Camp#9 – Spielstile Stadttheater vs. freie Szene / Deutschland vs. Niederlande

9. Mai – Podiumsdiskussion mit Susanne Kennedy, Walter Hess, Lena Müller, Çiğdem Teke
(Moderation Uwe Gössel) anlässlich der zum Theatertreffen 2014 eingeladenen Inszenierung  „Fegefeuer in Ingolstadt” über die unterschiedlichen Spielstile zwischen Deutschland und Holland, aus welchen Strukturen diese erwachsen und wie/ob man sie verändern kann.

9. Mai – Susanne Kennedy, die mit ihrer Produktion  „Fegefeuer in Ingolstadt” zum diesjährigen Theatertreffen eingeladen ist, spricht gemeinsam mit ihrer Kollegin Suzan Bogaerdt über ihre Arbeitsweise und -philosophie mit den Stipendiaten des Internationalen Forums 2014.

Lesen Sie hier eine Kritik zu „Fegefeuer in Ingolstadt” von Jannis Klasing. Felix Ewers und Gastblogger Hamed Eshrat haben sich grafisch mit der Inszenierung auseinandergesetzt.

Die CAMP#-Videos sind eine Clip-Serie von Hannah Dörr, in der die Stipendiaten des Internationalen Forums unterschiedlichen Perspektiven auf das Theatertreffen vorstellen: über Inszenierungen, ihre eigene Arbeit und darüber hinaus.

Wann hört ihr endlich auf mich zu langweilen und euch zu beweinen?

Das Theatertreffen zeichnet nun seit 51 Jahren die bemerkenswerten Stücke einer Saison aus. Wohl gemerkt die bemerkenswertesten Stücke, nicht die besten. Man will sich ja nicht angreifbar machen. Aber was ist denn bemerkenswert? Da sich das bisher nicht mit meiner Vorstellung deckt, hier der Versuch einer subjektiven Klärung.

Zum einen steckt in dem Wortkonstrukt der Wert. Der Wert kann zum einen ein monetärer Wert sein, aber im Theater? Das Theater ist ein Ort unserer Kulturlandschaft, der keinen Cent Gewinn macht. In Berlin wird eine Theaterkarte mit circa hundert Euro bezuschusst (Stand 2011), und das ist auch gut so. Es kann also nicht darum gehen, welche Inszenierung das meiste Geld einspielt. Zum Glück gibt es ja dann noch den ideellen Wert. Diesen sollten wir uns mal ansehen. Laut Wikipedia ist „Der Ideelle Wert […] eine subjektive (das heißt auf die Wertvorstellung der einzelnen Person bezogene) Wertform, die aufgrund einer emotionalen Bindung zur Sache unter Umständen einen höheren Wert darstellt, als dies finanziell gemessen tatsächlich der Fall ist.“ Dieser Wert ist wohl eher geeignet, um ihn hier als Grundlage zu nutzen. Also geht es wohl eher um persöhnliche Wertvorstellungen und aus der eigenen Perspektive geschaffene Normen, oder?

Jedoch ist das nur einer der beiden Teile, die hier zu unserer Auszeichnung führen. Der zweite Teil ist das Bemerken. Etwas zu bemerken, fordert Aufmerksamkeit. Der Gegenstand, der wahrgenommen wird, bekommt eine gewisse Wichtigkeit zugesprochen und wird also bemerkt.

Bringt man jetzt beide Begriffe zusammen, müssen die Inszenierungen, die hier geadelt werden, zum einen aus der jährlichen Masse von über 3000 Premieren im deutschsprachigen Raum herausstechen und überhaupt bemerkt werden. Im zweiten Schritt müssen sie einen hohen subjektiven Wert haben. Hier ist das Theatertreffen also für immer unangreifbar?

Die Berliner Festspiele bzw. die Leitung des Theatertreffens bestellen die Jury. Dieser, zur Zeit aus 7 Personen bestehende Kreis nominiert nach seinen Wertvorstellungen die zehn bemerkenswertesten Stücke aus 3000, und von diesen 3000 werden wiederum auch nur circa 400 Stücke angeschaut. Warum kommen dann diese 10 Inszinierungen aus nur fünf großen Häuser? (Wurde auch in der Diskussion zum Stadttheater thematisiert) In der Woche, die ich jetzt hinter die Kulissen des Theatertreffens geschaut habe, hörte ich über diese Werte auf den Fluren des Hauses der Berliner Festspiele das Folgende: Man will keiner Produktion zumuten, vor dem Berliner Publikum durchzufallen, ja, sie im Vergleich untereinander, schlecht aussehenlassen, weil die eine Produktion sich keine so tolle Ausstattung leisten konnte wie eine andere. Aber ginge es nicht auch anders herum? Ist bei einer guten Idee nicht die Opulenz der Mittel egal? Wenn nun neun erfinderische, kluge und innovative Inszenierungen eingeladen wären, welche aus egal welcher Produktionsstätte, frei oder städtisch, stammen, die vielleicht mal den Bühnenraum verlassen, Inszenierungen also, die nicht von da oben für uns hier unten gemacht werden – würde dann nicht die eine große Produktion plötzlich ganz klein und verstaubt wirken? Wer hat uns eigentlich im Vorfeld gefragt, was wir als Berliner Publikum bestehen lassen? Mich hat keiner gefragt. Jetzt sitze ich hier und bin gelangweilt von dem, was andere als bemerkenswert betrachten. Bemerkt sei dazu noch, dass Robert Borgmanns Stuttgarter Inszenierung von „Onkel Wanja“, gemessen an den Buh-Rufen und der Zuschauerflucht zur Pause, wohl nicht bestanden hat. Ist aber bemerkenswert.

Ich würde gerne einen ähnlichen Begriff wie bemerkenswert hinzunehmen: merkwürdig.

Wenn ich diesen Begriff wieder in seine Bestandteil zerlege, kommen wir zum einen erneut auf das Merken. Hier ist jetzt der Prozess des Bemerkens abgeschlossen, und wir speichern das Auffällige ab. Hinzu kommt jetzt die Würde. Der Duden spricht hier davon, dass etwas Würde ausstrahlt. Also ist ein Wert, der sogar eine ehrenvolle Strahlkraft besitzt. Kommen die beiden Wort jetzt zusammen zum Merkwürdigen, erhalten sie einen negativen Anstrich. Als Beispiele nennt hier der Duden: „Merkwürdige Gestalten treiben sich dort herum“ oder „sein Verhalten ist merkwürdig“. Das heißt: Der ist nicht  wie wir sind, den möchte ich jetzt gerne mal treffen oder der verhält sich ja wie alle. Und genau das würde mich doch jetzt mal brennend interessieren! Was im deutschsprachigen Raum Produzierte verhält sich denn merkwürdig! Wer sind denn hier die merkwürdigen Gestalten? Klar ist es heute nicht mehr so einfach, etwas Neues zu entwickeln. Alles wurde schon gemacht und gedacht und, ach, uns geht es ja so schlecht, die Lage ist sogar alternativlos!

Nehmen wir ein Beispiel, einen Sturm. Durch das Verschieben von kalten und warmen Luftmassen entsteht Reibung. Dies erzeugt Winde, die immer stärker werden bis sie zu einem Sturm oder gar einem Hurrikan herangewachsen sind. Diese Winde kommen dann über das von uns bewohnte Gebiet und hinterlassen tiefe Spuren. Sie zwingen uns, uns den neuen Gegebenheiten anzupassen. Jedoch entstehen diese Stürme meist auf dem offenen Meer und nicht in der Mitte der zivilisierten Umgebung.

Was ich damit sagen möchte, ist nichts Neues, jedoch etwas das in der Bildenden Kunst vielleicht schon eher angekommen ist, während es im Theater seit Jahren nur diskutiert wird. Auch auf den Fluren und sogar in den Diskussionen zum Theatertreffen habe ich die Erkenntnis schon gehört:

Das Neue entsteht am Rande der Gesellschaft.
(Schorsch Kamerun 08.05.2014 zur Camp Eröffnung)

Aber irgendwie juckt das in den heiligen Hallen der darstellenden Kunst keinen. Das bisher Gesehene war Guckkastentheater par Exzellenz! Es wäre den Stücken doch vollkommen egal gewesen, ob ich da bin oder nicht! Aber so geht die Wahrnehmung doch nicht mehr. Die Bühne ächzt vor alten Texten, die künstlich in neue Räume gesteckt werden und einen Hippster-Pulli angezogen bekommen, wie sie Gervasius und Protasisu in Susanne Kennedys Münchner Inszenierung „Fegefeuer in Ingolstadt“ tragen. Aber was ist der neue Text, der so entstehen soll? Die Radikalität der Interaktion besteht im Federballspielen von Elena mit EINEM Zuschauer, als kleine Lachnummer am Anfang von „Onkel Wanja“, sonst nichts! Sonst werde ich mit meiner Langeweile allein gelassen. Das einzige Stück, das interagiert, „Situation Rooms“ von Rimini Protokoll, kann aus strukturellen Problemen des Theatertreffens nicht gezeigt werden. Aus terminlichen Gründen, wie mir Daniel Wetzel von Rimini Protokoll, denn der der Planungszeitraum, also die kurze Frist zwischen Einladung und dem Theatertreffen, ist mit modernen Tourplänen nur schwer vereinbar. So werden Produktionen dieser Art auch weiterhin meist fernbleiben müssen.

Ich will angesprochen werden! In meiner Wirklichkeit möchte ich abgeholt werden. Das Ttheatertreffen aber bewegt sich zu langsam und zuckt zu spät. Wir stehen am Rande der Aufgabe unserer Grundrechte. Wer zum Beispiel an einer Sitzblockade gegen Nazis teilnimmt, ist ein linker Terrorist; wer für die Netzneutralität einsteht, hat etwas zu verbergen und Onkel Wanja hat nix Besseres zu tun, als sich selbst zu bemitleiden? Es ist Zeit aufzuwachen.

Hallo Theatertreffen, hallo Theater, ich bin kein Teil eurer Welt, und ich bin desillusioniert von dem, was ihr mir auf dem Theatertreffen vorlebt. Ich will inspiriert sein von dem, was ihr zu sagen habt, und es gibt ja Regisseure und Produktionen, die mir etwas zu sagen haben. Das was ich hier sehe ist jedoch so verstaubt und hat mit der Realität, in der ich mich bewege, wenig zu tun. Wenn das Theater nicht mehr inspirieren kann – es gibt genügend Orte, die gleichzeitig und zeitgemäß um meine Aufmerksamkeit buhlen. Dann gehe ich halt dahin. Und vermutlich interessiert es euch überhaupt nicht, dann seit ihr unter euch und werdet nicht mehr so missverstanden.

Die Berliner Zeitung ist Partner des Theatertreffen-Blogs.

Zum hören: Das klägliche Restzucken toter Tiere – Susanne Kennedys „Fegefeuer in Ingolstadt"

Jannis Klasings Text „Das klägliche Restzucken toter Tiere – Susanne Kennedys ,Fegefeuer in Ingolstadt'”  zum Hören.
Sehen Sie auch die beiden Grafiken zur Inszenierung von Hamed Eshrat und Felix Ewers.

Das Theatertreffen-Blog 2014 versucht in diesem Jahr erstmals alle schriftlich verfassten Texte auch als Audiobeiträge zu präsentieren. Den vorliegenden hat die Schauspielerin Sandra Schreiber  freundlicherweise für uns eingelesen.

 

„Fegefeuer in Ingolstadt" // Ein digitales Daumenkino

hamed

 

Unser Alumni-Blogger Hamed Eshrat hat sich Susanne Kennedys „Fegefeuer in Ingolstadt” angesehen und etwas gezeichnet.
Digitales Daumenkino, ohne Daumen.
Sehen zu „Fegefeuer in Ingolstadt” auch Felix Ewers grafische Auseinandersetzung und Jannis Klasings Kritik.

Ada Blitzkrieg – Ein Interview über Theater und Wurstspezialitäten

Ada Blitzkrieg geht nicht ins Theater, denn sie ist ihre eigene Institution.
22.000 Menschen wollen täglich via Twitter an ihrem Leben und ihren Gedanken teilhaben. (Zur Orientierung, das sind soviele Follower wie die Follower der Twitteraccounts von Residenztheater, Münchner Kammerspiele, Schaubühne, Thalia Theater und der Bayerischen Staatsoper zusammen, wenn man ausschließen würde, dass es nicht eh überall die gleichen sind). Dazu kommen 5.000 bei Instagram und ein paar tausend zerquetschte auf Facebook. Sie trägt das Haar in mädchenhaften Zöpfen und hat kleine, zierliche Hände, mit denen sie ihre geistige Munition in die Tasten haut: Ada Blitzkrieg bloggt, hat zwei Bücher veröffentlicht und lebt mit Freund und Katze im Internet. Völlig aufgekratzt, ist sie den ganzen Tag damit beschäftigt, Kultur und Wahnsinn über das Internet zu konsumieren und erscheint selbst im Netz unumgänglich. Sie hat nahezu olfaktorisch ihr Revier markiert, und jeder, der ihr über den Weg läuft, will sie buchen, treffen, fotografieren und an ihr riechen.
Gehen Sie zum Beispiel einmal in die Redaktion des Grimme-Preis gekrönten Fernsehformats Circus HalliGalli und Sie werden feststellen, dass es dort niemanden gibt, der Name ihren Namen nicht kennt.

Aber keine Angst, liebe Theatergemeinde, wenn Sie nun panisch zusammenzucken, weil sie wieder etwas verschlafen haben, das macht nichts, denn sie hat von Ihnen genauso wenig gehört. Und das ist schade und ein großer Verlust für beide Seiten, denn noch vor zwanzig Jahren hätte man Ada vermutlich ständig in der Theaterkantine angetroffen. Denn dort hätte sie aufgrund ihrer Vorliebe für Sprache, Exzentrik, Geschichten, durchgeknallte Menschen, verrauchte Räumen und Wurstspezialitäten landen können. Doch Ada findet das Theater verstaubt. Wie kommt dieses Bild zustande? Warum kann sie sich beim besten Willen nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal im Theater war? Und was hat sie, was die Theater nicht haben?

Was hat Ada Blitzkrieg, was die Theater nicht haben?

Um dieser Sache auf den Grund zu gehen, habe ich mich mit ihr – natürlich aus rein journalistischem Interesse – auf eine Aufbackbrezel in ihrer Küche getroffen. Vorneweg sei gesagt: ein Treffen mit Frau Blitzkrieg zu arrangieren, ist in etwa so kompliziert wie eines mit Edward Snowden. Nur meiner Hartnäckigkeit und meinem Astralkörper ist es letztlich zu verdanken, dass ich plötzlich doch in ihrer Wohnung stand. Bevor ich ihr die erste Frage stellen konte, musste sie aber erst noch kurz das zweite Päckchen Schuhe an diesem Tag – und das siebte Paar in dieser Woche – vom Briefträger entgegennehmen. Eigentlich braucht sie keine Schuhe, sagt sie. Eigentlich benötigt sie gar keinen Besitz in ihrem Leben. Sie lacht hysterisch und sagt: „Wirklisch!” Als ich gerade versuche auf das Thema Theater zu sprechen zu kommen, hält sie mir den frisch erworbenen Second-Hand-Turnschuh unter die Nase und sagt: „Riech mal!”. Ich will nicht, streube mich, tue es dem Journalismus und der Theaterwelt zuliebe dann aber doch. „Wonach riecht es?”, will sie wissen. „Keine Ahnung”, sage ich.
Wonach riecht es denn für dich?

Ada Blitzkrieg: Ich rieche genau das Mädchen, das diese Schuhe vor mir getragen hat. Kennst Du solche Menschen, die einfach duften? Dieses Mädchen roch nach gepflegter Neubauwohnung mit Klicklaminat. Man entnimmt dem Fußbett dieser modischen Basketballschuhe olfaktorisch, dass die vorherige Besitzerin zwar unverkennbar ein Mensch sein muss, denn eine leichte Note süßlich-käsiger Fußgeruch wohnt ihm schüchtern inne. Dieser wurde allerdings durch den blütenfeinen Duft von Feinwaschmitteln und weichgespülten Sneakersöckchen mit Feinstickrand überdeckt. Ich kann weder Zigarettenrauch, noch den üblichen Geruch von Partybodenresten im Sohlenprofil riechen. Dieses Mädchen führt ein vorbildliches Leben. Es ist 25 oder 37, konsumiert gerne Vorabendserien und schreckt nicht davor zurück, ihre Schuhe zu einem fairen Preis bei „Kleiderkreisel” zu verkaufen, damit gierige Abgreifertypen wie ich ihre Naivität ausnutzen, lachend das Schnäppchen kaufen, um dann auch noch am Fußbett rumzuschnüffeln. Bestimmt heißt sie Lisa. Die blonde Lisa aus Baden-Württemberg.

Die Absenderadresse gibt aber deutlich an, dass die Verkäuferin weder Lisa heißt, noch aus Baden-Württemberg kommt. Aber das ist Ada Blitzkrieg egal. Sie erfreut sich an ihrer Vorstellungskraft. Ich frage sie, warum ihr so viele Menschen im Internet folgen. Sie sagt:

AB: Weil ich eine Person bin. Und eine fremde Person ist direkt vergleichbar mit der eigenen. Die Leistungsgesellschaft hat uns das Bedürfnis nach Vergleich ansozialisiert. Die Motivation mir zu folgen, differenziert sich an dieser Stelle in Gönner und Gegner. Einerseits folgen mir viele Menschen, die es als herrlich befreiend empfinden, wie schonungslos und offen ich mit meinem Versagen, meinen Ängsten, meinen Stärken, Prahlereien und meiner Scheide umgehe, andererseits folgen mir Menschen, die mich fürchten und ihre Angst vor meinem Erfolg, der nicht den ihnen bekannten Mechanismen der Leistungsgesellschaft unterliegt, in der Ablehnung meiner Person personalisiert haben. Machen wir uns nichts vor: ich bin faul, ich laufe viele Umwege und ich kenne mein Ziel nicht. Dies entspricht nicht dem allgemeinen Kodex von Leistung. Mein Erfolg, der sich dennoch einstellt, greift diesen Kodex an. Diese Gruppe Menschen folgt mir, um informiert zu sein, um mich klein zu machen und einen Kampf zu führen, von dem sie weder wissen, dass sie partizipieren, noch, dass sie ihn verlieren werden. Der anderen Gruppe von Followern spreche ich eher aus der „Seele”. Ich zerstreue ihre Ängste durch meine Person.

Was ist Theater?

Wir kommen nun endlich auf Theater zu sprechen. Ich erzähle Ada von ein paar Highlights der letzten tausend Jahre und was die Menschen dort so gemacht haben. Von ein paar großen Inszenierungen, von dem Wahnsinn und dem, was gegenwärtig so passiert. Ihre Augen beginnen ein bisschen zu leuchten und man merkt, dass sie neugierig wird. Interessante Ideen und Sichtweisen haben sie schon immer angefixt. Dennoch spüre ich die Skepsis. Und frage sie, was sie mir noch gestern auf die Frage „Was ist Theater?” geantwortet hätte. Ihre Antwort ist kurz und deutlich.

 AB: Theater ist eine Bühne; auf der von extrovertierten Lautmenschen, die auf mich wie zerhackte Kandinsky Bilder wirken, eine Sprache geschrien wird, die ich nicht verstehe.

Theater als Ort des Ausschlusses

Ich lasse nicht locker, da ich weiß, dass sie eine Vorliebe für Filme von Ulrich Seidl hat und zeige ihr daher einen kurzen Ausschnitt von „Fegefeuer in Ingolstadt. Was denkst du darüber?

AB: Schau, ich bin ein optischer Typ. Mein Blick fällt als erstes auf den Namen der Autorin, „Marieluise Fleißer”. War ja klar! Das ist ein Name, in dem schon in sich selbst sehr viel Mühe erkennbar ist. Der Code für eine bestimmte soziale Schicht. Ein Zeuge von bemühten Eltern, die ihrem Kind etwas „ermöglichen wollten”. Bildung. Theater. Ein klassischer Name in einer zeitlosen Kombination. Ich bin mir fast sicher, Marieluise hatte keinen Ali oder keine Peggy im Freundeskreis. Das Theater bleibt unter sich. Gehobene Schicht. Exklusiv und mit einem Anspruch an Bildung, Mehrwert, Erziehung, Berührung, Reflexion. Ein Vergnügen für eine privilegierte Schicht. Mühe. Kraft. Energie. Ich habe direkt das Gefühl, fremd zu sein. Nicht nur, dass mir die Sprache nicht zugänglich ist, trotz bester Bildung durch eine Klosterschule, nein, mir sind auch die Inhalte fremd. Das Publikum, die Beteiligten, die Art wie Emotionen dargestellt werden. Alle gehoben gebildet, alles Lehrerkinder oder Kinder von Theatermenschen. Meine Lebenswelt ist eine andere, gerade im Internet, wo ich mit den wüstesten Menschen konfrontiert werde. Hier bewegen sich alle. Die Barrieren der Teilhabe sind zwar auch vorhanden, aber leichter zu überwinden. Mutti und der nette Kebapverkäufer haben auch ein Facebook- oder Twitterprofil, aber ins Theater gehen sie nicht.  So wie ich es auch nicht tue, weil ich mich gerne in einer Realität bewege, deren Code ich dechiffrieren kann.
Ich sehe in diesem Ausschnitt von „Fegefeuer in Ingolstadt” eine große Anstrengung. Die Worte. Die Mimik. Ich weiß, man verlangt mir etwas ab. Ich bin in meinem Konsum nicht dazu bereit, eine Gegenleistung zu bringen. Das Bühnenbild, die Szenen und das Kostüm fesseln mich dennoch. Ich könnte den ganzen Tag die einzelnen Bilder hintereinander angucken. Verwachsene Frau mit bonbonfarbenem Blazer auf hartem Boden in einer Krankenhauslichtsituation. Das kriegt mich. Aber die ersten Worte verlieren mich wieder.

Theater als geistige Heimat

Und ich frage mich, wo und wann genau hat der Theaterbetrieb Ada Blitzkrieg verloren? Anscheinend hat ihr keiner gesagt, dass Marieluise Fleißer längst tot ist und zu einer Zeit lebte, in der Kebap noch nicht erfunden war. Es hat ihr keiner gesagt, dass es in „Fegefeuer in Ingolstadt” um ein streng katholisch erzogenen Schüler geht – und woher soll man das ohne einen einschlägigen Studiengang auch wissen?! Wir Theatermenschen werfen bedeutungsschwanger mit Begriffen und Namen um uns, die Ada nicht dechiffrieren kann und haben dadurch schon immer Menschen ausgeschlossen. Doch jetzt haben wir die Möglichkeiten, diese Dinge zu vermitteln. Das Internet wäre ein so schöner Weg um Ada den Mund wässrig zu machen, sie ein bisschen an die Hand zu nehmen, damit sie merkt, dass das Theater – neben geographischer Heimat in der Mitte einer Stadt  – auch eine geistige Heimat in der Mitte der Gesellschaft ist, sein, werden kann.

Ich habe ihr versprochen, dass ich ein Blog für sie anlegen werde, um interessante Theaterdinge zu sammeln  – und sei es nur manchmal ein wirklich gelungener Trailer, ein guter Hörbeitrag, Diskussionen, etwas, das von diesem ganzen wunderbaren Wahnsinn berichtet, den ich so sehr liebe. Ich will ihr virtuell mit der gleichen Begeisterung erzählen, wie ich das hier in ihrer Küche tue und nicht nur von einem einzigem Theater in einer Stadt, sondern Häuser und Szenen übergreifend. Vielleicht verlässt sie dann eines Tages ihr Versteck am Moskauer Flughafen, um auch das reale Theater kennenzulernen.

Manuel Braun sprach bei der Eröffnung des Theatertreffen-Camps über Ada Blitzkrieg und seine Erkenntnisse aus diesem Gespräch. Einen Liveblog mit seinen Aussagen finden Sie hier.
Die viel zitierte Inszenierung „Fegefeuer in Ingolstadt” wurde im Rahmen des Theatertreffens gezeigt. Sehen sie hierzu auch Jannis Klasings Kritik und Felix Ewers grafische Auseinandersetzung mit der Aufführung. 

Die Berliner Zeitung ist Partner des Theatertreffen-Blogs.

Das klägliche Restzucken toter Tiere – Susanne Kennedys „Fegefeuer in Ingolstadt"

Bevor das Stück beginnt, wird bereits das Bühnenbild auf den heruntergelassenen Eisernen Vorhang projiziert. Ein in der Tiefe perspektivisch kippender Raum in siffigem Pastellton kündigt drohendes Unheil an. Rechts neben einem lichtdurchfluteten Fenster: ein Kruzifix. Die Projektion beginnt zu flackern, wie in einem Horrorfilm. Als der Eiserne Vorhang sich hebt und das tatsächliche Bühnenbild freigibt, die ersten Gestalten den Raum bevölkern, setzt sich der unheimliche Eindruck fort: aufgezogenen Puppen oder Comicfiguren gleich scheinen sie in den Raum gestellt, bewegen sich künstlich und maschinell, mal verlangsamt, mal in zackigen, abgehackten Gesten. Die Stimmen kommen vom Band und werden von den Schauspielern tonlos synchron mitgesprochen. Jedes bisschen Leben, alles Menschliche scheint aus diesen Figuren entwichen.

Die Textvorlage wird zergliedert in kurze Standbilder, die Geschichte von der ungewollten Schwangerschaft und der darauf folgenden Hetzjagd in der Provinz verdichtet sich zu einem düsteren Diavortrag aus der Hölle. Jede Szene wird harsch unterbrochen von einem Black, begleitet von bedrohlichem Brummen. Mal wird in einem einzigen Standbild bloß ein Lied gesungen oder ein Satz gesprochen, schon wird weitergeschaltet. Ab und zu ensteht ein Flirren, wenn sich über die Szenerie, leicht versetzt, das gleiche Bild als Projektion darüberlegt.

Die Szenen sind von unterkühlter Brutalität und Abgestumpftheit geprägt. Die künstlichen, hochgepitchten Stimmen und der stark verdichtete Fleißer-Text zeichnen ein nihilistisches Bild von einer Gemeinschaft, der jeglicher sozialer Zusammenhang und jede Empathie abhanden gekommen ist. Die Töchter Clementine (Anna Maria Sturm) und Olga (Çigdem Teke) beneiden einander, der Vater (Walter Hess) ist ein resignierter Schläger, Mutter Roelle (Heidy Forster) löffelt ihrem Sohn (Christian Löber) debil und, Gottesbeschwörungen murmelnd, das Essen in den Rachen. Gervasius (Edmund Telgenkämper) und Protasius (Marc Benjamin) – zwei tumbe Dorfproleten – haben es auf Roelle abgesehen und wollen ihn stumpf vernichten, weil er ihnen zu fremd ist. Die Regungen der Darsteller, ihr zwischenzeitliches Aufbäumen und Aufbegehren, erscheint wie das klägliche Restzucken toter Tiere.

„Fegefeuer in Ingolstadt“ von Susanne Kennedy überzeugt vor allem in seiner ästhetischen Entschiedenheit. Die hohe Künstlichkeit der Bühne, der Kostüme, vor allem aber die der Spielweise zeichnet insgesamt ein groteskes, beklemmendes Bild einer erkalteten und seelenlosen Gesellschaft und schafft darin einen ganz eigenen theatralen Kosmos, der entfernt an die Arbeiten von Ida Müller und Vegard Vinge erinnert, aber doch eine sehr eigenwillige Sprache und einen ungewohnten Rhythmus entwickelt. Die kalkulierte Kälte dieser Inszenierung macht schaudern. Doch die subtile Komik, die hier und da aufschimmert, und der stilsichere ästhetische Gestaltungswille, die konsequent eingesetzten Mittel, bringen das in der Inszenierung verhandelte Grauen in eine intensive Schwebe, die sehr viel Raum für Assoziationen lässt.

Felix Ewers hat sich grafisch mit der Inszenierung auseinandergesetzt. 

Die Berliner Zeitung ist Partner des Theatertreffen-Blogs.

Beitragsbild: Ostkreuz / Julian Röder

„Fegefeuer in Ingolstadt” // Visuelle Auseinandersetzung

„Fegefeuer in Ingolstadt“
Regie: Susanne Kennedy
Premiere: 08. Februar 2014, Münchner Kammerspiele
Handlung: das „Höhere” negiert das Menschsein mit Stroboskop und eindringlicher Unbewegtheit.
Anzahl der Schauspieler: sieben
Rekordverdächtig: die Sprachlosigkeit

FegefeuerInIngolstadtFelix Ewers, 2014, 900 x 1125 px
Mehr Visuelles von Felix unter www.weissreflex.de


Eine fortlaufende Serie.

Teil 1 zu „Zement”
Teil 2 zu „Onkel Wanja”