Alles wird gut! Alternative Schlüsse für alle Theatertreffenstücke

Uns gefällt es nicht, dass die beim Theatertreffen inszenierten Textvorlagen zu meist grausamen, finalen Szenen führten, wo Leichen herumliegen, wo Beziehungen am Boden zerstört sind, wo keine Hoffnung mehr herrscht. Daher bieten wir als exklusiven Service schönere, frohere Enden an. Ja, alles kann gut werden! Continue reading Alles wird gut! Alternative Schlüsse für alle Theatertreffenstücke

Das 50-Zeichen-Fazit

Verehrte Leserinnen und Leser, wir fassen uns kurz und haben unser Fazit passend zum 50. Theatertreffen auf 50 Zeichen eingedampft. Das ist weniger als ein halber Tweet. TT-Juror Vasco Boenisch hatte definitiv Recht mit seiner Vermutung bei der Jury-Schlussdiskussion, dass der Trend zur Kurzkritik geht. Die Stipendiaten des Internationalen Forums zogen übrigens für die letzte Folge von TTtv ebenfalls in ein paar Worten ihr Resümee.

Summer Banks: Depressing but formally-fascinating big budget ballast

Eva Biringer: Sound: Apparat Karussell tolle Frauen in zu hohen Schuhen.

Eefke Kleimann: #TT50 verbindet. Gartengespräche. Doppelkeks. Magnolie.

Clemens Melzer: Hauptprogramm merkwürdig, Rest bemerkenswert. Denkbedarf.

Dirk Pilz: Sandra Hüller, Wiebke Puls, Constanze Becker, Risto Kübar

Nikola Richter: Witz von Jürgen Holtz, Winken von Julia Häusermann. Wir!

Henrike Terheyden: BerlinOhneBerlinZuSehenTuscheUbahnTippenScannenBäm!

It's a woman's world! Schauspielerinnen beim Theatertreffen

Immer ist die Rede vom Regiekonzept. Selten die Rede von den Darstellern. Wir finden: Dieses Theatertreffen ist eine Woman-Show. Auffallend viele der zehn bemerkenswerten Inszenierungen bestreiten Schauspielerinnen.

50. Theatertreffen
Sandra Hüller nahm heute per Skype den 3sat-Preis entgegen. Vor dem roten Vorhang an der großen Bühne, Haus der Berliner Festspiele. Foto: Piero Chiussi

Und wir hatten recht: Heute Mittag wurde der Alfred-Kerr-Darstellerpreis für die beste schauspielerische Nachwuchsleistung vergeben. Er ging an Julia Häusermann in „Disabled Theater.” Und auch den 3sat-Preis bekam eine Frau: Sandra Hüller für ihren Auftritt in „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall.” Gratulation!

Es ist leicht zu entscheiden, ob einem deren Spiel gefällt oder nicht. Schwierig bis nicht machbar ist es hingegen, zu benennen, was die da tun. Zu begreifen, was diese Schauspielerinnen auf der Bühne vollziehen, wie sie ihre Worte zum Klingen bringen, mit welchen Bewegungen sie den Raum füllen. An dieser Aufgabe kann man nur scheitern (sagt unser Mentor Dirk Pilz). Die Frage ist, auf welchem Niveau. Wir versuchen es mal: deutschsprachige Rollenporträts zu Constanze Becker, Sandra Hüller, Judith Rosmair, Julia Wieninger und englischsprachige zu Lina Beckmann, Lena Schwarz und Kate Strong.

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Live-Blog von der Schlussdiskussion mit der Theatertreffen-Jury

Um 14.30 Uhr beginnt die Abschlussdiskussion, in der die Theatertreffen-Jury über alle zum Festival eingeladenen „bemerkenswerten“ Inszenierungen diskutiert. Moderiert von Tobi Müller. Wir bloggen live.

14.27: Es raunt.

14.29: Festivalleiterin Yvonne Büdenhölzer begrüßt das Publikum. Selbst die „Aktivisten vom Blackfacing“ werden namentlich erwähnt.

14.30: Letzte Episode des TTtvs.

14.34: Die Jury betritt die Bühne. Tobi Müller findet im Hinblick auf das TTtv: „Die Zukunft der Kritik ist offenbar die Kurzkritik.“ Noch einmal werden die Jurymitglieder vorgestellt. 450 Inszenierungen wurden begutachtet (es werden immer mehr!). Anke Dürr freut sich über die Berlin-Tauglichkeit von „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall.“ Franz Wille überrascht, dass es keine Zwischenfälle gab in diesem Jahr. Daniele Muscionico denkt nach über die Bedeutung der Auszeichnung von „Disabled Theater.“ In der Schweiz spreche man von „behinderten Menschen, man sei da weniger empfindlich. Muscionico: „Als ich das zum ersten Mal sah, dachte ich, das geht nicht.” Raunen. Kein Nachhaken (warum geht das nicht?).

14.42: Was macht der Ortswechsel mit den Inszenierungen? Schade, dass nur so wenig Leute „Die Ratten” sehen konnten, findet Vasco Boenisch. Die innere Anspannung des Jurymitglieds Christoph Leibold bei den veränderten Bedingungen in Berlin für „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall”: Kann das gut gehen? Boenisch: „Ich glaube, Berlin hat es auch ganz gut gefallen, mal über München abzulästern.”

14.46: Wo sind die experimentellen Anteile beim diesjährigen TT? Ulrike Kahle-Steinweh bemerkt, man könne nur einladen, was da ist. Franz Wille: Ein schwaches Jahr für das performative Theater! „Ich hätte gerne ein paar andere Formate dabei gehabt, aber es besteht die Gefahr der ideologischen Brille.” Christine Wahl: Es schleichen sich die Performanceelemente ins Stadttheater (etwa der Schauspieler Benny Claessens in „Die Stadt. Die Straße. Der Überfall.”)

14.54: Musik spielte große Rolle beim diesjährigen TT (Müller). Oder? Dürr: „Das war kein Kriterium. Darüber haben wir kaum diskutiert.” Boenisch wirft ein: „Doch, darüber wurde diskutiert!” Entlastet Musik die Schauspieler? Weil die Glaubwürdigkeit der großen Gesten auf der Bühne verloren gegangen ist? Nein (Dürr), ja, etwa bei Thalheimer (Boenisch). Selbst bei „Medea” gibt es den von Musik unterlegten Clip am Ende und „ein Wummern.” Wille warnt vor programmatischen Thesen: „Man nutzt die Möglichkeiten, die da sind. Vor zehn Jahren passierte dasselbe mit Video.” Müller weist auf die leibliche Präsenz der Musiker hin, es handelt sich schließlich um Livemusik. „Theater besinnt sich auf seine Qualitäten, auf die erlebte Zeit, dazu gehört die aktuell hergestellte Bühnenmusik.” Zustimmung im Publikum.

15.01: Dürr: „Fantastisches Stück und fantastische Inszenierung: Das ist ein Glücksfall.” Der Moderator bemerkt die breite Zustimmung des Theaterpublikums („friedfertig, begeisterungswilig, euphorisch”) bei gleichzeitigem Unmut der Berliner Kritik. Kahle-Steinweh vermutet Neid, denn wer kann so viel reisen wie die Theatertreffen-Jury? Wille unterstellt dem Publikum Müdigkeit und Gleichgültigkeit (Zwischenruf aus dem Publikum: „Jawoll, müde und gleichgültig!”), widerruft seine Behauptung aber sofort wieder. Das Publikum sei reflektierter als früher. Kein Türenknallen mehr wie bei Marthaler! Dafür gebe es ja die Publikumsgespräche.

15.08: Stichwort Publikumsgespräch! Müller rollt die Blackfacing-Debatte wieder auf. War Blackfacing ein Thema für die Auswahl der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe”? Wahl: Es handelt sich nicht um eine realistische Inszenierung. Die Zeichen, zu denen das Blackfacing gehört, sind codiert. „Ein cleverer Zugriff” auf den vermeintlich ideologischen Brecht mit seinem „merkwürdigen Kapitalismusbegriff.” Das Theater ist Kunstraum, kein Realitätsraum. Judith Butler wird zitiert: Auf dem Bühnenraum, der ein Als-ob-Raum ist, darf man Zeichen produktiv gegen sich selbst wenden.

15.13: Was wünscht sich die Jury zum Abschluss? Wille: Weniger Premieren an den einzelnen Theatern, diese dafür reflektierter und mit mehr Risikobereitschaft. Kahle-Steinweh: Mehr Mut, auch innerhalb der Jury. Radikaler, politischer, vielleicht weniger Musik? Einwurf Müller: „Weniger Musik, jetzt, wo sie mal da ist?” Der Rest der Jury ist wunschlos glücklich. Die Diskussion wird eröffnet.

15.16: Zuschauerin 1: Früher war alles spannender. Heute werden Inszenierungen im Fernsehen übertragen, man selbst reist umher, das Publikum ist ein internationales. Die Offenheit nimmt dem TT den Reiz. Bitte mehr Überraschungen! (Einwurf: Was ist mit „Disabled Theater”, mit Milo Raus „Hate Radio”?) Offenbar wünscht sich die Zuschauerin eine striktere Kartenpolitik (künstliche Verknappung der Eintrittskarten?). Zuschauer 2 (er selbst zählt sich zur Generation der heute 70-Jährigen): „Wir haben 3 1/2 Aufführungen gesehen: „Medea” (toll), „Murmel Murmel” (auch okay), „Disabled Theater” („Betroffenheitsbonus!”), „Die Ratten” („da sind wir gegangen: ein unverständliches Schreien.”). Was fehlt, ist das Suchen nach dem Essentiellen.” Theaterzeichen haben sich geändert (Dürr). Krawallstimmung kommt auf. Teile des Publikums fühlen sich altersdiskriminiert. Die ersten gehen.

15.23: Teilnehmerin des Internationalen Forums: Vom Theatertreffen bleibt ein schaler Nachgeschmack. Große Stoffe, gegen die man nichts sagen kann, renommierte Regisseure. Es fehlt die Reibungsfläche. „Wir (das Forum) konnten mit vielem nichts anfangen.” Geldverschwendung? Zusammenfassung der Juryeinwände: Generation 20 Plus hat andere Interessen als Generation 70 Plus: Ein ewiger Interessenkonflikt! Wahl: Es wurden doch große Themen verhandelt, etwa in „Krieg und Frieden”! Forumsteilnehmerin: Die Formen ändern sich, aber es geht um den (fehlenden?) Inhalt. Andere Teilnehmerin des Internationalen Forums: große Rührung bei den Forumsteilnehmern, von Geldverschwendung kann keine Rede sein. Jedoch: Bei „Orpheus steigt herab” bleibt in Erinnerung: Ein Karussell (20.000 Euro wert?), Hunde, Motorräder und für nicht-deutschsprachige Zuschauer das Wort „Nigger”. Es geht doch mehr um die Regisseure und deren Mittel. Entgegenung Wille: Das Geld ist immer die Crux. „Das Wesentliche ist das ausschlaggebende Argument.” (das Wesentliche wovon?)

15.36: Eine Zuschauerin will die Blackfacing-Sache so nicht stehen lassen. Es bestehe immer noch Diskussionsbedarf, gerade im Theater. Reproduzierte Stilmittel wie in der „Johanna” könnzen funktionieren, aber nicht wenn das so unreflektiert wie bei Baumgarten passiert. Bezeichnungen wie „Nigger” könnten falsch verstanden werden und zur Wiederaneignung führen (Am 12. Juni findet zum Thema eine Diskussion im Haus der Berliner Festspiele statt). Wahl verteidigt die Reflexionsarbeit der Jury: Blackfacing in der „Johanna” ist keine Rekonstruktion. Mehrere Zuschauer wollen etwas sagen, der Moderator will die Diskussion abschneiden: Es wird doch thematisiert! Zuschauerin: Wo sind denn die Linien für die De-Konstruktion? Jury: „Der Chinese als Klischee der aufkommenden Bedrohung, der Cowboy als Kapitalist – alles ist klischierte Unterhaltungsebene.”

15.47: Noch einmal Blackfacing. Missmut im Publikum. Ist es nicht anmaßend, wenn eine ausschließlich weiße Jury entscheidet, was De- und was Re-Produktion rassistischer Zeichen ist? Kahle-Steinweh: „Dann finden Sie doch mal einen schwarzen Theaterkritiker im deutschsprachigen Raum!” Zuschauerin: Debatte müsste differenzierter verlaufen. Bei Baumgarten war der Zeichenkontext klar. „Nigger” ist bei Williams eine Zuschreibung, die man im Zusammenhang lesen muss. „Übertitelt werden musste nicht, es war ja für ein deutsches Publikum.” (Hoppla!) Tobi Müller regt Themenwechsel an.

15.54: Zuschauerin: Bitte das nächste Mal an das Publikum denken! Bei „Medea” habe sie nichts sehen können. Die Festspielleiterin lenkt ein: Kartenpreis wird bei Sichtbehinderung zurückerstattet! Nächste Frage von einer sehr ironisch gestimmten Zuschauerin: Welche Kriterien gab es für die Einladung von „Disabled Theater”? Boenisch antwortet; ich werde von Bühnenwatch-Handzetteln abgelenkt, die jetzt durchs Publikum gehen. Teilnehmerin des Internationalen Forums: „Gibt es nicht besonderere Theateraufführungen in Deutschland als die Einladungen fürs TT? Inszenierungen wie das „12-Spartenhaus” oder „Remote Berlin”? Antwort: Diese beiden Inszenierungen konnten nicht berücksichtigt werden, da sie aus dem Zeitraum fielen. Letztes Jahr war Vinges Vorgängerarbeit „John Gabriel Borkmann” eingeladen. Kahle-Steinweh: „Wir suchen nicht zwangsläufig nach Inszenierungen, die aus dem Rahmen fallen.”

16.02: Was müssen (junge) Theatermacher in Deutschland heute beachten, um finanziert zu werden? Müller: 50-70 Prozent der Anträge für Fördermittel sind formuliert im schlechten Stil einer Wochenzeitung. Man erfährt wenig über die eigentliche Kunst. Leiterin des Stückemarkts Christina Zintl: „Wenn das Kriterium Innovation statt ‘bemerkenswert’ gewesen wäre, wäre die Entscheidung dann anders ausgefallen?” Ja, natürlich. Moderator beklagt schwindende Konzentration (ich stimme zu). Zuschauer: Warum sind Frauen in der Auswahl so schlecht vertreten? Dürr: Geschlecht steht nicht im Zentrum des Interesses, Quote bringt uns nicht weiter. Teilnehmerin des Forums: Es geht gar nicht immer um Innovation, sondern um das, was man sagen will. Müller: Fordern Sie mehr Realismus ein? Forumsteilnehmer: Es geht nicht um Mittel versus Inhalt, sondern die Einigkeit der Jury, durch die außergewönliche Positionen rausfallen? Gibt es die Sehnsucht nach Konsens? Boenisch: Natürlich gibt es Diskussionen und Entscheidungen, die nicht von allen befürwortet wurden. Leibold: Der Wille ist da, nicht im Mittelmaß zu landen. Boenisch: Man kann sich doch über vieles streiten, manche finden bei „Krieg und Frieden” den letzten Teil schlimm, andere die ersten beiden …

16.13: Ende der Diskussion. Weitere Nachlese unter dem Twitter-Hashtag #Jury .

Stetes, smoothes Gleiten. Über den Schauspieler Risto Kübar in „Orpheus steigt herab“

Titel, Autor, Entstehungsjahr: „Orpheus steigt herab“ von Tennessee Williams, 1957.
Handlung: In eine Vielzahl von Nebenhandlungen bricht der Landstreicher Val hinein. Alle Frauen himmeln ihn an, alle Männer hassen ihn.
Erster Satz: Ich war doch gestern beim Arzt wegen meinem Mann.
Regisseur: Sebastian Nübling, sechste Einladung zum TT.
Bühne: Münchner Kammerspiele.
Beim TT 2013: Große Bühne im Haus der Berliner Festspiele.

Szene aus „Orpheus steigt herab“ in der Regie von Sebastian Nübling, mit Cigdem Teke, Risto Kübar, Sylvana Krappatsch, Annette Paulmann (v.l.n.r.). Foto: Julian Röder © Julian Röder
Szene aus „Orpheus steigt herab“ in der Regie von Sebastian Nübling, mit Cigdem Teke, Risto Kübar, Sylvana Krappatsch, Annette Paulmann (v.l.n.r.). Foto: Julian Röder

Menschen wie Val Xavier führen Revolutionen an. Val ist ein Landstreicher, ein heimatloser Bohémian ohne das Bourgeoise daran. Wegen seiner silbern glänzenden Anzugsjacke (die aus David Bowies Kleiderschrank kommen muss!) hat er den Beinamen Schlangenhaut. Allein durch seine Anwesenheit bringt er das Südstaatenstädtchen, Schauplatz von Tennessee Williams „Orpheus steigt herab“, erst zum Brodeln und dann zum Überkochen. Williams latent wirre Narration versteht Val nicht nur als temporäre Erlöserfigur, sondern als Reinkarnation der griechischen Mythologiefigur Orpheus und möglicherweise sogar als irdischen Jesus. Folglich muss dieser Val eine ganze Menge schwacher Dramatik ausbügeln. Er muss der Katalysator sein für Übersprungshandlungen. Er muss sein wie Risto Kübar. Continue reading Stetes, smoothes Gleiten. Über den Schauspieler Risto Kübar in „Orpheus steigt herab“

Über Berlin III: Vom Ku’damm Karree bis zur letzten Wiese am Mauerstreifen

Das Theater verlässt das Theater. Stadt, Straßen, öffentlich zugängliche Gebäude wie Malls oder Banken dienen als Bühne oder als Auslöser für künstlerische Handlungen. Zwei Wochen lang erkundeten die Stipendiaten des Internationalen Forums das Inszenieren von Öffentlichkeiten in den Workshops mit Stefan Kaegi, Janez Janša und raumlaborberlin. Heute führten sie uns an ausgewählte Orte in Berlin.

Hier noch die beiden anderen Beiträge unseres Berlin-Schwerpunkts: Teil I (Stückemarktpreisträgerstück „Jonas Jagow“ will die Hauptstadt zerstören) und Teil II (Abrechnung mit Berlin als Künstlerstadt). Und der TTtv-Mitschnitt der Forumspräsentationen.

Ku’damm Karree. Aus dem Workshop mit Stefan Kaegi

Man muss sich das Ku’damm Karree als einen gestrandeten Wal inmitten des Touristenstroms vorstellen. Eine Ruine, deren Gruselpotential durch den unterirdischen Luftschutzbunker aus der Zeit des Kalten Kriegs ins Unermessliche steigt. Im Ku’damm Karree, das wohl mal ein prosperierendes Einkaufszentrum war, reiht sich eine leerstehende Gewerbefläche an die andere: Altberliner-Kneipe an Damenschneider an Porträtmaler. Es zieht. Ein Ort wie geschaffen für Stefan Kaegis urbane Interventionen; kein Wunder, dass die letzte Etappe seines aktuellen Projekts „Remote Berlin“ nur ein paar Häuser von hier entfernt endet. In drei Gruppen erkunden wir diesen seltsamen Ort. Den schönen Umstand, dass die Forumsteilnehmer aus der ganzen Welt angereist sind, macht Kaegi sich zu nutze, indem er jeweils vier von ihnen als Guide engagiert, die uns ihre Heimatländer zeigen, performativ natürlich. Tschechien liegt im Hinterhof, wo wir unseren liebsten Volkstanz vorführen sollen (oder das, was wir dafür halten, denn man sieht, dass die Tanzschulen dieser Tage keinen großen Zulauf mehr haben, ein Ballettschuleschild bröckelt vor sich hin), Indien liegt im Ladenlabyrinth, das heißt jenseits des Schaufensters, das ein verkappter Künstler angemietet hat, dessen Porträtversuche für den Tourguide zur imaginären Ahnengalerie werden. Bis auf die Zugspitze sind es nur ein paar Rolltreppen, untermalt von den umsichtigen Hinweisen unserer Bergführerin, man möge nicht ausrutschen. Auf dem Gipfel angelangt, umfängt uns allerdings kein Alpenpanorama, sondern nur das Behördengrau der Teppichböden, also schließen wir die Augen. War das nicht ein Vogelziwtschern neben unserem Ohr? Und schließlich führt uns eine der Forumsteilnehmerin nach Jakutien (ich schäme mich für meine geografische Ignoranz und muss googeln): Durch leerstehende Büroflure hindurch, die aussehen wie die Kulisse in Stromberg, geht es auf die Dachterrasse des Gebäudes. Wir lernen: Einst waren die oberen Etagen des Ku’damm Karrees der Sitz einer Treuhandgesellschaft. Vermutlich wird das ganze Gebäude samt Bunker bald abgerissen. Auf der Terrasse binden wir Schleifen an einen Zweig (gute Wünsche, die der Wind mittragen wird) und tanzen einen traditionellen Kreistanz. Ein Mitarbeiter des Sicherheitspersonals, der uns nach oben begleitet hat, verrät, dass kommende Woche noch einmal „welche wie wir kommen“. Vorschlag an die Bezirksverwaltung: Gebäude stehen lassen, Theater einquartieren. Continue reading Über Berlin III: Vom Ku’damm Karree bis zur letzten Wiese am Mauerstreifen

Einladung in die Innerlichkeit. Wo Musik beim Theatertreffen spielt

Beim diesjährigen Theatertreffen lauerte die Musik überall. Ob gesungen oder instrumental, live oder aus der Konserve (wie es so schön heißt!), kaum eine Inszenierung kam ohne aus. Weil ich nicht an Zufälle glaube, soll anhand von vier TT Inszenierungen (von Katie Mitchell, Sebastian Hartmann, Johan Simons und Jérôme Bel) der Versuch einer Annäherung an das Phänomen „Musik im Theater” unternommen werden.

„Reise durch die Nacht“: Beischlafmusik und Breitwandpiano

Diese Reise ist eine innere. In Friederike Mayröckers „Reise durch die Nacht“ ergründet die Erzählerin ihre eigene, verschüttete Vergangenheit. Der Grund für ihre Schlafstörungen, für die „auffliegenden Vögelschwärme in ihrer Brust” bleibt vage, der Text flüstert eher, anstatt konkret zu werden. Katie Mitchells Regie reizt Mayröckers Anspielungen bis zum Anschlag aus, der „Pfeifenvater“ wird zum Prügler, das stille Sehnen der namenlosen Protagonistin (Julia Wieninger) entlädt sich in einer kurzen, heftigen Sexszene mit einem Unbekannten, dem Zugbegleiter.

Bevor man einmal die Sitzposition gewechselt hat, ist das Stück zu Ende. Dass die „Reise durch die Nacht“ eine so kurzweilige ist, liegt nicht nur an der mit 75 Minuten knappen Spielzeit, sondern auch an der filmischen Ästhetik, die der Wahrnehmungsmodulation eines auf Liveticker gepolten Publikums sehr entgegenkommt.

Keine Frage: Die Musik trägt wesentlich zur larmoyanten Herzschmerz-Stimmung der Inszenierung bei. Während unten die Bühnenarbeiter wuseln, gipfelt es oben auf der Leinwand im Minutentakt, ein emotionaler Höhepunkt nach dem anderen. Meist ist die Musik eine indirekte, das heißt, in der theatralen Logik hörbar nur für die Erzählerin, etwa, wenn sie ihren CD-Player gegen die Schlaflosigkeit bemüht, oder sie ist der Handlung ausgelagert und nur hörbar für die Zuschauer. Eine Ausnahme ist das Lied von Joy Divison, das der Zugbegleiter abspielt, um eine Stimmung herzustellen, die auf dem schnellsten Weg zum Beischlaf führt. Da hören die Figuren auf der Bühne die Musik gemeinsam: ein intimer Moment.

Eine Patina aus Regentropfen auf der Leinwand, das verschmierte Make-Up der Hauptdarstellerin, und über allem wogt die Musik. Diese Selbstbespiegelung in Breitwandformat bedient möglicherweise jenen Teil des Gefühlshaushalts, den rationale Menschen gerne von sich schieben (schamlosere Existenzen lesen deswegen Rosamunde Pilcher). Man kann in Katie Mitchells Inszenierung eine Verkitschung (wie hier Dirk Pilz in der Berliner Zeitung) sehen, die Reduktion der feministischen Vorlage auf ein Vorabendserienformat. Man kann die dem 19. Jahrhundert verhafteten Hauptfiguren beklagen und die Gefälligkeit der musikalischen Dauerpräsenz. Dann allerdings entgeht einem ein Wahrnehmungsvollprogramm, Synästhesie total. Wer so argumentiert, ist, glaube ich, nie durch die Nacht gereist, mit Kopfhörern auf den Ohren, die alles um einen herum ausblenden, mit dem Soundtrack, der nur einem selbst gehört. Continue reading Einladung in die Innerlichkeit. Wo Musik beim Theatertreffen spielt

Kulturpolitik inszenieren! Ein Nachmittag im KaterHolzig

Was macht die Kulturpolitik auf dem Dach eines Szeneclubs in Berlin-Mitte? Sie plant den Export innovativer Projekte in andere Städte und Stadtteile. Sie lernt etwas über neue Impulse für die kulturelle Szene. Kurz: Sie schnuppert ein wenig subversive Luft. Unter dem Titel „Politik trifft Theater” sichtete die Heinrich-Böll-Stiftung gemeinsam mit dem Theatertreffen die freie Szene in Berlin. Für den Samstag, 11. Mai, stand für die Teilnehmer dieses Programms ein Hausbesuch im KaterHolzig an. Ich war dabei.

Kater Holzig
Blick auf das Gelände des KaterHolzig. Foto: Carolin Saage

Das KaterHolzig ist in erster Linie ein legendärer Club für Elektro-Techno-Sonstiges und in zweiter Linie ein kulturelles Begegnungszentrum mit Galerien, Ateliers, Theaterbühne und einem Restaurant. Wobei: Die Auszeichnung legendär” beansprucht eigentlich sein Vorgänger, die Bar 25. Seiner attraktiven Lage wegen fiel das Gelände am Ufer der Spree 2010 einem Investorenplan zum Opfer, vorerst jedenfalls. Bis dahin trugen die Gerüchte über das immer kurz bevorstehende Ende der Bar 25 wesentlich zu deren selbst kreiertem Hype bei.

Einige der Forumsteilnehmer sind extra angereist. Pflichtbewusst halten sie ihre Stifte bereit, die Erwartung steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Vor ihnen steht Wasser mit Fairtradesiegel. Aus der Küche des Kater Schmaus duftet es nach Mittagessen, zwei Mitarbeiter ruhen sich bei Cola aus. Schon dieser Kater Schmaus ist eine Erfolgsgeschichte für sich: Ein Restaurant der gehobenen Preisklasse, für das man unter Umständen wochenlang auf einen Tisch wartet, während zwei Stockwerke tiefer Nahrung nur in flüssiger Form verabreicht wird. „Alles für alle, bis alles alle ist”, so steht es auf einem Schild auf dem Weg zum Klo und so in etwa lautet die interne Philosophie. Continue reading Kulturpolitik inszenieren! Ein Nachmittag im KaterHolzig

Tag 13

1. Für einen Text über Musik im Theater höre ich mir zum 200. Mal Apparats „Krieg und Frieden“-Album an. Die neue Platte von Daft Punk soll ja auch ganz gut sein.

2. Festspielintendant Thomas Oberender bringt im persönlichen Gespräch mit uns Bloggern ein wenig Licht ins Dunkel meiner kulturpolitischen Unwissenheit.

3. Wein und Kuchen beim Geburtstagspicknick auf dem Flughafen Tempelhof (Happy Birthday Micky!)

Ich wünsche mir schon heute, dass „Die Ratten“ morgen Abend nicht so verstaubt und uninspirierend ausfallen wie meine unschöne Begegnung mit „Johanna“ am Montag.

 

„Die heilige Johanna der Schlachthöfe“. 28 Zeilen schlechte Laune

Titel, Autor, Entstehungsjahr: „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“, Bertolt Brecht, 1931.
Handlung: Johanna kämpft für die Opfer der Wirtschaftskrise und geht an der Schlechtigkeit der Welt zugrunde.
Erster Satz: Wir sind siebzigtausend Arbeiter in den Lennoxschen Fleischfabriken und wir können keinen Tag mehr mit so kleinen Löhnen weiterleben.
Regisseur: Sebastian Baumgarten, erste Einladung zum Theatertreffen
Eingeladene Bühne: Schauspielhaus Zürich
Spielstätte beim TT 2013: Großer Saal im Haus der Berliner Festspiele

Abspann, Rockmusik und Applaus: Das Ensemble des Schauspiel Zürich ( „Die Heilige Johanna der Schlachthöfe") verbeugt sich zum Lied "Haifisch" der Band Rammstein. Foto: Piero Chiussi
Abspann, Rockmusik und Applaus: Das Ensemble des Schauspiel Zürich ( „Die Heilige Johanna der Schlachthöfe“) verbeugt sich zum Lied „Haifisch“ der Band Rammstein. Foto: Piero Chiussi

Diese „Johanna“ vom Schauspiel Zürich ist ein rotes Tuch. Schlagzeilen in Boulevardästhetik, Knallchargen in signalfarbenen Ganzkörperanzügen, und im Hintergrund funkelt anspielungsreich das McDonald’s Logo. Hinter jedem Satz stehen drei Ausrufezeichen, geschrien von lauter hochgepitchten Springteufeln oder schwarzen Strohhüten, zu erkennen an ihren sehr! sehr! breitkrempigen schwarzen Strohhüten. Das fortwährende Pianogeplänkel ist der guten Laune nicht förderlich. Wird mir übel? Das, würde Brecht sagen, ist die Welt, wie sie ist!

Im Grunde ist Regisseur Sebastian Baumgarten nur konsequent, wenn er die von Elendspathos durchzogene Vorlage von Bertolt Brecht ins Vielfache potenziert. Man kann es Ausrufezeichen auf den Block kritzelnd hinnehmen oder nach der Pause gehen.

Wäre da nicht: Frau Luckerniddle (Isabelle Menke), geblackfaced und mit Afro versehen, deren enormer Hintern (soll wohl ein „Booty“ sein) mit ihrer stets kniegebeugten Haltung und der Art, wie ein Neandertaler zu gehen, korrespondiert. Sie spricht mit französischem Akzent, trägt also entweder an ihrer kolonialen Vergangenheit – oder aber, es handelt sich um einen total ironischen Seitenhieb auf die Blackfacing-Debatte! (Später bringen wir dazu vier Statements, u.a. von Baumgarten und der Dramaturgin Andrea Schwieter)

Wäre da nicht: Slift (Carolin Conrad), auf Highheels wankend, sich migränebedingt die Schläfen reibend, meist mit Reizwäsche und einer Kochschürze bekleidet. Eine Maklerin hätte ich mir anders vorgestellt!

Wäre da nicht: Yvon Jansen als Johanna Dark, die personifizierte randlose Brille, die jede Silbe so überagiert, als schmettere sie einen Felsbrocken in ein Glashaus.

Wäre da nicht: Brechts Vorlage, in den Fakten korrekt, emphatisch zu Papier gebracht, das doch auf ewig ein Schablonentheaterstück bleibt, in seiner ethischen Eindimensionalität unübertroffen. Aus jeder Figur springt einen der Furor des Autors an, die Schlechtigkeit der Welt betreffend. Jede Szene ist vom Sound einer Feder, die am liebsten immer nur moralmoralmoral ins Papier hineinkratzen will, unterlegt.

Heute werden den Fleischwaren keine Ehemänner, sondern Pferde beigemischt. Es besteht also immer noch Weltverbesserungsbedarf. Aber bitte! Nicht! So!