Dunkel ist der Weltraum, Genossen, sehr dunkel.

Gelesen – wieder gelesen.
Eine literarische Miniatur.

Teil 2: Heiner Müller

„Es gab keinen Feind mehr. Wenn das Reich des Bösen weg ist, ist der Teufel plötzlich überall. Die Barbaren sind etwas Diffuses, Jugoslawien, Armenien, Georgien, überall gibt es diese kleinen Barbarenstämme. Es gibt das Problem, wie hält man die davon ab, in die Wohnstube zu kommen, in der man sich einigermaßen eingerichtet hat. Man braucht Mauern. Es dauert immer eine Zeit, bis man merkt, was nötig ist. Man kann nicht sofort wieder eine Mauer bauen. Man weiß nur, und erfährt jede Woche neu: Man braucht sie. Aber man kann sie in der Form nicht wieder bauen. Man muss sich Zeit lassen und andere Architekturformen entwickeln. Es darf nicht mehr so einfach aussehen, aber eigentlich braucht man es schon.” (Heiner Müller)

Im Rahmen einer Diskussionsrunde im Theatertreffen-Camp Kunst der Rebellion – Rebellion der Kunst kam die Frage auf, ob man in einer Gesellschaft wie der unseren, ohne konkrete Feindbilder, überhaupt noch rebellieren kann. Ausgelöst durch diese Frage, ein paar Gedanken zum Thema Mut.
In einer Kontrollgesellschaft, die selbst ihre schärfsten Kritiker schluckt und öffentlichen Protest müde belächelt – die politische Kaste liest bestimmt nicht Jelinek, die politische Kaste ist pragmatisch – schwirrt er überall um uns herum in dem Ausruf des politischen Theaters, in der Spendenbox von My right is your right, im Publikumsgespräch nach der Premiere. Der Wunsch nach Mut. Wer bringt den Stein ins Rollen? Kraft erzeugt Gegenkraft. Mut erzeugt Mut? Wenn Revolutionen ein Bündnis auf Zeit sind, mit einem kleinen Gedanken von Freiheit, ist Mut dann ein Bündnis mit Hoffnung und Zuversicht auf einen glücklichen, sinnvollen Ausgang, ein freier Willensentschluss? Bin ich mutig, wenn ich hoffe? Ist die Erkenntnis, dass man Mauern baut genug? Ist Theater mutig, wenn es seine Mauern zeigt? Heiner Müller spricht resigniert. Im Rücken die Ruinen von Europa. Augenscheinlich ist der Mensch nur in Grenzen denkbar. „Wenn die Diskotheken verlassen und die Akademien verödet sind, wird das Schweigen des Theaters wieder gehört werden, das der Grund seiner Sprache ist “, schreibt Heiner Müller 1983 an den Regisseur Dimiter Gotscheff.
Er, der Autor eines verschwindenden Systems, thematisierte sein eigenes Verschwinden gleich mit, die Unmöglichkeit nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes Stücke zu schreiben, zieht sich durch sein letztes Werk. Und jetzt? Es wird munter weiter Theater gemacht, die düsteren Orakel-Sätze, ein ferner Nachhall eines repressiven Regimes, hindern uns nicht daran, Tragödie auch ohne den Menschen zu machen, ohne den sich selbst zu Fall bringenden Menschen, wie Imre Kertész schreibt, zu inszenieren. Das Theater des angepassten Menschen, titelt die vorweggenommene Geschichte.

Der Konflikt hat sich verlagert, an die Außengrenzen von Europa.

Das heißt, das Regime gegen das wir anschreiben müssen ist noch da! Es gibt Grenzen und Mauern, die sind doch präsent, und sie rücken uns auf die Pelle! Heiner Müllers Feindbild verschwand, unseres tritt gerade erst aus dem Schatten der Euro-phorie hervor.
Man ließ sich Zeit für neue Grenzen – aber ließ man sich Zeit für neuen Mut?
Wir haben gemerkt, was nötig ist, und haben hoffnungsfroh und zuversichtlich gewartet. Und doch: Mir fällt nichts zu einem Bundestagsabgeordneten ein, außer, wenig vertraut und schwer verdaulich. Die großen unauflösbaren Geschichten, die das Theater zeigte, sind verschwunden, unsichtbar geworden, das heißt aber nicht, das wir sie nicht brauchen. Wir brauchen sie umso mehr, wir brauchen politische Schönheit, mutige Menschen, wir brauchen Freunde, wir brauchen Ideen.
Ich weiß, entbehren müssen, ist nicht Teil des Ausbildungsplans, und das Bedürfnis ein Risiko, eine Widerwärtigkeit auf sich zu nehmen, Annehmlichkeiten zu opfern, möglicherweise Verletzungen zu riskieren, Freunde zu verlieren, ist eine Aufgabe, die man niemandem zu-muten kann. Mut muss man vielleicht wieder lernen. Darum drei mir wichtig erscheinende Punkte zum Thema Mut.

Erstens, Mut ist ein Motiv, das auf Liebe beruht.
Zweitens, Mut ist ein Motiv, das auf Liebe beruht.
Drittens, Mut ist ein Motiv, das auf Liebe beruht.

Dunkel ist der Weltraum, Genossen, sehr dunkel endet Heiner Müllers letztes Stück.
Wir sind Weltraumschrott, schreibt Wolfram Lotz. Dazwischen, wie viele läppische Jahre?

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Valerie Göhring

Valerie Göhring geboren 1992. Studiert Theaterwissenschaften in Leipzig. Vor und während des Studiums Praktika und Hospitanzen am Schauspiel Hannover, Thalia Theater Hamburg und Centraltheater Leipzig. Sie organisiert das Fuchsbau Festival in Hannover, bei dem sie die Bereiche Literatur, Film und Theater kuratiert. Ab kommendem Herbst Dramaturgie – und Regieassistentin am Schauspiel Frankfurt.

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