Most bemerkenswert, according to the TT-Bloggers

Last night this year’s 3sat prize was awarded to Nicolas Stemann’s Faust I + II. Some said it was a worthy recipient: the acting of Philipp Hochmair and Sebastian Rudolph was irrefutably intense, the director proved capable of applying just about every German theatre style from Brechtian to post-dramatic, and the whole performance struck just the right balance between classical and avant-garde theatre, splitting the difference between Platonov and John Gabriel Borkman. Others were less satisfied with the result: if the prize was to be given to “innovative, zukunftsweisende Arbeiten” [innovative and pioneering work] maybe Borkman might have been a better candidate, for instance, or anther Stemann production, or either Faust I or II.
I guess it all depends on how you define “bemerkenswert,” the only official criterion for the TT jury. This term is of course subjective, and the jury’s choices consciously or subconsciously form both the international and national definition of what German theatre looks like.
So, I asked all the members of the TT blog team to come up with the most remarkable production they saw this season, giving them only three criteria.
1. The production must be bemerkenswert.
2. It can be any kind of staged performance
3. It doesn’t have to be a German-speaking production.
And so, here are this year’s TT-bloggers most bemerkenswerte productions. Continue reading Most bemerkenswert, according to the TT-Bloggers

Theatertreffen Acting Fact-File

The 5,000€ Alfred-Kerr-Preis for the best performance at the Theatertreffen was announced today, decided and presented by actress Nina Hoss. The prize went to Fabian Hinrichs – here are TT-Blog photographer Nadine`s photos of the award ceremony:

 
But how did she choose when there were so many different styles of acting treading the boards? Maybe she stole a look at my fact-file, based on some of the leading men and ladies of this year’s festival.
Style: The Entertainer
Example:
Fabian Hinrichs, Kill Your Darlings! Streets of Berladelphia
Director: Rene Pollesch
Role:
Only speaking part
Costume
: Shiny, skin-tight rainbow leggings/Floor-length skirt/Octopus costume Continue reading Theatertreffen Acting Fact-File

Applaus Applaus

Über das Theatertreffen-Publikum
Ein Stück ist nicht zu Ende, wenn es zu Ende ist. Auch die Inszenierung ist nicht zu Ende, wenn das letzte Wort auf der Bühne gesprochen ist. Applaus wird geprobt und der Regisseur ist aufgefordert, genau zu überlegen, wie er an dieser Stelle mit dem Publikum umgeht. Die konkrete Umsetzung am Abend der Vorstellung ist dann aber meist den Darstellern und ihrem Gespür überlassen: Wenn gebuht wird, muss man sicher nur einmal zum Verbeugen auf die Bühne. Für die Zuschauer ist diese Applaus-Inszenierung meist nicht wahrnehmbar, weil subtile Mittel benutzt werden. Bei Herbert Fritsch ist das anders. Er legt seine Mittel offen. Bei ihm endet das Gesamtkunstwerk erst, wenn der letzte Zuschauer den Saal verlassen hat. Continue reading Applaus Applaus

Faust I+II, mit Pinsel und Papier

Nach der gut achtstündigen Aufführung von Faust I+II gab es noch ein Publikumsgespräch. Auf dem Podium war natürlich auch  Regisseur Nicolas Stemann, der im Gespräch die Vermutung aufstellte, dass Goethe Faust II beenden musste, weil er im Begriff war zu sterben. Ja, wahrlich eine Deadline, die nicht zu verschieben ist. Faust II ist komplex und, wie das Leben selbst, nie ganz greifbar. Um die Fülle der Inszenierung des Faust-Marathon zu verdauen, habe ich zu Stift und Papier gegriffen und dem Strich freien Lauf gelassen.

 
 

Running the Faust-Marathon

Director Nicolas Stemann appeared on stage with a microphone at the start of nearly every section of his Faust I+II to explain the plot of Goethe’s two-part tragedy bit by bit as the performance unravelled. “Unravelled” feels like an accurate description of the evening, but – like Stemann – I should preface my statement with a fast-forward through the storyline: Continue reading Running the Faust-Marathon

Sebastian Rudolph: Über Faust. Und warum es sich lohnt, Theater zu machen

Faust I + II“ von Nicolas Stemann. Spieldauer „Faust I“: circa zwei Stunden 40, keine Pause. „Faust II“: circa vier Stunden 40, inklusive zwei Pausen. Aufführungsdauer „Faust I + II“ gesamt: circa acht Stunden 20, inklusive drei Pausen. Das kostet viel Aufmerksamkeit, Kraft und vor allem: Zeit. Von den Zuschauern, den Schauspielern, allen Beteiligten. Aber ist es das wert? Und wenn ja: Wozu?
Für Patrycia Ziolkowska, die unter anderem das Gretchen und Helena spielt, lohnt dieser Faust-Marathon alle Anstrengung. Die lange und physisch wie psychisch anstrengende Zeit auf der Bühne setzt bei ihr als Darstellerin unheimlich viel positive Energie frei, wie sie mir während einer entschleunigten Zugfahrt nach Berlin erzählte.
Einen ähnlichen Effekt scheint dieser Faust-Marathon beim Publikum auszulösen: Bei der Theatertreffen-Premiere wurde begeistert geklatscht und gejubelt, ein Zuschauer twitterte: „Auch beim zweiten Mal anschauen: super, der Faust. Jubel im Haus der Festspiele.“, ein anderer um ein Uhr nachts: „Fix und fertig aber zufrieden nach achtstündigem Stemann-Faust vom Thalia beim Theatertreffen.“ Nach einem Faust-Marathon im Thalia-Theater in Hamburg habe ich sogar erlebt, dass das komplette Publikum stehenden, frenetischen Applaus gegeben hat – und das nachts um 1.30 Uhr, nach über acht Stunden Faust… und das in Hamburg!
Einer der Gründe für diesen Beifall dürfte der Schauspieler Sebastian Rudolph sein. In „Faust I“ bestreitet er beinahe die gesamte erste Stunde vollkommen alleine auf der Bühne – ohne jedoch einen tatsächlichen Monolog zu halten, er tritt vielmehr durch Sprache und Gesten in einen Dialog mit dem Text. So wird zum Beispiel das allen bekannte Reclam-Heft zu seinem Gegenüber oder die widerstreitenden Gedanken und Gefühle des Faust, wodurch die „zwei Seelen“ in seiner Brust wie eine Untertreibung wirken. Continue reading Sebastian Rudolph: Über Faust. Und warum es sich lohnt, Theater zu machen

Nicolas Stemann über „triebhafte Spielfreude und Rumgehirne“

Nicolas Stemann hat „Faust I + II“ als über achtstündigen Marathon inszeniert, das ist viel. Viel Stoff, viel Erwartung, viel Druck. Aber Erwartungshaltung und Druck dürften Stemann bekannt sein: In den letzten zehn Jahren waren fünf seiner Inszenierungen zum Theatertreffen geladen: 2002 „Hamlet“, ein Jahr danach Elfriede Jelineks „Das Werk“, später folgten Jelineks „Ulrike Maria Stuart“, Schillers „Die Räuber“ und zuletzt Jelineks „Die Kontrakte des Kaufmanns“.
 

Verleihung der TT-Trophäe an Nicolas Stemann. Foto: Nadine Loës.

Stemann, Jahrgang 1968, inszeniert seit 1995. Bereits im Jahr 2000 wurde er von „Theater heute“ als „Nachwuchsregisseur des Jahres“ ausgezeichnet. Seit seinen Anfangsjahren ist Stemann für „intelligent-radikale Inszenierungen biederer Klassiker“ bekannt, in denen er „mit rotziger Respektlosigkeit“ „sich selber und die Welt zur Disposition“ stellt. Das tat er damals, und das tut er auch heute noch. Allerdings sind seine Arbeiten nicht auf Klassiker oder Jelinek-Texte begrenzt, sondern umfassen auch eigene Projekte wie zuletzt „Aufhören! Schluss jetzt! Lauter! Zwölf letzte Lieder“ und „Der demografische Faktor“, zu dem es auch ein Blog gibt, um die Proben- und Diskussionsprozesse transparent zu machen. Diese Transparenz und Thematisierung von Theaterarbeit zieht sich auch durch die Inszenierung von „Faust I + II“.
So wird in „Faust II“ immer wieder verkündet: „Ungestrichen!“ – an dieser Stelle nun: ein Interview mit Nicolas Stemann – ungestrichen! Continue reading Nicolas Stemann über „triebhafte Spielfreude und Rumgehirne“

Faust II – Eine Einführung

Heute feiert Nicolas Stemanns Faust I + II im Haus der Berliner Festspiele seine TT-Premiere. Aus diesem Anlass sei hiermit ein genauerer Blick auf das deutsche Nationalheiligtum geworfen. Doch nicht auf Faust I soll der Fokus liegen, den kennen wir hoffentlich zur Genüge aus Gymnasiumszeiten, Faust II ist das Thema.
Faust II ist der ungeliebte große Bruder des Faust I, so wie nahezu alle Fortsetzungen ungeliebt sind, scheinen sie doch bloß immer der laue Abklatsch einer großen Idee zu sein.
Im Fall von Faust liegen die Dinge hingegen anders: Faust I kann ohne Faust II nicht sein. Zu viele Fragen bleiben am Ende des ersten Teils unbeantwortet: Was geschieht mit der Wette zwischen Mephisto und Faust?  Kommt Faust wirklich ungestraft davon? Kann er herausfinden, was die „Welt im Innersten zusammenhält“? Continue reading Faust II – Eine Einführung

Der Faustbau

Auch wenn sich der Vorhang zur TT-Premiere von Faust I + II erst heute Nachmittag öffnet – der Aufbau hat schon vor zwei Tagen begonnen.

Der Zuschauerraum wird zur Bühne. Foto: Nadine Loës

Noch in der Nacht, direkt nach der Vorstellung, wurde der schlafende Raum von Macbeth zu Bett gebracht, damit gleich am frühen Morgen die LKWs aus Hamburg anrücken konnten. Links einladen, rechts ausladen. Überall ein Gewusel von Thalia Theater– und Festspiel-Technikern – um Verwechslungen vorzubeugen immer mit dem entsprechenden T-Shirt gekennzeichnet. Und selbst nach einem 8-Stunden-Aufbau-Tag ist noch nicht aller Tage Abend. Das Licht wird eingerichtet, die Projektionen müssen richtig leuchten, die Tonprobe dauerte die halbe Nacht, denn für die Durchlaufprobe mit Schauspielern in Kostümen am nächsten Tag musste alles stimmen.
Und dann, so nach und nach, man glaubt es kaum, lichtet sich das Chaos auf der Bühne, bis der Raum den Schauspielern gehört: „Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten…“

Keine Volksdistanz – eher Halbmarathon

Meine Theatertreffen-Blog Kollegin Magdalena Hiller schrieb am 8. Februar 2012 im TT-Blog über Theaterstücke, die aufgrund ihrer Länge einer etwas unkonventionelleren Abendplanung bedürfen. Ich dachte mir: Zum Glück sind wir das hier in Berlin gewöhnt! Allerdings musste ich feststellen, dass ich bisher auch noch nicht in den Genuss einer bis zu zwölf Stunden andauernden Theaterinszenierung gekommen bin. Das Stück John Gabriel Borkman zum Beispiel könnte man wohl als ein „Theater-Halbmarathon“ bezeichnen und solch ein Unterfangen verlangt auch vom Zuschauer ein Maximum an Leistungsbereitschaft. Daher habe ich innegehalten und zeichnerisch neun Empfehlungen beziehungsweise Hinweise zusammen getragen, die uns helfen sollen, einen sehr langen Theaterabend, eine lange Theaternacht oder einen Theatermorgen glücklich zu überstehen.