BEMERKENSWERT! – Die Galerie

Das Theatertreffen 2012 ist zu Ende und somit auch unsere Rubrik bemerkenswert“. Heute gibt es hier ganz exklusiv alle 18 Bilder noch mal in einer Galerie zu sehen. Viel Spaß damit!
Wir sehen uns im nächsten Theaterjahr – irgendwie, irgendwo!

Borkman (6) – Das Ende einer Ära

Gestern fand die 25. und letzte Vorstellung der Borkman-Saga von und mit und um Vegard Vinge statt. Die letzen beiden Wochen haben wir Blogger jede einzelne Vorstellung twitternd/zeichnend/fotografierend und schreibend begleitet, ich bin nun die letzte in der Runde.
Ich bin erschlagen von diesem Abend (oder muss man es schon „Tag” nennen, bei zwölf Stunden Dauertheater?). Es war einfach zu viel von allem – auf die bestmögliche und überwältigendste Art. Über John Gabriel Borkman habe ich zwar nichts erfahren, aber das war mir völlig egal.
Man könnte hier jetzt auch ein paar tausend Zeichen über das Bühnenbild schreiben, mit all seinen Details und der wunderbaren Theatermalerei, oder über die Masken, oder über Vinges Schweinereien, aber das haben andere schon. Was mich wirklich umgehauen hat, waren die Geräusche, die Musik, die Laute. Es wird kaum gesprochen, ab und zu ein Satz, der dann gern auch wiederholt wird (so zum Beispiel „ Das Gesetz kennt keine Ausnahme”, schätzungsweise an die 300 Mal).
Die Schauspieler selbst geben überhaupt keinen Laut von sich – sie werden synchronisiert durch verzerrte Stimmen, teilweise spricht Vinge selbst. Das Besondere ist, dass jeder der Charaktere, also Erhart, der Sohn Borkmans, Borkmans Ehefrau und ihre Schwester (Borkmans Geliebte) und auch Vegard Vinge (mehr Zirkusdirektor als Figur) jeweils durch ganz bestimmte Geräusche gekennzeichnet sind. Die Körperhaltung jeder Figur ist spezifisch und somit auch ihr Gang unterschiedlich – konsequenterweise ist jedem Charakter ein anderer Sound zugeordnet – ein Schritt, ein Geräusch. Dies führt dazu, dass man die Augen schließen kann und weiß, wer sich gerade auf der Bühne befindet. Ein Leitmotiv, wie bei Wagners Ring der Nibelungen.
Überhaupt spielt Richard Wagner eine wichtige Rolle während der zwölf Stunden: Am Anfang der Vorstellung hört man die Parsifal-Ouvertüre. Wagners letztes Bühnenwerk ist ja für eine gewisse Handlungsarmut, aber dafür umso mehr musikalische Intensität, bekannt – Vinge warnt einen also vor.Im Laufe der Aufführung werden fast alle Wagner-Opern verwurstet, allerdings nur Ouvertüren und Zwischenspiele, das dramatische Gesinge bleibt einem erspart. Neben dem schon erwähnten Parsifal, kommen auch „Lohengrin“ (das ist die Oper mit dem Schwan und der Identitätsproblematik), drei von vier Teilen des Rings (oder habe ich Siegfried einfach nur überhört?) und „Der fliegende Holländer“ zum Einsatz. Als in einer Szene plötzlich ein 30-Mann-Orchester in Skelettkostümen und mit Pappinstrumenten bewaffnet auf der Bühne stand, war ich schon bereit für die nächste Wagnersche Schöpfung ­– und wurde überrascht: Mozarts Requiem.
Doch nicht nur die „E-Musik“, auch die „U-Musik“ bekommt ihren Platz, so sind beispielsweise die Szenen in Erharts Kinderzimmer mit A-HAs „Living a Boys Adventure Tale“ unterlegt. Aber auch Chartstürmer der letzten Jahre kommen zum Einsatz, Owl City mit „Fireflies“ zum Beispiel. Eingestreut finden sich auch noch eine Paganini-Caprice, Klaviersonaten der üblichen Verdächtigen (Beethoven, Schubert), der Donauwalzer, gegen Ende auch Filmmusik der übleren („Fluch der Karibik“) und weniger („E.T.“) übleren Sorte, ein bisschen aus Puccini´s „La Boheme“ (Wagner war wohl alle), Techno von DJ Tiesto und einiges mir Unbekanntes (hat jemand noch mehr erkannt?).
Mein Fazit: Nicht nur visuell und inhaltlich, sondern auch akustisch schwer zu durchdringen, dieser Borkman! Und trotzdem freue ich mich schon auf weitere theatrale Herausforderungen aus dem Hause Vinge & Müller. Nächstes Jahr schon beim TT vielleicht?

Your Day at TT (17)

It’s not over just yet: we have one more action-packed day of Theatertreffen 2012 ahead of us before everything gets packed up.
12pm – Actress Nina Hoss will present the Alfred Kerr Actor’s Prize to her favourite performer of the Theatertreffen, place your bets now! We’ll be updating the blog with news of the winner at lunchtime.
1.30pm – The final discussion of the jury. Your last chance to voice your opinions on the festival face-to-face with the people who made the decisions. Follow the debate on our twitter account, #tt12 – you never know, it might get ugly.
4pm – A chance to watch Karin Henkel’s Macbeth on screen at the Public Viewing at Potsdamer Platz.
OR (both is definitely impossible, however diligent a TT fan you are):
4.30pm – The second performance of Alvis Hermanis’ production of Platonov by Chekhov, ending at a user-friendly 9.15pm.
9.35pm – The strangely precise timing only serves to adds mystery to what might already be the vaguest prize in German theatre, a 10,000€ award presented by TV channel 3sat to “one or more artists from participating ensembles for pioneering, artistically innovative achievement.”
If you can’t bare to sit in yet another darkened room, have a time-out in a really hot steamy room instead: The sauna in the TT garden is still in full swing today – nudity is optional.

Ihr Tag mit dem TT (15)

Heute gibt es beim Theatertreffen weitere Vorstellungen von „Before Your Very Eyes“ und „Hate Radio“. Leider neigt sich das Festival nun dem Ende zu, nur die Premiere von „Platonov“ steht morgen noch bevor.
Zeit, schon mal einen kurzen Blick zurück zu werfen. Viel wurde geschrieben über die „Handschrift der Regisseure“ – auch so eine Theaterkritik-Floskel. Wir aber wollen wissen: Wie sieht sie denn nun aus, diese Handschrift, die letztlich darüber entscheidet, ob ein Stück zum Theatertreffen eingeladen wurde oder nicht? Praktischerweise haben (fast) alle Regisseure auf dem Walk-of-Fame ihre Unterschrift hinterlassen. Eine Analyse.

 

Ihr Tag mit dem TT (14)

Before Your Very Eyes“ feiert heute im Haus der Berliner Festspiele TT-Premiere. Das Performance-Kollektiv Gob Squad lässt sieben Kinder ihr Leben im Schnelldurchlauf durchspielen, angeleitet von einer Stimme: „That’s a good beginning: the sound of a small heart beating. You do know why you’re here, don’t you? You’re here to live and then die. I don’t think everyone’s got the time to sit and watch you for decades. So you better get on with it. Grow!
Das International Institute of Political Murder hingegen beschwört sehr reale Schrecken der jüngeren Geschichte, nämlich den Genozid an der Tutsi-Minderheit in Ruanda, im HAU 2 in der Reanactment-Inszenierung „Hate Radio“.
Don’t kill your Darlings!“ ist der heutige TT Künstler-Gipfel 2012 überschrieben, auf dem es von 14.30 Uhr bis 18.30 Uhr nach einem Impulsreferat von Signa Köstler (Teil des dänischen Performance-Kollektivs SIGNA) die Möglichkeit gibt, bei Tischgesprächen Fragen über Theater und die Welt zu diskutieren. In der zum TT eingeladenen René Pollesch-Inszenierung „Kill your Darlings!“ heißt es: „Die besten Szenen werden Sie nicht sehen, denn die würden wir alle nicht ertragen!“ Stellt sich die Frage: Wer sind sie, unsere „darlings“? Wollen wir sie wirklich töten? Töten sie sonst womöglich uns? Hierzu ein Zitat, nicht von Goethe oder Kelly, sondern Iggy Pop: „If I kick out my devils, my angels might leave!“ Continue reading Ihr Tag mit dem TT (14)