Warum Theater?

Der Theatertreffen-Blog stellte während der gesamten Festivalzeit Theatermachern und -gängern die Frage “Warum Theater?” auf einem weißen Blatt Papier und bat darum, diese vor Ort, mit Stift, schnell und ohne lange Überlegungszeit zu beantworten. Das stieß bei manchen auf Ablehnung (“blöde Frage”, “nicht in so kurzer Zeit”, “Fragen Sie das doch nicht mich, ich mach doch selbst Theater”), bei anderen auf spontane, mal ernste, mal witzige Einfälle. Ein Zettelkasten, unter anderem mit Zeichnungen von Christoph Marthaler, Ulrich Matthes und Karin Beier. (Mehr davon? Der Blick aufs Theater von heute aus der Zukunft gesehen: Future Archive of Theatre). Continue reading Warum Theater?

Stückemarkt: Die Gewinner

Die Gewinner des diesjährigen Stückemarkts stehen fest:

Förderpreis für neue Dramatik des tt Stückemarktes: Claudia Grehn mit ihrem Stück “Ernte”

Werkauftrag des tt Stückemarktes: Wolfram Lotz (Autor “Der große Marsch”)

Theatertext als Hörspiel: Julian van Daal mit seinem Stück “Alles ausschalten”

Publikumspreis 2010 des tt Stückemarktes: Wolfram Lotz mit seinem Stück “Der große Marsch”

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Fürchterliche Folgerichtigkeit

Stephan Kimmigs Inszenierung von Dennis Kellys “Liebe und Geld” kam in der Nachtkritik meiner Mit-Bloggerin Judith Liere eher mäßig weg: Anlass für die Verteidigung eines sehr wohl in mehrerlei Hinsicht bemerkenswerten Abends.

Irgendwo, in der Ferne, die andere Möglichkeit: Daniel Hoevels und Susanne Wolff in "Liebe und Geld". Foto: Arno Declair.

Zu den besten Theaterabenden gehören zweifelsohne jene, an denen die unsichtbare Präsenz einer anderen Möglichkeit auf so bittere und schmerzliche Weise spürbar wird, dass die Theater-Erfahrung zu einem Kampf mit den Tränen wird. Die erdrückende Last des Nicht-Sichtbaren ist oft in ganz banalen, ganz unspektakulären Momenten am stärksten: Was dann gern als haltungslos, unterkühlt oder distanziert vorverurteilt wird, entpuppt sich bei zweitem Hinsehen vielmals als in hohem Maße kritisch und parteiergreifend.

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Diese grässliche, wunderbare Wirklichkeit

Von der berühmten Regisseurin Andrea Breth (9 Einladungen zum Theatertreffen) erzählt man sich eine Geschichte: während eines langen, zermürbenden Probenprozesses ist sie einmal völlig erschöpft und zitternd auf die Probe gekommen. Die anwesenden Mitarbeiter überraschte sie mit dem Geständnis, sie sei heute mit der U-Bahn gefahren. Continue reading Diese grässliche, wunderbare Wirklichkeit

Bunt, dreckig und ohne Moral

Karin Beiers Bühnenadaption von Ettore Scolas bitterböser Commedia all’italiana “Brutti sporchi e cattivi”, die unter dem Titel “Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen” Anfang des Jahres am Schauspiel Köln zur Premiere gebracht wurde, wird heute Abend zum ersten Mal im Haus der Berliner Festspiele gezeigt. Der Film, der der Inszenierung zugrunde liegt, spielt in Rom.

Hoch oben über der Stadt, den Petersdom stets im Blick, hausen sie, die Hässlichen, die Schmutzigen, die Gemeinen. Jenseits der öffentlichen Wahrnehmung leben der Patriarch Giacinto (Nino Manfredi) und seine unzähligen Familienangehörigen in einer schmutzigen Bruchbude auf kleinstem Raum, verdienen ihr Geld mit Diebstahl, Prostitution und der schmalen Rente der Großmutter und zerfleischen sich gegenseitig, bisweilen sogar im wahrsten Sinne des Wortes. In ihrer Moral-, Hemmungs- und Sittenlosigkeit sind die bunten und dreckigen Gestalten, die Ettore Scolas Film “Brutti sporchi e cattivi” (1976) besiedeln, der Bild gewordene Alptraum einer westlich-zivilisierten Gesellschaft – und zeitgleich deren logische Konsequenz: Wie der Müll der Großstadt, den die oft bis ins Absurde überzeichneten Figuren durchwühlen, sind auch sie selbst personifiziertes Abfallprodukt eines bürgerlich-kapitalistischen Verdrängungsprozesses, sind sie die wandelnde Schattenseite einer bis zur Negation der menschlichen Natur durchzivilisierten Gesellschaft. Continue reading Bunt, dreckig und ohne Moral

“Da gärt ‘ne ganze Menge!”

Ekat Cordes, Autor und Regisseur, nimmt am diesjährigen Stückemarkt mit seinem Stück “Ewig gärt” teil, das gestern in einer szenischen Lesung vor Publikum präsentiert wurde. Wir sprachen mit ihm über sein Verhältnis zu Horrorfilmen, über Gärungsprozesse und über die Frage, ob und wie Theater den Menschen die Augen öffnen kann.

Stets auf der Suche nach neuen Formen und Ausdrucksweisen: Der Autor Ekat Cordes. Foto: Kim Keibel

Kai Krösche: In Ihrem Stück kommen sowohl in Bezug auf stilistische Mittel als auch auf Aspekte der Erzählweise Elemente vor, die man sonst eher aus dem Genrekino, vor allem dem Horrorfilm kennt. Wie kommt es dazu?

Ekat Cordes: Das Horrorgenre hat mich schon seit meiner Kindheit geprägt – meine Mutter hat immer sehr gern Horrorfilme geschaut, weil sie sich dabei aber so fürchtete, musste ich immer mitgucken. Eigentlich hätte ich mir die Augen zuhalten sollen, aber das hab ich natürlich nicht gemacht – und so schau’ ich eigentlich schon Horrorfilme, seit ich sechs Jahre alt bin. Ich denke, dass kaum ein Genre so starke Möglichkeiten bietet, auf kreative Weise sehr reale, grausame und auf dem Theater im Grunde kaum darstellbare Probleme auf kritische Weise in künstlerisch überhöhte und gleichzeitig beunruhigende Bilder zu übersetzen. Continue reading “Da gärt ‘ne ganze Menge!”

Großes Theater, was nun?

Vor zweieinhalb Jahren ging Lehman Brothers pleite, die Theaterwelt protestierte kürzlich gegen die Schließung des Schauspielhauses Wuppertal, die Bundesregierung hat soeben die Milliardenhilfen für Griechenland durchgeboxt. Und auf dem Theatertreffen wird einem unbestimmten Krisengefühl stattgegeben.

Es stimmt schon, das Theatertreffen steht im Zeichen der Krise. Doch die Krise, die dieses Theater widerspiegelt, ist zur Lebenskrise ausgewachsen. Es geht um dieses mulmige Bauchgefühl, um Unsicherheiten und Ängste. Nicht um die großen ökonomischen Fakten. Das Private ist politisch. Liebesbeziehungen scheitern wegen Geld. Das ist bei Horváths Kasimir und Karoline so. Das ist bei Falladas Pinneberg und seinem Lämmchen so. Das ist bei David und seiner Frau so, in dem Stück des Briten Dennis Kelly, das auch noch “Liebe und Geld” heißt.

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“This must be so boring for you!”

“Life and Times – Episode 1”, eine Produktion der New Yorker Company “Nature Theatre of Oklahoma” für das Burgtheater Wien, spaltete das Publikum am zweiten Abend des Theatertreffens. Aber wieso? War es die beschwingte Musicalattitüde oder die uneingängige Konsequenz der Konzeptkunst?

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DIE NACHT DES 7. MAI

Es gab die Eröffnungsveranstaltung “Kasimir und Karoline” und es gab die Ansprache von Jack Lang. Beide erhielten gleich starken Applaus. Vor allem machte Lang sein Versprechen, “die deutsche Sprache zu malträtieren”, nicht wahr. Im Gegenteil, seine Aussprache war charmant und nahm für ihn und die deutsche Sprache ein. Das versicherten mir auch viele tt-Besucher, die sich durch den Kies an den Skihütten vorbei mühselig ihren Weg bahnten. Mir machte das Freude, weil ich die Idee hatte, ihn aus Paris, Place des Vosges, an die Schaperstraße zu locken. Die wichtigste Botschaft seiner Rede, nämlich ihn möglichst rasch zum ersten deutsch-französischen Kulturminister zu machen, ging allerdings unter. Die Festversammlung klatschte an anderen Stellen, zum Beispiel, als er sagte, dass die ideenlosen Politiker auf gar keinen Fall an der Kultur und am Theater sparen dürften. Das war eine richtige, ja unverzichtbare Aussage, aber warum hatten wir kein Sensorium für die wirklichen Visionen in seiner Ansprache? Dann kam die Aufführung des Schauspiel Köln. Man konnte sie, neben allem Künstlerischen, auch erleben als dringend nötige Legitimation für den Subventionsbetrieb.