Regietheater, auf Englisch

We’ve done it again. We’ve borrowed a word from the German and made it our own. After “schadenfreude and “zeitgeist, “Regietheater” has now surpassed the translation “director’s theatre” in common usage.

I first realized how serious this trend had become when Alex Ross used it in his commentary on new opera productions in New York over the past season. Note: of course we don’t exactly use the term correctly, in English, “Regietheater can basically be plastered across any non-historical staging of a work.

I would propose, however, that we haven’t earned the right to use the term all. Because Regietheater really only applies if the director actually means something to begin with. And in the States in general, the director is a glorified medium for the playwright or librettist – he or she is there to bring the author’s text, according to his (or her) intentions, to life. This is one reason why there are endless discussions of what Shakespeare really meant, if he would have objected to women playing Macbeth and who the hell “he” was anyway. Non-historical stagings are then approached with the somewhat mystical question: “How would the author have imagined the piece if he or she were alive now? Would he choose McDonald’s or Burger King? Drive a Chevy or a Toyota? Go to Disneyland or the Playboy Mansion?”

And as soon as our directors stray from this melt-behind-the-text role, we automatically cry “Regietheater and dismiss it as, pardon my British, disrespectful wank. So you can also understand why our most talented directors turn toward film. At least there they have some respect and creative control.

Katie Mitchell's direction intensive production of Night Train, invited to the Theatertreffen this year.
Katie Mitchell’s direction intensive production of Night Train, invited to the Theatertreffen this year. Photo Credit: Stephen Cummiskey

Of course there’s also a couple that have made it to the continent, where directors are the geniuses and celebrities, for better or worse. British director Katie Mitchell‘s description of her first encounter with this status change:

“When I went to Salzburg for the first time, I was sitting in the square and there were three banners with three middle-aged men’s faces on them advertising three shows. I asked, ‘Are those pictures of the playwrights?’ No. ‘Are those pictures of the leading actors?’ No. ‘Who are they of, then?’ The directors. And I thought, this would be impossible in the UK: the directors’ faces on their shows? That would be a travesty.” (From a conversation in 2010)

So my perspective on the discussion “Theatre directing is…” on Sunday was a bit coloured by wonder at the fact that such a discussion would even be held. And most of the conversation revolved around predictable historical reminiscing about the emergence of dance theatre and watered-down descriptions of the craft: i.e. “Directing is making decisions.” But there was one nice moment of drama.

Claus Peymann (artistic director of the Berliner Ensemble, slowly increasing in volume): “Don’t we have the theatre that we deserve today? The minimalisation of pieces, actors turned into slaves, into director’s puppets, a contempt for drama, a disdain for literature, isn’t all of this is the expression of our ahistorical society…? Theatre like that of Rimini Protokoll, which represents the triumph of dilettantism and totally disregards literature, isn’t that what we’ve earned?”

Thomas Oberender (director of the Berliner Festspiele, standing up in the last row, and shouting): “That’s enough! What you’re saying is terrible. You still try to explain the world with Brecht and then you denounce the next generation.”

Peymann: “I’m just saying that I think Rimini is a symptom. I, myself, was one of their subjects: they made a whole production about me. Sure, it has an alleged authenticity, but it has nothing to do with the art and skills of theatre.”

More shouting, accusations – thankfully no guns.

So the director discussion on Sunday took a turn toward a discussion of the direction of theatre and society in general. But that also reflects the relative position of the director in German theatre (and theatre in German society). This is a real Regietheater. It’s the director that decides what subjects and aesthetics the theatre should tackle. And directors define generations, not playwrights. Crazy.

The discussion moderator segued out of the Peymann vs. Oberender conflict by saying, with regard to directorial styles: “We should preserve diversity, that’s clear.” At least it is for Germany.

But who knows, maybe the American theatre zeitgeist really is ready for a little bit more Regietheater.

„Unsere nächste Aufgabe ist die Kollektiv-Bildung.“ Das TT-Blog-Team trifft Thomas Oberender

Die TT-Blog-Redaktion traf sich vor einigen Tagen mit Thomas Oberender in seinem Büro. Am Eröffnungsabend des diesjährigen Theatertreffens hatte der Intendant der Berliner Festspiele von der „wohl tiefgreifendsten kulturpolitischen Wende der letzten 40 Jahre“ und von „Institutionen im Wandel” gesprochen. TT-Bloggerin Henrike Terheyden fragte sich, was wohl damit gemeint sei. Wir veröffentlichen das Gespräch über „Institutionen neuen Typs”, Kulturnationalismus, die Berliner Netzkonferenz re:publica und Thomas Oberenders Pläne für die Berliner Festspiele und das Theatertreffen in voller Länge, als Blog können wir uns das leisten (wir haben nicht das Platzproblem einer Zeitung).

TT-Blog-Team Oberender
Am Besprechungstisch in der Intendanz der Berliner Festspiele (v.l.n.r.): Eefke Kleimann, Henrike Terheyden (verdeckt), Eva Biringer, Clemens Melzer, Thomas Oberender. Foto: Mai Vendelbo

Henrike Terheyden: Was ist die kulturpolitische Wende von vor vierzig Jahren, von der Sie in Ihrer Eröffnungsrede zum Theatertreffen sprachen?
Thomas Oberender: Alles begann, wenn wir vom Theater sprechen, und die früheren Avantgardebewegungen einmal ausklammern, Mitte der sechziger Jahre mit dem Umbau des kleinen Kinos Concordia in eine Spielstätte des Theaters Bremen – auf einmal gab es so etwas wie Bühnen, die keine Bühnen mehr waren, sondern Kinos, Fabrikhallen, Werkstatträume. In allen Feldern der Kunst entstanden Performances, Happenings und die Popkultur wurde zu einer Art Leitkultur der westlichen Moderne. Und die Politik vollzog diesen Wandel mit, sie öffnete sich der Förderung von alternativen Werk- und Erlebnisformen, bis hin zu neuen Mitbestimmungsmodellen. Aus dieser gesellschaftlichen und ästhetischen Bewegung heraus sind neue kulturpolitische Situationen entstanden, weil sich der Kunstbegriff nachhaltig demokratisiert hatte. Dass die sogenannte freie Szene Kultur produziert und nicht einem Hobby nachgeht, wurde strukturell in neuen Fördermodellen abgebildet. Theater im öffentlichen Raum oder in Fabrikhallen, die Vermischung von Diskurs, Kunst und Party auch an den traditionellen Häusern – das begann vor 40 Jahren. Mit Zadek.

HT: Meinen Sie mit Demokratisierung den gleichmäßigen Zugang von allen Bevölkerungsschichten zu Kultur?
TO: Das ist ein Merkmal von Populärkultur. Und zwar nicht nur materiell, weil sie nahezu jeder bezahlen kann, sondern auch ideell – Pop ist mehr oder weniger barrierefrei. Ich meine es aber auch in folgendem Sinne: Denken Sie an Jérôme Bels „Disabled Theater“, das behinderte Theater, also das sich selber behindernde Theater, hat einen ganz anderen Begriff vom Tänzer. Er ist nicht mehr Angehöriger einer Elite, die bestimmte Schulen besucht hat und Codes verinnerlicht, sondern Jérôme Bel arbeitet wie Beuys – er ist Konzeptkünstler, für den alles zum Material seiner Kunst werden kann. Gerade das, was wir gemeinhin als Nichtkunst betrachten. Zum Beispiel der Tanz von Behinderten. Wenn er das als Kunst zeigt, sprengt er die Definition dieser traditionellen Eliten, Institutionen und Hierarchien. Transparenz und Partizipation waren die Leitworte des letzten Kulturwandels. Es ging darum, Vorgänge durchsichtig und interaktiv zu gestalten. Das kommt aus der Wirtschaft und macht vor der Kunst keinen Halt.

HT: Greift die Demokratisierung auch auf die kulturpolitischen Strukturen über, wie haben sich diese verändert?
TO: Naja, da ist das treffendste Wort sicher das von der allumfassenden Entsicherung unserer Lebensverhältnisse. Transparenz ist ein anderes Wort für Kontrolle, möglichst in Echtzeit. Partizipation heißt irgendwie auch: Ich muss jetzt noch mehr tun. In diesem Sinne werden Institutionen umgebaut. Sie werden entsichert. Statt eines Vertrauensvorschusses, den man traditionellen Institutionen gewährt, werden sie zu Projektlabors, also flexibilisiert, und ab da muss jede Taxirechnung dreifach geprüft werden. Die Entwicklung geht weg von der kontinuierlichen Förderung fixer Strukturen zur Gewährung von Zuwendungen von Fall zu Fall. Ich kann dieses Wort „Zuwendung“ schon gar nicht mehr hören! Die will immer verdient und bedankt sein. Am Anfang meiner Rede zur Eröffnung des Theatertreffens stand nicht zufällig die lange Reihe der Danksagungen. Hinter jeder Danksagung stecken im Grunde ein Juryantrag und eine Juryentscheidung, die den Antrag genehmigt haben. Ich bin der Meinung, dass Politik noch nie so mächtig in den Bereich des Kunst- und Kulturschaffens hineingewirkt hat wie im Augenblick. Es scheint eine stille Übereinkunft der Haushälter zu sein, dass institutionelle Zuwendungen nicht mehr erhöht werden. Die Stadt- und Staatstheater können glücklich sein, wenn sie Tarifausgleiche erhalten. Seit 25 Jahren haben sich die künstlerischen Ensembles um ein Drittel verringert, der Ausstoß wurde aber verdoppelt: Inzwischen bemühen sich also auch die traditionell organisierten Häuser um zusätzliche Drittmittel und zwar genauso vehement wie jene Institutionen und freien Produzenten, deren Arbeit ganz und gar auf diesen Projektgeldern beruht. Continue reading „Unsere nächste Aufgabe ist die Kollektiv-Bildung.“ Das TT-Blog-Team trifft Thomas Oberender

Statements vom Symposium „Behinderte auf der Bühne – Künstler oder Exponate?“

„Behinderte auf der Bühne – Künstler oder Exponate?“ Das, wie ich finde, nicht gerade verheißungsvoll überschriebende Symposium fand am Montag in der Kassenhalle im Haus der Berliner Festspiele statt. Es ging, zum Glück!, nicht darum, in Frage zu stellen, dass Menschen mit Behinderung Künstler sein können und sind. Vielmehr landete man spätestens bei der von Festspiele-Intendant Thomas Oberender moderierten, abschließenden Diskussion bei den Fragen: Wie können sich SchauspielerInnen mit Behinderung im Theaterbetrieb emanzipieren? Und wie kann der Theaterbetrieb inklusiver werden? Äußerst kontrovers diskutiert wurde die Nominierung von „Disabled Theater“.

Autor, Regisseur und Schauspieler Dr. Peter Radtke, Schauspielerin Angela Winkler, Festspiel-Intendant Dr. Thomas Oberender, Dramaturg Marcel Bugiel, TT-Jurorin Anke Dürr und Schauspieler Bernhard Schütz diskutierten auf der Bühne.
Autor, Regisseur und Schauspieler Dr. Peter Radtke, Schauspielerin Angela Winkler, Intendant der Berliner Festspiele Dr. Thomas Oberender, Dramaturg Marcel Bugiel, TT-Jurorin Anke Dürr und Schauspieler Bernhard Schütz diskutieren beim Symposium (v. l. n. r.). Foto: Piero Chiussi

Hier als Auszug ein paar markante Statements der Diskussionsteilnehmer:

Bernhard Schütz, Film- und Theaterschauspieler, arbeitet mit Schauspielern mit Behinderung: „Jérôme Bel soll bei ,Disabled Theater’ die Kontrolle aus Hand gegeben haben? Mehr Regie geht nicht! Und dann auch noch diese tiefe Stimme: ,And now Jérôme Bel asked the actors’… Das ist Dressur!“

Peter Radtke, Schauspieler und Autor, selbst mit körperlicher Behinderung: „Jeder Regisseur manipuliert die Schauspieler. Aber ich habe ein Problem damit, wenn eine Gruppe nur aus behinderten Darstellern besteht.“

Angela Winkler, Schauspielerin des Berliner Ensembles, Mutter von Nele Winkler, Schauspielerin des Theaters RambaZamba: „,Disabled Theater’ war eine einzige K … ! Gehen Sie ins RambaZamba oder ins Theater Thikwa – da wird Theater gemacht!“

Anke Dürr, Theatertreffen-Jurorin: „Wir waren auch im RambaZamba-Theater. Wir haben ,Disabled Theater’ eingeladen wegen der Kraft der Darstellung, und weil die Dimension, wo das Stück hinmöchte, eine eigene Qualität hat. Es thematisiert die Theateraufführung selbst. Das haben wir sonst nicht gesehen. Die Jury-Arbeit ist kein soziales Engagement.“

B. Schütz: „Ich war zum Teil schockiert über das Publikum. In Hamburg haben die geklatscht, wenn die Schauspieler sagen: ,Ich bin Schauspieler’. Als könnten die nicht sprechen!“

Marcel Bugiel, Dramaturg bei „Disabled Theater“: „Es stört mich, dass das Stück so ein feel-good-play geworden ist. Ich habe gedachte, dass es provoziert und für Empörung sorgt!“

Es bleibt zu wünschen, dass es öfter Gelegenheit für solche Symposien geben wird. Es sind noch Fragen offen geblieben, das wurde am immer wieder aufgebrachten und erregten Publikum sicht- und hörbar.

Tag 13

1. Für einen Text über Musik im Theater höre ich mir zum 200. Mal Apparats „Krieg und Frieden“-Album an. Die neue Platte von Daft Punk soll ja auch ganz gut sein.

2. Festspielintendant Thomas Oberender bringt im persönlichen Gespräch mit uns Bloggern ein wenig Licht ins Dunkel meiner kulturpolitischen Unwissenheit.

3. Wein und Kuchen beim Geburtstagspicknick auf dem Flughafen Tempelhof (Happy Birthday Micky!)

Ich wünsche mir schon heute, dass „Die Ratten“ morgen Abend nicht so verstaubt und uninspirierend ausfallen wie meine unschöne Begegnung mit „Johanna“ am Montag.

 

Worte lernen fliegen: drei Tage Stückemarkt in der Pan Am Lounge

Gut versteckt in Berlins utopischem Westen, zwischen Bahnhof Zoo und Ku’damm, liegt das Haus Eden mit der Pan Am Lounge im zehnten Stockwerk. Einst logierte hier die Crew der berühmten US-amerikanischen Fluggesellschaft. Die gibt es nicht mehr, aber deren Reliqiuen geben die denkbar beste Kulisse ab für ein First-Class-Theatererlebnis, den 35. Stückemarkt des Theatertreffens. Drei Tage lang szenische Lesungen, Hörspiele, Archivmitschnitte von 35 ehemaligen Stückemarkt-Autorinnen und -Autoren in der Bearbeitung vier unterschiedlicher Regisseure.

Die Liebe steckt im Detail. Nierentische, Martinigläser, Kristalllampen, dazu das indirekte Licht im Sundowner-Ton und die Blumenbouquets, selbstverständlich echt. Auch die adretten Capes der Stewardessen erinnern alle Billigflugliniennutzer an eine Zeit, als die Bordverpflegung aus mehr als einem Foliensandwich bestand. Von der Terrasse der Pan Am Lounge fällt der Blick auf den Außenbereich einer Therme, was manchen Schauspieler dazu verleitet, sich über die Brüstung zu strecken und die Nackerten da unten an ihre Nackheit zu gemahnen: „Ihr müsst lernen, wie die Götter zu sein!“

50. Theatertreffen
Flügel an Retrolampen: Requisiten beim 35. Stückemarkt. Foto: Piero Chiussi

Tag Eins
Festspiel-Intendant Thomas Oberender spricht in seiner Begrüßungsrede von „site-specific“ Theater; wer mag, kann das mit „ortsbezogen“ übersetzen. In den vorigen Jahren fand der Stückemarkt in der Kassenhalle des Haus der Berliner Festspiele statt. Zum Jubiläum verlegt dessen Leiterin Christina Zintl die szenischen Lesungen in das Haus Eden und beweist, wie anregend das Wechselsspiel von Ort und Text ausfallen kann.

Drei der Arbeiten inszeniert Regisseurin Anna Bergmann in der Lounge, wo man Mitleid hat mit jenen Zuspätgekommenen, die nahe den Fenstern sitzen, wo sich die Hitze staut. Die Stücke von Carles Batlle und David Carnevali teilen das Schicksal des Überehrgeizes ihrer Autoren, die neben dem vorgegeben Thema „Verfall und Untergang der westlichen Zivilisation?“ auch noch eigenen Narrationssträngen gerecht werden wollten. Sowohl Carnevalis kluge Businessdystopie als auch Batlles Erzählung von einer Ménage à trois, die das lebenslange Eheunglück vorwegnimmt, sind zu komplex für einen Werkauftrag dieses Formats. Nicht ohne Grund lieferte die Mehrzahl der Autoren Einakter ab. Roland Schimmelpfennig löst das Problem der knappen Form, indem er einen Großteil der Handlung in die Zukunft verlegt, gemäß dem aus Film & Fernsehen bekannten „to be continued“. Sein Stück ist so angenehm seifenblasig und durchgeknallt wie der Airbrushdruck an der Wand (wenn man es nicht besser wüsste, würde man meinen, kein Mensch kauft so was) und das Teeservice aus Glas (gewiss eine limitierte Edition!), die das Lebensgefühl Altbauwohnung ihrer Besitzer demonstrieren müssen. In allen drei Stücken brilliert Katharina Schmalenberg.

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„Institutionen im Wandel“ – Herr Oberender was meinen Sie damit?

Von der „wohl tiefgreifendsten kulturpolitischen Wende der letzten 40 Jahre“ sprach Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, gestern bei der Eröffnung des Theatertreffens (gefolgt von einem Grußwort des Kulturstaatsministers Bernd Neumann). Hier ein Auszug:

Die Rückschau auf 50 Jahre Theater zeigt, dass die reichsten Zeiten nicht immer die besten waren und die vermeintlich langweiligsten Epochen manchmal die widerspenstigsten Geister hervorgebracht haben. Längst arbeiten viele Institutionen (auch wir) projekthaft wie freie Gruppen, längst verdienen es Freie, wie Institutionen geehrt und gepflegt zu werden. Neu ist, dass Institutionen mit dem veränderten Förderwerkzeug der Projektmittel überleben können und sollen, was in der Tat eine Konsequenz vieler ästhetischer und gesellschaftlicher Entwicklungen ist. Aber sie müssen produktionsfähig bleiben. Wir sind aufgewachsen mit der Kritik an Institutionen. Sie war notwendig, hat die Kunst verändert, das Denken, die Erwartungen des Publikums. Ich glaube, es ist nun an der Zeit, über den Wert von Institutionen nachzudenken, ihren Wandel zu reflektieren, die gleichberechtigte Koexistenz von alten und neuen Formen zu unterstützen und kulturpolitische Steuerinstrumente wie die Projektförderungsgremien völlig neu zu dimensionieren.

Was ist denn eigentlich mit diesen Aussagen genau gemeint? Leitet am Ende das Haus der Berliner Festspiele, gewissermaßen die „Oberinstitution“ der Berliner Kulturbetriebe, die kulturpolitische Gleichbehandlung von freier Szene und Hochglanzkulturinstitution ein? Darüber werden wir demnächst mit Thomas Oberender sprechen. Wir sind schon sehr gespannt auf seine Erläuterungen, freuen uns auch über Denkanstöße von allen Blog-Leserinnen und -Lesern.

Sex und Brez'n

Es ging los: Michael Thalheimers „Medea“ eröffnete gestern das 50. Theatertreffen in Berlin, Haus der Berliner Festspiele, Wilmersdorf. Glanz! Glamour! Prominenz! Unsere Kolumnistin, also ich, mischte sich unter das Premierenpublikum: Keine Angst vor den Niederungen des Boulevardjournalismus! Ihre partielle Gesichtsamnesie soll dem Anspruch, so viele prominente Gesichter wie möglich auszumachen, nicht im Wege stehen. Die teilnehmende Beobachterin wächst mit ihren Aufgaben!

– Während der Begrüßung durch Thomas Oberender, Leiter der Berliner Festspiele, und Kulturstaatsminister Bernd Neumann machen die namentlich nicht gesondert aufgeführten Gäste, also wir alle, durch ein theatertypisches Hustkonzert auf sich aufmerksam (Sommergrippe?).

– Bei der feierlichen Übergabe des Theater- was? -Spiegels? -Stempels? bewahrt der Preisträger Michael Thalheimer Haltung. Selten nippte jemand so non-chalant am Weißweinglas und umschiffte gleichzeitig das heikle Thema der konkreten Anwendbarkeit des Dings („was auch immer“) in seinen Händen. Der Preis, das unbekannte Wesen? O-Ton Thalheimer: „Ich kann jetzt stempeln gehen. Bald werde ich fünfzig.“

Wie sag ich's bloß? Herr Thalheimer und der Theaterstempel. Foto: Piero Chiussi
Wie sag ich’s bloß? Regisseur Michael Thalheimer und der Theaterstempel, die Auszeichnung für eine beim TT eingeladenes Inszenierung. Foto: Piero Chiussi

– Mehrheitlich umgehen die Gäste die Kleiderfrage durche dezente Ignoranz. Was die Herren betrifft, bleibt lediglich Jürgen Trittins schwarzer Samt- oder Cordanzug (aus der Distanz nicht klar zu erkennen) im Gedächtnis. Bravo! Dabei hält er eigener Aussage zufolge Mode für etwas sehr, sehr Triviales.

Auf der sicheren Seite: Jürgen Trittin trägt schwarz. Foto: Piero Chiussi
Auf der sicheren Seite: Der Grünen- Fraktionsvorsitzende Jürgen Trittin trägt schwarz. Foto: Piero Chiussi

– … und auch gegen das geschmackvolle Kleid der Festivalleiterin hat die Fashionpolizei nichts einzuwenden. Yvonne Büdenhölzer auf die Frage, welcher Designer hier Hand anlegte: „Michalsky. Keine Leihgabe.“

Frau Büdenhölzer: Heiß in weiß. Foto: Piero Chiussi
Frau Büdenhölzer: Heiß in weiß. Foto: Piero Chiussi

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Interview mit Thomas Oberender

Thomas Oberender, der Intendant der Berliner Festspiele, steht am offenen Fenster und raucht eine Zigarette. Kaffee kann er leider keinen mehr anbieten, der ist schon bei den heutigen Sitzungen draufgegangen. Vor dem nächsten Termin hat er eine halbe Stunde Zeit für ein kurzes Gespräch. Als ich das Aufnahmegerät anschalte, schlägt er vor, noch einmal die Qualität zu testen, denn er hat gerade Peter Handke interviewt und später kaum ein Wort verstanden. Glücklicherweise funktioniert mein Aufnahmegerät und ich stelle ihm schnell vier Fragen zum Theatertreffen.
 
Karl Wolfgang Flender: Herr Oberender, was waren für Sie bemerkenswerte Momente beim diesjährigen Theatertreffen?
Thomas Oberender: Die Auftaktveranstaltung, als wir einen der protestierenden Studenten der Ernst-Busch-Hochschule auf die Bühne geholt haben [Anmerkung: Die Studierenden der Ernst-Busch kämpften für den zugesagten Neubau der Hochschule]. Das hat mich selber Mut gekostet und der Umstand macht mich sowohl nachdenklich wie froh. Man kann ja nicht viel tun, aber immerhin. Auch ein schöner Moment war gleich am nächsten Tag die Verleihung des Theaterpreises Berlin an Sophie Rois. Wie die Volksbühne in unserem Haus eine für seine Geschichte in den letzten zwanzig Jahren wesentliche Künstlerin ehrte, hat mich sehr berührt. Das im besten Sinne freie und künstlerische Programm mit seiner Bandbreite von Händel bis zu Rock-Poesie passte so gut zu Sophie Rois und es war ein sehr schöner Moment, diese große Schauspielerin mit Blumen überhäufen zu dürfen. Continue reading Interview mit Thomas Oberender