Bemerkenswert gut gestimmt

Es wurde gearbeitet, bis spät in die Nacht, es wurde zu jeder Tageszeit geschnitten, geschrieben, fotografiert, gefilmt und produziert, es wurde gefeiert, es wurde diskutiert und geplant. Der Theatertreffen-Blog, der in diesem Jahr zum ersten Mal die tt-Festivalzeitung ersetzte, begleitete das Theatertreffen 2009 in Text, Bild und Ton, mit Fotogalerien, Audioporträts, Nachtkritiken, Interviews, Beziehungstipps, einem ABC und sogar Selbstkomponiertem. Zum Abschluss des Festivals zieht die Blog-Redaktion Bilanz.

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Bis in die frühen Morgenstunden sorgte Blogger Johannes Schneider mit Ukulele und Köl'scher Mundart für Gruppenharmonie: bemerkenswert. Foto: Jan Zappner

Eine gewaltige Überdosis

Die Sicht durch ein beeindruckendes Riesenauge auf einen persönlichkeitsgespaltenen Josef K.. Die Kraft einer Birgit Minichmayr, mich allein mit ihrer Stimme von der Probebühne zu fegen. Eine bezaubernde Maren Eggert, die in der warmen Abendsonne sanft strahlte. Unser Mentor, der akribisch die maßlose Nutzung von Adjektiven abmahnte. Ein bemerkenswertes Team, in dem Streit nicht Untergang und Party nicht Ausschlafen bedeutete. Und – Continue reading Bemerkenswert gut gestimmt

“Simultan auf- und abbauen”

Der technische Leiter des Theatertreffens Andreas Weidmann und seine Mitarbeiter erhielten von Joachim Sartorius, dem Intendanten der Berliner Festspiele, und Iris Laufenberg, der Leiterin des Theatertreffens, zum Abschluss des Festivals einen opulenten Vitaminkorb. Warum sie den verdient haben, erzählt Andreas Weidmann im Interview.

Herr Weidmann, war die technische Herausforderung beim Theatertreffen 2009 höher als sonst?

Die ursprüngliche Atmosphäre von Christoph Schlingensiefs “Kirche der Angst” rüberzubringen war schon eine enorme Herausforderung. Continue reading “Simultan auf- und abbauen”

Pollesch vermisst

Der Intendant des Prater, einer Spielstätte der Volksbühne in Berlin, René Pollesch im Blitzinterview. Warum? Einfach so. Und weil er uns gefehlt hat. Und weil wir von ihm wissen wollten, ob er beim Theatertreffen etwas vermisst.

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In Gedanken immer dabei: René Pollesch. Foto: Thomas Aurin

Finden Sie den Anspruch des Theatertreffen realistisch, das aktuell bemerkenswerteste deutschsprachige Theater zu zeigen?

Ich denke schon, aber man sollte die Inszenierungen in eine andere Stadt einladen. München, Düsseldorf oder Bochum. Oder vielleicht sogar in ein theaterbegeistertes kleines Nest, das man damit aufwerten könnte.

Auffällig ist, dass die eingeladenen Regisseure hauptsächlich männlich und über 40 sind. Sind alte Männer bessere Regisseure?

Männer einzuladen ist die einzige Möglichkeit der Jury, zu beweisen, daß sie weiß worum es geht. Zehn Männer einzuladen, ist keine Mode. Wenn man zehn Frauen einlädt, lädt man nur zehn Frauen ein.

Seit 2001 leiten Sie den Prater, eine Spielstätte der Berliner Volksbühne. Dort haben Sie öfter Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen eingeladen, deren Inszenierung “Othello, c’est qui” dieses Jahr beim Theatertreffen zur Diskussion stand. Hätte die Jury Mut bewiesen, wenn diese Inszenierung in die Endauswahl genommen worden wäre?

Dass sie zur Diskussion standen, wußte ich nicht. Ich finde Monika jedenfalls bemerkenswert.

Wenn die Themen aus dir selbst kommen sollen

Max Claessen, Regisseur aus Hamburg, war noch nie Stipendiat. In diesem Jahr wurde er für das Internationale Forum als Teilnehmer ausgewählt und erarbeitete mit anderen internationalen Theatermachern “Geschichten und Geschichte“. Er erzählt von Gruppenprozessen, die, wenn alle Kreative sind, ganz gut von selbst funktionieren. Ein Mitschnitt der Workshop-Ergebnisse.

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Der Workshop "Geschichten und Geschichte" von Intendant Armin Petras und Chefdramaturgin Andrea Koschwitz (Maxim-Gorki-Theater) im Gruppenbild als Chor: Max Claessen hat sich die dritte Reihe ausgesucht. Foto: Piero Chiusi

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“Der Tod ist anstrengend”

Pierre Notte, französischer Theaterautor und Generalsekretär der Comédie-Française in Paris, erzählt in seinem Stück “Zwei nette kleine Damen auf dem Weg nach Norden” von der Schwierigkeit mit dem Tod umzugehen. Im Interview redet er über Traumata, Gräber und Verwirrungen in Berlin-Tempelhof.

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Katharina Thalbach und Peggy Lukac lesen die grotesk-komische Reise der Schwestern Bernadette und Annette: "Zwei kleine nette Damen auf dem Weg nach Norden" des französischen Autors Pierre Notte. Foto: Jason Kassab-Bachi

Was finden Sie eigentlich so interessant an “kleinen alten Damen”?
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Die Stimmen der Sieger

Die Stückemarkt-Jury hat gesprochen, nun sprechen die Preisträger:

“Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte, aber den Preis habe ich selbstverständlich verdient. In meinem Stück habe ich ja auch nicht geschrieben, dass es keine Preise gewinnen wird, sondern dass es keine Preise gewinnen muss. Mit dem Maxim-Gorki-Theater zusammenzuarbeiten, wird großartig, und Ideen, was man mit den Moneten machen kann, habe ich auch schon – neue Schuhe wären zum Beispiel angebracht.”

Oliver Kluck, Preisträger des Förderpreises für Neue Dramatik, überlegt, ob er um diese Zeit noch seine werktätigen Eltern anrufen kann und beschließt, zumindest eine SMS an seine Mutter zu schreiben.

“Mich freut besonders, dass ich arbeiten kann: Ein Stückauftrag ist kein leerer Preis, sondern einer mit Perspektive. Ich komme in Kontakt mit Theatern und freue mich jetzt grad einfach riesig auf die feste Zusammenarbeit. Vor dem Druck, den ein solcher verpflichtender Auftrag bedeutet, habe ich keine Angst: Das ist Schriftstelleralltag.”

Nis-Momme Stockmann, Preisträger des Werkauftrags des Stückemarkts, wird nun als erstes seinen Verleger anrufen

“Ich hätte nicht gedacht, dass mein Stück fürs Radio adaptierbar ist. Aber eigentlich spielt es ja mit der Fantasie des Rezipienten. Beim Stückemarkt dabei zu sein, fand ich sehr stimulierend – endlich Feedback zu meiner Arbeit von kompetenten Leuten. So eine Möglichkeit für junge Autoren war für mich neu. In Italien, woher ich komme, gibt es nichts dergleichen. Dort hat keiner Lust, ins Theater zu investieren.”

Davide Carnevali, Preisträger von Theatertext als Hörspiel des Stückemarkts, wird vielleicht seine Freunde aus Barcelona später anrufen.

Die Macht des Teleprompters

Eine szenische Lesung ist keine Inszenierung! Dennoch ist sie mehr als nur Lektüre: Sie kann einen Text zum Leben erwecken oder aber auch schaden.

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Willkommen im Kindergarten: In der szenischen Lesung von "Das Prinzip Meese" bewies Sandra Hüller Haltung. Foto: Jason Kassab-Bachi

Wie eine szenische Lesung aussieht, haben bereits die Blog-Kollegen Johannes Schneider und Matthias Weigel veranschaulicht. Zur Erinnerung: Schauspieler stehen oder sitzen auf einer Bühne, Manuskript in der Hand, und lesen ein Stück vor. Ein paar Requisiten, beispielsweise ein Bett, eine Flasche oder ein Telefon, werden ihnen manchmal gegönnt. Continue reading Die Macht des Teleprompters

Quiz!

Ich war zu spät. Vom Autorentisch am Montagabend habe ich leider nur die letzten drei Antworten auf eine mir völlig unbekannte Schlussfrage mitbekommen:

Oliver Kluck: “Eine Zweit-Kreditkarte!”
Nis-Momme Stockmann: “Berührung, Hautkontakt.”
Markus Bauer: “Pfff …?”

Was war wohl die Frage der Moderatorin Gesine Schmidt?

a) Titel des nächsten Stückes?
b) Sonst noch’n Wunsch?
c) Was ist der Sinn des Lebens?
d) Was bringt Ihnen die Einladung zum Stückemarkt?

Ich gehe jetzt mal recherchieren. Sollte jemand eine Ahnung haben: bitte melden!

Toben mit Kopftuch

Parallel zum Theatertreffen findet in Berlin das Deutsche Kinder- und Jugendtheatertreffen “Augenblick mal! 2009” statt. Constanza Macras zeigte am 8. Mai im Theater Hebbel Am Ufer ihr von der Kritik gefeiertes Tanztheaterstück “Hell on Earth“, bei dem sich Jugendliche aus Berlin-Neukölln und professionelle Tänzer vom Ensemble DorkyPark auf der Bühne austoben. Es steht auch auf der Longlist der diskutierten Inszenierungen des tt09.

Constanza Macras' "Hell on Earth". Foto: Thomas Aurin/ Augenblick mal! 2009
Produktives Chaos auf der Bühne von Constanza Macras' "Hell on Earth". Foto: Thomas Aurin, Augenblick mal! 2009

Ein kleiner Junge, in orientalische Tücher gehüllt, schimpft vom Bühnenrand herunter: “Die Männer wollen ja nur ficken!” Andere Jugendliche spielen mit Jesus, Maria und Josef – aus Plastik. Josef zu Maria: “Sei mal ehrlich. Wo kommt dat blöde Kind her?” Continue reading Toben mit Kopftuch

“Mich befriedigt die klassische Form nicht”

Er liest sich wie Prosa und ist doch Theater. Er hat keine klare Handlung, keine wiedererkennbaren Figuren, aber ist für die Bühne geschrieben. Oliver Klucks zum Stückemarkt eingeladener Theatertext “Das Prinzip Meese” wirft viele, nicht nur stilistische Fragen auf und wurde am 10. Mai um 20 Uhr von Robert Beyer, Sandra Hüller, Astrid Meyerfeldt, Heide Simon und Ingo Günther im Haus der Berliner Festspiele szenisch gelesen.

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Auf der Suche nach der Form: der zum Stückemarkt 09 eingeladene Autor Oliver Kluck. Foto: Jan Zappner

“Das Prinzip Meese” fängt mit dem Vorschlag an, Helmut Schmidt als einzigen Sprecher für das Stück einzuladen. Haben Sie ihn mal angefragt, ob er das tun würde?

Nein. Als das Stück entstanden ist, gab es eine Helmut-Schmidt-Kampagne. Überall Plakate, auf denen man ihn rauchen sah. Beim Warten auf die S-Bahn in Berlin Gesundbrunnen fielen sie mir auf, und ich habe gedacht, er kommt jetzt in den Text rein. Continue reading “Mich befriedigt die klassische Form nicht”