DIE NACHT DES 7. MAI

Es gab die Eröffnungsveranstaltung “Kasimir und Karoline” und es gab die Ansprache von Jack Lang. Beide erhielten gleich starken Applaus. Vor allem machte Lang sein Versprechen, “die deutsche Sprache zu malträtieren”, nicht wahr. Im Gegenteil, seine Aussprache war charmant und nahm für ihn und die deutsche Sprache ein. Das versicherten mir auch viele tt-Besucher, die sich durch den Kies an den Skihütten vorbei mühselig ihren Weg bahnten. Mir machte das Freude, weil ich die Idee hatte, ihn aus Paris, Place des Vosges, an die Schaperstraße zu locken. Die wichtigste Botschaft seiner Rede, nämlich ihn möglichst rasch zum ersten deutsch-französischen Kulturminister zu machen, ging allerdings unter. Die Festversammlung klatschte an anderen Stellen, zum Beispiel, als er sagte, dass die ideenlosen Politiker auf gar keinen Fall an der Kultur und am Theater sparen dürften. Das war eine richtige, ja unverzichtbare Aussage, aber warum hatten wir kein Sensorium für die wirklichen Visionen in seiner Ansprache? Dann kam die Aufführung des Schauspiel Köln. Man konnte sie, neben allem Künstlerischen, auch erleben als dringend nötige Legitimation für den Subventionsbetrieb.

3 thoughts on “DIE NACHT DES 7. MAI”

  1. hm, jetzt mal ehrlich: das ist hier aber ganz schlimmes beamten-gesäusel, was der intendant da hingeschrieben hat, oder? wenn es das klischee vom kulturpolitischen bla-bla nicht gäbe, hier hätte man es. puh, wirklich: das ist derart schlicht und lobbyismus vollgesoffen, dass es vielleicht noch für klärchen müller ok wäre, aber für den intendanten der festspiele? oh weh.
    hat den text eigentlich jemand redigiert? Ein Satz wie “Beide erhielten gleich starken Applaus” ist sehr sehr peinlich aus dem Munde des Chefs der Veranstaltung.

  2. In den oberen Rängen gab es durchaus augenzwinkernd Applaus für die deutsch-französischen kulturpolitischen Posten! Ich habe diesen Vorschlag als eine Anregung für mehr Bilateralität verstanden und fand es sehr erfrischend, dass es mal weniger darum ging, “Europa eine Seele zu geben” (auch wenn dieser Begriff auch bei Jack Lang nicht fehlte), sondern eher darum, die nachbarschaftlichen Kulturbeziehungen zu stärken. Man müsste das eben in alle Richtungen denken: nach Österreich, nach Polen, in die Niederlande, nach Dänemark, etc.

  3. Hallo franzose,

    vielen Dank für Ihren Kommentar zu meinem letzten Blogeintrag. Faszinierend an der Blogosphäre finde ich, dass sie schnell, reaktiv und demokratisch sein kann. Mein Traum sind Texte, die von ihrer Form her keine Leitplanken haben. In denen soziale und gesellschaftliche Vorgaben, Ort, Zeit, Umstände, die oft falsche Rücksichten produzieren, keine Rolle spielen. Veranstaltungen wie das Theatertreffen sind für so etwas nämlich anfällig.

    Wenn ich als Joachim Sartorius und gleichzeitig als Intendant der Berliner Festspiele blogge, begebe ich mich natürlich auf unsicheres Terrain, doch genau das macht mir Vergnügen.

    Aber: wenn es keine Wegweiser gibt, wie ein Text verstanden werden muss, dann kommt es auf die Fähigkeit der Lesenden an, einen Text verstehen zu können. Also auch auf Ihre Fähigkeit, zwischen den Zeilen zu lesen, Doppeldeutigkeit und Ironie verstehen zu können. Ihren Kommentar bekomme ich beim besten Willen nicht mit meinem Text zusammen. Denn ich weise ja gerade darauf hin, dass es einen Unterschied gibt zwischen Lobbyismus (von Funktionären und Politikern z.B.) und Legitimation (durch das unmittelbare erfahrbare künstlerische Ereignis). Dass Sie sich über meine Bemerkung zum Applaus mokieren, zeigt mir aber, dass Sie wenigstens ahnen, dass es absurd ist, beide Arten von Beifall miteinander zu messen.

    Allen Ernstes: Ich finde, die Blogosphäre sollte Viel-Falt, Viel-Deutigkeit von Texten pflegen und kultuvieren – und sich ganz schnell von der Praxis der Abfälligkeit, der rasch dahin geschriebenen und unbegründeten Unterstellung, verabschieden.

    Mit freundlichen Grüßen
    Joachim Sartorius

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