Seit Jahren beschäftigen Sie sich mit Ihrer Familiengeschichte: Wissen Sie überhaupt noch, was wahr ist und was nicht?

Wir haben die Regisseure der zum tt09 eingeladenen Inszenierungen um einen kurzen Blog-Beitrag gebeten, indem wir ihnen eine Frage stellten. Joachim Meyerhoff, Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters seit 2005, gibt Einblicke in seine Erfindung der Wahrheit.

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Wer sich erinnert, kann etwas erzählen: Joachim Meyerhoff in "Alle Toten fliegen hoch Teil 3" am Burgtheater Wien. In Berlin bringt er alle drei Teile zusammen auf die Bühne. Foto: Reinhard Werner

Natürlich weiß ich ganz genau, was wahr ist und was nicht. Aber was das nun für eine Wahrheit ist, die ich für die tatsächliche halte, und was das für eine Unwahrheit ist, die ich für die erfundene halte, das weiß ich oft nicht. Ich habe für mich herausgefunden, dass sich meine Erinnerungen aus völlig unterschiedlichen Wahrheitsarten zusammensetzen. Der faktischen Wahrheit, die sich in unabänderlichen Tatsachen manifestiert – allen faktischen Wahrheiten voran der Tod geliebter Menschen und auch der eigene Tod, als unfassbare, absolute Wahrheiten. Dann gibt es aber auch noch eine atmosphärische Wahrheit. Meine Erinnerungen an bestimmte Stimmungen, Orte, Menschen, und eben sehr wichtig: die erfundene Wahrheit.

Oft bin ich mir sicher, dass das, was ich erfinde, vollkommen der Wahrheit entspricht, ich es aber leider vergessen habe. Mich mit diesem Vergessen abzufinden, die Erinnerungslücken zu akzeptieren, fällt mir schwer. Daher die Lust, aber auch der Zwang, die Grenze zwischen dem, was allgemein wahr und unwahr genannt wird, zu verwischen und nach einer eigenen Definition von Wahrheit zu suchen. Es mag eigenartig klingen, aber nur durch das Erfinden von Vergangenem, sehe ich mich in der Lage, mein Erinnern zu retten.

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