Tableaus des Übergangs

„Das Theatertreffen ist keine Coca-Cola-Formel“: Die Eröffnungsrede von Festspiele-Intendant Dr. Thomas Oberender zum Nachlesen.

„Das Theatertreffen ist keine Coca-Cola-Formel“: Die Eröffnungsrede von Festspiele-Intendant Dr. Thomas Oberender zum Nachlesen.

 
Die zurückliegende Saison war künstlerisch außerordentlich fruchtbar und zugleich die mit den lebhaftesten Debatten seit langem. Sie erinnern sich: Die „Stadttheaterdebatte“, die um den Grenzgang der Münchner Kammerspiele entbrannt ist; die Debatte um das Intendantenmodell, ausgelöst von umstrittenen Berufungen, rigorose Entlassungen und Klage- bzw. öffentlichen Kündigungsschriften von Schauspielern und Starschauspielerinnen; es gab eine Debatte um den sich abzeichnenden Systemwechsel an der Volksbühne oder beim Staatsballett, die von offenen Briefen des Ensembles und der Werkstätten begleitet wurden; eine Debatte um Systemschwächen – Stichwort Gagengerechtigkeit, Mitarbeiterschutz, Berufungsverfahren, oder den Streit um die Entgleisungen einer schwulenfeindlichen Theaterkritik, auf die Ulrich Khuon für den deutschen Bühnenverein mit bewegenden Worten reagiert hat. Die Auseinandersetzung mit all diesen Fragen führen wir beim Theatertreffen unterschiedlichen Stellen fort.

Seit Jahrzehnten entwickeln Theaterkünstler wie Rimini Protokoll, Kay Voges oder machina ex eine partizipative Ästhetik, die von den Erzähl- und Erlebnishaltungen des digitalen Zeitalter geprägt ist. Zurückschauend sehen wir, dass Partizipation und Empowerment in dieser Saison nicht nur eine Sache des Spielplans war, sondern eine des Spielbetriebes selber wurde – es geht um neue Rechte, um mehr Rechte, um Mitbestimmung. Die Kollegen und Kolleginnen halten nicht mehr still, Gerechtigkeit wird öffentlich eingefordert.
Es entstanden neue Vernichtungs- und Solidarisierungsformen wie das ensemble-netzwerk, das Selbstverpflichtungspapier von „art but fair“ oder das Manifest der Initiative neuer Zirkus – sie haben die Debatte um betriebliche Bedingungen, Transparenz, neue Infrastrukturen und Mindeststandards in dieser Saison sehr stark geprägt.

Tableaus des Übergangs

Es ist eine Basisdebatte – sie kam aus der Mitte eines gestressten Systems. Und sie trifft sich interessanter Weise mit einer anderen Herausforderung unseres Systems: Die Debatte um neue Rechte war zugleich eine Debatte um und gegen die neue Rechte. Wie geht man um mit Populismus und Demokratieverachtung oder neuen Formen des politischen Aktivismus von rechts? Die diesjährige Auswahl zeigt Tableaus des Übergangs. Sie reichen bei Claudia Bauer zurück bis in die Wende 89/90, und es ist ja, nebenbei bemerkt, auch das Jahr, in dem mit Frank Castorf und Claus Peymann so etwas wie eine Nachwendeordnung des Berliner Theaterlebens endgültig verschwindet. „Du bist halt ein Krisensymptom. Aber wer ist das nicht?“ heißt es in „Die Vernichtung“ – visuell erdichtet von Ersan Montag. Ganz anders entwickelt Herbert Fritschs tieftraurige Inszenierung „Pfusch“ einen Vergeblichkeitsgesang, der „Tschüss“ sagt zu einer großen Ära der Volksbühne. Ulrich Rasches „Räuber“ machen erlebbar, wie sich aggressive Kollektive formatieren, wir werden sie hier als Filmpremiere zeigen, und der 3sat-Preisträger Milo Rau zeigt in seiner Inszenierung immer wieder das Theater selber her, um zu verhindern, dass die Geschichte der fünf von Marc Dutrouxentführten Mädchen nicht nur „Theater“ wird.

Tableaus des Übergangs von Johan Simons, von Simon Stone, von Forced Entertainment. „Wenn Theater die Gegenwartskunst schlechthin ist, müssen wir,“ so Kay Voges, „die Mittel der Gegenwart untersuchen.“ Zeitgenössische Inszenierungen sind oft raumschaffende Inszenierungen – für Kay Voges Aufführung „Borderline-Prozession“ haben wir in den Rathenow Hallen in Berlin Oberschöneweide eine eigene Raumbühne gebaut; zugleich können Sie die Produktion auch als eine Art medialer Traum in VR sehen.

Auf die neue Rechte kann das Theater nicht nur mit neuen Stücken reagieren, notwendig wird auch eine neue Politik der Institutionen selbst – ihre Fähigkeit, sich zu transformieren, Diversität nicht nur abzubilden, sondern zu beheimaten, ist die Aufgabe der Stunde. Diskutiert man mit der AfD? In Magdeburg ging das, in Zürich nicht. „The art of democracy“ haben wir den Kongress genannt, der zu diesem Thema im Festival in den nächsten Tagen stattfindet.

Keine Coca-Cola-Formel

Der Juryauswahl beiseite steht vier Tage ein Festival im Festival, das nicht Ergebnisse, sondern Prozesse veröffentlicht: Unser neues Format SHIFTING PERSPECTIVES, das federführend von Daniel Richter konzipiert und durch das Goethe Institut und die Bundeszentrale für politische Bildung ermöglicht wurde. Hier sehen Sie nicht das, was Sie auf anderen Festivals auch sehen können, was übrigens auch nicht schlimm wäre, sondern treffen neue Akteure, andere Formen von kultureller Praxis und Denken.

Wer alle Jurystücke sehen möchte, hat schon viel zu tun, aber das Besondere des Theatertreffens sind die Reisen, die von diesen Stücken weiterführen – von Kay Voges Theater in das Avatartheater von Urland oder die VR-Produktionen von Mona El Gamal, von Thom Luz‘ „Traurigen Zauberern“ zu den neuen Zirkusartisten aus Schweden oder der tanzbaren Installation von Julian Warner.

Das Theatertreffen ist keine Coca-Cola-Formel. Hier ist nicht seit 54 Jahren alles gleich. Yvonne Büdenhölzer möchte mit dieser vor uns liegenden Zusammenkunft der deutschsprachigen Theaterszene etwas in Bewegung setzen. Es geht um die Zukunft dieser Kunstform, Inspiration, Austausch, neue Sichtweisen – hier, beim Theatertreffen, denken wir über unsere Arbeit nach, ihren Kontext, ihre Zukunft.
Die Jury leistet eine sehr schwierige Arbeit – ihre Auswahl ist kein Trendbarometer, sondern eruiert landauf landab, wo sich etwas wirklich entwickelt – in der singulären Arbeitsgeschichte eines Künstlers oder in der Arbeitsweise des Metiers. Ich hoffe, dass uns das alle in den nächsten Tagen bewegt.

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Thomas Oberender

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