Kleine Knüller Große Knüller

Eine steht noch.
Der Künstler Olaf Metzel hat in diesem Jahr die Theatertreffenauszeichnung ganz im Sinne des Focusthemas Fassbinder gestaltet. Jede eingeladene Inszenierung wird mit diesem Objekt bedacht, die letzte Trophäe wird am Sonntag an „Baal“ von Frank Castorf verliehen.
Formal ist die Theatertreffen-Auszeichnung eine Weiterentwicklung von Metzels Reliefserie „Fassbinderfragmente“ von 2012. Vorlagen aus  Drehbüchern Fassbinders, Manuskriptseiten, Filmstills, Portraits und Kritiken wurden auf Aluminiumplatten gedruckt und anschließend angeknittert, so dass ein nostalgischer Printmedienfaltenwurf entsteht. Das Ergebnis wurde auf einen Mamorsockel montiert.

 

IMAG0054

Eine Ode an die materialisierte Fassbinderhommage

 

Du Knüll auf einem Sockel
du amorphe Blüte aus Aluminium und Rainer Werner

Fassbinder
von hinten wie von vorne
beidseitig bedruckt

Scheinbar achtlos zerknittert
ready made für Altpapier
R.W.F.,
die Ewigkeit in Knülle
gehört dir.

Deine Oberfläche so glänzend
deine Gedanken so zerballt
der Zeitungsschnee von gestern
heute metallkalt
in Trophäengestalt

wtf?
RWF

Banal?
Monumental

Du wunderliches Ding
geh dahin
in eine Zukunft
auf Schreibtischen
oder an Foyerwänden
wo hoffentlich
regelmäßig jemand abstaubt.

Dreckige Erhabenheit: „Der 2. Tod eines Kollektivs“

Im Roten Salon der Berliner Volksbühne widmet sich der Schauspieler Maximilian Brauer mit wechselnden Kolleg*innen regelmäßig im Rahmen vergnüglich-versauter Abende dem Leben schillernder Prominenter. Neben Rolf Dieter Brinkmann und Helmut Berger war auch schon Rainer Werner Fassbinder an der Reihe. Anlässlich des Theatertreffens wurde der Fassbinder-Abend noch einmal aufgenommen. Theresa Luise Gindlstrasser hat über die wüste Nummer geschrieben, Janis El-Bira ihren Text mit Fußnoten versehen.

 

Rainer Werner Wer? Der mit den vielen Filmen,[1] der mit den Drogen, der mit dem Sex. Der Rainer Werner, Fassbinder, der hat einen Fokus bekommen im Rahmen vom Theatertreffen. Ausstellung, Podiumsdiskussion, Liederabend, Theater und Performance. „Fokus Fassbinder“, da ist der Mythos nicht mehr weit.

Aber wo Mythos, da immer auch Problem. Und wo immer auch Verklärung, da sowieso dann Gelächter. Innerhalb dieses Spannungsfeldes wurde die großartige Sauerei unter dem Titel „Der 2. Tod eines Kollektivs oder Die wunderbare Welt des R.W. Fassbinder“ ausgetragen.[2] Sauerei, weil Wurst, Käse, Brot, Cola, Rum, Essiggurken, Nebel, Hackfleisch, Rockband und backe backe Kuchen.[3] Großartig, weil Verschwendung der Materialien und Verausgabung der Menschen auf die dreckigst mögliche Art und Weise Erhabenheit generiert.

Dreckige Erhabenheit, damit meine ich die Souveränität der Schauspielenden im Scheitern. Das wurde nicht geprobt. Das wurde gemacht.[4] Da wurde aus der Situation heraus agiert. Da wurde jedes Gegen, jedes Nein, jedes Anti aus dem Publikum verwurstet und war dann plötzlich wieder Ja. Damit meine ich auch Referenzen, die ich nicht mitvollziehen kann, die ich ahnen kann, wo ich sehe, da wird mit großer Fassbinder-Währung wild um sich geworfen, während gleichzeitig die Währung Fassbinder als solche in Frage gestellt wird.[5] Dreckige Erhabenheit, das ist eine Weise, sich dem Rainer Werner, dem RAINER WERNER FASSBINDER, zu nähern und ihn sich gleichzeitig vom Leibe zu halten. Narration? Nein. Situation? Ja.[6] Sex, Drogen, Fassbinder-Filmeraten[7] und Bier? Ja.[8]

 


 

[1] Fünfundvierzig Filme, um ganz genau zu sein. In gerade einmal 26 Jahren. Säulenheilig aufragend im deutschen Nachkriegsfilm. Von allen verehrt, aber irgendwie doch von niemandem beerbt. Oder doch?

[2] Im Roten Salon der Volksbühne, wo man freundlich darauf hinwies, dass zwar auf der Bühne, keinesfalls jedoch im Zuschauerraum geraucht werden dürfe. Gelenkter Exzess. Richtig ausrasten durften nur die da vorne: Maximilian Brauer, Susanne Bredehöft und Lilith Stangenberg.

[3] Im Einzelnen: Wurstgeschnitzte Penisse am großartigen Selbstversuchler Maximilian Brauer, Käse vom halben Laib, Brot von der Hofpfisterei (gefistet von Brauers Mikrophon), Cola und Rum aus dem Essiggurkenglas als Wanderpokal für alle Anwesenden, Hackfleisch aus der Hose, Nebel aus der Ecke, Rockband irre laut von hinten rechts. Außerdem: Zwei Körbe Flugbrezeln und drei Fässer Paulaner fürs Publikum. Die Mische aus Bayern.

[4] Bei Fassbinder wurde eigentlich ziemlich hart und akribisch geprobt. Aber gemacht wurde natürlich auch.

[5] Was ja das Problem der Fassbinder-Rezeption schön veranschaulicht: Heiligsprechung und Käseglocke sind zwar so ziemlich das Letzte, was diesem wilden Werk gerecht würde. Andererseits ist Fassbinder aber komplett in, an und für sich abgeschlossen. Er ist schon länger tot als die alte BRD, an der er sich abarbeitete. Und die ist schon echt ‘ne Weile dahin.

[6] Eine besonders schöne Situation war übrigens der Live-Anruf bei Irm Hermann daheim: „Hier in Franken gibt es wunderbaren Presssack.“

[7] Ganz schwache Leistung vom Publikum. Ganz schwach.

[8] Ja!

 

Der 2. Tod eines Kollektivs oder Die wunderbare Welt des R. W. Fassbinder
Ein Selbstversuch mit Maximilian Brauer, Susanne Bredehöft, Henning Nass und Lilith Stangenberg, sowie den Musikern Leonard Neumann und Richard Lucius. Mit exklusiven Beiträgen von Irm Hermann und Ulli Lommel.
Ausstattung: Jana Wassong
Dramaturgie: Anna Heesen, Thilo Fischer
www.volksbuehne-berlin.de

 

Eefke Kleimann // Gastautorin

Eefke Kleimann, Jahrgang 1990, studierte und arbeitete im Bereich Theaterwissenschaften an der Universität in Mainz. Sie machte u.a. Theater mit Kindern und Senioren und mit Freunden in einem Theaterkollektiv. 2013 und 2014 war sie Teil der TT-Blog-Redaktion. Derzeit arbeitet sie an der Hochschule für Musik Hanns Eisler und studiert Kunst- und Bildgeschichte in Berlin.

Angst essen Deutschland auf

„Andere werfen Bomben, ich mach Filme.“ R.W. Fassbinder

Wo ist er hin, der Mut des R.W. Fassbinder!? Ist es einfacher, die Verantwortung auf die „großen“ Parteien/Institutionen abzuschieben, anstatt die eigenen persönlichen Beziehungen zu analysieren? Ist der Mut zur Selbstanalyse vergraben unter dem Marketing-Wahnsinn des deutschen Theater-/Kunst- und Filmmarktes?

Patrick Wengenroth ist Regisseur und Performer, und zeigt, anlässlich des Focus Fassbinder, beim Theatertreffen sein Theaterstück „Angst essen Deutschland auf“ (das auf Fassbinder-Interviews basiert) und die Performance „Einer, der eine Liebe im Bauch hat, der muss nicht am Flipper spielen“. Nach dem Symposium „Das Private ist Politisch“, bei dem er als Podiumsteilnehmer dabei war, spricht er über Rainer Werner Fassbinder. Hier eine Zusammenfassung des Gespräches.

 

 

 

Brutalität des Alltäglichen

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Sei ein aufopferungsvoller und liebender Ehemann und Vater! Sei ein freundlicher, zuvorkommender Nachbar! Sei eine konstruktive Kraft in der arbeitsökonomischen Verwertungskette! Herr Raab – Familienvater, Nachbar, Arbeitskollege – scheint all diesen Imperativen nachzugehen. Doch das Streben nach einem kleinbürgerlichen Lebensideal führt zur totalen Selbstaufgabe und schlussendlich in die Katastrophe.

In lose aneinandergereihten, improvisierten Szenen erzählt der Film „Warum läuft Herr R. Amok“ von Michael Fengler und Rainer Werner Fassbinder die Geschichte der sukzessiven Entfremdung eines Mannes von seinem sozialen Umfeld und sich selbst. Einem Menschen, der keinen Halt findet in seinem Lebensalltag und lediglich in Zuschreibungen und Erwartungshaltungen, die seine Mitmenschen auf ihn projizieren, seine Existenzberechtigung sucht. Jedoch bleibt letztlich die Frage nach dem „Warum?“ ungelöst. Warum Herr Raab seine Familie und Nachbarin umgebracht hat, bleibt unerklärlich und in seiner offensiven Beiläufigkeit zutiefst erschütternd und bedrohlich.

Susanne Kennedys Inszenierung des gleichnamigen Films liefert dankenswerterweise ebenfalls keine Antworten auf die Titelfrage. Vielmehr intensiviert sie die Ratlosigkeit, die das Schicksal von Herrn Raab und seiner Familie hinterlässt, durch eine konsequente Bühnenästhetik der ‚exzessiven’ Reduktion und Entschleunigung. Kennedy liebt es, ihre Darsteller*innen in ein fest reglementiertes Darstellungsrepertoire zu zwängen. Bereits in ihrer Inszenierung von Marieluise Fleißers „Fegefeuer in Ingolstadt“ erzeugte sie Verfremdungen der Zuschauerwahrnehmung, indem die Akteur*innen in statische Szenenbilder gruppiert wurden und mittels einer bereits aufgenommenen Tonspur die Textpassagen im Playback nachsprachen. Dieses Konzept der Entmächtigung innerhalb der Darstellung wird nun in der neuen Inszenierung fortgesetzt und auf die Spitze getrieben. Die Stimmen wurden von Laien aufgenommen und das mimische Spiel verschwindet beinahe gänzlich hinter Gesichtsmasken.

Was bleibt, sind Hybride zwischen Objekt und Subjekt, zwischen Marionettenhaftigkeit und individuellem Gestenrepertoire der Darsteller*innen. Statt plastisch ausgeformter Figuren gibt es grob skizzierte Charakterentwürfe – austauschbare Instanzen, Leidensstationen auf dem Weg in den Tod. Immer wieder schlüpfen die Darsteller*innen abwechselnd in die verschiedenen Rollen. Ein inszenatorischer Kniff, der die Austauschbarkeit und Allgemeingültigkeit des Figurenrepertoires verdeutlicht.
Seltsam und befremdlich schauen sie aus, die Schauspieler*innen, in dieser sterilen, holzverschalten Vorhölle – mitsamt Gummipflanze und Linoleum-Fliesenimitat –, die den Charme von Un-Orten wie Wartesälen oder Bahnhofsspielhallen versprüht. In einzelnen Szenenbildern werden alltägliche Situationen in ihrer ernüchternder Banalität und ihren perfiden Machtstrukturen zu einem Sittengemälde unerträglich dumpfer und erniedrigender Selbsttäuschung zusammenmontiert.

Der Kampfplatz ist überall – ob im Wohnzimmer, im Plattenladen oder auf der Straße. Immer wieder stößt Herr R. auf Ablehnung und Unverständnis. Kennedy exerziert dies in teilweise unerträglich statischen Bildern und einer brutal-konsequenten Klarheit. Die Inszenierung hat nicht nur die Struktur der einzelnen heterogenen Szenenfragmenten des Films übernommen, sondern auch eine höchst stilisierte und ausdrucksstarke Form gefunden, die atmosphärische Qualität des Films in seiner Darstellung und ‘Fühlbar-Machung’ der Lethargie, Tristesse und Sprachlosigkeit innerhalb der kleinbürgerlichen Familie in den theatralen Kontext zu transferieren .
Die Banalität und Brutalität des Alltäglichen werden somit auf die Bühne gehievt und maßlos vorgeführt.

Warum läuft Herr R. Amok?
von Rainer Werner Fassbinder und Michael Fengler
Regie: Susanne Kennedy, Bühne: Lena Newton, Kostüme: Lotte Goos, Sounddesign: Richard Janssen, Ton: Katharina Widmaier-Zorn, Viola Drewanz, Video: Lena Newton, Ikenna Okegwo, Licht: Jürgen Kolb, Dramaturgie: Koen Tachelet
Mit: Willy Brummer, Kristin Elsen, Walter Hess, Renate Lewin, Christian Löber, Sybille Sailer, Anna Maria Sturm, Çiğdem Teke, Edmund Telgenkämper, Ingmar Thilo, Herbert Volz, Erika Waltemath