“Eine vernünftige Bühne ist a priori leer”

Sie sind radikal aufs Wesentliche reduziert, die Räume, die der Bühnenbildner Johannes Schütz entwirft. Ein Gespräch über hartgekochte Eier, glückliche Arbeitsverhältnisse und die Zusammenarbeit mit Roland Schimmelpfennig.

Auf der weißen Bühne von "Der goldene Drache", vorne Christiane von Poelnitz als der schon gestorbene kleine Asiate mit Zahnschmerzen. Foto: Reinhard Werner / Burgtheater Wien

Kai Krösche: Herr Schütz, machen Sie “abstrakte” Bühnenbilder?

Johannes Schütz: Das ist ein Beschreibungsversuch, den ich oft höre und noch öfter lese – aber ich finde meine Bühnenbilder alle sehr konkret, ich weiß gar nicht, was das ist, ein abstraktes Bühnenbild. Ich halte es für ein Missverständnis, wenn man glaubt, eine Bühne müsse vollgerumpelt sein und sich alle fünf Minuten oder alle halbe Stunde verändern – und wenn das nicht so ist, dass das dann sofort abstrakt sei. Ein leerer Tisch, auf dem nichts weiter liegt als ein hartgekochtes Ei ist ja auch erst einmal ein Stillleben und nicht gleich eine abstrakte oder informelle Äußerung. Oder eine Tischtennisplatte, auf der ein Tischtennisball liegt: Da besteht ja ein durchaus konkreter Zusammenhang zwischen Objekt und Unterlage. Continue reading “Eine vernünftige Bühne ist a priori leer”

Auf der Schlachtbank Europas

Weiß ist gefährlich. Das wird schnell schmutzig. Und tatsächlich, der kleine Chinese spuckt Blut, er hört gar nicht mehr auf. Bis der ganze weiße Boden verspritzt ist und der Chinese auf ihn drauffällt. Er ist tot. Verblutet, weil ihm seine Kollegen vom China-Thai-Vietnam-Restaurant “Der goldene Drache” den schmerzenden Zahn mit einer Zange gezogen haben und die Wunde nicht stillen konnten.

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Margit, mit dir is so schön

Heute wurde im Deutschen Theater der mit 20.000 Euro dotierte Theaterpreis Berlin 2010 an die Schauspielerin Margit Bendokat verliehen. Wir waren dort und gratulieren.

Sonntagmorgen, 11 Uhr, Berlin. Das Deutsche Theater ist rappelvoll. Noch drängen einige Journalisten in den Zuschauerraum, suchen hektisch nach freien Plätzen, um ihre Kameras zu positionieren und Stift und Block zu zücken. Denn heute findet eine einmalige Darbietung statt. Heute wird der Theaterpreis Berlin 2010 verliehen. Heute wird die Schauspielerin Margit Bendokat geehrt. Continue reading Margit, mit dir is so schön

“Tun, als ob” geht bei Gosch nicht!

Die eine ist Schauspielerin, hat schon fünfmal in Inszenierungen von Jürgen Gosch gespielt. Beim tt09 ist sie die Mascha in Tschechows “Möwe”. Dort steht auch die andere, eigentlich Regie-Hospitantin, in der Minirolle des “Dienstmädchens” auf der Bühne, als eine von drei Laien: Meike Droste und Theresa Schütz über ihre Erfahrungen mit dem Regisseur Jürgen Gosch.

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Von schwierigen gruppendynamischen Prozessen keine Spur: Die Darstellerinnen Meike Droste (links) und Theresa Schütz. Fotos: Jan Zappner

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Schizophren vereinigt

Vier Persönlichkeiten ergeben einen Franzkarl Moor. Vier Engelteufel toben in einer Person. In Nicolas Stemanns Inszenierung von Schillers “Die Räuber” dividieren und multiplizieren vier Schauspieler die Zerrissenheit eines Menschen zwischen Freiheit und Bindung, Verantwortungslosigkeit und Liebesbedürfnis, Stolz und Opportunismus. Ein Abend gegen alle, ein kleines Resümee zur Halbzeit.

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Die Faust sprechen lassen: Die vier "Räuber" in Nicolas Stemanns zum tt09 eingeladener Inszenierung. Foto: Arno Declair

Man könnte Nicolas Stemanns Theater als einen Gegenentwurf zum Theater Jürgen Goschs sehen. Wo bei Gosch unkenntlich ist, inwieweit das Spiel überhaupt verabredet ist und ob der Begriff des Darstellens (noch) angebracht ist, ist Stemanns Inszenierung eine einzige große Verabredung, eine artifizielle Konstruktion. Continue reading Schizophren vereinigt

Drei Einträge ins Gästebuch

Jürgen Gosch zum Zweiten! Seine Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs “Hier und Jetzt” wurde für die Premiere beim Theatertreffen am 7. Mai von der Zürcher Schiffbau-Halle in einen alten Postbahnhof in Berlin verlegt.

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Gerupft und geschunden: die Hochzeitsgesellschaft in Roland Schimmelpfennigs "Hier und Jetzt" in der Regie von Jürgen Gosch. Foto: Matthias Horn

Dort feierten in einem riesigen Berg aus frischer Erde Georg und Katja ihre Hochzeit. Reden wurden gehalten, man prügelte sich blutig, und für die Zukunft des Brautpaares sah es nicht gut aus. Die Blog-Redaktion hat sich unter die Hochzeitsgäste gemischt und ins Gästebuch eingetragen. Continue reading Drei Einträge ins Gästebuch

Schaufel-Akt

Der Bühnenbildner Johannes Schütz benötigt für Jürgen Goschs Inszenierung von “Hier und Jetzt” 65 Tonnen Erde. Für den technischen Leiter Thomas Pix aus Berlin, den Bühnenmeister Daniel Lötscher aus Zürich und ihre Teams bedeutete das vier Tage und Nächte schwere Arbeit. Wir waren dabei.

“Diesen Abend vergisst man nicht” – wenn sich Kritiker begeistern

Theaterkritiker zu sein, ist ja schon hart verdientes Brot. Tagein, tagaus sitzt der Kritiker in den Theatern, Abend für Abend, Stunde für Stunde, nur schwer lässt er sich zu überschwänglichem Lob hinreißen. Umso überraschender, als nach der Premiere von der “Möwe” in der Regie von Jürgen Gosch im Dezember 2008 sich die Kritiker mit Lob überschlugen. Selten las man so Überschwängliches von den Speerspitzen der Kulturberichterstattung. Continue reading “Diesen Abend vergisst man nicht” – wenn sich Kritiker begeistern

Sich freispielen

Was ist das Besondere am Theater Jürgen Goschs? Wir fragten seine langjährigen Kollegen Johannes Schütz, Roland Schimmelpfennig und Ulrich Matthes nach dem Geheimnis des Einzigartigen.

Sein Durchbruch ließ lange auf sich warten, doch nun zählt Jürgen Gosch zweifellos zu den gefragtesten Theaterregisseuren und ist in diesem Jahr gleich mit zwei Inszenierungen zum Theatertreffen eingeladen. Am vergangenen Sonntag, 3. Mai 2009, bekamen Jürgen Gosch und Johannes Schütz für die gemeinsame Arbeit den mit 20.000 Euro dotierten Berliner Theaterpreis im Deutschen Theater verliehen. Der schwerkranke Regisseur konnte an dem Festakt jedoch nicht teilnehmen.

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Autoren: Anna Postels und Matthias Weigel; Kamera und Schnitt: Matthias Weigel

Der Tag, an dem die Möwen dreistimmig sangen

Die Inszenierung von Anton Tschechows “Die Möwe” an der Volksbühne von Regisseur Jürgen Gosch galt vielen Kritikergrößen im Dezember 2008 als das Non-Plus-Ultra gegenwärtiger Theaterkunst. Drei Mitglieder der Blog-Redaktion sahen das Stück nun im Rahmen des Berliner Theatertreffens im Deutschen Theater Berlin. Drei Thesen. Continue reading Der Tag, an dem die Möwen dreistimmig sangen