Brot für die Brechterben // Die Baal – Auktion

Die letzte Vorstellung von  von Bertolt Brechts “Baal”, unter der Regie von Frank Castorf wurde ein aller aller aller aller letztes mal gespielt, am 17.05.2015, bevor es für immer und alle Zeiten verboten wurde.
Die Brechterben haben sich erfolgreich dafür eingesetzt, dass die preisgekrönte Inszenierung (mit sehr viel Fremdtext ) nicht weiter zu sehen sein wird.

In den letzten 20 Minuten vor dieser letzten Vorstellung wurde das letzte Ticket für das geschichtsträchtige meistbietend versteigert.
Aller Erlöse gehen an die bitterlich bedrohten Brechterben.

Er wurden 135 € für die Karte eingenommen und 5,37 € Direktspenden.

Das TT-Blog wird das geld persönlich bei dem Brechterben vorbeibringen.
Viva la Werktreue.

 

Viva la Werktreue!

Die aller aller aller aller aller letzte Baal Karte ging weg an Herrn Björn!

Der Erlös der Aktion geht zu 100% Prozent an die Brecht-Erben.

Das sind: €135. Die werden sich so freuen!

Außerdem bekamen wir 5,72 € mit der Bitte, dieses Geld direkt an die Brecht-Erben weiterzugeben.

Auch das werden wir tun.

Sie dürfen sich dann auf insgesamt €140,72 freuen!

Viva la Werktreue! 

Theater bleibt Theater: „Baal“

„Kunst braucht Geld“, sagte Theatertreffen-Juror Till Briegleb am Sonntagnachmittag bei der abschließenden Jurydiskussion, „ohne Geld kein gutes Theater.“ Über Sinn und vor allem Unsinn des zweiten Halbsatzes ließe sich streiten; Tatsache aber bleibt, dass finanziell wohlsituierte Kunst oft zumindest ungleich besser aussieht. Davon konnte man sich beim heißbegehrten Festival-Finale überzeugen, als für Frank Castorfs im Rechtsstreit mit den Brecht-Erben abgesetzter „Baal“-Inszenierung aus München der letzte (nicht vorhandene) Vorhang fiel. Viele Minuten liegt da Aleksandar Denić’ unglaubliche Drehbühne zunächst im Halbdunkeln, während vorne die Schauspieler Aurel Manthei, Franz Pätzold und Andrea Wenzl in einem verkasperten Prolog den „Baal“ des „Frank Bertolt Brecht“ ankündigen.

Wenn sich die Bühne dann endlich unter reichlich versprühtem Kunstnebel zu drehen beginnt und stolz ihre Preziosen wie in der Auslage eines Spielzeugladens für Erwachsene anbietet, gehen einem die Augen über: Auf mehreren Etagen türmt sich ein Vietnamkriegs- und Kolonialismus-Amalgam, zusammengesteckt wie ein Kartenhaus der Südostasien-Klischees. Ein echter Army-Hubschrauber mit Playboy-Logo, Feldzelte und Propaganda-Plakate erscheinen wie aus Hollywoods Trauma-Aufbereitung entliehen, es gibt eine Garküche und einen Gemüsestand, flackernde Neonreklamen, einen von Kerzen erleuchteten Salon im Kolonialstil und hoch oben den chinesischen, als Bordell fungierenden Pavillon, in dem die Opiumpfeife herumgereicht wird wie in den opulenten Freudenhäusern von Hsiao-hsien Hous Film „Flowers of Shanghai“. Von der erschlagenden Fülle an Eindrücken und wabernden Weihrauchschwaden etwas blümerant gemacht, möchte man sich diesem Fest für die Augen eigentlich bloß noch kapitulierend hingeben.

„Jetzt flieg doch endlich mal!“

Doch mit dem rein Genießerischen ist es bei Frank Castorf ja immer so eine Sache und „Baal“ bildet da keine Ausnahme. Bei aller visuellen Überwältigung bleibt stets ein stattlicher Rest an Verweigerung zurück, eine Absage an den reinen Räucherstäbchen-Budenzauber und das Sich-Verlieren im magischen Moment. Diese Bühne ist keineswegs ein heimlicher Hauptdarsteller, der noch viel größere Schauwerte in der Hinterhand hält, nur um diese irgendwann triumphierend auszuspielen. Auf den Moment des Überspringens in geradezu filmischen Realismus und rückstandslose Illusion kann man trotz der betörend sinnlichen Optik an diesem Abend lange warten. Stattdessen ist immer klar, dass es sich hierbei bloß um eine umwerfend schöne Kulisse handelt, die in herrlichster Verschwendung nach einer Stunde schon fast alles gezeigt hat, was sie aufbieten kann. „Jetzt flieg doch endlich mal!“, schreit Bibiana Beglau als bei Rimbaud entliehene „Höllengemahlin“ folgerichtig nach fast vier Stunden, während sie dem riesigen Hubschrauber mit den Fäusten wild auf die Nase hämmert. Nichts da. Alles nur Attrappe.

Strapazen, Fleisch und Branntwein

Castorfs den Urheber angeblich so verfälschender „Baal“ ist zumindest in diesem Sinne ganz nah bei Brecht: Zwar wird die gewaltige Bühne selbst zur Erzählerin, die ungebrochene Einfühlung und perfekte Illusion jedoch verweigert sie konsequent: „Das Theater bleibt Theater“, heißt es bei Brecht selbst. Den Zorn der Rechteinhaber wird sich der Regisseur allerdings auch eher an anderer Front zugezogen haben. Denn Castorf zieht die Daumenschrauben der Postdramatik von Artaud’scher Konfession selbstverständlich fester an als irgendeine andere der eingeladenen Inszenierungen dieses Theatertreffens. Brechts frühes Drama wird perforiert, gesprengt, neu zusammensetzt, unterwandert und von Fremdtexten zwischen Joseph Conrad und Ernst Jünger bis zur völligen Wüstung bombardiert. Dazu entfesselt Castorf sein irrsinnig heißlaufendes Sex-und-Gewalt-Theater der sonnenbebrillten Ganoven und teuflischen Weiber, das auch hier wieder überlebensgroß auf zwei Leinwände projiziert wird. Immer wieder gibt es dabei Großartiges zu bestaunen: Etwa eine tolle Bluescreen-Interpolation der Schauspieler in die surreale Szene auf der französischen Plantage aus „Apocalypse Now“, die tief ins finstere Herz des Kolonialismus führt. Ein Video, das die Darsteller beim freien Flug über Paris zeigt, reich geworden und blattvergoldet auf Kosten der Unterdrückten. Oder einfach Bibiana Beglau, als lauernde Spinne mit Pilotenbrille von einer Zimmerdecke herabhängend, wie wahrscheinlich nur sie das kann.

Der den Branntwein aus allen Poren schwitzende Baal (Aurel Manthei) wird in alledem zur Blaupause der Ausbeuter, Kriegführenden und Kolonialisten, der Egomanen, aber auch der verletzlich-eitlen Großkunstwerkler. Ein vor homoerotischem Verlangen überkochender Macho in Strapsen, der seinen Kumpanen Ekart (Franz Pätzold) kurzerhand auf dem Esstisch flachlegt, während die Umstehenden die Messer wetzen und Spanferkel und Genie-Filet gleichermaßen goutieren. Castorf lässt ihn im Laufe dieses famosen Abends etliche Wahlverwandtschaften schließen: Baal wird zum wahnsinnig gewordenen Colonel Kurtz und zu dessen antagonistischer Spiegelung, dem in sein Inneres reisenden Willard aus Coppolas Film. Er wird zu Ernst Jüngers „Waldgänger“, zu Bertolt Brecht und natürlich nicht zuletzt auch zu Castorf selbst, dessen fleischig-lebenssattes Theater der Strapazen und Überforderungen zum Abschluss dieses so von Selbstzweifeln zernagten Theatertreffens vom Publikum in seltener Einhelligkeit bejubelt wurde. Wohl auch ein bisschen aus Trotz und Prinzip, denkt man an die Maschinen, die nach dieser letzten Aufführung der Inszenierung wahrscheinlich hinter der Bühne schon zur Zerhäckslung derselben warmliefen. Und von Berliner Seite her gewiss auch versehen um einige vorgezogene Wehmut.

 

Baal
von Bertolt Brecht
Regie: Frank Castorf, Bühne: Aleksandar Denić, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Licht: Gerrit Jurda, Live-Kamera: Marius Winterstein und Jaromir Zezula, Video: Stefan Muhle, Dramaturgie: Angela Obst.
Mit: Götz Argus, Bibiana Beglau, Aurel Manthei, Hong Mei, Franz Pätzold, Katharina Pichler, Jürgen Stössinger, Andrea Wenzl.
Dauer: 4 Stunden 30 Minuten, eine Pause

Residenztheater, München

Foto © Thomas Aurin

Baby’s First Castorf

In case you hadn’t heard, Sunday’s “Baal” was the last “Baal.”

It was also my first Castorf.

Before Sunday, I knew about as much about Frank Castorf as fellow blogger Annegret Märten (for your own primer, see her delightful post here). Honestly, I’d probably heard as much about Chris Dercon, his Volksbühne successor.

BUT WE’RE NOT TALKING ABOUT CURATORS. WE’RE TALKING ABOUT CASTORF.

So, on the occasion of my first Castorf, here is what struck me about the Münchner Residenztheater production, drawn largely from my desultory notes:

Wow, we’re really being screamed at. But I kind of like it. Maybe it’s this rockabilly-Americana-good-ol’-boy music and the actors’ jittery movements and rhythmic hip thrusting, but I’m digging this. Not that I understand any of the German. Is my German really this bad? Why can’t I understand anything? Whatever, more hip thrusting!

There’s more camera-chasing here than on reality TV. Except the camerapeople on “The Real World” never get such hot-and-heavy close-ups.

Whoa, a swimming pool! Now we’re in an episode of “Fear Factor.”

I haven’t smelled this much patchouli since the Talking Straight Festival two weeks ago. Mopt! Mopt!!!

Right, now we’re fucking a dead pig. I’d read this was going to happen. This would never fly in Leipzig.

Aaah, these rain sound effects are soothing. I’m going to close my eyes for a sec.

Oh Susie Q, Oh Susie Q. I love you, my Susie Q. I like the way you walk. I like the way you talk. I like the way you walk. I like the way you talk. My Susie Q.

Girl ya gotta love your man. Girl ya gotta love your man. Take him by the hand. Make him understand. The world on you depends. Our life will never end. Gotta love your man, yeah.

War is chaotic. Drugs are weird. Hell is green.

Oh Susie Q, Oh Susie Q. I love you, my Susie Q. I like the way you walk. I like the way you talk. I like the way you walk. I like the way you talk. My Susie Q. 

Now the actors are surfing against a green screen. Is this a comment on America?

Now they are green-screening “Apocalypse Now Redux.” Is this a comment on America?

Doesn’t that image of the Asian guy look like Colonel Sanders? Is that the Coke swoosh below him? Is this a comment on America?

Is this my own American exceptionalism?

Why do my notes say “yay sex”? Wait, that says “gay sex.” Followed by: “and they make as if to eat them w/ fork + knife.” Yay sex.

So yeah, I may be guilty of American exceptionalism, but I’m finally understanding some of the German. Including this sentence from Coppola’s film: “Zwei Seelen wohnen in dir. Eine die tötet, und eine die liebt.” Deeeeeep.

They finally climbed into the helicopter!!! Thank goodness. You can’t put a fucking helicopter onstage and not go inside. And no place is better than a chopper, don’tcha know, for some lascivious leg-wound licking.

There are a lot of textures and patterns here. Sequins, silk, mesh, tattoos, lace, camo, leopard print, beads, (p)leather, aluminum, blood, saliva, sweat. Obscured by a hell of a lot of fog and smoke.

Maybe these women are being objectified, but damn are they athletic.

I think one of the actors just said something about not understanding anything, but feeling everything. I feel, man. I feel.

Hang on, I do understand this—they’re making a joke about using foreign texts. Take THAT, Brecht heirs! Oh, and now a joke about Claus Peymann! I get it! I get it!

Yeah, we all need someone we can bleed on. Yeah, and if you want it, baby, well you can bleed on me. Yeah, we all need someone we can bleed on. Yeah, yeah, and if you want it, baby, why don’cha bleed on me. All over.

All over. All over.
Baal
von Bertolt Brecht
Regie: Frank Castorf
Dramaturgie: Angela Obst
Mit: Götz Argus, Bibiana Beglau, Aurel Manthei, Hong Mei, Franz Pätzold, Katharina Pichler, Jürgen Stössinger, Andrea Wenzl

*** Huch, anonym. // BAAL ***

Aus anonymer Quelle wurde dem TT-Blog ein Video zugespielt, das wir an dieser Stelle nicht unveröffentlicht lassen wollen. Es enthielt folgende Nachricht, bezogen auf die letzte Vorstellung der „Baal”-Inszenierung von Frank Castorf.


„Wir hoffen sehr, dass diese Einladung auch ein kleiner Impuls an die Brecht-Erben ist, sich nochmal Gedanken zu machen“.
Till Briegleb, Theatertreffen-Jurymitglied 2015

„Wir hoffen sehr, dass dies auch ein kleiner Impuls ist, sich nochmal Gedanken zu machen“.
Anonym, 2015

Offenbar wird am Sonntag, den 17. Mai um 17 Uhr vor dem Haus der Berliner Festspiele etwas versteigert. Offenbar eine Baal-Karte. Offenbar für einen höchst noblen Zweck…

Richtig lecker Arsch

Suche Karte!
Zahle 100.000 Millionen Mark.
Ich möchte doch so gerne nochmal Castorf sehen.
So einen respektlosen und radikalen Zugriff auf alte Stoffe.
Der hat Baal so was von zertrümmert, dass er sogar vom Richter verboten wurde!
Fünf Stunden will ich im Sessel hängen, denn das reinigt mich innerlich.
Es ist ja so: Wer dramaturgische Spannungsbögen baut, der hat’s anscheinend nötig.
Für meine Augen ist es außerdem besser, wenn die Gesichter auf Leinwänden schön groß zu sehen sind.
Die Belästigung der Welt ist allgegenwärtig. Ich persönlich schaue mir deshalb im Theater am liebsten etwas über Theater an. Wenn ich ins Theater gehe, will ich nicht das gleiche sehen wie in der Tagesschau, sondern ich möchte mich gerne mit dem Theater beschäftigen, denn das Thema brennt mir einfach unter den Nägeln: das Theaterspielen, die Theaterdekonstruktion, der Theatertheaterkommentar.
Aber auch heiße Mädels.
Da hat mich Castorf noch nie enttäuscht, wenn ich ein paar geile Häschen sehen wollte.
Der Mann versteht was von High Heels. Der Mann weiß, was Männer sehen wollen. Wie er die da so inszeniert, offene Bluse, Strumpfhose, Lippenstift. Richtig geil. Spricht ja nichts dagegen, dass man Anspruchsvolles auch mal lecker verpackt.
Ich finde das voll Panne, wenn Leute sagen, das Volksbühnen-Ensemble bestehe nur noch aus Castorfs Ex-Frauen. Das ist doch seine Sache. Wozu ist man denn Chef? Ich glaube, da schwingt extrem viel Neid mit.
Und wer ist heutzutage sonst noch so sperrig und widerborstig? (Außer Migräne vielleicht.) Es ist ja auch für Schulklassen interessant zu sehen, worüber sich Zuschauer vor 10, 15, 20 Jahren aufgeregt haben.
Momentan sind Plakate an der Volksbühne aufgehängt: „Verkauft“, „Game over“, „Fuck off“, „Holy shit“. Dazu muss man wissen: Das steht dort, weil sie dem Castorf gekündigt haben. Weil er zu groß geworden ist.
Jetzt soll ein anderer kommen. Jeder weiß, dass der nicht gut sein kann. Der ist nämlich nett. Nette Leute haben in der Kunst nichts verloren.
Anbrüllen, das macht kreativ.
Arschlöcher bringen Kunst hervor.
Eine Stadt wie Berlin braucht Castorf.
Sonst ist es plötzlich wie in München.
Das muss man auch mal sagen dürfen, oder.
Also hat jetzt jemand eine Karte für mich?

How to know it’s a Castorf

Festspielbuzz

Frank Castorf’s work has been described to me by someone like this: “When I first went to see a show, it was the weirdest thing…like I’d already seen this without actually having seen it before.” I assume this was meant not in a Oh, that’s so derivate!-way and more that his imagery and way of tackling texts has filtered through to so many other other creators’ work that it has become a shared toolkit for other directors too.

Maybe I just misunderstood. I wouldn’t know. I’ve never seen one of his shows before and as someone who’s supposed to blog from the biggest annual theatre event in the country it’s somewhat daunting to have what are supposed to be these big corner stones of German theatre culture missing from my personal reference library.

Instead of giving you a long treatise about what constitutes shared knowledge among culture journalists and how theatre criticism contributes to shaping it, I have decided that I need to get rid of my ignorance by properly confronting my expectations in the only way I know how. I did a poll among my fellow colleagues that adhered to the highest journalistic standards and here, for all of you that have managed to nab a Baal ticket this year and are just as (unwittingly) ignorant as myself, this is the sort of thing we can expect from a Castorf show:

1. “It’s long.”

1too long

2. “It’s loud.”

2loudly

3. “There are cameras everywhere.”

3no-pictures-gtfo

4. “I would call it Theatre of Exhaustion.”

4exhausted

5. “There’s lots of talking talking talking talking. Then Screaming.”

5Annie-screaming-community

6. “Somehow it combines cuteness and ugliness.”

6ugly cute

7. “I distinctly remember drunk models.”

7drunk models

8. “There were women as chicken with Russian accents in high heels.”

8giphy

9. “I thought, oh, this is deconstruction…”

9in don't know what that is

10. “As I say, it’s sometimes a caricature of itself.”

10 200

11. “… But there was definitely splattering of blueberry pie.”

11pie

12. “And A LOT of balls or maybe it was stuffed toys.”

12balls

13. “Henry Hübchen eating tons of Matjes.”

13hubchen

Now that’s all super clear, I’m ready for Berlin in all its prettiness and ugliness. I’ll stuff myself with theatre and eat myself hungry. I’ll own my ignorance. If I’m stuck for words or pictures or sounds I’ll go for a walk and look at abandoned gumball machines.

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