Warum Theater?

Der Theatertreffen-Blog stellte während der gesamten Festivalzeit Theatermachern und -gängern die Frage “Warum Theater?” auf einem weißen Blatt Papier und bat darum, diese vor Ort, mit Stift, schnell und ohne lange Überlegungszeit zu beantworten. Das stieß bei manchen auf Ablehnung (“blöde Frage”, “nicht in so kurzer Zeit”, “Fragen Sie das doch nicht mich, ich mach doch selbst Theater”), bei anderen auf spontane, mal ernste, mal witzige Einfälle. Ein Zettelkasten, unter anderem mit Zeichnungen von Christoph Marthaler, Ulrich Matthes und Karin Beier. (Mehr davon? Der Blick aufs Theater von heute aus der Zukunft gesehen: Future Archive of Theatre). Continue reading Warum Theater?

Dageblieben!

Natürlich weiß man im Theater vorher oft nicht, was man kriegt. Und wird dann auch mal negativ überrascht. Noch lange kein Grund, dem Abend den Rücken zu kehren: Denn damit setzt man sowohl für die anderen Zuschauer als auch sich selbst gegenüber ein Zeichen der Resignation. Eine Entgegnung zu Judith Lieres Plädoyer fürs Aufstehen und Rausgehen.

Eins vorweg: Es ist prinzipiell nichts dagegen einzuwenden, vor dem Ende einer Aufführung das Theater zu verlassen. Vorausgesetzt, niemand – von den Schauspielern hin zu den anderen Zuschauern – bekommt das plötzliche Aufstehen und Verschwinden mit. Und vorausgesetzt, man behauptet nachher nicht, in dem Stück jemals dringesessen zu haben. Oder sich für Theater zu interessieren.

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“Eine vernünftige Bühne ist a priori leer”

Sie sind radikal aufs Wesentliche reduziert, die Räume, die der Bühnenbildner Johannes Schütz entwirft. Ein Gespräch über hartgekochte Eier, glückliche Arbeitsverhältnisse und die Zusammenarbeit mit Roland Schimmelpfennig.

Auf der weißen Bühne von "Der goldene Drache", vorne Christiane von Poelnitz als der schon gestorbene kleine Asiate mit Zahnschmerzen. Foto: Reinhard Werner / Burgtheater Wien

Kai Krösche: Herr Schütz, machen Sie “abstrakte” Bühnenbilder?

Johannes Schütz: Das ist ein Beschreibungsversuch, den ich oft höre und noch öfter lese – aber ich finde meine Bühnenbilder alle sehr konkret, ich weiß gar nicht, was das ist, ein abstraktes Bühnenbild. Ich halte es für ein Missverständnis, wenn man glaubt, eine Bühne müsse vollgerumpelt sein und sich alle fünf Minuten oder alle halbe Stunde verändern – und wenn das nicht so ist, dass das dann sofort abstrakt sei. Ein leerer Tisch, auf dem nichts weiter liegt als ein hartgekochtes Ei ist ja auch erst einmal ein Stillleben und nicht gleich eine abstrakte oder informelle Äußerung. Oder eine Tischtennisplatte, auf der ein Tischtennisball liegt: Da besteht ja ein durchaus konkreter Zusammenhang zwischen Objekt und Unterlage. Continue reading “Eine vernünftige Bühne ist a priori leer”

Stückemarkt: Die Gewinner

Die Gewinner des diesjährigen Stückemarkts stehen fest:

Förderpreis für neue Dramatik des tt Stückemarktes: Claudia Grehn mit ihrem Stück “Ernte”

Werkauftrag des tt Stückemarktes: Wolfram Lotz (Autor “Der große Marsch”)

Theatertext als Hörspiel: Julian van Daal mit seinem Stück “Alles ausschalten”

Publikumspreis 2010 des tt Stückemarktes: Wolfram Lotz mit seinem Stück “Der große Marsch”

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Stückemarkt, zweiter Teil

Am Montag sowie am Freitag wurden die letzten drei der insgesamt fünf im Rahmen des Stückemarkts in Form von einstündigen szenischen Lesungen präsentierten Theaterstücke aufgeführt. Zu sehen waren “Ewig gärt” von Ekat Cordes, “Der große Marsch” von Wolfram Lotz (beide am Montag) sowie “Ernte” von Claudia Grehn (am Freitag), an die im Anschluss die Verleihung der Förderpreise folgte (Extra-Beitrag erscheint in Kürze). Wir waren dabei und sprachen mit den Beteiligten.

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Musik: CaBoume “Fly Swatter”; Philipp Köster

Fürchterliche Folgerichtigkeit

Stephan Kimmigs Inszenierung von Dennis Kellys “Liebe und Geld” kam in der Nachtkritik meiner Mit-Bloggerin Judith Liere eher mäßig weg: Anlass für die Verteidigung eines sehr wohl in mehrerlei Hinsicht bemerkenswerten Abends.

Irgendwo, in der Ferne, die andere Möglichkeit: Daniel Hoevels und Susanne Wolff in "Liebe und Geld". Foto: Arno Declair.

Zu den besten Theaterabenden gehören zweifelsohne jene, an denen die unsichtbare Präsenz einer anderen Möglichkeit auf so bittere und schmerzliche Weise spürbar wird, dass die Theater-Erfahrung zu einem Kampf mit den Tränen wird. Die erdrückende Last des Nicht-Sichtbaren ist oft in ganz banalen, ganz unspektakulären Momenten am stärksten: Was dann gern als haltungslos, unterkühlt oder distanziert vorverurteilt wird, entpuppt sich bei zweitem Hinsehen vielmals als in hohem Maße kritisch und parteiergreifend.

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Bunt, dreckig und ohne Moral

Karin Beiers Bühnenadaption von Ettore Scolas bitterböser Commedia all’italiana “Brutti sporchi e cattivi”, die unter dem Titel “Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen” Anfang des Jahres am Schauspiel Köln zur Premiere gebracht wurde, wird heute Abend zum ersten Mal im Haus der Berliner Festspiele gezeigt. Der Film, der der Inszenierung zugrunde liegt, spielt in Rom.

Hoch oben über der Stadt, den Petersdom stets im Blick, hausen sie, die Hässlichen, die Schmutzigen, die Gemeinen. Jenseits der öffentlichen Wahrnehmung leben der Patriarch Giacinto (Nino Manfredi) und seine unzähligen Familienangehörigen in einer schmutzigen Bruchbude auf kleinstem Raum, verdienen ihr Geld mit Diebstahl, Prostitution und der schmalen Rente der Großmutter und zerfleischen sich gegenseitig, bisweilen sogar im wahrsten Sinne des Wortes. In ihrer Moral-, Hemmungs- und Sittenlosigkeit sind die bunten und dreckigen Gestalten, die Ettore Scolas Film “Brutti sporchi e cattivi” (1976) besiedeln, der Bild gewordene Alptraum einer westlich-zivilisierten Gesellschaft – und zeitgleich deren logische Konsequenz: Wie der Müll der Großstadt, den die oft bis ins Absurde überzeichneten Figuren durchwühlen, sind auch sie selbst personifiziertes Abfallprodukt eines bürgerlich-kapitalistischen Verdrängungsprozesses, sind sie die wandelnde Schattenseite einer bis zur Negation der menschlichen Natur durchzivilisierten Gesellschaft. Continue reading Bunt, dreckig und ohne Moral

“Da gärt ‘ne ganze Menge!”

Ekat Cordes, Autor und Regisseur, nimmt am diesjährigen Stückemarkt mit seinem Stück “Ewig gärt” teil, das gestern in einer szenischen Lesung vor Publikum präsentiert wurde. Wir sprachen mit ihm über sein Verhältnis zu Horrorfilmen, über Gärungsprozesse und über die Frage, ob und wie Theater den Menschen die Augen öffnen kann.

Stets auf der Suche nach neuen Formen und Ausdrucksweisen: Der Autor Ekat Cordes. Foto: Kim Keibel

Kai Krösche: In Ihrem Stück kommen sowohl in Bezug auf stilistische Mittel als auch auf Aspekte der Erzählweise Elemente vor, die man sonst eher aus dem Genrekino, vor allem dem Horrorfilm kennt. Wie kommt es dazu?

Ekat Cordes: Das Horrorgenre hat mich schon seit meiner Kindheit geprägt – meine Mutter hat immer sehr gern Horrorfilme geschaut, weil sie sich dabei aber so fürchtete, musste ich immer mitgucken. Eigentlich hätte ich mir die Augen zuhalten sollen, aber das hab ich natürlich nicht gemacht – und so schau’ ich eigentlich schon Horrorfilme, seit ich sechs Jahre alt bin. Ich denke, dass kaum ein Genre so starke Möglichkeiten bietet, auf kreative Weise sehr reale, grausame und auf dem Theater im Grunde kaum darstellbare Probleme auf kritische Weise in künstlerisch überhöhte und gleichzeitig beunruhigende Bilder zu übersetzen. Continue reading “Da gärt ‘ne ganze Menge!”

Der einzig wirkliche Ort

Seit Beginn des Theatertreffens stellen wir bekannten wie weniger bekannten Theatermachern und -gängern die Frage “Warum Theater?”. Guter Anlass für ein kurzes Nachdenken darüber, was Theater beziehungsweise Kunst im Allgemeinen kann und sollte und welche Konsequenzen das für die Kunstkritik haben könnte.

Ein unbeschriebenes Blatt: Warum Theater?

Ein einst sehr naher Mensch hat mich vor einiger Zeit einmal im Streit gefragt, wie ich denn Kunst verstehen wolle, wenn ich nicht einmal die Wirklichkeit zu deuten wüsste. Dieser im Affekt geäußerte Vorwurf mangelnder Empathie beschäftigte mich noch lange: Kann mir Kunst wirklich nur dann etwas erzählen, mich bewegen, wenn ich in ihr die bereits erlebte, begriffene, vertraute Wirklichkeit wiedererkenne? Ist die Kunst, konkret die des Theaters, wirklich nur Wider-Spiegel der Wirklichkeit, Ort der Wiederholung, ordnend oder widersprechend vielleicht, aber immer nur, egal wie verzerrt, Abbild? Continue reading Der einzig wirkliche Ort