Tanz als Sprache

Der Regisseur Tom Struyf, der mit seinem Stück “Another great year for fishing” zum diesjährigen Stückemarkt eingeladen ist, erzählt was Sprache für seine Arbeit bedeutet.


 

Weitere Interviews mit drei weiteren Autor*innen des diesjährigen Stückemarkts (Alexandra Badea, Alexander Manuiloff und Stefan Wipplinger) stehen Rede und Antwort auf folgende Fragen:

1. Wie definierst du einen Autor?
2. Würdest du dein Stück als politisch bezeichnen und wenn ja warum?
3. Wie würdest du dein Stück beschreiben? In welche „Gattung“ fällt es?
4. Was ist Ziel deines Stückes und dein Ziel als Autor?
5. Wie entwickelst du deine Stücke?

Kritikverlust

Wer ist dieser Tom Struyf, von dem ich glaube, dass er mich nur enttäuschen kann?
Selten habe ich so viel Euphorisches über eine Lecture Performance gelesen wie über „Another great year for fishing“. Selten waren meine Erwartungen so hoch, wie an diese, zum Stückemarkt eingeladene Arbeit des belgischen Performers und Autors.
Dann ist das Einzige, was mir einfällt: „Nett.“
Dieses Adjektiv ist, sofern es im Zusammenhang mit Kunst- und Kulturveranstaltungen fällt, vernichtender als jeder Verriss. In Bezug auf die Performance des belgischen Autors und Performers ist „nett“ einfach wahr, ohne zwingend vernichtend zu sein.

Tom Struyf ist ein netter Typ. So nett, dass auch das letzte bisschen Distanz zwischen ihm und den Zuschauern verschwindet, obwohl er mindestens zehn Stuhlreihen entfernt auf der Bühne steht.
Selbst, der Dramaturg Willem De Maeseneer betont im Publikumsgespräch, dass Tom ein wirklich guter Mensch ist.
Christina Zintl, Leiterin des Stückemarktes, gesteht, dass sie selten so emotional berührt war wie von Tom Struyfs Performance. Milo Rau schreibt, wer bei „Another great year for fishing“ nichts fühlt, habe kein Herz.
Alle lieben Tom.

Auch ich bin zugegebenermaßen verliebt in diesen großen, kleinen Jungen, der da am Bühnenrand steht und erzählt, er habe einfach immer versucht, alles gut zu machen. Ich möchte ihn in die Schulter knuffen, als er sich mit einer freundschaftlichen Intimität dazu bekennt, sein ganzes Leben unter absurdem Erwartungsdruck verbracht zu haben. Mit sechs Jahren veröffentlichte er ein eigenes Magazin, mit zwanzig nur von ihm gestalteten Seiten. Nach den ersten drei Ausgaben ging ihm die Puste aus, aber seine Abonnenten hatten für zehn bezahlt. Tom machte weiter. Folge Burnout.

Man lacht, fühlt mit Tom mit und vergisst, wo man eigentlich gerade ist. Im Hintergrund steht eine Leinwand, auf der ein rotes Auto durch eine goldbesonnte Landschaft fährt. Man wippt ein bisschen zu den leisen eingängigen Countryrhytmen und findet Tom immer noch netter, weil er so ehrlich und trotzdem pointiert von all den Luxusproblemen klagt, die seine Seele quälen. Dann, zwischen zwei Wippern stockt etwas im eigenen Kopf und man ertappt sich selbst dabei, wie erleichternd und entspannend es sich anfühlt, dass gerade mal nicht über weltbewegende Probleme gesprochen wird.
Denn Toms Probleme (naheliegendste Diagnose: chronisches Burnout) sind, verglichen mit dem Themenschwerpunkt „Say it loud, say it clear“ der letzten Tage, Luxusprobleme und -ängste, die jeder irgendwie kennt.

Genau da ist der Haken. Tom und wir, wir kennen uns. Wir sind gefühlt schon Freunde und Freunden hört man gerne zu, wenn ihnen etwas fehlt. Andererseits ist das hier eine Theatersituation und kein küchenpsychologischer Notfall. Was macht man jetzt damit, dass man Tom mag, obwohl er zwischendurch auch mal wenig reflektierte Töne anschlägt:
Zur autotherapeutischen Selbstfindung nach Südafrika? Bezeichnung der Autopanne in der Wüste inklusive Rettung durch südafrikanische Einheimische als authentischste Lebenserfahrung? Sowas kann man eigentlich nicht unkritisiert stehen lassen.

Vom Punkt dieser Einsicht an hat man zwei Möglichkeiten mit dem Rest des Abends umzugehen.
Erstens: Man erinnert sich an die ersten Minuten, während das Publikum noch nach Plätzen suchte. Tom Struyf stand etwas abseits auf der Bühne und drehte sich minutenlang um die eigene Achse, während er auf seine Handinnenflächen blickte. So kreist Tom um sich selbst, der Abend kreist um Tom und wir kreisen mit, weil uns Toms Welt so vertraut ist. Wir befinden uns im geschlossenen System von Toms Geschichte, die auch gar nicht versucht ein offenes System zu sein. Eine Geschichte, die sich ihre Subjektivität selbst zum Thema macht, indem sie unterschiedliche Subjektivitäten aufführt.
Die Leinwand zeigt im Wechsel verschiedene Interviews mit Wissenschafler*innen. Gefragt wird, wenn man mal ehrlich ist, nach nichts Geringerem als dem Sinn des Lebens.

Keine Ahnung, unter welchen Gesichtspunkten die Wissenschaftler*innen gecastet wurden, aber auch für die interviewte Anthropologin, den Psychater, den Kommunikationswissenschaftler, die Politikwissenschaftlerin, den Journalisten und den Spinforscher schlägt mein Herz. Jede Disziplin kennt andere „Antworten“ auf Definitionsfragen von Glück und Wahrheit und doch enden alle in der gemeinsamen Einsicht, dass es weder Antworten noch Lösungen, ja nicht mal Wahrheiten gibt.

Währenddessen: Tom tanzt. Fügt dem wissenschaftlichen Vokabular der Interviews und den biografischen Schnipseln noch die Sprache des Körpers zu. Bewegt sich mit der Tänzerin Nelle Hens durch den Raum und lässt seinem Körper keinen Ausdruck, der nicht gehetzt, getrieben oder erschöpft wirkt. Bewegt sich aber nicht zum Gesagten, auch nicht dagegen, sondern einfach anders. Die Geschichte, die Videoprojektionen und der Tanz, im dauernden Wechsel miteinander, sind drei subjektiven Perspektiven auf die Unmöglichkeit einer eindeutigen Lösungsfindung.
Und ich schwöre, ohne zu wissen, ob es der auratischen Nettigkeit von Tom Struyf in seiner Rolle als Tom oder seiner Rolle als er selbst zu verdanken ist: Jede dieser drei Erzählweisen stellt einen emotionalen Bezug zum Zuschauer her, der einem aus lauter Hingabe fast verwehrt, noch kritisch zu sein. Wollte Tom Struyf hier etwas verkaufen, es wäre ein Bestseller.

Diese unaufhaltbar fortschreitende Herzenserwärmung ist mir als Kritikerin natürlich eigentlich nicht so recht.
Denn die andere Möglichkeit diesen Abend zu erleben, wäre sich von Tom als Kumpel zu verabschieden und sich selbst damit zu konfrontieren, ob man gerade ernsthaft gut finden kann, was Tom Struyf da an Selbsterfahrungstrip eines ausgebrannten Wohlstandskindes auffährt. Ich finde man kann.
Aber ich finde gerade auch, dass Tom Struyf seine eigene Selbstbefreiung zu hippen Elektronikrhytmen tanzen darf. Obwohl ich mich normalerweise von gnadenlosen Kitschigkeiten dieser Art mental erbrechen muss.

Ich bin verliebt in diesen Abend. Obwohl er sicher in einigen Punkten hinkt.
Man muss Tom einiges verzeihen oder hoffen, dass die Geschichte, die er erzählt nicht seine eigene ist, sondern eine fiktive, die subtil mit Ironie spielt. Vielleicht will ich aber nicht, dass Tom nur eine ironisierte Form von Tom Struyf ist. Vielleicht will ich einfach, dass er nett bleibt. Ein Nett, das gar nicht den Anspruch auf einen Superlativ erhebt.
„Wir sind nicht alle Brad Pitt oder Christina Aguilera“, sagt irgendwann der interviewte Psychologe.
Vielleicht ist es das, was auf diese eigentümlich bescheidene Weise so berührend ist.

Hier schreibt Rebecca Jacobson als ebenfalls Betroffene des “Another great year for fishing”-Phänomens.

If you ever find yourself in the wrong story, leave

Tom Struyf is the sort of guy who purrs when he’s happy—say, when he’s eating Nutella. He’s the sort of guy who’s told by a girl, after their first date, that “she believes she finds him nice.” He’s the sort of guy who, as a six-year-old, put out his own newspaper, and kept publishing it, encroaching burnout be damned—his subscribers had paid for 10 issues, and he would deliver. After a few minutes onstage, he’s already the friend you trust with your secrets, or the neighbor you ask to feed your cat when you go on vacation.

“I just tried to do it as good as possible,” Struyf says. “Like I’ve always done.”

And what the Belgian artist does here, in “Another great year for fishing”—the closing piece at the Stückemarkt, Theatertreffen’s showcase of five young writers from across Europe—is honest and generous. And after several days of freighted topics, metatheatrical commentary and nonsense languages, also immensely refreshing.

“Another great year,” which Struyf wrote and performs in, braids together storytelling, video interviews and dance. On one level, it’s a Moth-style confessional. Struyf, in a dark blue button-down and sneakers, tells us about the stress he suffered as a six-year-old newspaper publisher, about the time he racked up too many speeding tickets, about the sign he once saw in a dirty bathroom: “If you ever find yourself in the wrong story, leave.” He then recounts a trip to Cape Town, where the hotel concierge speaks of the most wonderful place in the world and persuades Struyf to rent a car and drive alone into the bush. (Things, of course, don’t go quite according to plan.)

Struyf’s narrative is cut with video interviews playing on a large screen on the otherwise bare stage. We meet a psychiatrist, an anthropologist, a former politician, a self-proclaimed spin doctor, a journalist. They speak about burnout, vulnerability, decision fatigue, credibility, cynicism, information overload, obsession with happiness. #firstworldproblems, in other words, thrown into stark relief by the anthropologist’s observations about the Maasai—and tempered with humor, as when the psychiatrist rambles from Christina Aguilera to his own musical ineptitude.

Adding another layer—a wonderfully rich one—is long-limbed dancer Nelle Hens. Early on, as the interviews play onscreen, she makes her body limp. She falls, over and over and over again. Struyf catches her, over and over and over again, repeatedly contending with this wriggly, overcooked noodle. Later, Hens seizes control. “You have two minutes to get really sweaty,” she commands Struyf, keeping close watch as he runs in circles and swivels his hips and crawls on the floor.

But for much of the time, the two simply lean against one another. They’re in uninterrupted contact, constantly shifting their weight and balance: sometimes back-to-back, sometimes with their arms on each other’s shoulders. Hens is the calm foil to Struyf’s anxious energy. Their angles are precarious. It’s a geometry lesson. It’s a master workshop in trust. It’s entrancing.

And as they move, Struyf continues to describe his hapless South African voyage. He’s emotional but not cheap, earnest but self-aware: “I’m a stupid rich European asshole in a glitzy car and it’s getting dark.”

Eventually, he’ll dance himself to sweat-drenched exhaustion. And he’ll do this with his eyes closed, as Hens gently steers him. And he’ll reflect on the role of storytelling, and talk about Nutella, and ask us to imagine a world where everyone purred when they were happy, and then a world in which we could shut our ears like we shut our eyes. And maybe—just like Nutella—it’s a little sugary. But it’s a sincerity that seizes you, and that’s not something that can be faked.

Eine fallende Frau

Was ist das? Da stehen ein Mann und eine Frau auf der Bühne. Lauthals atmet sie ein und während sie noch im Begriff ist auszuatmen, geben alle ihre Knochen, Muskeln und Gelenke nach, sie kann gar nicht anders, sie fällt, nicht wie ein Sack, nein, aber wie die Feder, die sie ist, so sachte, so bestimmt, so fällt sie, nein, nicht auf den Boden. Weil der Mann fängt sie, hält sie, stellt sie wieder auf. Die Frau atmet lauthals ein und während sie noch im Begriff ist auszuatmen, geht das immer so weiter. Sie fällt. Er richtet. Sie wieder auf. Aber nie bleibt es dabei und immer waghalsiger wird ihr Fallen, das ist ja gar kein Fallen mehr, das muss doch Akrobatik sein, aber seine Arme sind stark und jeden Sprung, jeden Gleitflug macht der wieder gut. Kümmert sich um diese arme Frau. Was ist denn das? Was hat denn die für Knochen? Was Muskeln? Wo Gelenke? Oh weh. Es geht ihr, glaub ich, nicht ganz gut und dann, Gott sei Dank, der Mann, der kümmert sich um sie. Und sie fällt doch so schön, ist leicht wie eine Feder und er, während er noch im Begriff ist, diesen Frauenkörper ordentlich aufzustellen, da haben wir gar keine Augen für ihn. Ein Handlanger ihrer Schönheit. Ein Butler ihrer extravaganten Knochen. Die fallen manchmal nicht nach unten, sondern springen ihn an. Sacken dann ein, so eine schöne Feder.

Das ist ein Tanzstück. Eigentlich das gesamte Repertoire des klassischen Balletts baut auf diesem Prinzip auf. Auch im zeitgenössischen Bühnentanz findet sich diese Formulierung immer wieder, und wieder, und wieder. Und wann auch immer ein Mann und eine Frau auf einer Bühne stehen, und sie sollen tanzen, dann heißt es 50:50, dass sie dann einatmet und während sie noch im Begriff ist auszuatmen, fällt sie schon wieder um. Dort wo der zeitgenössische Tanz auswandert in die Performance, verringert sich das Vorkommen dieses dubiosen Phänomens erheblich.

Wenn nun jemand aus dem Theater kommend in den Tanz hinein guckt? Da habe ich weniger Erfahrungswerte. Aber da fällt sie schon wieder, die arme Frau. Sie spricht auch nicht. Oder jedenfalls sehr wenig. Die Performance „Another great year for fishing“ von Tom Struyf, die heute als letzte Produktion im Rahmen des Stückemarktes gezeigt wurde, ist damit noch nicht als Ganze verhandelt. Eine Besprechung des gesamten Abends findet sich hier.

Die Frage die mich umtreibt, lautet aber: Wie kommt denn das, dass es im Sprechtheater diesen riesen Diskurs zu Rollenklischees auf der Bühne gibt, wir uns dauernd fragen, ob das jetzt politisch korrekt ist oder nicht oder wie wir ordentlich unkorrekt sein könnten. Dann kommt aber der Tanz, dann steht da so ein Körper zuvorderst als Körper auf der Bühne, das, macht uns das Angst? Ist das das Ende des Diskurses? Warum eigentlich. So ein Körper, der ist doch nichts ganz anderes, den haben wir alle, warum also wäre dort ein luftleerer Raum ohne Nachdenken über gesellschaftliche Zusammenhänge. Ein Raum, wo Körper fallen oder eben nicht und sie das machen, weil es doch so schön ist. Oder gibt es da eh ein Nachdenken, bloß fehlt uns die Imaginationskraft. Mann und Frau auf einer Bühne und die sollen tanzen, mhm, was wollen wir machen, probieren wir mal was aus, lass dich mal fangen, oh ja, und du fang sie auf.

Ich stelle mir vor: eine Welt, in der ein Mensch sowieso auch immer als Körper auf der Bühne steht. Eigentlich eine Welt, wo wir sowieso tanzen. Und ich stelle mir vor: nirgends auf so einer Bühne in so einer Welt findet sich dieses interessante Phänomen des Glaubens an den heilig nicht diskursiven Körper als abendfüllende Idee. Und als letztes stelle ich mir vor: dass das auch etwas über Beziehungen zwischen Männern und Frauen aussagt.