Bekenntnisse am Eingang

Überall sein, wenn alles los geht: Die Blog-Redaktion verteilte sich beim Start des Berliner Theatertreffens vor dem Eingang des Hauses der Berliner Festspiele, hielt Ausschau nach Prominenz diverser Provinienz, saß in der Aufführung von Christoph Schlingensiefs “Kirche der Angst vor dem Fremden in mir” auf Bank XV und wartete am Ausgang auf die Kollekte der Eröffnungs-Erkenntnisse.

Für die Romantiker unter den Gästen wurde ein kleines Feuer entzündet. Foto: Jan Zappner
Besinnlich: das Lagerfeuer im Garten. Foto: Jan Zappner

Staub zu Staub. Wurm zu Wurm. Hase zu Hase.

Das Theatertreffen ist angebrochen und Christoph Schlingensief ist sein Prophet. In seiner Kirche der Angst hat die Berliner Theatergemeinde heute abend Buße getan. Zwar hat jenseits der Kleiderverfehlungen und Frisurfrevel keiner öffentlich seine Sünden bekannt, aber die Absolution der Kunst gilt für jeden, der im rechten Glauben den Tempel betreten hat. Für die Lesung aus dem 5. Evangelium von Joseph Beuys hätte man sich eigentlich erheben müssen.

Die Seele von Schlingensiefs Kirche aber sind weder der Säulenheilige Joseph Beuys noch der in Kindersärgen aufgebahrte Fluxus. Es ist die Musik. Das vielstimmige Halleluja bricht wie eine Naturgewalt herein. Das ewige Leben ist ein wütendes Geheul. Wie Margit Carstensen die Krebsdiagnose singt, ist nicht nur großes Theater, sondern eine kolorierte Absage ans Jenseits. Der ironische Sopran von Angela Winkler sekundiert, Wagner und Mahler steuern Pathos bei. Jesus Christ Superstar reloaded, aber ohne Ende. Ob wir davon erlöst werden, bleibt unklar. Vielleicht deshalb das Unbehagen am Schlussapplaus. Das Theater aber ist in dieser Aufführung ganz bei sich. Herbei, oh ihr Gläubigen! Kristin Becker

Die kurze Gleichheit der Eröffnungschoreographie

Wenn Kunst ein widerständiges Geschehen sein soll – und darauf beharren wir Urenkel des großen TWA –, dann ist der ästhetische Gewinner dieses Abends die Security: Sie profiliert sich als einzig desautomatisierendes Element in der Eröffnungschoreographie. Denn sie kennt weder Theaterstars noch Gnade. Wenn sie Weisung hat, für die Dauer des Eröffnungsempfangs die Foyertüren geschlossen zu halten, dann macht sie das. Punkt. Intendanten, Feuilletonisten und Ensemblegrößen, die zur falschen Zeit am Festspielhaus eintreffen, sind dann für 15 Minuten genau so unerwünscht wie die Mittelschichtler auf dem Selbstdemütigungstrip, die – mit Abendgarderobe, aber ohne Existenzberechtigung an diesem geweihten Ort – Pappschilder in den Berliner Abendhimmel halten.

Weil diese kurze Spanne der Egalität schnell vergeht, bleibt aber ein anderer Eindruck vom Premierenabend rund um Schlingensiefs “Kirche der Angst vor dem Fremden in mir”: Der ist geprägt von einem snobistischen und auf unangenehme Weise blasierten Publikum. Eins, das sich in zu großen Teilen zu fein ist, für Laiendarsteller zu applaudieren – und davon gibt es bei Schlingensief nicht wenige; das ein Lebensleiden konsumiert und hinterher seinem Schamanen huldigt. Dass dessen Präsenz ebenso berührt wie seine Inszenierung, rettet – neben der Security – die Sache ein bisschen. Johannes Schneider

“Suche Karten” – Wer ist der bessere Zuschauer?

Am Einlass, in der Hoffnung auf allerallerletzte Karten, spielen sich tumulartige Szenen ab, wie es immer über jeden 1. Mai oder eine neue Mediamarkt-Eröffnung heißt. Manche hielten Zettel mit der Aufschrift “Suche Karte” hoch. Nutzte alles nix. Die Kirche war voll mit der ersten Klasse. Im ersten Stock saßen dann die Besucher zweiter Klasse vor der Aufzeichnung. Es hatte was von Schulkino, eine Leinwand, harte Holzstühle, die Vorhänge sind nicht ganz zu gezogen. Anders als bei der Schulkino-AG gingen aber Ton und Bild einwandfrei. Und die Überraschung: Schlingensiefs “Kirche der Angst” funktionierte tatsächlich auf dem überdimensionalen Fernseher. Da Schlingensief eh schon viel mit Film arbeitet, passt das prima ins Fernseh-Format.

Auch praktisch: Das Fernsehen gibt eine Richtung vor, und der muss der Zuschauer dann anders als im Theater folgen. Gerade bei “Kirche der Angst”, wo zehn Sachen gleichzeitig passieren, macht es das einfacher. Einfach folgen, fertig. Ab und an verliert man zwar die Orientierung, wo was wie passiert, aber dafür sind die Beteiligten schön in Großaufnahme zu sehen. Fazit: Die Letzten werden die Ersten sein, und die zweite Klasse sieht doch besser. Anna Postels

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