Extra-Debatte zum Blackfacing im Haus der Berliner Festspiele

Das Theatertreffen 2013 ist vorbei, aber es lieferte weiteren Diskussionsstoff: TT-Bloggerin Henrike Terheyden fasste die Nachmittagsveranstaltung mit Sebastian Baumgarten, Regisseur der beim Theatertreffen eingeladenen und aufgrund des Blackfacing (hier alle Beiträge des TT-Blog 2013) kritisierten Inszenierung “Die heilige Johanna der Schlachthöfe”, und Atif Hussein der Aktivistengruppe Bühnenwatch, die am 12. Juni im Haus der Berliner Festspiele stattfand, ausführlich auf ihrem Blog KENDIKE zusammen. Hier ein Auszug aus ihrem Blogpost.

Künstler_innen sollten nicht mit Regenschirm im Bett sitzen müssen. Darauf kann sich die Gesellschaft einigen: Der Kapitalismus hat es zumindest geschafft, Üblichkeit herzustellen bezüglich des Gedankens, dass jede_r würdig leben können soll. Inflationierung von Bildern der Armut schafft sie nicht ab. Sie macht gleichgültig. Und genauso schafft die Inflationierung von rassistischen Bildern den Rassismus nicht ab. Wie lange wird es noch dauern, bis sich in den Köpfen eine Form von Üblichkeit einstellt, dass Bilder, die aufgrund ihrer Geschichte Unterdrückung und Gewalt reproduzieren, nicht unkritisch von den Nachfahren der Unterdrücker_innen gegenüber den Verletzten benutzt werden? Ausgerechnet die Freiheit der Kunst, müsste sich doch diese Freiheit zur Veränderung des Systems nehmen können.

Auch Bühnenwatch hat sich zur Diskussion auf der eigenen Webseite geäußert. Esther Slevogt berichtete ebenfalls für nachtkritik von dieser Sonderveranstaltung der Berliner Festspiele.

Regietheater, auf Englisch

We’ve done it again. We’ve borrowed a word from the German and made it our own. After “schadenfreude and “zeitgeist, “Regietheater” has now surpassed the translation “director’s theatre” in common usage.

I first realized how serious this trend had become when Alex Ross used it in his commentary on new opera productions in New York over the past season. Note: of course we don’t exactly use the term correctly, in English, “Regietheater can basically be plastered across any non-historical staging of a work.

I would propose, however, that we haven’t earned the right to use the term all. Because Regietheater really only applies if the director actually means something to begin with. And in the States in general, the director is a glorified medium for the playwright or librettist – he or she is there to bring the author’s text, according to his (or her) intentions, to life. This is one reason why there are endless discussions of what Shakespeare really meant, if he would have objected to women playing Macbeth and who the hell “he” was anyway. Non-historical stagings are then approached with the somewhat mystical question: “How would the author have imagined the piece if he or she were alive now? Would he choose McDonald’s or Burger King? Drive a Chevy or a Toyota? Go to Disneyland or the Playboy Mansion?”

And as soon as our directors stray from this melt-behind-the-text role, we automatically cry “Regietheater and dismiss it as, pardon my British, disrespectful wank. So you can also understand why our most talented directors turn toward film. At least there they have some respect and creative control.

Katie Mitchell's direction intensive production of Night Train, invited to the Theatertreffen this year.
Katie Mitchell’s direction intensive production of Night Train, invited to the Theatertreffen this year. Photo Credit: Stephen Cummiskey

Of course there’s also a couple that have made it to the continent, where directors are the geniuses and celebrities, for better or worse. British director Katie Mitchell‘s description of her first encounter with this status change:

“When I went to Salzburg for the first time, I was sitting in the square and there were three banners with three middle-aged men’s faces on them advertising three shows. I asked, ‘Are those pictures of the playwrights?’ No. ‘Are those pictures of the leading actors?’ No. ‘Who are they of, then?’ The directors. And I thought, this would be impossible in the UK: the directors’ faces on their shows? That would be a travesty.” (From a conversation in 2010)

So my perspective on the discussion “Theatre directing is…” on Sunday was a bit coloured by wonder at the fact that such a discussion would even be held. And most of the conversation revolved around predictable historical reminiscing about the emergence of dance theatre and watered-down descriptions of the craft: i.e. “Directing is making decisions.” But there was one nice moment of drama.

Claus Peymann (artistic director of the Berliner Ensemble, slowly increasing in volume): “Don’t we have the theatre that we deserve today? The minimalisation of pieces, actors turned into slaves, into director’s puppets, a contempt for drama, a disdain for literature, isn’t all of this is the expression of our ahistorical society…? Theatre like that of Rimini Protokoll, which represents the triumph of dilettantism and totally disregards literature, isn’t that what we’ve earned?”

Thomas Oberender (director of the Berliner Festspiele, standing up in the last row, and shouting): “That’s enough! What you’re saying is terrible. You still try to explain the world with Brecht and then you denounce the next generation.”

Peymann: “I’m just saying that I think Rimini is a symptom. I, myself, was one of their subjects: they made a whole production about me. Sure, it has an alleged authenticity, but it has nothing to do with the art and skills of theatre.”

More shouting, accusations – thankfully no guns.

So the director discussion on Sunday took a turn toward a discussion of the direction of theatre and society in general. But that also reflects the relative position of the director in German theatre (and theatre in German society). This is a real Regietheater. It’s the director that decides what subjects and aesthetics the theatre should tackle. And directors define generations, not playwrights. Crazy.

The discussion moderator segued out of the Peymann vs. Oberender conflict by saying, with regard to directorial styles: “We should preserve diversity, that’s clear.” At least it is for Germany.

But who knows, maybe the American theatre zeitgeist really is ready for a little bit more Regietheater.

Live-Blog von der Schlussdiskussion mit der Theatertreffen-Jury

Um 14.30 Uhr beginnt die Abschlussdiskussion, in der die Theatertreffen-Jury über alle zum Festival eingeladenen „bemerkenswerten“ Inszenierungen diskutiert. Moderiert von Tobi Müller. Wir bloggen live.

14.27: Es raunt.

14.29: Festivalleiterin Yvonne Büdenhölzer begrüßt das Publikum. Selbst die „Aktivisten vom Blackfacing“ werden namentlich erwähnt.

14.30: Letzte Episode des TTtvs.

14.34: Die Jury betritt die Bühne. Tobi Müller findet im Hinblick auf das TTtv: „Die Zukunft der Kritik ist offenbar die Kurzkritik.“ Noch einmal werden die Jurymitglieder vorgestellt. 450 Inszenierungen wurden begutachtet (es werden immer mehr!). Anke Dürr freut sich über die Berlin-Tauglichkeit von „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall.“ Franz Wille überrascht, dass es keine Zwischenfälle gab in diesem Jahr. Daniele Muscionico denkt nach über die Bedeutung der Auszeichnung von „Disabled Theater.“ In der Schweiz spreche man von „behinderten Menschen, man sei da weniger empfindlich. Muscionico: „Als ich das zum ersten Mal sah, dachte ich, das geht nicht.” Raunen. Kein Nachhaken (warum geht das nicht?).

14.42: Was macht der Ortswechsel mit den Inszenierungen? Schade, dass nur so wenig Leute „Die Ratten” sehen konnten, findet Vasco Boenisch. Die innere Anspannung des Jurymitglieds Christoph Leibold bei den veränderten Bedingungen in Berlin für „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall”: Kann das gut gehen? Boenisch: „Ich glaube, Berlin hat es auch ganz gut gefallen, mal über München abzulästern.”

14.46: Wo sind die experimentellen Anteile beim diesjährigen TT? Ulrike Kahle-Steinweh bemerkt, man könne nur einladen, was da ist. Franz Wille: Ein schwaches Jahr für das performative Theater! „Ich hätte gerne ein paar andere Formate dabei gehabt, aber es besteht die Gefahr der ideologischen Brille.” Christine Wahl: Es schleichen sich die Performanceelemente ins Stadttheater (etwa der Schauspieler Benny Claessens in „Die Stadt. Die Straße. Der Überfall.”)

14.54: Musik spielte große Rolle beim diesjährigen TT (Müller). Oder? Dürr: „Das war kein Kriterium. Darüber haben wir kaum diskutiert.” Boenisch wirft ein: „Doch, darüber wurde diskutiert!” Entlastet Musik die Schauspieler? Weil die Glaubwürdigkeit der großen Gesten auf der Bühne verloren gegangen ist? Nein (Dürr), ja, etwa bei Thalheimer (Boenisch). Selbst bei „Medea” gibt es den von Musik unterlegten Clip am Ende und „ein Wummern.” Wille warnt vor programmatischen Thesen: „Man nutzt die Möglichkeiten, die da sind. Vor zehn Jahren passierte dasselbe mit Video.” Müller weist auf die leibliche Präsenz der Musiker hin, es handelt sich schließlich um Livemusik. „Theater besinnt sich auf seine Qualitäten, auf die erlebte Zeit, dazu gehört die aktuell hergestellte Bühnenmusik.” Zustimmung im Publikum.

15.01: Dürr: „Fantastisches Stück und fantastische Inszenierung: Das ist ein Glücksfall.” Der Moderator bemerkt die breite Zustimmung des Theaterpublikums („friedfertig, begeisterungswilig, euphorisch”) bei gleichzeitigem Unmut der Berliner Kritik. Kahle-Steinweh vermutet Neid, denn wer kann so viel reisen wie die Theatertreffen-Jury? Wille unterstellt dem Publikum Müdigkeit und Gleichgültigkeit (Zwischenruf aus dem Publikum: „Jawoll, müde und gleichgültig!”), widerruft seine Behauptung aber sofort wieder. Das Publikum sei reflektierter als früher. Kein Türenknallen mehr wie bei Marthaler! Dafür gebe es ja die Publikumsgespräche.

15.08: Stichwort Publikumsgespräch! Müller rollt die Blackfacing-Debatte wieder auf. War Blackfacing ein Thema für die Auswahl der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe”? Wahl: Es handelt sich nicht um eine realistische Inszenierung. Die Zeichen, zu denen das Blackfacing gehört, sind codiert. „Ein cleverer Zugriff” auf den vermeintlich ideologischen Brecht mit seinem „merkwürdigen Kapitalismusbegriff.” Das Theater ist Kunstraum, kein Realitätsraum. Judith Butler wird zitiert: Auf dem Bühnenraum, der ein Als-ob-Raum ist, darf man Zeichen produktiv gegen sich selbst wenden.

15.13: Was wünscht sich die Jury zum Abschluss? Wille: Weniger Premieren an den einzelnen Theatern, diese dafür reflektierter und mit mehr Risikobereitschaft. Kahle-Steinweh: Mehr Mut, auch innerhalb der Jury. Radikaler, politischer, vielleicht weniger Musik? Einwurf Müller: „Weniger Musik, jetzt, wo sie mal da ist?” Der Rest der Jury ist wunschlos glücklich. Die Diskussion wird eröffnet.

15.16: Zuschauerin 1: Früher war alles spannender. Heute werden Inszenierungen im Fernsehen übertragen, man selbst reist umher, das Publikum ist ein internationales. Die Offenheit nimmt dem TT den Reiz. Bitte mehr Überraschungen! (Einwurf: Was ist mit „Disabled Theater”, mit Milo Raus „Hate Radio”?) Offenbar wünscht sich die Zuschauerin eine striktere Kartenpolitik (künstliche Verknappung der Eintrittskarten?). Zuschauer 2 (er selbst zählt sich zur Generation der heute 70-Jährigen): „Wir haben 3 1/2 Aufführungen gesehen: „Medea” (toll), „Murmel Murmel” (auch okay), „Disabled Theater” („Betroffenheitsbonus!”), „Die Ratten” („da sind wir gegangen: ein unverständliches Schreien.”). Was fehlt, ist das Suchen nach dem Essentiellen.” Theaterzeichen haben sich geändert (Dürr). Krawallstimmung kommt auf. Teile des Publikums fühlen sich altersdiskriminiert. Die ersten gehen.

15.23: Teilnehmerin des Internationalen Forums: Vom Theatertreffen bleibt ein schaler Nachgeschmack. Große Stoffe, gegen die man nichts sagen kann, renommierte Regisseure. Es fehlt die Reibungsfläche. „Wir (das Forum) konnten mit vielem nichts anfangen.” Geldverschwendung? Zusammenfassung der Juryeinwände: Generation 20 Plus hat andere Interessen als Generation 70 Plus: Ein ewiger Interessenkonflikt! Wahl: Es wurden doch große Themen verhandelt, etwa in „Krieg und Frieden”! Forumsteilnehmerin: Die Formen ändern sich, aber es geht um den (fehlenden?) Inhalt. Andere Teilnehmerin des Internationalen Forums: große Rührung bei den Forumsteilnehmern, von Geldverschwendung kann keine Rede sein. Jedoch: Bei „Orpheus steigt herab” bleibt in Erinnerung: Ein Karussell (20.000 Euro wert?), Hunde, Motorräder und für nicht-deutschsprachige Zuschauer das Wort „Nigger”. Es geht doch mehr um die Regisseure und deren Mittel. Entgegenung Wille: Das Geld ist immer die Crux. „Das Wesentliche ist das ausschlaggebende Argument.” (das Wesentliche wovon?)

15.36: Eine Zuschauerin will die Blackfacing-Sache so nicht stehen lassen. Es bestehe immer noch Diskussionsbedarf, gerade im Theater. Reproduzierte Stilmittel wie in der „Johanna” könnzen funktionieren, aber nicht wenn das so unreflektiert wie bei Baumgarten passiert. Bezeichnungen wie „Nigger” könnten falsch verstanden werden und zur Wiederaneignung führen (Am 12. Juni findet zum Thema eine Diskussion im Haus der Berliner Festspiele statt). Wahl verteidigt die Reflexionsarbeit der Jury: Blackfacing in der „Johanna” ist keine Rekonstruktion. Mehrere Zuschauer wollen etwas sagen, der Moderator will die Diskussion abschneiden: Es wird doch thematisiert! Zuschauerin: Wo sind denn die Linien für die De-Konstruktion? Jury: „Der Chinese als Klischee der aufkommenden Bedrohung, der Cowboy als Kapitalist – alles ist klischierte Unterhaltungsebene.”

15.47: Noch einmal Blackfacing. Missmut im Publikum. Ist es nicht anmaßend, wenn eine ausschließlich weiße Jury entscheidet, was De- und was Re-Produktion rassistischer Zeichen ist? Kahle-Steinweh: „Dann finden Sie doch mal einen schwarzen Theaterkritiker im deutschsprachigen Raum!” Zuschauerin: Debatte müsste differenzierter verlaufen. Bei Baumgarten war der Zeichenkontext klar. „Nigger” ist bei Williams eine Zuschreibung, die man im Zusammenhang lesen muss. „Übertitelt werden musste nicht, es war ja für ein deutsches Publikum.” (Hoppla!) Tobi Müller regt Themenwechsel an.

15.54: Zuschauerin: Bitte das nächste Mal an das Publikum denken! Bei „Medea” habe sie nichts sehen können. Die Festspielleiterin lenkt ein: Kartenpreis wird bei Sichtbehinderung zurückerstattet! Nächste Frage von einer sehr ironisch gestimmten Zuschauerin: Welche Kriterien gab es für die Einladung von „Disabled Theater”? Boenisch antwortet; ich werde von Bühnenwatch-Handzetteln abgelenkt, die jetzt durchs Publikum gehen. Teilnehmerin des Internationalen Forums: „Gibt es nicht besonderere Theateraufführungen in Deutschland als die Einladungen fürs TT? Inszenierungen wie das „12-Spartenhaus” oder „Remote Berlin”? Antwort: Diese beiden Inszenierungen konnten nicht berücksichtigt werden, da sie aus dem Zeitraum fielen. Letztes Jahr war Vinges Vorgängerarbeit „John Gabriel Borkmann” eingeladen. Kahle-Steinweh: „Wir suchen nicht zwangsläufig nach Inszenierungen, die aus dem Rahmen fallen.”

16.02: Was müssen (junge) Theatermacher in Deutschland heute beachten, um finanziert zu werden? Müller: 50-70 Prozent der Anträge für Fördermittel sind formuliert im schlechten Stil einer Wochenzeitung. Man erfährt wenig über die eigentliche Kunst. Leiterin des Stückemarkts Christina Zintl: „Wenn das Kriterium Innovation statt ‘bemerkenswert’ gewesen wäre, wäre die Entscheidung dann anders ausgefallen?” Ja, natürlich. Moderator beklagt schwindende Konzentration (ich stimme zu). Zuschauer: Warum sind Frauen in der Auswahl so schlecht vertreten? Dürr: Geschlecht steht nicht im Zentrum des Interesses, Quote bringt uns nicht weiter. Teilnehmerin des Forums: Es geht gar nicht immer um Innovation, sondern um das, was man sagen will. Müller: Fordern Sie mehr Realismus ein? Forumsteilnehmer: Es geht nicht um Mittel versus Inhalt, sondern die Einigkeit der Jury, durch die außergewönliche Positionen rausfallen? Gibt es die Sehnsucht nach Konsens? Boenisch: Natürlich gibt es Diskussionen und Entscheidungen, die nicht von allen befürwortet wurden. Leibold: Der Wille ist da, nicht im Mittelmaß zu landen. Boenisch: Man kann sich doch über vieles streiten, manche finden bei „Krieg und Frieden” den letzten Teil schlimm, andere die ersten beiden …

16.13: Ende der Diskussion. Weitere Nachlese unter dem Twitter-Hashtag #Jury .

„Unsere nächste Aufgabe ist die Kollektiv-Bildung.“ Das TT-Blog-Team trifft Thomas Oberender

Die TT-Blog-Redaktion traf sich vor einigen Tagen mit Thomas Oberender in seinem Büro. Am Eröffnungsabend des diesjährigen Theatertreffens hatte der Intendant der Berliner Festspiele von der „wohl tiefgreifendsten kulturpolitischen Wende der letzten 40 Jahre“ und von „Institutionen im Wandel” gesprochen. TT-Bloggerin Henrike Terheyden fragte sich, was wohl damit gemeint sei. Wir veröffentlichen das Gespräch über „Institutionen neuen Typs”, Kulturnationalismus, die Berliner Netzkonferenz re:publica und Thomas Oberenders Pläne für die Berliner Festspiele und das Theatertreffen in voller Länge, als Blog können wir uns das leisten (wir haben nicht das Platzproblem einer Zeitung).

TT-Blog-Team Oberender
Am Besprechungstisch in der Intendanz der Berliner Festspiele (v.l.n.r.): Eefke Kleimann, Henrike Terheyden (verdeckt), Eva Biringer, Clemens Melzer, Thomas Oberender. Foto: Mai Vendelbo

Henrike Terheyden: Was ist die kulturpolitische Wende von vor vierzig Jahren, von der Sie in Ihrer Eröffnungsrede zum Theatertreffen sprachen?
Thomas Oberender: Alles begann, wenn wir vom Theater sprechen, und die früheren Avantgardebewegungen einmal ausklammern, Mitte der sechziger Jahre mit dem Umbau des kleinen Kinos Concordia in eine Spielstätte des Theaters Bremen – auf einmal gab es so etwas wie Bühnen, die keine Bühnen mehr waren, sondern Kinos, Fabrikhallen, Werkstatträume. In allen Feldern der Kunst entstanden Performances, Happenings und die Popkultur wurde zu einer Art Leitkultur der westlichen Moderne. Und die Politik vollzog diesen Wandel mit, sie öffnete sich der Förderung von alternativen Werk- und Erlebnisformen, bis hin zu neuen Mitbestimmungsmodellen. Aus dieser gesellschaftlichen und ästhetischen Bewegung heraus sind neue kulturpolitische Situationen entstanden, weil sich der Kunstbegriff nachhaltig demokratisiert hatte. Dass die sogenannte freie Szene Kultur produziert und nicht einem Hobby nachgeht, wurde strukturell in neuen Fördermodellen abgebildet. Theater im öffentlichen Raum oder in Fabrikhallen, die Vermischung von Diskurs, Kunst und Party auch an den traditionellen Häusern – das begann vor 40 Jahren. Mit Zadek.

HT: Meinen Sie mit Demokratisierung den gleichmäßigen Zugang von allen Bevölkerungsschichten zu Kultur?
TO: Das ist ein Merkmal von Populärkultur. Und zwar nicht nur materiell, weil sie nahezu jeder bezahlen kann, sondern auch ideell – Pop ist mehr oder weniger barrierefrei. Ich meine es aber auch in folgendem Sinne: Denken Sie an Jérôme Bels „Disabled Theater“, das behinderte Theater, also das sich selber behindernde Theater, hat einen ganz anderen Begriff vom Tänzer. Er ist nicht mehr Angehöriger einer Elite, die bestimmte Schulen besucht hat und Codes verinnerlicht, sondern Jérôme Bel arbeitet wie Beuys – er ist Konzeptkünstler, für den alles zum Material seiner Kunst werden kann. Gerade das, was wir gemeinhin als Nichtkunst betrachten. Zum Beispiel der Tanz von Behinderten. Wenn er das als Kunst zeigt, sprengt er die Definition dieser traditionellen Eliten, Institutionen und Hierarchien. Transparenz und Partizipation waren die Leitworte des letzten Kulturwandels. Es ging darum, Vorgänge durchsichtig und interaktiv zu gestalten. Das kommt aus der Wirtschaft und macht vor der Kunst keinen Halt.

HT: Greift die Demokratisierung auch auf die kulturpolitischen Strukturen über, wie haben sich diese verändert?
TO: Naja, da ist das treffendste Wort sicher das von der allumfassenden Entsicherung unserer Lebensverhältnisse. Transparenz ist ein anderes Wort für Kontrolle, möglichst in Echtzeit. Partizipation heißt irgendwie auch: Ich muss jetzt noch mehr tun. In diesem Sinne werden Institutionen umgebaut. Sie werden entsichert. Statt eines Vertrauensvorschusses, den man traditionellen Institutionen gewährt, werden sie zu Projektlabors, also flexibilisiert, und ab da muss jede Taxirechnung dreifach geprüft werden. Die Entwicklung geht weg von der kontinuierlichen Förderung fixer Strukturen zur Gewährung von Zuwendungen von Fall zu Fall. Ich kann dieses Wort „Zuwendung“ schon gar nicht mehr hören! Die will immer verdient und bedankt sein. Am Anfang meiner Rede zur Eröffnung des Theatertreffens stand nicht zufällig die lange Reihe der Danksagungen. Hinter jeder Danksagung stecken im Grunde ein Juryantrag und eine Juryentscheidung, die den Antrag genehmigt haben. Ich bin der Meinung, dass Politik noch nie so mächtig in den Bereich des Kunst- und Kulturschaffens hineingewirkt hat wie im Augenblick. Es scheint eine stille Übereinkunft der Haushälter zu sein, dass institutionelle Zuwendungen nicht mehr erhöht werden. Die Stadt- und Staatstheater können glücklich sein, wenn sie Tarifausgleiche erhalten. Seit 25 Jahren haben sich die künstlerischen Ensembles um ein Drittel verringert, der Ausstoß wurde aber verdoppelt: Inzwischen bemühen sich also auch die traditionell organisierten Häuser um zusätzliche Drittmittel und zwar genauso vehement wie jene Institutionen und freien Produzenten, deren Arbeit ganz und gar auf diesen Projektgeldern beruht. Continue reading „Unsere nächste Aufgabe ist die Kollektiv-Bildung.“ Das TT-Blog-Team trifft Thomas Oberender

Bühnenwatch demonstrierte beim Public Viewing der „Johanna“-Inszenierung

Die zum Theatertreffen eingeladene Inszenierung von Bertolt Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ in der Regie von Sebastian Baumgarten ist heute am Sony Center, Potsdamer Platz, im Public Viewing gezeigt worden. Aktivisten und Aktivistinnen der Gruppe Bühnenwatch, die bereits gestern einen Offenen Brief an die Festivalleitung und die TT-Jury veröffentlicht hatten, haben Handzettel verteilt und mit Bannern demonstriert, um auf die Verwendung von rassistischen Zeichen in der Inszenierung hinzuweisen. Sie betonten, es ginge ihnen nicht um die Störung der Übertragung, sondern darum, einen Diskurs in der Öffentlichkeit über die Verwendung rassistischer Zeichen in Kunst- und Alltagszusammenhängen anzustoßen. Der Intendant der Berliner Festspiele Thomas Oberender und die Leiterin des Theatertreffens Yvonne Büdenhölzer haben Gesprächsbereitschaft mit der Aktivistengruppe signalisiert.

Foto: Mai Vendelbo

Am Montag, 20. Mai findet um 14.30 Uhr im Haus der Berliner Festspiele die Abschlussdiskussion zum Theatertreffen statt, bei der die Jury des Theatertreffens über die Auswahl der Inszenierungen diskutiert.

Über Berlin II: „Nein“ (also: „no“), meine Distanz zur Berliner Kulturszene

Berlin zieht internationale Künstler an und verkauft sich als offene Stadt für Kreative. Aber wie fühlt man sich als kreativer Immigrant in Berlin? Wie kommt man rein in die kulturellen Strukturen, etwa das Theatertreffen, und wie erhält man seinen künstlerischen Fokus?

Ich sitze zur schreibenden Stunde in einem Café in Neukölln, Heimat der Berliner Hipster, zwischen Flohmarkt-Stühlen und US-amerikanischen Immigranten. Meinen Eiskaffee (also: „Frappé“) habe ich schon ausgetrunken. Eiskaffee gönne ich mir täglich. In Berlin kann man so unglaublich billlig „über-überleben“.

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Ich, die Stadt und das TT. Zeichnung: Mai Vendelbo

Im Vergleich mit anderen Großstädten sind nicht nur Eiskaffees bezahlbar, auch Kunst und Kultur sind hier wahnsinnig zugänglich. Für das, was ich für eine Theaterkarte in Dänemark ausgeben muss, bekomme ich hier mindestens zwei (wenn ich nicht in der ersten Reihe neben Anzügen sitzen möchte). Ja, Kunst und Kultur werden hier wie Süßigkeiten verkauft, und du kannst in deiner Tüte alles Mögliche mixen und ausprobieren. Berlin hat alles. So heißt es. „Be Berlin“ ist der Werbeslogan. Ja, Berlin ist ganz sicher ein Paradies für Künstler und Kunstliebhaber (also: „lovers“), oder? Mein Antwort ist „nein“ (also: „no“).

Theatertreffen als Miniatur-Berlin

Als Berlin-Immigrantin im zweiten Jahr, als Kunstliebhaberin und entstehende Künstlerin (hoffentlich, oder soll ich mich freuen, dass ich immer noch nicht vom 10-Meter-Brett gesprungen bin?) fühle ich mich distanziert, nicht nur von der berlinerischen Kunstszene, sondern auch von meiner eigenen Arbeit und meinen eigenen Ambitionen. Ich fühle mich in Berlin drinnen, aber doch draußen, und diese Zwischen-Position ist unglaublich unmotivierend und unproduktiv. Es gibt diese merkwürdige berlinerische Bewegungskraft, die dein künstlerisches Feuer verdunsten lässt, bevor es dich wieder anziehen und anzünden kann. Was ich mit drinnen zu sein meine: drinnen in deiner künstlerische Arbeit.

Ich wurde zum Theatertreffen als Fotobloggerin eingeladen, und diese Arbeit hat wieder mein Drinnen-Draußen-Gefühl aktiviert. Ich bin offiziell drin, aber ich fühle mich konstant irgendwie draußen, und nein (also: „no“), es ist nicht nur eine Sprachsache. Ich habe lange überlegt, warum, und meine beste Antwort bis heute ist, dass das Festival einfach zu flüchtig ist. Ich schaffe es nicht, in zwei Wochen einen Überblick zu bekommen. Es geht ums Theater und es geht um das Treffen, aber es geht auch um Politik, Geschichte, Feiern, Kultur im Allgemeinen, Blackfacing, Film, Essen, Menschen mit Behinderung, Fotos etc. etc. (also: „usw. usw.“). Das Theatertreffen wird für mich plötzlich zu einer Miniatur von Berlin.

Unfokussierte Multi-Kulti-Künstler

Berlin steckt voller Möglichkeiten. Die Künstler, die ich auf der Straße oder bei Pop-up-Vernissagen (ein Café, das plötzlich und kurzfristig Galerie geworden ist) treffe, sind Leute wie ich: unfokussierte Multi-Kulti-Künstler, die alles wollen, aber nicht alles können. Frag mal jemanden in der U-Bahn oder beim Döner Stop, was er oder sie so macht. Die Person wird die folgende Erklärung abgeben: Er/sie ist nicht nur Autor. Er/sie ist auch Fotograf, Zeichner, Tänzer, Grafikdesigner, und nicht zu vergessen, DJ. Ja (also: „yes“). Die Straßen dieser Stadt sind voll von Multikünstlern, und die Theaterbühnen stellen keine Ausnahme dar. Lars Eidinger hat als DJ vergangenen Samstag beim Theatertreffen-Bergfest-Jubliäum meine Theorie zementiert und meine sprachlose Bewunderung für seinen „Hamlet“ in wortblöden Songs ertränkt. Continue reading Über Berlin II: „Nein“ (also: „no“), meine Distanz zur Berliner Kulturszene

TTtv: About Disabled Theater

Mitschnitt von der Podiumsdiskussion des Symposiums „Behinderte auf der Bühne – Künstler oder Exponate?“ in der Kassenhalle im Haus der Berliner Festspiele: mit dem Schauspieler Peter Radtke, der Schauspielerin Angela Winkler, der TT-Jurorin Anke Dürr und dem Schauspieler Bernhard Schütz. Ergänzt durch Statements von Stipendiaten des Internationalen Forums: Meriam Bousselmi, Stefanie von Poser, Roland Siegwald.

Hier noch weitere Statements von der Diskussion, sowie ein Interview mit dem Schauspieler Damian Bright von Theater Hora, ein Interview mit dem Regisseur Jérôme Bel, eine gezeichnete sowie eine geschriebene Kritik der Vorstellung. And a critical (and personal) approach in English.

TTtv: U TELL US / Objectification

Eine weitere Folge Begriffsdefinitionsfernsehen mit Stipendiaten des Internationalen Forums, diesmal mit Jonathan Esterkin, Amitesh Grover, Hiroko Oshima und Chong Wang. U TELL US fragt: (How) can objectification be avoided? Die Diskutanten finden eine gemeinsame kulturübergreifende Antwort. Aufgezeichnet in der Akademie der Künste. In English.

Statements vom Symposium „Behinderte auf der Bühne – Künstler oder Exponate?“

„Behinderte auf der Bühne – Künstler oder Exponate?“ Das, wie ich finde, nicht gerade verheißungsvoll überschriebende Symposium fand am Montag in der Kassenhalle im Haus der Berliner Festspiele statt. Es ging, zum Glück!, nicht darum, in Frage zu stellen, dass Menschen mit Behinderung Künstler sein können und sind. Vielmehr landete man spätestens bei der von Festspiele-Intendant Thomas Oberender moderierten, abschließenden Diskussion bei den Fragen: Wie können sich SchauspielerInnen mit Behinderung im Theaterbetrieb emanzipieren? Und wie kann der Theaterbetrieb inklusiver werden? Äußerst kontrovers diskutiert wurde die Nominierung von „Disabled Theater“.

Autor, Regisseur und Schauspieler Dr. Peter Radtke, Schauspielerin Angela Winkler, Festspiel-Intendant Dr. Thomas Oberender, Dramaturg Marcel Bugiel, TT-Jurorin Anke Dürr und Schauspieler Bernhard Schütz diskutierten auf der Bühne.
Autor, Regisseur und Schauspieler Dr. Peter Radtke, Schauspielerin Angela Winkler, Intendant der Berliner Festspiele Dr. Thomas Oberender, Dramaturg Marcel Bugiel, TT-Jurorin Anke Dürr und Schauspieler Bernhard Schütz diskutieren beim Symposium (v. l. n. r.). Foto: Piero Chiussi

Hier als Auszug ein paar markante Statements der Diskussionsteilnehmer:

Bernhard Schütz, Film- und Theaterschauspieler, arbeitet mit Schauspielern mit Behinderung: „Jérôme Bel soll bei ,Disabled Theater’ die Kontrolle aus Hand gegeben haben? Mehr Regie geht nicht! Und dann auch noch diese tiefe Stimme: ,And now Jérôme Bel asked the actors’… Das ist Dressur!“

Peter Radtke, Schauspieler und Autor, selbst mit körperlicher Behinderung: „Jeder Regisseur manipuliert die Schauspieler. Aber ich habe ein Problem damit, wenn eine Gruppe nur aus behinderten Darstellern besteht.“

Angela Winkler, Schauspielerin des Berliner Ensembles, Mutter von Nele Winkler, Schauspielerin des Theaters RambaZamba: „,Disabled Theater’ war eine einzige K … ! Gehen Sie ins RambaZamba oder ins Theater Thikwa – da wird Theater gemacht!“

Anke Dürr, Theatertreffen-Jurorin: „Wir waren auch im RambaZamba-Theater. Wir haben ,Disabled Theater’ eingeladen wegen der Kraft der Darstellung, und weil die Dimension, wo das Stück hinmöchte, eine eigene Qualität hat. Es thematisiert die Theateraufführung selbst. Das haben wir sonst nicht gesehen. Die Jury-Arbeit ist kein soziales Engagement.“

B. Schütz: „Ich war zum Teil schockiert über das Publikum. In Hamburg haben die geklatscht, wenn die Schauspieler sagen: ,Ich bin Schauspieler’. Als könnten die nicht sprechen!“

Marcel Bugiel, Dramaturg bei „Disabled Theater“: „Es stört mich, dass das Stück so ein feel-good-play geworden ist. Ich habe gedachte, dass es provoziert und für Empörung sorgt!“

Es bleibt zu wünschen, dass es öfter Gelegenheit für solche Symposien geben wird. Es sind noch Fragen offen geblieben, das wurde am immer wieder aufgebrachten und erregten Publikum sicht- und hörbar.

Kulturpolitik inszenieren! Ein Nachmittag im KaterHolzig

Was macht die Kulturpolitik auf dem Dach eines Szeneclubs in Berlin-Mitte? Sie plant den Export innovativer Projekte in andere Städte und Stadtteile. Sie lernt etwas über neue Impulse für die kulturelle Szene. Kurz: Sie schnuppert ein wenig subversive Luft. Unter dem Titel „Politik trifft Theater” sichtete die Heinrich-Böll-Stiftung gemeinsam mit dem Theatertreffen die freie Szene in Berlin. Für den Samstag, 11. Mai, stand für die Teilnehmer dieses Programms ein Hausbesuch im KaterHolzig an. Ich war dabei.

Kater Holzig
Blick auf das Gelände des KaterHolzig. Foto: Carolin Saage

Das KaterHolzig ist in erster Linie ein legendärer Club für Elektro-Techno-Sonstiges und in zweiter Linie ein kulturelles Begegnungszentrum mit Galerien, Ateliers, Theaterbühne und einem Restaurant. Wobei: Die Auszeichnung legendär” beansprucht eigentlich sein Vorgänger, die Bar 25. Seiner attraktiven Lage wegen fiel das Gelände am Ufer der Spree 2010 einem Investorenplan zum Opfer, vorerst jedenfalls. Bis dahin trugen die Gerüchte über das immer kurz bevorstehende Ende der Bar 25 wesentlich zu deren selbst kreiertem Hype bei.

Einige der Forumsteilnehmer sind extra angereist. Pflichtbewusst halten sie ihre Stifte bereit, die Erwartung steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Vor ihnen steht Wasser mit Fairtradesiegel. Aus der Küche des Kater Schmaus duftet es nach Mittagessen, zwei Mitarbeiter ruhen sich bei Cola aus. Schon dieser Kater Schmaus ist eine Erfolgsgeschichte für sich: Ein Restaurant der gehobenen Preisklasse, für das man unter Umständen wochenlang auf einen Tisch wartet, während zwei Stockwerke tiefer Nahrung nur in flüssiger Form verabreicht wird. „Alles für alle, bis alles alle ist”, so steht es auf einem Schild auf dem Weg zum Klo und so in etwa lautet die interne Philosophie. Continue reading Kulturpolitik inszenieren! Ein Nachmittag im KaterHolzig