Der Tag, an dem die Möwen dreistimmig sangen

Die Inszenierung von Anton Tschechows “Die Möwe” an der Volksbühne von Regisseur Jürgen Gosch galt vielen Kritikergrößen im Dezember 2008 als das Non-Plus-Ultra gegenwärtiger Theaterkunst. Drei Mitglieder der Blog-Redaktion sahen das Stück nun im Rahmen des Berliner Theatertreffens im Deutschen Theater Berlin. Drei Thesen.

Die Handlung in einem Absatz vorweg: Der junge Konstantin Treplew ist aufgeregt: Gleich feiert sein erstes Theaterstück Premiere, mit dem er das ihm zu bürgerliche Theater erneuern will. Das Publikum: seine eigene Bohème-Familie. Er will aber auch die fehlende Aufmerksamkeit seiner erfolgreichen Schauspielerin-Mutter zurückerobern. Die einzige Figur seines Stückes spielt Nina Saretschnaja (Kathleen Morgeneyer), die Tochter des benachbarten Landgutbesitzers, die von Konstantin innig geliebt wird.

Vorgetäuscht dilettantisch

Die Schauspielerin Kathleen Morgeneyer scheint sich zunächst kaum auf ihre Rolle der Nina konzentrieren zu können: Sie schaut immer wieder abgelenkt ins Publikum, als würde sie zum ersten Mal auf einer Bühne stehen. Kann sie überhaupt spielen? Ja, sogar hervorragend. Denn auch wenn ihre Naivität aufdringlich wirkt, stellt sie auf diese Weise ein Mädchen dar, das behütet auf dem Land aufgewachsen ist, gern Schauspielerin werden möchte und vom ersehnten Beruf eine recht romantische Vorstellung hat. Die Naivität ist also gewollt. Und das in einem Stück, das das Künstlerdasein in seiner Wahrnehmung, in seinen Widersprüchen und somit nicht zuletzt das Theater selbst thematisiert. Anton Tschechows “Die Möwe” erzählt zwar von einem Familiendrama, vor allem aber ruft es eine theoretische Auseinandersetzung über Illusion und Wirklichkeit, über künstlerische Ambitionen und wahres Talent hervor. Mit ihrem scheinbar dilettantischen Schauspiel provoziert Morgeneyer das Publikum, über die eigenen Vorstellungen, Vorurteile und Verklärungen von Kunst und Künstlerleben nachzudenken. Elise Graton

Verwirrend vielfältig

Zuerst fällt DT-Urgestein Christian Grashof auf, der den Opa vom Dienst (eigentlich: Sorin) spielt, der Grimassen zieht, die Augen rollt und kneift, schreit und stampft, Kalauer an Kalauer reiht und sich dem kompletten Fundus des guten alten Volkstheaters bedient, krach-bumm, fehlt nur noch das Türenknallen in einer Bauernstube. Dann ist da Star-Aktrice Corinna Harfouch als Arkadina. Harfouch gibt sie als kühle und herrische Schauspieler-Diva, die mehr Schein als Sein ist. Doch diese Fassade bricht und Corinna Harfouch, die berühmte Schauspielerin, weint und schreit, bricht zusammen und wälzt sich auf dem Boden und auf ihrem Geliebten, der dann nicht mehr entfliehen kann.

Ratlos lässt einen Jirka Zett als Jungschriftsteller Kostja zurück. Sein Kostja strahlt mit einem Hauch von Hölzernheit, er ballt die Fäuste und wiegt seinen angespannten Körper hin und her, er spricht seine pathetischen Worte (“Habe dich immer geliebt”, “Es muss aus der Seele fließen oder aus dem Herzen”) so schwülstig, dass einem ganz schwindlig wird. Verwirrend ist auch Trogorin, der zwei Frauen nacheinander abschleppt. (Wie schafft er das eigentlich?) Alexander Khuons erfolgloser Schriftsteller mit Latin-Lover-Bart bleibt seltsam austauschbar und farblos, ein jammernder, hadernder Möchtegern. Und dann der Schluss, ein großes “Huch!”, eine weitere große Irritation. Und zurück bleiben Ratlosigkeit, Fragen und eine heftige Auseinandersetzung mit den Kollegen, mit dem Text und dem Theater. Wie findet man das jetzt, gut, schlecht, egal? Anna Postels

Unelegant wuselig

Schon zur Pause des Drei-Stunden-Stücks gibt es erste Unstimmigkeiten in der Gruppe der Blog-Rezensenten: Erscheint die Fülle der allzeit auf der Bühne versammelten Schauspieler nicht doch sehr wuselig, ihr unmittelbares Auf- und Abtreten aus dem Bühnenhintergrund, zumindest aus dem Rang des kleinen und engen Deutschen Theaters, schlichtweg pathetisch und unelegant? Und wirkten nicht die verschiedenen Schauspielstile und -niveaus der 13 Akteure auf seltsam unkoordinierte Weise disparat? Warum spielt dieser Konstantin (Jirka Zett) streckenweise mit dem dünnen Pathos einer Schulaufführung, warum greint Corinna Harfouch als dessen Mutter beständig wie im ZDF-Vorabendprogramm, und warum scheint Bernd Stempels Gutsverwalter dem Volkstheater zu entspringen? Die eine Rezensentin sagt: “Das stört mich.” Die andere findet es gerade gut, der dritte versucht, zu vermitteln. Eins aber ist klar:  Die, die eingezogen sind, um dem momentan so maßgeblichen Jürgen Gosch schlicht zu huldigen, sind nach zwei Stunden “Möwe” im DT – zumindest ob der Schauspielleistungen – ratlos. Johannes Schneider

3 thoughts on “Der Tag, an dem die Möwen dreistimmig sangen”

  1. Ganz schön große Klappe, Herr Schneider. Und leider nichts dahinter. Nach einem Theaterabend, wie “Die Möwe” einer ist, wirkt das so was von postpubertär und kleinkariert, oder einfach nur beschränkt. Vielleicht solltest du lieber noch ein bisschen mehr ins Theater gehen und ein paar Erfahrungen sammeln, bevor du so vorlaut das ziemlich Kurzgedachte rausposaunst. Das fällt nämlich einzig auf dich zurück und nicht auf eine große Inszenieung mit einem so starken Ensemble. Was du da schreibst hört sich für dich vielleicht im ersten Moment ganz knackig an, ist aber leider nur peinlich… Diese Inszenierung ist in ihrer Unberechenbarkeit, dem Schwanken ihrer Figuren zwischen tiefer Melancholie und schwereloser Komik einer der größten Theaterabende, die ich in den letzten zehn Jahren gesehen habe. Danke Jürgen Gosch und dem großartigen Ensemble.

    Schweigen, zuschauen und lernen!

  2. Mal ganz ruhig: Ich sagte ja lediglich, dass wir ratlos waren und nicht wussten, wie genau wir die Ensembleleistung einzuordnen hätten. Das Geschriebene war übrigens auch nur – wie ja kontextualisiert – die Kolportage eines Pausengesprächs und darin mitnichten eine letztgültige Bewertung. Urteile über die Inszenierung werden sich hier von niemandem angemaßt, aber einige (intuitive) Reaktionen unfertiger Kritiker auf das Gesehene muss man an dieser Stelle m.E.n. schon aushalten können, das ist schließlich nicht stadelmaier-blog.de. Also bitte keine Maulkörbe! “Schreiben, zuschauen und lernen!” ist doch auch was.

  3. Von Maulkörben war ja nie die Rede. Aber wir haben uns glaube ich verstanden…

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