Die Messe ist gelesen, es bleibt das Evangelium!

Das Theatertreffen ist vorbei, die Theaterferien stehen vor der Tür. Eine Möglichkeit, zumindest einige Themen des Treffens (Biographismus, Betroffenheit, Schlingensief) präsent zu halten: Man liest Christoph Schlingensiefs “Tagebuch einer Krebserkrankung” So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein. Eine Empfehlung.

Generalprobe Kirche der Angst
Inszenieren, zelebrieren, schreiben: Schlingensief (hier in der "Kirche der Angst vor dem Fremden in mir") macht alles. Foto: Jan Zappner

Die Fragmente der Schlingensiefschen Tonbandprotokolle aus der Zeit seiner Krebserkrankung, die das Stück “Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir” teilweise übermächtig emotionalisierten und die nun im Textkorpus des Buchs “So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein” aufgegangen sind, wirken transkribiert und gedruckt deutlich weniger dramatisch: Die Krebsdiagnose (“Wir haben den Befund und das ist große Scheiße”) liest sich lakonisch, die Aufzählung der möglichen Leidenswege (“Operation, Chemo und Bestrahlung, oder eben erst Chemo, dann Operation, danach Bestrahlung und dann noch mal Bestrahlung … oder Chemo.”) erscheint in Schlingensiefs “Tagebuch einer Krebserkrankung” (so der Untertitel) schlicht sachlich. Continue reading Die Messe ist gelesen, es bleibt das Evangelium!

Ein Chorleiter nervt gewaltig

Eigentlich sollte unser Treffen mit Hartz IV-Empfängern aus Volker Löschs “Marat”-Chor nur dazu dienen, diese hinterher in Audioporträts vorzustellen und sie derart der Anonymität des Chorischen zu entreißen. Im Zuge des Interviews ereignete sich aber noch etwas, von dem sich schwerlich schweigen lässt. Eine Randglosse mit ersten, unkommentierten O-Tönen der Chormitglieder als Hördateien am Ende.

Es war schon eine merkwürdige Konstellation, die sich da am Samstagabend gegen 22 Uhr auf einer düsteren Probenbühne in der Komödie am Kurfürstendamm ergeben hatte: Zehn von der nachmittäglichen Anreise aus Hamburg erschöpfte Mitglieder des Hartz IV-Chores aus Volker Löschs “Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?” trafen auf drei von drei Wochen tt09 nicht minder erschöpfte Redakteure des tt-Blogs. Continue reading Ein Chorleiter nervt gewaltig

Kontroverse durch Abwesenheit

Als heute um 19 Uhr anstelle der Inszenierung nur ein Film über Christoph Marthalers Theater mit dem Waldhaus gezeigt wurde, war das Stück bereits einer der meist diskutierten Beiträge zum diesjährigen Theatertreffen. Eben, weil es beim tt09 niemand sehen kann.

waldhaus_c-dorothea-wimmer_15_450
Der Sportbereich des mondänen Hotels "Waldhaus" hätte sich in Berlin eventuell noch simulieren lassen, andere Interieurs jedoch nicht. Foto: Dorothea Wimmer

Man kann über das “Theater mit dem Waldhaus” nicht viel sagen: Das Stück, das im Sommer letzten Jahres den Raum des exklusiven Künstlerhotels Waldhaus in Sils Maria im Oberengadin bespielte, hat kaum jemand gesehen. “Ein Luxusvergnügen in jedem Sinn”, nannte es die Badische Zeitung, eins, das im 5-Sterne-Hotel auf 1800 Metern Höhe “den in- und externen Gästen des Hotels vorbehalten bleibt”; jenen, die bereit waren, 150 Franken (etwa 100 Euro) für einen exklusiven Abend mit Theater und Pausendinner auszugeben. Continue reading Kontroverse durch Abwesenheit

Ist das noch Theater, Herr Meyerhoff?

Um 0.30 Uhr, nach fünf Stunden Solo-Lesung der ersten drei Teile seiner autobiographischen Reihe “Alle Toten fliegen hoch” und anschließendem Publikumsgespräch, nimmt sich Joachim Meyerhoff noch Zeit für den tt-Blog. Unausgesprochen im Mittelpunkt des Gesprächs steht die Frage, die Kollege Matthias Weigel in seinen “Pausentönen” zu Meyerhoffs Premiere am Mittwoch angestoßen hat: Ist das noch Theater?

2005 haben Sie hier im Maxim-Gorki-Theater mit “Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war?” ein Stück inszeniert, das Ihre eigene Biographie thematisiert, damals allerdings noch mit Schauspielern und verteilten Rollen. Nun lesen Sie bei “Alle Toten fliegen hoch”, das sich ebenfalls stark aus Ihrer Biographie speist, nur noch vor. Wundert es Sie, dass Sie mit dieser viel weniger theatralen Form zum Theatertreffen eingeladen wurden?

Ich finde nicht, dass diese Form weniger theatral ist. Continue reading Ist das noch Theater, Herr Meyerhoff?

Die Texte der Anderen

Der Autor ist tot, es lebe das Kollektiv: Der Dramatikerworkshop beim Stückemarkt des tt09 löst die Grenzen zwischen Autorenschaft und Lektorat zeitweise auf. Eine Bilanz aus dem Zentrum der Textdiskussion zwischen dem Workshopleiter, Schriftsteller und Dramaturgen John von Düffel und fünf Nachwuchsautoren.

workshop_1a
"Braucht es in deinem Text wirklich den Zentralfriedhof?" Beim Workshop um John von Düffel wird es auch mal grundsätzlich. Foto: Johannes Schneider

Das ist kein emotionales Gruppenkuscheln. Es ist auch kein Treffen monomanischer Autisten, kein Schaulaufen vollendeter Genies oder sonst eine Reproduktion eines Schriftstellerklischees, in dem das Zusammentreffen mehrerer auf die ein oder andere Weise den Ruch des Vergeblichen hat. Das hier ist Werkstatt pur, gnadenlos, ehrlich und gnadenlos produktiv: “Ich weiß nicht, ob du dir bewusst bist, dass das zumindest für Wiener ganz schöne Klischeesätze sind, die deine Figuren da äußern.” “Der Gebrauch der verschiedenen Sprachen erscheint mir nicht ganz schlüssig.” “Braucht es in dem Text wirklich den Zentralfriedhof?” Continue reading Die Texte der Anderen

Workshop als Work-Shock

Auch bei diesem tt-Stückemarkt sind fünf Nachwuchsdramatiker eingeladen, ihre Arbeiten vier Tage lang in einem Autorenworkshop zu diskutieren. Ein Gespräch mit Mentor John von Düffel.

Foto John von Düffel, Johannes
Den Blick für das eigene Werk schärfen: John von Düffel, hier im Gespräch mit Workshop-Teilnehmer Davide Carnevali. Foto: Johannes Schneider

“Lernziel: sich selbst entdecken” steht in der tt-Broschüre über den Dramatikerworkshop. Wie schafft man das in vier Tagen?

Die Hauptaufgabe für mich als Mentor besteht zunächst einmal darin, die spezifische Qualität der einzelnen Autorinnen und Autoren zu finden: was das ist, was der Autor erzählen will, was ihn umtreibt und beschäftigt, und wie man durch die richtigen Fragen dafür sorgen kann, dass sich seine eigene Qualität immer weiter schärft und entwickelt.
Continue reading Workshop als Work-Shock

Auf einer Zugfahrt im April

Heute endet der Stückemarkt beim tt09, verliehen werden dann der “Förderpreis für Neue Dramatik” und der “Werkauftrag des tt Stückemarkts”. Zeit, sich der ersten Lektüreerlebnisse  mit den fünf im Wettbewerb befindlichen Stücken zu erinnern.

stuckemarkt-eroffnung-oksanen-kluck-sartorius
Konzentriert in der Gegenwartsbeobachtung: Stückemarkt-Autoren Sofi Oksanen und Oliver Kluck, im Vordergrund der Intendant der Berliner Festspiele (und Lyriker) Joachim Sartorius. Foto: Jason Kassab-Bachi

Continue reading Auf einer Zugfahrt im April

Fünf Fragen an Lisa Bassenge

lb5
© Lisa Bassenge

Mit ihrem “Lisa-Bassenge-Trio” wird die Berliner Jazz- und Bluessängerin Lisa Bassenge heute Abend ab 23 Uhr im Rahmen des tt Talentetreffens im Haus der Berliner Festspiele auftreten (Eintritt frei). Vorab stellte sie sich per Mail einigen Fragen aus der Blog-Redaktion.

Sie sind nicht zum ersten Mal beim tt zu Gast. Wie ist es, als Musikerin bei einer Theaterveranstaltung aufzutreten?

Ich finde es nett, bei einer Theaterveranstaltung aufzutreten, weil ich dann nicht so im Mittelpunkt stehen muss. Continue reading Fünf Fragen an Lisa Bassenge

Reclamwand versus Dramasseure

Eigentlich sollte zum “Theater im Zeitalter der Virtualität” diskutiert werden, am Ende stand aber doch eine alte Grundsatzfrage im Mittelpunkt der Debatte, die Marion Hirte anlässlich der Eröffnung des Stückemarkts beim tt09 mit den Autoren Moritz Rinke und Kathrin Röggla, der Theaterwissenschaftlerin Barbara Gronau und dem Dokumentartheatermacher Hans-Werner Kroesinger führte: “Was ist zeitgemäßer: Autoren- oder Dokumentartheater?” Hier finden sich Kernzitate der einzelnen Diskutanten zum Nachlesen.
Continue reading Reclamwand versus Dramasseure

Warum Afrika, Herr Steinmeier?

Bei einer Podiumsdiskussion zum Thema “Politik und Privatheit” trafen am 2. Mai im Rahmenprogramm des Theatertreffens zwei zusammen, die gemeinsam etwas vorhaben: Christoph Schlingensief will in Afrika ein Opernhaus errichten, Außenminister Frank-Walter Steinmeier will ihn dabei unterstützen. Aber warum eigentlich?

Bis gestern war diese Information irgendwie schillernd gewesen: Christoph Schlingensief möchte ein Opernhaus in Afrika bauen, auf einem grünen Hügel irgendwo in Tansania oder Burkina Faso, und sein prominentester Fürsprecher ist der Außenminister und SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier persönlich.

Steinmeier und Schlingensief
Privates Nachdenken im öffentlichen Raum, Deutschland, Haus der Berliner Festspiele, oberes Foyer: Podiumsdiskussion unter anderem mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier, Regisseur Christoph Schlingensief und "kulturzeit"-Moderatorin Tina Mendelsohn. Fotos: Jan Zappner

Im Kopf erstanden die herrlichsten Bilder, wie diese Konsensfindung wohl abgelaufen sein könnte – bei irgendeinem Empfang in irgendeinem Garten, oder an irgendeiner Bar nach irgendeinem Podium, auf jeden Fall irgendwas mit Sektflöten in der Hand: “Wir haben da unten immer geklaut, und jetzt klauen wir eben transparent, und wir dürfen da klauen, denn da kommen wir her”, hätte Schlingensief seinen ganz eigenen Kulturimperialismus definiert. Continue reading Warum Afrika, Herr Steinmeier?