er nach Frankreich zurück und strandet als Armenarzt in einem Pariser Vorort.
Castorf bricht schon zu Beginn mit dem chronologischen Aufbau des Romans. Seine Reise beginnt auf der Überfahrt nach Afrika. Der Ausgangspunkt dieser Reise liegt im Inneren eines ausrangierten Krankenwagens, der irgendwo in einem Bretter- und Wellblechverschlag untergebracht ist und in dem eine hysterische Gesellschaft an einer afrikanischen Patientin herumdoktert. Krank und kaputt ist die Welt, in der das Morden des Ersten Weltkrieges noch im Gange ist und in welcher die eigentliche Apokalypse des Faschismus noch bevorsteht. Kaputt ist aber auch Afrika, das vom Kolonialismus beherrscht wird.
Aus dem Krankenwagen stürzen die Schauspieler voller Intensität auf die Bühne. Ein heilloses Szenengetümmel von nervösem Getrippel und heiserem Geschrei beginnt. Man springt von einer Rolle in die andere. Bibiana Beglau ist die entfesselte Hauptfigur, kurz darauf Spion, Arzt und Arbeiter. Aber auch Franz Pätzold, ein ungestümer Knabe, ist ebenfalls Bardamu und zugleich auch sein Widersacher. Und obwohl es sich von selbst erkennen lässt, dass auf der Bühne nicht hübsch die Chronologie der Ereignisse eingehalten wird, wendet sich Beglau irgendwann von der Rampe aus an das Publikum und betont: „Unsere Reise erfordert Fantasie! Brüche und Sprünge gehören hier dazu!”. Und so entlädt sich der Abend wie eine Irrfahrt auf der Bühne: Wirr und wild, laut und hektisch, anstrengend lang und unvermutet komisch. Eingestreut in die Textvorlage werden vertonte Heiner-Müller-Zitate, darunter der „Engel der Verzweiflung“, gesungen von der Sängerin Fatima Dramé, oder Passagen aus „Der Auftrag“, als harte Blues-Nummer, vorgetragen von Aurel Manthei.
„Reise ans Ende der Nacht“ überzeugt vor allem durch die Kraft des Ensembles. Mit großer Lust gibt es sich Szenen und Aktionen hin, bis sich Bibiana Beglau nach viereinhalb Stunden verträumt durch die gesamte Szenerie in den begeisterten Schlussapplaus tanzt. Wieviel Céline letztendlich von diesem Ereignis in Erinnerung bleibt, ist schwer zu sagen. An einen „Castorf“ erinnert man sich allemal. (David Winterberg)

Bibiana Beglau kämpft sich keuchend durchs Lager, wild getrieben, mit herunterhängender Hose und blechernem Toiletteneimer im Arm. Sie flieht vor der Meute ihrer Kollegen, um schließlich einen Moment Einsamkeit im Kaninchenstall zur Verrichtung ihres Geschäft zu finden. Doch auch hier bleibt kaum Zeit zum Verweilen, denn kurz darauf steht sie bereits voller Energie an der Rampe und zischt mit geschlossenen Zähnen: „Es lebe Frankreich!“ Sie ist rau und wild. Erst nach der ersten Stunde des Fiebertraums schlägt sie leise Töne an und kommt körperlich etwas zur Ruhe. In der Hängematte liegend, träumt sie sehnsüchtig davon, „dass all diese Tage ein Ende nehmen mögen“, und von einer Flucht aus diesem Dschungel, aus diesem Buschwerk, aus diesem Drehbühnenwahnsinn, auf den die goldenen Strahler niederbrennen. Ausweglos erscheint diese Reise, diese Irrfahrt eines Einzelkämpfers, dem Bibiana Beglau ihre Stimme und ihren Körper zur Verfügung stellt. Sie liefert ihren Körper förmlich aus, um dann versoffen und mit heiserer Stimme einzusehen: „Keiner hat Liebe zu verschenken dieser Tage.“ Sie klettert durch Backöfen, verbiegt ihren Körper, trägt die hohen Absätze, als wären sie Kriegsinstrumente. Sie kämpft, krampft und beißt sich durch den Abend – ja man sieht ihr den Ehrgeiz und die Anstrengung bis in die letzte Muskelfaser an. Doch manchmal wirkt das ein wenig zu verbissen, zu sehr gewollt. Und so wartet man oftmals auf die seltenen leisen Momente, in denen sie viel stärker ist, dort wo sie verletzlich ist. Wenn ihre Stimme abreißt, dann erreicht mich Bibiana Beglau mehr, als mit dem lauten Getöne. (Manuel Braun)

Britta Hammelstein ist in diesem wilden und überhitzten Castorf-Abend als liebessehnsüchtige Molly ein beharrlicher Gegenpol zu all den bitteren und kategorischen Absagen an die romantische Liebe. Mit ihrem ganzen Körper, ihrer kraftvollen Stimme, stemmt sie sich gegen den abgestumpften Zynismus, von dem sie umgeben ist. Sie will lieben und geliebt werden, um jeden Preis. In Leon (doppelt besetzt mit Aurel Manthei und Franz Pätzold) scheint sie jemanden gefunden zu haben, der ihr Verlangen stillen kann. Doch er ist ein ewig Suchender, nicht bereit, sich fest an sie zu binden. Gegen Ende des Abends eskaliert der Konflikt zwischen den beiden. Sie sitzen im Taxi, und Leon, mittlerweile regelrecht angewidert von ihrer Liebe, stößt sie ein weiteres Mal rüde von sich, raunt, dass er nichts mehr von ihr wolle, dass ihm alles egal sei. Die ungeschützte Verzweiflung, mit der Britta Hammelstein sich dann gegen diese ganze kalte „Scheiße” aufbäumt, ist sehr berührend und intensiv. Da ist jemand, gefangen in einem falschen Film, voller heißbrennender Liebe unter lauter Gefühlskrüppeln eingepfercht. In dieser Ausweglosigkeit greift Molly nun zur Waffe und schießt Leon nieder. Auch sie ist bereits so sehr vergiftet vom Kreislauf der Brutalität, dass ihr nichts anderes mehr einfällt als zu diesem fatalen Schritt zu greifen. In der kolonialistischen, rassistischen und hysterischen Welt, die Castorfs „Reise ans Ende der Nacht” beschreibt, findet niemand einen Fluchtpunkt. Alle Hoffnung scheint erloschen. Britta Hammelsteins Molly befragt diese Ausweglosigkeit mit aller Vehemenz und setzt dem all ihr Liebesverlangen entgegen, auch wenn der Kampf am Ende verloren gehen wird. Britta Hammelsteins Hingabe an das Ringen dieser Figur um die Liebe in einer kalten, unwirtlichen Welt ist beeindruckend. (Jannis Klasing)

Wo das andere Ende der Nacht liegt
Franz Pätzold war auf einmal da. Nach einer gefühlten Stunde Spielzeit stand er einfach auf der Bühne. Oder hatte ich ihn vorher nur nicht bemerkt, als das Ensemble in den Anfangsszenen gemeinsam lärmend, schreiend durch den Bretterverhau, den Abenteuerspielplatz für energiegeladene Schauspieler, jagte? Das Ipad auf meinem Schoß und unser Twitterexperiment nahmen zu Beginn des Abends den größten Teil meiner Aufmerksamkeit in Anspruch. Wir Twitterer saßen in der letzten Reihe, fünfzehn displayerleuchtete Gesichter. Und dann – nach Bibiana Beglaus Abgang durch die Waschmaschine – stand da auf einmal Pätzold als neuer Ferdinand Bardamu, oder Léon, oder eine Mischung, das wechselte in unberechenbaren Übergängen. Er switchte in rasanter Wendigkeit hin und her, zwischen den Rollen und in den Extremen der beiden Figuren. Der junge Pätzold, das Küken der Truppe, bildete den Gegenpol zur breitbeinigen Männlichkeit Aurel Mantheis und spann auf interessante Weise Beglaus Ferdinand weiter. Pätzold spielte Macker und Ekel: die Hände in den Hosentaschen, lässiges Zurückstreichen seiner Haare, unfehlbarer Ausdruck von Coolness und Mackertum. Eine kleine Wunde auf seinem nackten Oberkörper markierte ihn als gestandenen Krieger. Sein Gesicht allerdings entlarvte ihn als weniger abgebrüht – bei der Entlarvung halfen die Männer, die ihn auch gegen seinen Widerstand mit der Kamera verfolgten und oft so nah wie möglich auf sein Gesicht hielten. Ein schöner Bruch, der mich Bardamu so manchen unerträglichen Ausspruch – mit der Reproduktion von Rassismus und Sexismus wurde in dieser Inszenierung nicht gerade sparsam umgegangen – fast verzeihen ließ. Dann wieder war er nach ein paar flinken Runden durch die gezimmerten Räume mit unzähligen Ein- und Ausgängen oder Öffnungen, die kurzerhand dazu gemacht wurden, ein weinerliches Häuflein. Er krümmte sich in einer der vielen Ecken oder suchte als erblindeter Léon tastend, jammernd die schützende Nähe weiblicher Brüste. Eine Inszenierung, die mich ratlos am anderen Ende der Nacht zurückließ. So viel Energie auf der Bühne – da muss doch etwas Wichtiges gewesen sein, das mir entgangen ist.

PS: Nach der ganzen Kinderbuchdebatte des letzten Jahres, mit exzessivem Gebrauch des N-Wortes, gerne auch auf der Titelseite großer Zeitungen, verstehe ich nicht, warum es so vielen Menschen offensichtlich immer noch so schwer fällt, sich von ihrem lieb gewonnen Recht auf Überlegenheitsgesten in kolonialer Kontinuität zu trennen. Herr Castorf, was gibt Ihnen das? Fühlen Sie sich nur dann wild und frei, wenn Sie dem weißen Publikum mit rassistischen Witzchen ein paar Lacher abringen können?
(Hannah Wiemer)

Bon Voyage, das Leben ist ‘ne Reise. Steig einfach ein und es zieht seine Kreise. In turbulenten Kreisen schraubt sich die „Reise durch die Nacht” hoch. Ein Filmest, und es soll in weiten Teilen ein Film werden, zwischen kongolesischem Township und Detroiter Trailerpark, ist der üppig ausgestattete Austragungsort der Castorfschen Bühnenadaption von Louis-Ferdinand Célines Roman. Ein Roadmovie durch verschiedene Abgründe und Höhenflüge der Existenz, besonders den Facetten der Liebe und der Angst. Trotz hundert Jahre zwischen erzählter und Jetztzeit, ist es eine Konfrontation mit Klischees, die immer noch allzu aktuell sind.
Der Protagonist Ferdinand (Bibiana Beglau), dem wir nich als Soldat im Ersten Weltkrieg begegnen, sondern als Fremdkörper auf einem Schiff nach Afrika, springt durch die Welten: Im kongolesischen Dschungel, in Paris und plötzlich in den USA. Auf einer Leinwand flackert der erste Weltkrieg in einer Rückblende. Ferdinand, der immer wieder von seinem Gefährten Léon Robinson (Aurel Manthei, Franz Pätzold) unterstützt oder heimgesucht wird, irrt von der Angst getrieben durch die Welt. Alle Konstanten scheinen sich abzulösen. Ist Léon schizophren oder ein vielschichtiger, komplexer Charakter? Frank Castorf lässt seine Figuren jedenfalls nicht sie selbst sein, die Charaktere und Schauspieler springen untereinander wild umher. Das Spiel zieht sich oft in die kleinen Buden und Nischen zurück, um dann von mehreren Kamerateams, in oft penetranter Nahaufnahme, auf die Leinwand gebracht zu werden. Diese Nähe ist besonders hilfreich, um das reiche Mienenspiel auch in der letzten Reihe noch verfolgen zu können. Es bringt einen jedoch auch leicht um die Konzentration, wenn das Spiel parallel auf Bühne und Leinwand zu sehen ist. Dabei gibt es aber auch sehr schöne Momente, in denen nicht mehr die Kamera die Handlung verfolgt, sondern die Bühne selbst zum Gegenstand der Beobachtung wird. Die vielen, dekorativen Kleinigkeiten und Zitate an historische Ereignisse, die Aleksandar Denić (Bühne) und Adriana Braga Peretzki (Kostüm) eingebracht haben, erwecken die Lust, durch die Kulisse zu streifen und die Lieben zum Detail zu entdecken. (Felix Ewers)

Nathalie Frank hat eine Skizze von Regisseur Frank Castorf beim Publikumsgespräch angefertigt. Das Twitterexperiment wurde unter dem Hashtag #TTReise geführt. 

Beitragsbild: Matthias Horn

Die Berliner Zeitung ist Partner des Theatertreffen-Blogs.

Ada Blitzkrieg – Ein Interview über Theater und Wurstspezialitäten

Ada Blitzkrieg geht nicht ins Theater, denn sie ist ihre eigene Institution.
22.000 Menschen wollen täglich via Twitter an ihrem Leben und ihren Gedanken teilhaben. (Zur Orientierung, das sind soviele Follower wie die Follower der Twitteraccounts von Residenztheater, Münchner Kammerspiele, Schaubühne, Thalia Theater und der Bayerischen Staatsoper zusammen, wenn man ausschließen würde, dass es nicht eh überall die gleichen sind). Dazu kommen 5.000 bei Instagram und ein paar tausend zerquetschte auf Facebook. Sie trägt das Haar in mädchenhaften Zöpfen und hat kleine, zierliche Hände, mit denen sie ihre geistige Munition in die Tasten haut: Ada Blitzkrieg bloggt, hat zwei Bücher veröffentlicht und lebt mit Freund und Katze im Internet. Völlig aufgekratzt, ist sie den ganzen Tag damit beschäftigt, Kultur und Wahnsinn über das Internet zu konsumieren und erscheint selbst im Netz unumgänglich. Sie hat nahezu olfaktorisch ihr Revier markiert, und jeder, der ihr über den Weg läuft, will sie buchen, treffen, fotografieren und an ihr riechen.
Gehen Sie zum Beispiel einmal in die Redaktion des Grimme-Preis gekrönten Fernsehformats Circus HalliGalli und Sie werden feststellen, dass es dort niemanden gibt, der Name ihren Namen nicht kennt.

Aber keine Angst, liebe Theatergemeinde, wenn Sie nun panisch zusammenzucken, weil sie wieder etwas verschlafen haben, das macht nichts, denn sie hat von Ihnen genauso wenig gehört. Und das ist schade und ein großer Verlust für beide Seiten, denn noch vor zwanzig Jahren hätte man Ada vermutlich ständig in der Theaterkantine angetroffen. Denn dort hätte sie aufgrund ihrer Vorliebe für Sprache, Exzentrik, Geschichten, durchgeknallte Menschen, verrauchte Räumen und Wurstspezialitäten landen können. Doch Ada findet das Theater verstaubt. Wie kommt dieses Bild zustande? Warum kann sie sich beim besten Willen nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal im Theater war? Und was hat sie, was die Theater nicht haben?

Was hat Ada Blitzkrieg, was die Theater nicht haben?

Um dieser Sache auf den Grund zu gehen, habe ich mich mit ihr – natürlich aus rein journalistischem Interesse – auf eine Aufbackbrezel in ihrer Küche getroffen. Vorneweg sei gesagt: ein Treffen mit Frau Blitzkrieg zu arrangieren, ist in etwa so kompliziert wie eines mit Edward Snowden. Nur meiner Hartnäckigkeit und meinem Astralkörper ist es letztlich zu verdanken, dass ich plötzlich doch in ihrer Wohnung stand. Bevor ich ihr die erste Frage stellen konte, musste sie aber erst noch kurz das zweite Päckchen Schuhe an diesem Tag – und das siebte Paar in dieser Woche – vom Briefträger entgegennehmen. Eigentlich braucht sie keine Schuhe, sagt sie. Eigentlich benötigt sie gar keinen Besitz in ihrem Leben. Sie lacht hysterisch und sagt: „Wirklisch!” Als ich gerade versuche auf das Thema Theater zu sprechen zu kommen, hält sie mir den frisch erworbenen Second-Hand-Turnschuh unter die Nase und sagt: „Riech mal!”. Ich will nicht, streube mich, tue es dem Journalismus und der Theaterwelt zuliebe dann aber doch. „Wonach riecht es?”, will sie wissen. „Keine Ahnung”, sage ich.
Wonach riecht es denn für dich?

Ada Blitzkrieg: Ich rieche genau das Mädchen, das diese Schuhe vor mir getragen hat. Kennst Du solche Menschen, die einfach duften? Dieses Mädchen roch nach gepflegter Neubauwohnung mit Klicklaminat. Man entnimmt dem Fußbett dieser modischen Basketballschuhe olfaktorisch, dass die vorherige Besitzerin zwar unverkennbar ein Mensch sein muss, denn eine leichte Note süßlich-käsiger Fußgeruch wohnt ihm schüchtern inne. Dieser wurde allerdings durch den blütenfeinen Duft von Feinwaschmitteln und weichgespülten Sneakersöckchen mit Feinstickrand überdeckt. Ich kann weder Zigarettenrauch, noch den üblichen Geruch von Partybodenresten im Sohlenprofil riechen. Dieses Mädchen führt ein vorbildliches Leben. Es ist 25 oder 37, konsumiert gerne Vorabendserien und schreckt nicht davor zurück, ihre Schuhe zu einem fairen Preis bei „Kleiderkreisel” zu verkaufen, damit gierige Abgreifertypen wie ich ihre Naivität ausnutzen, lachend das Schnäppchen kaufen, um dann auch noch am Fußbett rumzuschnüffeln. Bestimmt heißt sie Lisa. Die blonde Lisa aus Baden-Württemberg.

Die Absenderadresse gibt aber deutlich an, dass die Verkäuferin weder Lisa heißt, noch aus Baden-Württemberg kommt. Aber das ist Ada Blitzkrieg egal. Sie erfreut sich an ihrer Vorstellungskraft. Ich frage sie, warum ihr so viele Menschen im Internet folgen. Sie sagt:

AB: Weil ich eine Person bin. Und eine fremde Person ist direkt vergleichbar mit der eigenen. Die Leistungsgesellschaft hat uns das Bedürfnis nach Vergleich ansozialisiert. Die Motivation mir zu folgen, differenziert sich an dieser Stelle in Gönner und Gegner. Einerseits folgen mir viele Menschen, die es als herrlich befreiend empfinden, wie schonungslos und offen ich mit meinem Versagen, meinen Ängsten, meinen Stärken, Prahlereien und meiner Scheide umgehe, andererseits folgen mir Menschen, die mich fürchten und ihre Angst vor meinem Erfolg, der nicht den ihnen bekannten Mechanismen der Leistungsgesellschaft unterliegt, in der Ablehnung meiner Person personalisiert haben. Machen wir uns nichts vor: ich bin faul, ich laufe viele Umwege und ich kenne mein Ziel nicht. Dies entspricht nicht dem allgemeinen Kodex von Leistung. Mein Erfolg, der sich dennoch einstellt, greift diesen Kodex an. Diese Gruppe Menschen folgt mir, um informiert zu sein, um mich klein zu machen und einen Kampf zu führen, von dem sie weder wissen, dass sie partizipieren, noch, dass sie ihn verlieren werden. Der anderen Gruppe von Followern spreche ich eher aus der „Seele”. Ich zerstreue ihre Ängste durch meine Person.

Was ist Theater?

Wir kommen nun endlich auf Theater zu sprechen. Ich erzähle Ada von ein paar Highlights der letzten tausend Jahre und was die Menschen dort so gemacht haben. Von ein paar großen Inszenierungen, von dem Wahnsinn und dem, was gegenwärtig so passiert. Ihre Augen beginnen ein bisschen zu leuchten und man merkt, dass sie neugierig wird. Interessante Ideen und Sichtweisen haben sie schon immer angefixt. Dennoch spüre ich die Skepsis. Und frage sie, was sie mir noch gestern auf die Frage „Was ist Theater?” geantwortet hätte. Ihre Antwort ist kurz und deutlich.

 AB: Theater ist eine Bühne; auf der von extrovertierten Lautmenschen, die auf mich wie zerhackte Kandinsky Bilder wirken, eine Sprache geschrien wird, die ich nicht verstehe.

Theater als Ort des Ausschlusses

Ich lasse nicht locker, da ich weiß, dass sie eine Vorliebe für Filme von Ulrich Seidl hat und zeige ihr daher einen kurzen Ausschnitt von „Fegefeuer in Ingolstadt. Was denkst du darüber?

AB: Schau, ich bin ein optischer Typ. Mein Blick fällt als erstes auf den Namen der Autorin, „Marieluise Fleißer”. War ja klar! Das ist ein Name, in dem schon in sich selbst sehr viel Mühe erkennbar ist. Der Code für eine bestimmte soziale Schicht. Ein Zeuge von bemühten Eltern, die ihrem Kind etwas „ermöglichen wollten”. Bildung. Theater. Ein klassischer Name in einer zeitlosen Kombination. Ich bin mir fast sicher, Marieluise hatte keinen Ali oder keine Peggy im Freundeskreis. Das Theater bleibt unter sich. Gehobene Schicht. Exklusiv und mit einem Anspruch an Bildung, Mehrwert, Erziehung, Berührung, Reflexion. Ein Vergnügen für eine privilegierte Schicht. Mühe. Kraft. Energie. Ich habe direkt das Gefühl, fremd zu sein. Nicht nur, dass mir die Sprache nicht zugänglich ist, trotz bester Bildung durch eine Klosterschule, nein, mir sind auch die Inhalte fremd. Das Publikum, die Beteiligten, die Art wie Emotionen dargestellt werden. Alle gehoben gebildet, alles Lehrerkinder oder Kinder von Theatermenschen. Meine Lebenswelt ist eine andere, gerade im Internet, wo ich mit den wüstesten Menschen konfrontiert werde. Hier bewegen sich alle. Die Barrieren der Teilhabe sind zwar auch vorhanden, aber leichter zu überwinden. Mutti und der nette Kebapverkäufer haben auch ein Facebook- oder Twitterprofil, aber ins Theater gehen sie nicht.  So wie ich es auch nicht tue, weil ich mich gerne in einer Realität bewege, deren Code ich dechiffrieren kann.
Ich sehe in diesem Ausschnitt von „Fegefeuer in Ingolstadt” eine große Anstrengung. Die Worte. Die Mimik. Ich weiß, man verlangt mir etwas ab. Ich bin in meinem Konsum nicht dazu bereit, eine Gegenleistung zu bringen. Das Bühnenbild, die Szenen und das Kostüm fesseln mich dennoch. Ich könnte den ganzen Tag die einzelnen Bilder hintereinander angucken. Verwachsene Frau mit bonbonfarbenem Blazer auf hartem Boden in einer Krankenhauslichtsituation. Das kriegt mich. Aber die ersten Worte verlieren mich wieder.

Theater als geistige Heimat

Und ich frage mich, wo und wann genau hat der Theaterbetrieb Ada Blitzkrieg verloren? Anscheinend hat ihr keiner gesagt, dass Marieluise Fleißer längst tot ist und zu einer Zeit lebte, in der Kebap noch nicht erfunden war. Es hat ihr keiner gesagt, dass es in „Fegefeuer in Ingolstadt” um ein streng katholisch erzogenen Schüler geht – und woher soll man das ohne einen einschlägigen Studiengang auch wissen?! Wir Theatermenschen werfen bedeutungsschwanger mit Begriffen und Namen um uns, die Ada nicht dechiffrieren kann und haben dadurch schon immer Menschen ausgeschlossen. Doch jetzt haben wir die Möglichkeiten, diese Dinge zu vermitteln. Das Internet wäre ein so schöner Weg um Ada den Mund wässrig zu machen, sie ein bisschen an die Hand zu nehmen, damit sie merkt, dass das Theater – neben geographischer Heimat in der Mitte einer Stadt  – auch eine geistige Heimat in der Mitte der Gesellschaft ist, sein, werden kann.

Ich habe ihr versprochen, dass ich ein Blog für sie anlegen werde, um interessante Theaterdinge zu sammeln  – und sei es nur manchmal ein wirklich gelungener Trailer, ein guter Hörbeitrag, Diskussionen, etwas, das von diesem ganzen wunderbaren Wahnsinn berichtet, den ich so sehr liebe. Ich will ihr virtuell mit der gleichen Begeisterung erzählen, wie ich das hier in ihrer Küche tue und nicht nur von einem einzigem Theater in einer Stadt, sondern Häuser und Szenen übergreifend. Vielleicht verlässt sie dann eines Tages ihr Versteck am Moskauer Flughafen, um auch das reale Theater kennenzulernen.

Manuel Braun sprach bei der Eröffnung des Theatertreffen-Camps über Ada Blitzkrieg und seine Erkenntnisse aus diesem Gespräch. Einen Liveblog mit seinen Aussagen finden Sie hier.
Die viel zitierte Inszenierung „Fegefeuer in Ingolstadt” wurde im Rahmen des Theatertreffens gezeigt. Sehen sie hierzu auch Jannis Klasings Kritik und Felix Ewers grafische Auseinandersetzung mit der Aufführung. 

Die Berliner Zeitung ist Partner des Theatertreffen-Blogs.

William Cohn sendet Grüße von der re:publica

Alle Jahre wieder! Aktuell findet sie wieder statt, die re:publica, die Konferenz rund um das Web 2.0.  Manuel Braun war dabei und traf dort William Cohn, die bekannte Stimme von Roche & Böhmermann und dem Neo Magazin. Im Rahmen der #neoSprechstunde besprach Cohn die Mailboxen von Konferenzteilnehmern.
Da er sich aber so selten selbst anruft, um in den Genuss von Cohns Stimme zu kommen, hat er ihn lieber gebeten, ein paar Worte zum Theatertreffen zu sagen. Deutlich erfreut — wer wäre es nicht nach der 27ten Bandansage — hat er sich zur Notwendigkeit von Theater und Kultur geäußert.
Danke, Mister Cohn!

„Onkel Wanja" – Zigarettenkritik

Nach der Vorstellung trafen sich Felix Ewers und Manuel Braun, um bei einer Zigarette kurz über das eben Gesehene zu sprechen.

Steckbrief zu „Onkel Wanja“ von Anton Tschechow
Regie: Robert Borgmann
Premiere: 27. Oktober 2013, Schauspiel Stuttgart
Handlung: Depression und Lethargie auf Onkel Wanjas Landgut
Anzahl der Neonsonnenstrahlen: 16
Rekord: Dehnung der Zeit

Kollektivbeitrag zur Konferenz „Theater & Netz"

Das TT-Blog-Orchester nahm geschlossen am zweiten Veranstaltungstag von Theater & Netz“ teil. Die Konferenz fand im Mai 2013 zum ersten Mal statt und wurde nun erneut von nachtkritik.de und der Heinrich Böll Stiftung organisiert. Nachdem die Zelte in Sascha Kriegers Bloggers’ Space neben den TT-Alumni-Bloggern Clemens Melzer und Eva Biringer (beide werden uns auch in diesem Jahr einen Beitrag schenken!) aufgeschlagen waren, mischte sich das Blog-Ensemble unter die #tn14-Crowd. Später gab es eine Redaktionssitzung im Bloggers’ Space und es wurde aus der Veranstaltung heraus gebloggt.
Wie es sich für ein Orchester gehört, ist die Äußerung zur Konferenz mehrstimmig:

Die „Theater & Netz“-Konferenz ist ja immer ein großes Klassentreffen.
Hier haben die ganzen Facebook- und Twitteraccounts der Theaterhäuser plötzlich ein Gesicht. Alles ist stets überschaubar, denn wir sind eine Nische in der Nische.
Über der Veranstaltung hängt natürlich eine große Ernsthaftigkeit und Nervosität der Branche, denn bereits die Panels kündigen von einem Umbruch mit Titeln wie „Strukturwandel des Theaters in der Netzgesellschaft“ oder „Theatraler Aktivismus in der digitalen Öffentlichkeit“. Das klingt ernst, ist es irgendwie auch.
Doch wie auch das Netz selbst, das neben ernsten Diskussionen und Informationen schon immer ein Raum für Unfug und Blödsinn war, gibt es auch hier vor Ort Katzenvideos und Eisbärenphotos. Und das ist auch gut so, damit man nicht vergisst, dass Twitter ein nettes Hobby ist. Ein Spiel. Aber nicht das Massenmedium, von dem so manches Haus hier träumt! Viel mehr wird einem hier bewusst, dass das Internet eine Spielwiese ist. denn wir Kreativen, Netzkinder – und vor allem Theatermacher – sind schon immer Spieler gewesen. Das Spiel ermöglicht uns einen kreativen Umgang mit unserer Umwelt und unseren Problemen und führt uns vielleicht einfacher und spielerischer zur Antwort auf die Frage, die hier alle umtreibt: wie geht das Theater mit dem Internet um?
Und um unseren Spieltrieb direkt vor Ort anzukurbeln, hat die Gesellschaft für Kulturoptimismus die Konferenz mit vielen bunten Ideen begleitet: Indem man sich Adorno Zitate auf die Haut schrieb, entlarvende Fotos von Stiftdiebstahl postete oder aus Lego und Knetmasse seine Theaterinszenierung des Jahres 2054 baute, konnten virtuelle Punkte angesammelt und zu einem Highscore ausgebaut werden.
Danke für eine tolle Konferenz, viele Impulse und Denkanstöße, und: Hey, das ist doch nur das Internet, das tut nichts, das will doch nur ein bisschen spielen.
(Manuel Braun)

Über das Panel 2: Helden des öffentlichen Auftritts – Theatraler Aktivismus in der digitalen Öffentlichkeit – Aktivistische Praxis
Helden des öffentlichen Auftritts
Auftritt Matthias Hartmann | per Video | Maschek als Stimmgeber | Christian Diaz erinnert an seinen Burg-Protest | „es war eine Mutprobe“ | eine performative virale Aktion? | Hartmann war extrem sauer | yes we scan | theatralischer Protest in der digitalen Öffentlichkeit | anti NSA | anti Prism | vom Checkpoint Charlie in die internationalen Medien | „weniger Theater, sondern bewusst Bilder als Vermittlung schaffen“ | nur die Kombination von alten und neuen Medien funktioniert | Dessauer Theaterkämpfer | Beggars Opera | André Bücket eröffnet Twitter-Account, um auf Kürzungen hinzuweisen | „Jetzt muss mal das Internet her“ | Pflöcke einschlagen im Sparkampf um Anhaltisches Theater | Krise als Teil der Theaterarbeit. (David Winterberg)

Über das Panel 3: Influence of the Crowd – Zumstrukturwandel des Theater in der Netzgesellschaft
Drei Aussagen zum Theater und Crowdfundig
Jens Best (Wikimedia, Startnext): 

Barbara Mundel (Intendantin, Theater Freiburg): 

Annemie Vanackere (Intendantin, Hebbel am Ufer): 
(aufgenommen von Nathalie Frank)

Influence of the Crowd

Foto

(Hannah Wiemer)

Die Berliner Zeitung ist Partner des Theatertreffen-Blogs.

 

„Das Internet ist keine Litfaßsäule"

TT-Blogger Manuel Braun mit „Das Theater ist keine Litfaßsäule” über das Theater und seinen ausbaufähigen Umgang mit dem Internet. 

Das Theatertreffen-Blog 2014 versucht in diesem Jahr erstmals alle schriftlich verfassten Texte auch als Audiobeiträge zu präsentieren.
Den vorliegenden hat die Schauspielerin Sandra Schreiber  freundlicherweise für uns eingelesen.