Alfred-Kerr-Darstellerpreis 2010

Paul Herwig nach der Premierenparty beim Theatertreffen. Foto: Kim Keibel

Paul Herwig ist heute Nachmittag mit dem Alfred-Kerr-Darstellerpreis für seine Rolle des Johannes Pinneberg in “Kleiner Mann, was nun” ausgezeichnet worden. Der mit 5.000 Euro dotierte Preis wurde zum sechzehnten Mal vergeben. Geehrt werden junge Schauspieler oder  Schauspielerinnen, die in einer Inszenierung auf der Bühne des Theatertreffens zu sehen waren. Juror war in diesem Jahr war Schauspieler Bruno Ganz.

“Er lässt mich ins Innere sehen, in seines, in Pinnebergs und in meines”, begründete Ganz seine Wahl für den 1970 geborenen Paul Herwig. Sich zu entscheiden, schien ihm nicht einfach gefallen zu sein. Die Regisseure des diesjährigen Theatertreffens scheuten das Identifikatorische wie der Teufel das Weihwasser, beklagte sich der Juror. Stattdessen sah er: “Comedy, Chor und Kabarett”. Das habe ihm die Möglichkeit genommen, die Schauspieler zu beurteilen. Continue reading Alfred-Kerr-Darstellerpreis 2010

Auf der Schlachtbank Europas

Weiß ist gefährlich. Das wird schnell schmutzig. Und tatsächlich, der kleine Chinese spuckt Blut, er hört gar nicht mehr auf. Bis der ganze weiße Boden verspritzt ist und der Chinese auf ihn drauffällt. Er ist tot. Verblutet, weil ihm seine Kollegen vom China-Thai-Vietnam-Restaurant “Der goldene Drache” den schmerzenden Zahn mit einer Zange gezogen haben und die Wunde nicht stillen konnten.

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Die alltägliche Glücks-Suche

David findet seine Frau Jess auf dem Bett liegend, sie hat eine Überdosis Tabletten geschluckt. Anstatt ihr zu helfen, flößt er ihr Wodka ein, um das Sterben noch zu beschleunigen. David wünscht sich einen Ford Mondeo. Und seine Frau leidet an Kaufsucht, verprasst alles Geld. Das verträgt sich eben nicht. Daniel Hoevels und Susanne Wolff spielen das Paar in “Liebe und Geld” von Dennis Kelly am Thalia Theater in Hamburg (Regie: Stephan Kimmig). Anlässlich der tt-Premiere heute Abend trafen wir uns mit den beiden Schauspielern in der Garderobe des Deutschen Theaters.

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Fürs Theater schreiben oder Händewaschen?

Es ist großartig, wie viel für und mit Nachwuchstheatermachern im Programm rund um das Theatertreffen stattfindet. Wie ihnen Bühnen geschaffen werden. Vor der zweiten Stückemarkt-Lesung unterhielten sich am Montagabend die Autoren Wolfram Lotz, Claudia Grehn und Ekat Cordes in der Bornemann-Bar – und fragten sich unter anderem, wie das Theater politisch sein kann. Ihre Antworten zum Nachhören.

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Rauschen in der Rübe

“Was heißt und zu welchem Ende erdulden wir Regietheater?” lautete der Titel einer Veranstaltung, zu der die Stiftung Schloss Neuhardenberg am gestrigen Sonntag einlud. Auftritt: Gerhard Stadelmaier, Großkritiker der FAZ und seit dem Frankfurter “Spiralblock-Skandal” auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Eine Zusammenfassung seiner Rede in Stichpunkten.

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Die Nummer Eins sein

Das Theatertreffen ist nicht nur eine Leistungsschau der deutschsprachigen Theaterlandschaft. In den Uferstudios im Stadtteil Wedding treffen sich im Internationalen Forum täglich über vierzig junge Schauspieler, Regisseure, Autoren und Dramaturgen aus der ganzen Welt. Sie arbeiten miteinander in Workshops, erzählen sich aus der Heimat, diskutieren über ihre Idee von Theater. Mit dabei ist auch Modzinu Blaise Abolo-Sewovi. Der 34-Jährige kommt aus Togo. Er ist Schauspieler und Batik-Künstler.

Modzinu Blaise Abolo-Sewovi mit Theatertreffen-Ausweisband. Foto: Kim Keibel

Modzinu Blaise Abolo-Sewovi springt auf, stellt sich aufrecht in die Mitte des Raumes, drückt die Brust raus, breitet die Hände aus und sagt: “Es gefällt mir, die Nummer Eins zu sein.” Wenn die Menschen lachen, wenn er auf der Bühne steht und einen Witz reißt, wenn er singt und Gitarre spielt, wenn sie ihm applaudieren. Deshalb ist Blaise Abolo-Sewovi Schauspieler geworden. Er hat schon vor Faure Gnassingbé, dem Präsidenten Togos gespielt, er tourt mit seiner “Compagnie Oriki” durch das ganze Land, tritt bei Festivals in Nord- und Westafrika auf.

Kickern mit der Welt

Nun schaut er aus dem Fenster in einem Hotelzimmer in Wilmersdorf. Es regnet und regnet. Aber für Berlin und Sightseeing hat der Schauspieler sowieso kaum Zeit. Die kostbaren zwei Wochen, die er hier verbringt, sind vollgestopft mit Workshops, Diskussionsrunden, Theaterabenden. Und abends spielt er Kicker zusammen mit den anderen Teilnehmern des Internationalen Forums, mit deutschen Schauspielern, einer Tänzerin aus Kasachstan, eine Regisseurin aus Buenos Aires, einem Autor aus Schottland und all den anderen. Die Einladung zu diesem Treffen sei für ihn eine große Chance, sagt Abolo-Sewovi. Er ist neugierig darauf, wie andere über Theater denken. Continue reading Die Nummer Eins sein

Pro “Die Stunde”: Poetisches Spiel mit den Wahrnehmungen

Eine Zaubershow, bei der der Zuschauer alle Tricks durchschaut, ist eine schlechte Show. Viktor Bodó legt in seiner Inszenierung von Peter Handkes “Die Stunde da wir nichts voneinander wussten“ vom Schauspielhaus Graz alle Tricks offen. Bei ihm entsteht daraus erst die Magie.

Alles eine Frage der Perspektive: "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten". Foto: Kim Keibel

Ein Kameramann läuft über die Bühne, die aus Guckkastenmodulen besteht. Er hält drauf, wenn die Schauspieler, zur Hälfte aus dem Grazer Ensemble, zur Hälfte aus Bodós ungarischer Gruppe Szputnyik Shipping Company, Alltagsszenen im Kaffeehaus, im Büro, im Krankenhauszimmer oder Fahrstuhl spielen. Die Kamera dreht sich um 90 Grad, und schon sieht es so aus, als klettere ein Entkräfteter die Häuserwände hoch. Ein Anzugträger wird von einem Motorradfahrer erfasst, er bewegt die Arme und Beine in Zeitlupe. Auf der Leinwand fliegt er in Slow-Motion durch die Luft. Es ist ein Spiel mit Wahrnehmungen.

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Das erste Mal

Julian van Daal findet, es ist eine unromantische Geschichte. Weil er einfach nur vier Worte in die Suchmaske getippt hat. Was. Soll. Ich. Studieren. Und der Internettest spuckte als Ergebnis aus: Regie. Dramaturgie. Oder Theaterwissenschaft. Auf den ersten drei Plätzen. Julian van Daal studierte zu dem Zeitpunkt noch Jura. Erfolglos, wie er sagt. Theater? Ab und zu mal drin gewesen. Aber mehr auch nicht. Der junge Mann glaubt dem Internet. Er hospitiert im Schauspiel Hannover, in seiner Heimatstadt. Und plötzlich ist es um ihn geschehen. Das Theater lässt ihn nicht mehr los. In Wirklichkeit ist die Geschichte also sehr romantisch.

Ein Autor, der Regie studiert: Julian van Daal. Foto: Kim Keibel

Julian van Daal will jetzt Regisseur werden. Seit zwei Jahren studiert er am Max-Reinhardt-Seminar in Wien. Geschrieben hat er ab und zu, Essays oder Kurzgeschichten. Aber eigentlich nur für sich. Einmal hat er sich hingesetzt und ein Stück verfasst. Weil er einfach mal etwas fertig schreiben wollte, nicht abbrechen, bevor es zu Ende erzählt ist, wie sonst. “Alles ausschalten” heißt es und wurde prompt zum Stückemarkt nach Berlin eingeladen. Julian van Daal ist 25 Jahre alt, ist damit der jüngste in der diesjährigen Auswahl. Peca Stefan, Ekat Cordes, Wolfram Lotz und Claudia Grehn sind drei oder vier Jahre älter als er, fast alle haben schon Preise gewonnen.

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“Ich glaube nicht an die Krise”

Regisseur Luk Perceval: "Seit dreißig Jahren ist es mein Beruf, Menschen zu verstehen." Foto: Kim Keibel

Luk Perceval hat den Roman “Kleiner Mann – was nun?” von Hans Fallada für die Bühne adaptiert. Die Geschichte spielt im Berlin der Weimarer Republik, zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise. Heute Abend hat die Produktion aus den Münchner Kammerspielen Theatertreffen-Premiere. Wenige Stunden vorher haben wir den belgischen Regisseur auf eine Zigarettenlänge und vier schnelle Fragen vor dem Bühneneingang getroffen. Luk Perceval über die Krise, Menschenliebe, gute Theaterabende und ein Deutschland, das nicht mehr existiert.

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Großes Theater, was nun?

Vor zweieinhalb Jahren ging Lehman Brothers pleite, die Theaterwelt protestierte kürzlich gegen die Schließung des Schauspielhauses Wuppertal, die Bundesregierung hat soeben die Milliardenhilfen für Griechenland durchgeboxt. Und auf dem Theatertreffen wird einem unbestimmten Krisengefühl stattgegeben.

Es stimmt schon, das Theatertreffen steht im Zeichen der Krise. Doch die Krise, die dieses Theater widerspiegelt, ist zur Lebenskrise ausgewachsen. Es geht um dieses mulmige Bauchgefühl, um Unsicherheiten und Ängste. Nicht um die großen ökonomischen Fakten. Das Private ist politisch. Liebesbeziehungen scheitern wegen Geld. Das ist bei Horváths Kasimir und Karoline so. Das ist bei Falladas Pinneberg und seinem Lämmchen so. Das ist bei David und seiner Frau so, in dem Stück des Briten Dennis Kelly, das auch noch “Liebe und Geld” heißt.

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