Bemerkenswert gut gestimmt

Es wurde gearbeitet, bis spät in die Nacht, es wurde zu jeder Tageszeit geschnitten, geschrieben, fotografiert, gefilmt und produziert, es wurde gefeiert, es wurde diskutiert und geplant. Der Theatertreffen-Blog, der in diesem Jahr zum ersten Mal die tt-Festivalzeitung ersetzte, begleitete das Theatertreffen 2009 in Text, Bild und Ton, mit Fotogalerien, Audioporträts, Nachtkritiken, Interviews, Beziehungstipps, einem ABC und sogar Selbstkomponiertem. Zum Abschluss des Festivals zieht die Blog-Redaktion Bilanz.

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Bis in die frühen Morgenstunden sorgte Blogger Johannes Schneider mit Ukulele und Köl'scher Mundart für Gruppenharmonie: bemerkenswert. Foto: Jan Zappner

Eine gewaltige Überdosis

Die Sicht durch ein beeindruckendes Riesenauge auf einen persönlichkeitsgespaltenen Josef K.. Die Kraft einer Birgit Minichmayr, mich allein mit ihrer Stimme von der Probebühne zu fegen. Eine bezaubernde Maren Eggert, die in der warmen Abendsonne sanft strahlte. Unser Mentor, der akribisch die maßlose Nutzung von Adjektiven abmahnte. Ein bemerkenswertes Team, in dem Streit nicht Untergang und Party nicht Ausschlafen bedeutete. Und – Continue reading Bemerkenswert gut gestimmt

Drei Fragen an Martin Kušej

Wir haben die Regisseure der zum tt09 eingeladenen Inszenierungen um einen kurzen Blog-Beitrag gebeten, indem wir ihnen eine Frage stellten. Der 1961 in Kärnten geborene Martin Kušej erklärt, warum er den österreichischen Autor Karl Schönherr ablehnt, aber doch spannend findet.

Der Weibsteufel, Burgtheater Wien. Foto: Georg Soulek
Das Spiel mit Naturgewalten: Birgit Minichmayr (Weib), Nicholas Ofczarek (Junger Grenzjäger) in "Der Weibsteufel", Burgtheater Wien. Foto: Georg Soulek

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Wie wiederholen sich Revolutionen im Theater?

Wir haben die Regisseure der zum tt09 eingeladenen Inszenierungen um einen kurzen Blog-Beitrag gebeten, indem wir ihnen eine Frage stellten. Volker Lösch, der mit seiner “Marat“-Inszenierung einen Skandal in Hamburg hervorrief, kritisiert den Begriff der Theaterrevolution.

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Lasst Wahlplakate regnen: Volker Lösch und sein "Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?" vom Schauspielhaus Hamburg. Foto: A. T. Schäfer

im theater wiederholen sich keine revolutionen
da es im theater weder revolutionen gab
noch jemals revolutionen geben wird
dem theater ist alles revolutionäre grundsätzlich fremd
da es sich ausschließlich
mit repräsentativem beschäftigt
es gilt die unausgesprochene abmachung
dass revolutionen nur gespielt
und eben nicht gemacht werden
revolutionen verändern das was ist radikal
und das möchte im theater niemand
die theaterrevolution
ist also eine reine erfindung der presse

How do revolutions repeat themselves in the theatre?

We asked the directors of all the invited productions that will be part of tt09 for a short
article in our blog and put a question to them. Volker Lösch, director of the “Marat”-production that caused a scandal in Hamburg, criticises the term “theatre-revolution”.

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Staged revolution! The choir from Volker Lösch´s production “Marat- or what has happened to our revolution?”

In theatre, there are no revolutions repeating themselves
As there neither have ever been revolutions
Nor will there ever be revolutions in the theatre
Everything revolutionary is basically alien to theatre
Because it only ever deals with
The representative
There is an silent agreement
That revolutions are only ever staged
And even not made for real
Revolutions change that what exists radically
And no-one in the theatre wants that
The theatre-revolution then
Is only a figment of illusion by the press

For years you have been dealing with the history of your family: can you still tell what the truth is and what isn´t?

We asked the directors of the invited productions of tt09 for a short blog-article by putting a question to them.
Joachim Meyerhoff, member of the Vienna Burgtheater since 2005, offers insights into his invention of truth.

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Of course I know exactly what the truth is and what isn´t. But what the truth is which I consider real and what the untruth is which I consider invented, that´s what I often don´t know. I´ve found out for myself that my memories consist of completely different kinds of truths. The factual truths, manifesting themselves in irrevocable facts, above all the death of people I love or my own death, as unfathomable, absolute truths. But then there is an atmosheric truth too. My memories of certain moods, places, people, and then, very important: the invented truth.

Very often I am sure, that what I invent corresponds absolutely with the truth, but unfortunately I forgot all about it. To come to terms with this forgetting, to accept the gaps in my memory I find very hard. This is very my pleasure, but also the nessecitation derive from to smudge the line between what is generally called true and false and to look for my own definition of truth. It may sound strange, but only by inventing the past I seem to be able to rescue my memory.

Between seasons

Christoph Marthaler´s production of „Das Theater mit dem Waldhaus“ („Theatre with the House in the Forest“) which was invited for tt09 was rewarded already in March in the Artist´s hotel in Maria-Sils.
An excerpt from the director´s speech on the occasion of his 12th tt-reward.

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Meeting the family: "Das Theater mit dem Waldhaus" by Christoph Marthaler at the Hotel Waldhaus in Sils-Maria. Foto: Dorothea Wimmer

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Three Questions for Martin Kušej

We asked the directors of the invited productions of tt09 for a short blog-article by putting a question to them. Martin Kušej, born in Kärnten in 1961, explains, why he rejects the Austrian author Karl Schönherr but nevertheless considers him interesting.

Birgit Minichmayr (Weib), Nicholas Ofczarek (Junger Grenzjäger) in "Der Weibsteufel", Burgtheater Wien. Foto: Georg Soulek
Birgit Minichmayr and Nicholas Ofczarek in "Der Weibsteufel", Burgtheater Wien. Foto: Georg Soulek

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Seit Jahren beschäftigen Sie sich mit Ihrer Familiengeschichte: Wissen Sie überhaupt noch, was wahr ist und was nicht?

Wir haben die Regisseure der zum tt09 eingeladenen Inszenierungen um einen kurzen Blog-Beitrag gebeten, indem wir ihnen eine Frage stellten. Joachim Meyerhoff, Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters seit 2005, gibt Einblicke in seine Erfindung der Wahrheit.

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Wer sich erinnert, kann etwas erzählen: Joachim Meyerhoff in "Alle Toten fliegen hoch Teil 3" am Burgtheater Wien. In Berlin bringt er alle drei Teile zusammen auf die Bühne. Foto: Reinhard Werner

Natürlich weiß ich ganz genau, was wahr ist und was nicht. Aber was das nun für eine Wahrheit ist, die ich für die tatsächliche halte, und was das für eine Unwahrheit ist, die ich für die erfundene halte, das weiß ich oft nicht. Ich habe für mich herausgefunden, dass sich meine Erinnerungen aus völlig unterschiedlichen Wahrheitsarten zusammensetzen. Der faktischen Wahrheit, die sich in unabänderlichen Tatsachen manifestiert – allen faktischen Wahrheiten voran der Tod geliebter Menschen und auch der eigene Tod, als unfassbare, absolute Wahrheiten. Dann gibt es aber auch noch eine atmosphärische Wahrheit. Meine Erinnerungen an bestimmte Stimmungen, Orte, Menschen, und eben sehr wichtig: die erfundene Wahrheit. Continue reading Seit Jahren beschäftigen Sie sich mit Ihrer Familiengeschichte: Wissen Sie überhaupt noch, was wahr ist und was nicht?