“Theater? Das ist wie Stonehenge.”

Dietmar Dath wäre nicht er selbst, hätte er uns im Interview bloß Auskunft über seine zum Theatertreffen eingeladene Bearbeitung von Ibsens „Ein Volksfeind“ gegeben. Es ging also um mehr. Um das Verhältnis von Technologie und Demokratie zum Beispiel, die (Un)Möglichkeit, das Wort „Lügenpresse“ zu benutzen, und darum, weshalb das Theater ihn an Stonehenge erinnert. Continue reading “Theater? Das ist wie Stonehenge.”

Willkommen in der Banalenrepublik

Supersuper-Mittwoch beim Theatertreffen: Gleich zwei Premieren parallel – hat es das schonmal gegeben? Im fernen Volksbühnen-Osten durfte man sich mit Herbert Fritsch in „der die mann“ einen Karl machen. Wer hingegen im Haus der Berliner Festspiele blieb, erlebte Stefan Puchers Versuch, Ibsens „Volksfeind“ in die Gegenwart digitaler Mediendemokratie zu verpflanzen. Unser Autor verrät, ob er den blauen Like-Daumen heben konnte. Continue reading Willkommen in der Banalenrepublik

The TT-bloggers on Ein Volksfeind

Heiner Müller, Shakespeare, Ibsen’s patriarchal issues, East German comedy, Fukushima, Haribo, “the modern marriage,” fascism, capitalism, communism, racism, and even the delay of the brand-new Berlin Airport were all brought up in the Publikumsgespräch following last night’s Ein Volksfeind. On stage, there were at least a dozen people who’d actually worked on the play talking about their take on it, and yet their answers never made any coherent sense; it was as if they’d all been working on different plays. First, I thought this was due to my lack of German skills, or perhaps those of my interpreter. But then one audience member quite simply asked director Lukas Langhoff what the play was about and Langhoff responded that “there is no one true meaning,” continuing on to say he did not want to “force any one theme or meaning onto the audience.”
Right. As we are now arguably living in a so-called postmodern era where any unitary truths have arguably disappeared, I could have swallowed the director’s response if he had succeeded in convincingly transcending any particular “truth.” However, after sitting in the auditorium of the Haus der Berliner Festspiele for two very long hours, I only got bits and pieces of the aforementioned random themes, and none of them fully persuaded my mind or reached my soul. The only thought that constantly came back to my mind was: Too many cooks spoil the broth.
This is why I decided to write this article “collectively.” That is, I asked all the TT-blog contributors present after the performance to provide their opinion on how “the soup tasted,” or what they perceived to be the play’s meaning. See if we can’t make sense of this together: Continue reading The TT-bloggers on Ein Volksfeind

Premierenkritik: In welcher Welt leben wir eigentlich?

Badearzt Dr. Stockmann (Falilou Seck) kommt in Lukas Langhoffs Inszenierung von Ibsens „Volksfeind“ im Glitzerfrack auf die Bühne und spielt mit einem Klischee: dem des nur gebrochen deutsch sprechenden Migranten, der aber, „nix Heimreise!“, bleiben will. Doch schnell entwickelt sich seine Sprechfähigkeit und er rezitiert Heiner Müller. Das war es dann auch schon mit der Figurenentwicklung, der Rest der Personenführung ist und bleibt eindimensional: Redakteur Billing (Konstantin Lindhorst) trägt Vokuhila und man weiß: Der ist ein bisschen doof. Buchdrucker und Vertreter der Hauseigentümer, Aslaksen (Simon Brusis) macht seltsam große Schritte und man weiß: Der ist auch ein bisschen doof. Dr. Stockmanns Tochter Petra (Marleen Lohse) brüllt durchgehend und hat eine Vorliebe für Arbeiterlieder und Tocotronic, und Frau Stockmann putzt gerne. Mehr gibt es nicht zu erfahren. Continue reading Premierenkritik: In welcher Welt leben wir eigentlich?

Das Othello-Problem

Beim Theatertreffen feiert heute Henrik Ibsens Ein Volksfeind” in der Regie von Lukas Langhoff Premiere, mit dem französch-senegalesisch-stämmigen Falilou Seck in der Rolle des Badearztes Stockmann. Stockmann ist Migrant im eigentlichen Sinne: ein Zugereister nämlich. Zum Fremdkörper im Dorf wird er aber nicht durch seine Herkunft, sondern durch seine aufdeckerischen Tätigkeiten – diese Rolle mit einem nicht-weißen Schauspieler zu besetzen, gibt dem Gesellschaftsdrama eine weitere Bedeutungsebene: „Fremd für die anderen wie für sich”, heißt es in der Jurybegründung.

Falilou Seck als Badearzt Stockmann in Lukas Langhoffs Inszenierung. Foto: Thilo Beu

Der Schauspieler Seck ist kein Theatertreffen-Neuling: Schon 2001 war er in „Das Fest“, in der Regie von Michael Thalheimer zu Gast in Berlin. Michael Thalheimer ist übrigens gerade Teil der Blackfacing-Debatte: In seiner Inszenierung von Dea Lohers „Unschuld“ am Deutschen Theater in Berlin geht es unter anderem um zwei afrikanische Einwanderer. Diese werden von weißen Schauspielern gespielt, die schwarzgemalte Haut und dicke rot geschminkte Lippen zur Schau tragen (Bilder hier). Die Kritiken waren gemischt, gemeinsam haben sie nur eines: in keinem wurde auf die klar rassistische Tradition des Blackfacings hingewiesen. Sowohl im Falle der Inszenierung als auch bei der Berichterstattung zeigt sich hier ganz klar: Das Bewusstsein und das Wissen um die Problematik und die Kontextualisierung des Blackfacings fehlte. Continue reading Das Othello-Problem

Wieso der schon wieder? Zur Aktualität von Ibsen.

Henrik Ibsen ist quasi einer der „Hausautoren“ des Theatertreffens. Statistisch gesehen ist er jedes zweites Mal mit von der Partie. Insgesamt 25 Mal war eines seiner Stücke eingeladen (zum Vergleich: Spitzenreiter ist Shakespeare mit 42 Mal, dann folgen Schiller 36, Tschechow 27, Brecht 16 und Goethe 14 Mal). Vor „unserer“ Zeit beim TT nahmen sich seiner die ganz großen Namen an: Peter Stein, Peter Zadek (der gleich vier Mal!), Hans Neuenfels. In diesem Jahr widmen sich ihm Vegard Vinge und Lukas Langhoff.

"Man bittet, nicht über Ibsen zu sprechen" - frei nach Hans Neuenfels. Grafik: Paul Sturminger und Magdalena Hiller

Genug mit schnöder Statistik. Warum ist das so? Was begeistert seit nunmehr fast 150 Jahren die Theaterwelt an Nora, Hedda, Peer und all den anderen? Warum werden Regisseure seiner Stücke nie müde? Historische Hintergründe zur andauernden Beliebtheit von Ibsen liefert Ivan Nagel in seinem Essay „Zur Geschichte der Interpretation“: Parallel zur Industrialisierung wurden auch im Theaterbetrieb Ende des 19. Jahrhunderts die Aufgaben neu verteilt: Die Dramatiker rückten wieder näher an den Theaterbetrieb heran, verbündeten sich mit den Regisseuren der führenden Kompanien. Bis dato waren Stücke oft nur zum Zwecke ihrer Uraufführung geschrieben worden, von Schauspielern, Regisseuren und Intendanten in Personalunion, um dann wieder zu verschwinden. Ibsen hingegen schaffte es, dass sein erstes „Gegenwartsschauspiel“ in Prosa, „Die Stütze der Gesellschaft“ binnen eines Jahres nach der Erstaufführung 1877 an 27 deutschsprachigen Theater in ebenso vielen verschiedenen Inszenierungen aufgeführt wurde. Von dieser Zahl können auch heutige Gegenwartsdramatiker nur träumen.
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