Alles wird gut! Alternative Schlüsse für alle Theatertreffenstücke

Uns gefällt es nicht, dass die beim Theatertreffen inszenierten Textvorlagen zu meist grausamen, finalen Szenen führten, wo Leichen herumliegen, wo Beziehungen am Boden zerstört sind, wo keine Hoffnung mehr herrscht. Daher bieten wir als exklusiven Service schönere, frohere Enden an. Ja, alles kann gut werden! Continue reading Alles wird gut! Alternative Schlüsse für alle Theatertreffenstücke

„Avantgarde ist nicht, wenn weniger Leute kommen.“ Ein Gespräch mit Herbert Fritsch

Heute Abend war an der Volksbühne im Rahmen des Theatertreffens noch einmal „Murmel Murmel“ zu sehen (hier alle bisherigen Beiträge des TT-Blogs dazu).

50. Theatertreffen
Grün und rot: Herbert Fritsch auf der Bühne von „Murmel Murmel“ beim Applaus. Foto: Piero Chiussi

Der Regisseur Herbert Fritsch hat sich mit mir vorletzte Woche um 9 Uhr in seinem Lieblingscafé getroffen. Ich wollte mehr wissen über seine Arbeitsweisen und die Traditionen, in denen er sich selbst verortet. Als ich, um mich vorzustellen, mein Interesse für die literarischen Avantgarden erwähne, zeigt er sich begeistert und schon sind wir mitten im Gespräch und Herbert Fritsch erzählt mir von seinen Vorbildern aus Literatur und Bildender Kunst:

Herbert Fritsch: Boris Arvatov [sozialistischer Kunsthistoriker der 1920er Jahre, Vertreter des Proletkult, Anm.d.R.], hat mich in meiner Jugend sehr beeinflusst: „Jedes Material ist es wert, bearbeitet zu werden.“ Ob das jetzt Styropor ist oder Marmor, scheißegal. Ich glaube, „Die spanische Fliege“ ist ein Ready-Made, damit kann man was machen, genauso wie mit Frau Luna, das kann man in einen anderen Zusammenhang stellen. Das finde ich reizvoll, so wie ich auch Jeff Koons gut finde. Wenn da plötzlich Popeye neben so einer alten Marienstatue steht. Oder wie Roy Lichtenstein Comics in die Malerei reingenommen hat. Wenn Leute nicht mehr so erfürchtig niedersinken, hat das auch Unterhaltungswert.

Ich hatte während der Vorbereitung des Interviews entdeckt, dass Herbert Fritsch auch Theaterabende zu Konrad Bayer gemacht hat, einem Vertreter der Wiener Gruppe, die sich in den 1950er Jahren in Wien als ein Kreis experimenteller Literaten gegründet hat. Ein Prosatext Konrad Bayers beginnt so: „der verzweifelte karl greift zum karl. aber schon hat karl karl genommen. da erscheint karl mit karl auf dem karl und wirft karl auf karl in den karl. karl kommt und findet karl. da stösst karl auf karl und verstösst karl. aber karl gibt nicht auf.“ Hier wird die Nähe zu dem Fluxus-Künstler Dieter Roth deutlich, Autor von „Murmel Murmel“, der den Text 1974 als 176-seitiges Buch im Eigenverlag herausbrachte. Ich möchte von Herbert Fritsch wissen, wie er die Wiener Gruppe versteht: als eine Form von Avantgardismus, zu dem er sich auch bekennt? Ob er selbst Avantgardist sei? Continue reading „Avantgarde ist nicht, wenn weniger Leute kommen.“ Ein Gespräch mit Herbert Fritsch

Welcome to the Nazi Laugh Islands!

Rumour has had it that German humour is a mythical creature much like the unicorn, the centaur, or American gun control. The all-knowing God of Stereotypes has declared that The Germans are to be efficient but without humour.

Which, like all stereotypes, doesn’t exactly reflect reality. German humour not only exists, it’s thriving – according to the overly-defensive Wikipedia entry in English and Danish (?!). Granted, humour is extremely culturally dependent. As a foreigner, even when your language skills are flawless and you theoretically understand why Loriot is funny, it’s actually laughing at Helge Schneider or Kurt Krömer that shows you’re truly, irretrievably integrated (There’s an idea for your boring, answer lists of questions citizenship test).

Contrary to my expectations – as influenced by my colleague’s review – I laughed out loud multiple times at Murmel Murmel (next performance during TT on the 12th of May). And it wasn’t just because the concept – one word over and over – is so ridiculous that there’s really no other suitable response (see TTtv for more Murmeling). Nor was it just when a man sitting to my right said “Was für ein Text ist das?” (What kind of a text is this?), 54.4 minutes into the piece. Or when a woman behind me, unable to contain herself anymore, shouted “Murmel!” at the stage, and was quickly scolded with “Nicht vorhersagen” (Don’t jump the gun).

Oh no! He's fallen! But it's ok, there was a mattress there all along...
Oh no! He’s fallen! But it’s ok, there was a mattress there all along… Scene from Herbert Fritsch’s “Murmel Murmel”. Photo: Thomas Aurin

And while slapstick comedy dominated the evening, I mostly laughed at moments of the absurd and of Schadenfreude. The running gag through the 80 minutes were repetitive pitfalls (and I mean pitfall literally, an actor actually fell into the orchestra pit.) And we, both Americans and Germans, laugh at other people’s misfortune, when we’re in a context where it’s safe to laugh about it – i.e. when the person in question is Paris Hilton, and not when it’s Nelson Mandela, or when the pitfall is onto a mattress and not resulting in multiple broken bones.

The kind of humour that’s less my taste, exaggerated characters and physical comedy that obviously signal FUNNY, showed up both in Murmel Murmel and Every Man Dies Alone. Laughter is at its best when it’s a spontaneous reaction, so when capital letters telegraph YOU WILL LAUGH, I tend to respond with a kind of choked chuckle of discomfort.

Every Man Dies Alone desperately needs the little humour that’s there – it’s pretty obvious from the title that there’s no real happy ending to this controversial text. And moments of comic relief, or Lachinseln (laugh islands) in German, can integrate well into an overall dramatic arc. What made them so problematic for me in Every Man is that half the time they consisted of Nazis presented as “funny characters,” ranging from an alcoholic bum informant to a troupe of brown shirts with Hitler moustaches to an incompetent Gestapo investigator.

Brown shirt clowns with Hitler moustaches
Last night, on the Nazi Laugh Islands: Brown shirt clowns with Hitler moustaches. A scene from “Every Man Dies Alone” by director Luk Perceval. Photo: Krafft-Angerer

And I know this is part of Germany dealing with its history, but I still can’t bring myself to laugh at “silly, stupid Nazis” in the context of a theatre piece addressing failed resistance to the NS regime.

Now if those Nazis fell into the pit while mumbling “Murmel Murmel”, that might be a different story.

TTtv: About Murmel

Sabrina Zwach, Dramaturgin bei der beim Theatertreffen eingeladenen Inszenierung Murmel Murmel von Herbert Fritsch, und der Schauspieler Matthias Buss, der in der Inszenierung mitmurmelt, im Murmel-Gespräch. Außerdem: Stipendiaten des Internationalen Forums murmeln auf anderen Sprachen von Belgisch bis Japanisch.

Torkel Torkel

Leicht farbenbeschwipst und wahrnehmungsgestört bin ich gestern aus der Theatertreffen-Premiere von „Murmel Murmel“ in der Inszenierung von Herbert Fritsch an der Volksbühne getorkelt. Bevor ich mich in den Schlaf gemurmelt habe, ist noch diese Zeichnung zum Abend entstanden:

Murmel Murmel  Zeichnung zur Inszenierung Henrike Terheyden/ KENDIKE
Zeichnung: Henrike Terheyden/ KENDIKE

Unter dem Schlagwort „Zeichenkritik“ finden Sie in den nächsten Wochen immer wieder zeichnerische Reaktionen auf die Theaterabende im Rahmen des Theatertreffens.

TTtv: A Forum Line

Die Stipendiaten des Internationalen Forums, ein Akademie-Bereich des Theatertreffens, wärmen sich auf. Mini-Workshop mit der Theaterpädagogin Uta Plate von der Schaubühne am Morgen in den Uferstudios in Berlin-Wedding.