„Der Tod ist anstrengend“

Pierre Notte, französischer Theaterautor und Generalsekretär der Comédie-Française in Paris, erzählt in seinem Stück „Zwei nette kleine Damen auf dem Weg nach Norden“ von der Schwierigkeit mit dem Tod umzugehen. Im Interview redet er über Traumata, Gräber und Verwirrungen in Berlin-Tempelhof.

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Katharina Thalbach und Peggy Lukac lesen die grotesk-komische Reise der Schwestern Bernadette und Annette: "Zwei kleine nette Damen auf dem Weg nach Norden" des französischen Autors Pierre Notte. Foto: Jason Kassab-Bachi

Was finden Sie eigentlich so interessant an „kleinen alten Damen“?

Man kann sich sein Leben lang weigern, persönliche Traumata aufzuarbeiten. Das hat mich interessiert. Die beiden Figuren in meinem Stück sind alt und werden bald sterben. Im Moment der Trauer um die Mutter und am Grab ihres Vaters entscheiden sie sich, endlich etwas zu klären: sich miteinander zu versöhnen. Sachen, die sie bisher verschwiegen hatten, sprechen sie jetzt aus – zärtlich, aber auch gemein.

Bernadette, eine der beiden Hauptfiguren, sagt: „Ich bin Michèle Morgan, die sich 1938 auf dem deutschen Flughafen Tempelhof verirrt hat.“ Ist das ein Filmzitat?

Als ich vor ein paar Jahren zum ersten Mal in Berlin war, fuhr ich an Tempelhof vorbei und war beeindruckt von der furchteinflössenden Architektur. Plötzlich hatte ich das Bild von der Schauspielerin Michèle Morgan vor Augen, allein und verwirrt in Tempelhof.

Dieses Zitat ist also erfunden.

Sie haben mich ertappt.

Die netten alten Damen machen auch viel Unfug. Sie klauen zum Beispiel einen Bus. Als sie im Kommissariat landen, ist das für Bernadette eine „Komödie, in der wir uns auf einmal wiederfinden“.

Wenn das Theater die Wege der Repräsentation nicht systematisch hinterfragt, dann ist es fast wie tot. Deshalb endet die Fahrt mit dem gestohlenen Bus auf einer Klippe. Ich gebe gern Regieanweisungen, die auf einer Theaterbühne unmöglich so konkret zu realisieren sind, also die im besten Fall interpretiert werden müssen.

Bernadette und Annette fahren nach Amiens, um nach dem Grab ihres Vaters zu suchen. Amiens ist Ihre Heimatstadt: ein autobiographisches Element?

Jahrelang konnte ich mich nicht an den Ort erinnern, an dem mein Vater begraben wurde, obwohl ich da gewesen war, auf diesem Friedhof in der Nähe von Amiens. Ich habe ja alle Blumen, die die Leute mitgebracht hatten, in sein Grab geworfen. Jedoch wusste ich nicht mehr, wo noch wann das war.

Ist es Ihnen beim Schreiben wieder eingefallen?

Ja. Ich besuchte aber, wie die kleinen alten Damen, viele Friedhöfe, bis ich ihn fand.

Haben Sie etwas dazu gelernt?

Ich habe aufgehört, wütend zu sein, und akzeptiere nun, dass ich mit dem Tod vieler anderer Menschen rechnen muss. Im Grunde gehört dieses Thema zum Alltag. Das ist aber anstrengend. Als ich es zum Forschungsobjekt machte, konnte ich mich davon lösen, es unter einem anderen Blickwinkel betrachten und darüber lachen, obwohl es so bedrückend ist.

Die meisten am Stückemarkt beteiligten Autoren stehen am Anfang ihrer Karriere. Sie sind schon ein Stück weiter. „Zwei kleine nette Damen“ wurde in Frankreich und gerade in Japan aufgeführt. Was ist für Sie am Stückemarkt interessant?

Es ist umgekehrt: Ich kann das Interesse für mein Stück mit seinen kleinen tragikomischen Dramen aus dem Privatleben nicht ganz fassen. Ich bin überrascht, glücklich und geehrt, in Berlin eingeladen worden zu sein. Ich bin aber auch besorgt, dass die Leute mein Theater unseriös finden.

Wieso denn unseriös?

Na ja, die Deutschen sind sehr ernst.

Wie ist das denn gemeint?

Die Theaterangelegenheiten werden ernst genommen.

In Frankreich doch auch.

Die Berliner Szene wird in Frankreich sehr geschätzt und angesehen. Sie ist so experimentell. Es ist ein Theater der Recherche.

Aber zurück zu ihrem Stück. Warum soll es unernst sein?

Pierre Notte, der seit einigen Sekunden hüstelt, verschluckt sich. Heiser fährt er fort:
Es ist die wiederkehrende Angst, als Hochstapler enthüllt zu werden. Das ist normal.

Sie, ein Hochstapler?

Es ist die Angst vor der Illegitimität… Er hustet stärker. Ich glaube, ich habe etwas verschluckt. Ich sterbe…

Panisch steht Pierre Notte auf und rennt wild hustend um den großen Baum im Garten vom Haus der Berliner Festspiele. Ich laufe schnell in Richtung Haus und komme mit einem Glas Wasser in der Hand zurück. Nach einigen Minuten ist der Husenreiz vorbei.

Ein Albtraum. Ich kann weder schreiben noch sprechen, ohne diese Angst zu haben. Dann ist es ganz normal, dass ich irgendwann ersticken muss. Es ist seltsam, denn es ist genau das was ich in meinen Stücken beschreibe: Leute, die ersticken. Bernadette zum Beispiel bekommt Panikanfälle, wenn sie spricht. Annette verschluckt sich ständig. Wie idiotisch.

Wie eigenartig.

Als Kind war ich stimmlos, ich konnte nicht sprechen. Mein Vater – der schon wieder! – sagte immer „Aber sprich doch! Sprich doch lauter!“ Es wurde immer schlimmer, ein Horror. Ich habe angefangen zu schreiben, damit Dialoge entstehen. Dass meine Arbeit in Berlin präsentiert wurde, lässt mich – wieder – sprachlos werden. Ich bin wie Michèle Morgan: verwirrt in Tempelhof.

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Elise Graton

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