TOP/FLOP Inszenierungen für das Internationale Forum

Die Stipendiaten des Forums nennen ihre jeweiligen TOP und FLOP Inszenierungen des Theatertreffens 2015 (ohne BAAL in der Regie von Frank Castorf).

Christiane von Poelnitz // Burgtheater Wien

Christiane von Poelnitz, Burgschauspielerin und Darstellerin der „Mittleren” in Robert Borgmanns Inszenierung „die unverheiratete”, über drei Frauengenerationen, Freundlichkeit, die Aufgaben des Theaters und Menschen, die von Flucht betroffen sind.

Das Erbe der Schuld: die unverheiratete

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Von der Schuld der Elterngeneration: Eine Kritik zu Ewald Palmetshofers Theaterstück „die unverheiratete“ in der Inszenierung von Robert Borgmann.

 

Vor dem rotsamtenen Theatervorhang stehen sie – das Empfangskommitee für den heutigen Theaterabend. Ein allwissendes Moiren-Quintett. Die Locken und Zöpfe verspielt frisiert, die biedermeier’sche Damentracht aus besticktem Spitzenstoff mit seidenen Bändern festgezurrt. Es ist ein Chor aus „Hundsmäuligen“, der kommentiert, bespielt und deklamiert. Leichtfüßig tippeln sie über den Bühnenraum und berichten über ein Gerichtsverfahren, das gerade im vollen Gange sei. Schwungvoll und expressiv – dieser Damenchor hat es auf das Publikum abgesehen. Immer wieder keifen sie „Ruhe!“ in den Zuschauersaal hinein.

Plötzlich hebt sich der Bühnenvorhang und der Blick fällt auf einen in einem Kasten eingefassten Bühnenraum, der aus zahlreichen Neonröhren zusammenmontiert ist. Unbarmherzig scheint das kalte und sterile Licht auf eine Reihe von feinsäuberlich angelegten Grabhügeln in der Mitte des Bühnenraums. Umrahmt wird die Kastenkonstruktion durch zwei rote Theatervorhänge, die jeweils an der Längsseite zum Publikum ausgerichtet sind und voneinander versetzt hoch und runter gefahren werden – sie sind die überdimensionierten, synchron getakteten Lebenszeitmesser.

In diesem Bühnenszenario befinden sich drei Frauen – drei Generationen einer Familie jede für sich allein, jede in ihrem eigenen Leben verharrend. Die Älteste (routiniert durch den Abend führend: Elisabeth Orth) kauert in sich eingesunken auf einem der Grabhügel und starrt mit leeren Augen in die Ferne. Die junge Enkelin (sich völlig verausgabend: Stefanie Reinsperger) steht in sich versunken auf einem Grab und spielt das Akkordeon, während die Tochter (auf der haarscharfen Trennlinie zwischen Hysterie und eisiger Distanz: Christiane von Poelnitz) im Hintergrund mit einer Axt auf einen alten Holztisch einschlägt. Diese drei unterschiedlichen ‚Aggregatszustände’ des Seelenlebens werden getragen durch eine Atmosphäre des Unwirklichen und Vergänglichen. Alle drei Frauen sind präsent und doch auch wieder nicht. Sie leben nebeneinander her, ohne wirklich aufeinander einzugehen. Dies wird auch szenisch umgesetzt. Sie interagieren miteinander, scheinen jedoch in unterschiedlichsten Zeitlichkeiten zu existieren. Immer wieder tritt der Chor unmittelbar mit den Frauen in Kontakt. Als materialisierte Gedankenfetzen, Ängste, verdrängte Erinnerungen sucht er drei Generationen einer Familie heim: „die Alte“, „die Mittlere“ und „die Junge“ – Großmutter, Mutter, Tochter. Diese drei Frauen sind aneinander gebunden durch das Erbe der Schuld.

Ewald Palmetshofers Stück „die unverheiratete“ orientiert sich an einem wahren Gerichtsverfahren im österreichischen Mönchdorf während der letzten Tage des NS-Faschismus. Am 21. April 1945 – neun Tage vor dem Suizid Adolf Hitlers – denunziert die Tochter einer Posthalterin einen 20-jähigen Soldaten wegen versuchter Fahnenflucht. Wenig später wird der er exekutiert. Im Zuge der politischen Umwälzungen der Nachkriegszeit wird die Anklägerin selbst zur Angeklagten und inhaftiert. „die unverheiratete“ handelt von der Schuld der (Groß-) Eltern und dem totalen Vertrauensverlust seitens der Generationen ‚danach’. Das Misstrauen zwischen Tochter und Mutter steht hier beispielhaft für den Generationenkonflikt zwischen untergegangenem ‚Wertekanon’ und einer gegenwärtigen Haltlosigkeit in der Gesellschaft.

Diese Schuld sickert durch die Trennlinien der einzelnen Generationen in ein ohnmächtiges Totschweigen hinein: Erst Jahrzehnte später wird „die Alte“ von ihrer Enkelin mit der eigenen Familiengeschichte direkt konfrontiert. Für „die Mittlere“ – die Tochter – scheint es zu spät, sie hat sich bereits vor Jahrzehnten völlig von ihrer Mutter abgewendet. Der Bruch mit der Mutter stürzt sie in eine existenzielle Krise des permanenten Suchens nach Halt und einer individueller Verortung. Diese Kontinuität einer Schuld, die wie ein Damoklesschwert über der gesamten Familie schwebt, führte zur völligen Entfremdung zwischen den Frauen. Es bleibt somit der Verrat eines jungen Mädchens, der seine Kreise bis in die Gegenwart hinein ziehen wird.

Palmetshofer hat einen stilistisch komplexen Dramentext verfasst. Er zertrümmert die Syntax der deutschen Sprache und setzt sie wieder neu zusammen. Daraus ergeben sich Repliken, die sich wie verlautlichte Denkprozesse anhören. Es sind seltsam verschachtelte Konstruktionen, die erst durch die Deklamation des Schauspielerinnenensembles verlebendigt werden. In Rückblenden werden die drei Charaktere miteinander eng verwoben. Dramaturgisch zentral bleibt allerdings das Gerichtsverfahren um das junge Mädchen, das einen Soldaten in den sicheren Tod schickte.

Durch abrupte zeitliche Sprünge und den permanenten Perspektivwechsel, der nicht zuletzt vom Chor auf die Spitze getrieben und kommentiert wird, ergibt sich eine nicht aufzulösende Überforderungssituation für den Zuschauer. Palmetshofer spielt mit Überschneidungen und der Auflösung fest tradierter Rollenzuschreibungen. Immer wieder nehmen die Figuren die Rollen der anderen ein. So sehr sie sich voneinander abzugrenzen mögen, in ihnen ist immer auch ein Teil des Anderen. Der formale Sprachduktus, der keinen individuellen Ausdruck der Figuren zulässt, zollt von diesen ‚Verflüssigungen’ der Figuren ineinander.

Robert Borgmann inszeniert den Stoff als atmosphärisches Spiel von Gleichzeitigkeiten. Immer wieder schlüpfen die Figuren in die Rolle der Anderen, monologisieren, wo sie dialogisieren. Palmetshofers Fokus lag nicht auf einer durchpsychologisierten Sprache, vielmehr bezog er sich mit seinen jambischen Zeilensprüngen auf juristische Materialien, die er gesichtet hatte. Die stark künstlerisch-formelle Setzung des Textes kann in seiner Entrücktheit ein großes Potenzial in sich bergen. Es braucht jedoch ebenfalls ein entschieden konterkarierendes Inszenierungskonzept, das den Text in seinem verschachtelten Sprachgestus dynamisiert. Borgmann jedoch erschafft einzelne, durchästhetisierte Bilder – kleine Miniaturen, die sich in ‚vorsichtiger’ Anlehnung an dem Erzählfluss des Textes orientieren. Diese Bildminiaturen stehen für sich, greifen allerdings nur bedingt ineinander und schaffen es letztendlich nicht, sich vom Text zu lösen. Die Aufführung gerät, trotz der hervorragenden Ensembleleistung, zusehends zum reinen Deklamationstheater mit ein klein wenig Kunstblut, Dreck und Neonröhren.

Die Thematik um die ewige Weitergabe der Schuld der Altvorderen an die nächste Generation, findet seine Entsprechung bereits in der attischen Tragödie, und ist stets ein spannendes und hochgradig politisches Thema gewesen. Die Untaten der Alten fallen auf die Jungen zurück und lösen eine Katastrophe aus. Schade, dass sich diese Dynamik der Erbschuld gänzlich in den rethorischen Verästelungen Palmetshofers und der entschlossenen Inszenierung Borgmanns verliert.

Am Ende hängt sie da nun – „die Alte“. An ihrem Ariadnefaden aufgeknüpft. Die gusseiserne Lampe schwenkt wie ein Pendel in den dunklen Bühnenraum hinein. Sie lässt ihren Lichtkegel immer wieder dieselben Bahnen über die nackte Bühnenwand, den Dreck, den eingesunkenen Körper ziehen. Da hängt sie nun. Die Vergangenheit hat sie nie überwunden – die Schuld hat sie schließlich mehr als ein halbes Leben später eingeholt. Von der Tragweite dieser Schuld konnten wir in dieser Inszenierung leider nur das Wenigste erahnen.

Valerie Göhring besuchte die zweite Vorstellung von “die unverheiratete”. Das anschließende Publikumsgespräch kommentiert sie hier.

die unverheiratete
von Ewald Palmetshofer
Regie und Bühne: Robert Borgmann, Kostüme: Janina Brinkmann, Musik: Webermichelson, Licht: Peter Bandl, Dramaturgie: Klaus Missbach
Mit: Stefanie Reinsperger, Christiane von Poelnitz, Elisabeth Orth, Sabine Haupt, Alexandra Henkel, Sylvie Rohrer, Petra Morzé

Was zur Hölle, Publikum!

Was zur Hölle, Publikum!

„die unverheiratete“ von Ewald Palmetshofer titelt der Spielplan. Was gezeigt wurde, ist die eine, was im Anschluss an die Inszenierung diskutiert wurde, die andere bemerkenswerte Form an diesem Abend.
Es ist gang und gäbe, dass im Anschluss an die Inszenierung die Beteiligten der Produktion Rede und Antwort stehen. Der Foyer-Gedanke ist so alt wie das Theater selbst, und all zu oft wird die Begegnung zwischen Menschen als hauptsächlicher Legitimationsgrund für die Theaterkunst ins Felde geführt. Selbstverständlich nicht die zwischen Schauspieler und Zuschauer, sondern die zwischen Zuschauer und Zuschauer. Die Diskussionskultur, der Austausch wird hochgehalten. Theater entfaltet in vielen Definitionen seine politische Kraft geradezu aus eben jener beiläufigen Begegnung im Foyer, jenem flaneurhaften Umherstreifen von Mittelstandsbürgern, auf das meine Eltern stets mit „Sekt und Sozialismus ging bei uns damals noch nicht zusammen“ reagieren. Das Internet heißt es dann aus allen Ecken, das Internet ist das neue Foyer, das Publikum, das wird ganz neu gedacht, Partizipation, schallt es von den Dächern. Und zusätzlich holen wir auch noch das Foyer auf die Bühne, mit Laien, mit den Geschichten von den Prekären werden wir uns rüsten, gegen jedweiligen Anflug von Elitarismus.
Und was war das jetzt, was ist passiert, dass plötzlich „Drecksau“ durch den Raum schallt, das Publikum den Kopf nicht schnell genug wenden kann, zwischen spontanen Applausattacken, wütenden Zwischenrufen von „Das ist eben Theater“ versus „Ich sehe das ja alles ein, aber es ist missraten“? Zeit-Online-Kommentatoren vor und auf der Bühne? Hilfe! Und: Theater, wann bist du falsch abgebogen und hast vergessen, die Leute mitzunehmen?

Eine gänzlich unvollständige Rekonstruktion der Debatte:

1. Warum verstehe ich Theaterstücke nicht mehr, ohne das Programmheft gelesen zu haben?
2. Warum soll das jetzt politisch gewesen sein?
3. Ich fühle mich ausgeschlossen.
4. Ich bin nur wegen des Frauenensembles hier.
5. Kann man etwas über Schuld und Täterschaft anhand einer individuellen Problematik festmachen?
6. Wessen Schuld wird hier überhaupt verhandelt?
7. Ist das euer Ernst: Ein politisches Stück. Auch noch über Nazis. Und es wird kein einziges Mal von den Verbrechen der Nationalsozialisten gesprochen?
8. Was soll diese Sprache und warum?
9. Was soll diese Musik und warum kommt darin Jesus vor?
10. Und das in einem Atemzug mit Thomas Bernhard?
11. Und das in einem Atemzug mit diesem rechten Politiker aus Österreich, von dem nicht mal der Musiker selbst weiß wie er heißt?
12. Wir machen hier doch kein GZSZ.
13. Ja, aber was macht ihr dann?
14. Wir wollen hier doch was versuchen!
15. Uff.

Und so weiter, und so weiter.
Deutlich wurde als Beobachter nur: Die Zuschauer verstehen nicht, was das Theater versucht, das Theater untersucht nicht, was der Zuschauer versteht. Es gab Bemühungen auf beiden Seiten, aber die Frage, die sich mir stellt:

Wann ist das Bewusstsein für eine Form von Theater, die sich nicht sofort erklärt, die sperrig ist, die vielleicht auch erst mal verschlossen wirkt, abhanden gekommen? Wo ist das Bewusstsein für die Kunst im Theater, die sich in einer eigenen Interpretation erschließt?

Man möchte schreien: Leute, ihr müsst nicht alles verstehen, darum geht es nicht!

Vermutlich hat eine Reihe von Deutschlehrern und Germanistikdozenten einen großen Teil dazu beigetragen, die Intention des Autors, des Regisseurs, der Schauspieler auf einen Sockel zu stellen, und alles, was unklar ist, als Schwäche oder Angriff auf die eigene Unwissenheit zu verstehen. Ich weiß nicht, wer es gesagt hat, aber die Tatsache, dass man nicht mehr zuhört, sondern nur noch überlegt, was man antworten kann, trifft in gewisser Weise auch auf das Theater – wie auf sein Publikum – zu.

 

Bild: Édouard Manet. „Music in the Tuileries“. Oil on canvas, 1862. National Galery, London

Stefanie Reinsperger // Burgtheater

Eingeschlagen wie ein Komet sei sie, die Reinsperger Stefanie, Schauspielerin an der Wiener Burg und Darstellerin in gleich zwei Inszenierungen der Theatertreffen-Auswahl. In „die unverheiratete” in der Regie von Robert Borgmann spielt sie die Enkelin einer Nazi-Denunziantin, in Dušan David Parízeks „Die lächerliche Finsternis” gibt sie unter anderem „einen schwarzen Neger aus Somalia”. Das ist ja schon ein Druck, so ein Kometendruck, Burgdruck, Theatertreffenstempel. Aber ach, sagt sie im Interview mit Özgür Uludag und schnappt ein bisserl Mailuft: „Im Endeffekt geht der Vorhang um 19.30 Uhr hoch und das tut er bei uns zuhause auch.”