Bald, bald ist es Mai. #TT15 #bemerkenswert

Berlin, Ende Februar, wärmer als es sein sollte.
Noch 2 Monate und ein paar verkrümelte Tage, dann eröffnet das 52. Theatertreffen.

Es wurden 379 Inszenierungen in 54 deutschsprachigen Städten besucht. 689 Voten gingen ein und die einzelnen Juroren haben jeweils zwischen 79 und 128 Inszenierungen gesehen. Insgesamt wurden 36 Inszenierungen vorgeschlagen und diskutiert.

2015 wird es wieder viel Fleisch geben für die Zähne unserer TT Blogger.
Vom 1. bis zum 17. Mai werden sie diskutieren, kritisieren, schimpfen und ganz vielleicht sogar jubeln. Das TheatertreffenBlog 2015 steht in den Startlöchern.
Es wird schärfer, etwas strenger und ein ganz kleines bisschen weniger pink.

Stay tuned.

Die Auswahl 2015:

Atlas der abgelegenen Inseln

von Judith Schalansky
Regie Thom Luz
Schauspiel Hannover

Baal

von Bertolt Brecht
Regie Frank Castorf
Residenztheater, München

Common Ground

von Yael Ronen und Ensemble
Regie Yael Ronen
Maxim Gorki Theater, Berlin

Das Fest

nach dem Film von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov
Regie Christopher Rüping
Schauspiel Stuttgart

Die lächerliche Finsternis

von Wolfram Lotz
Regie Dušan David Pařízek
Burgtheater im Akademietheater, Wien

Die Schutzbefohlenen

von Elfriede Jelinek
Regie Nicolas Stemann
Thalia Theater, Hamburg

die unverheiratete

von Ewald Palmetshofer
Regie Robert Borgmann
Burgtheater im Akademietheater, Wien

John Gabriel Borkman

von Henrik Ibsen
Regie Karin Henkel
Deutsches Schauspielhaus, Hamburg

Warten auf Godot

von Samuel Beckett
Regie Ivan Panteleev
Ruhrfestspiele Recklinghausen / Deutsches Theater, Berlin

Warum läuft Herr R. Amok?

nach dem Film von Rainer Werner Fassbinder und Michael Fengler
Regie Susanne Kennedy
Münchner Kammerspiele

Zum Hören: „Kritik in der Krise? Eine neue Version ist verfügbar"

Alumni-Bloggerin Eva Biringer stellt in ihrem Beitrag „Kritik in der Krise? Eine neue Version ist verfügbar” die strahlende Zukunft der Theaterkritk vor.

Das Theatertreffen-Blog 2014 versucht in diesem Jahr erstmals alle schriftlich verfassten Texte auch als Audiobeiträge zu präsentieren.
Den vorliegenden hat die Schauspielerin Sandra Schreiber  freundlicherweise für uns eingelesen.

 

Was war und was wir uns wünschen!

Nach 18 Tagen Theater, Diskussionen und schlaflosen Nächten zieht das TT-Blog-Orchester kollektiv Bilanz.

Herzliche Begrüßung des Blog-Orchesters mit Blümchen. Bestechungsversuch?

Eröffnung T. Oberender: „Theater ist das Leitmedium eines neuen Zeitalters.“ wtf?

Zement: Heiner Müller und Dimiter Gotscheff sprechen zu uns. Auferstehung der Toten?

Trophäe wurde von Ai Weiwei gestaltet. Alles wirklich selbstgemacht?

Amphitryon, eine einzige Regie-Idee zieht sich durch den Abend. Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?

Theater und Netz, eine zukünftige Liebesgeschichte. Mit Happy End?

Eröffnung des Internationalen Forum mit Mittagessen für Leib und Seele. Gibt es am gemeinsamen Tisch mehr Austausch, als auf der Bühne?

Situation Rooms von Rimini Protokoll leider aus dispositorischen Gründen nur als multimedialer Info-Stand vertreten. Theatertreffen: zu statische Strukturen für dynamische Produktionsbedingungen?

Onkel Wanja. Zelebrierte Langeweile oder atmosphärisches Treibenlassen in einer unübersichtlichen Zeit?

Fegefeuer in Ingolstadt. Eine beklemmende Playbackinszenierung gewinnt den 3Sat-Preis. Aber kann der bayerische Erzkatholizismus heute noch in Berlin schockieren?

Eröffnung Camp. Warum zeltet hier niemand?

Stadttheater: Metropole vs. Provinz. Stand der Gewinner nicht schon immer fest?

Reise ans Ende der Nacht. Castorfs Schauspieler jagen durch den Bretterverhau und wir twittern davon aus der letzten Reihe. Unfall mit dem iPad: Die Apple-Sprachsoftware Siri spricht aus, was alle denken: „Ich habe das leider nicht verstanden.“ Wo geht die Reise hin?

Jurorin Daniele Muscionico hat aus dem Programmheft abgeschrieben. Wie ernsthaft wird hier ausgewählt?

Tauberbach, Alain Platels Tanztheater spaltet das Blog-Orchester. Nichtssagend, inhaltlich problematisch oder tief berührend?

Intervention beim Theatertreffen. Tauberbach in der Kritik. Plagiat? Fortschreibung des Kolonialismus?

Debatte überInternationalisierung des Theaters“. Betrifft das nur Stadttheater?

Eröffnung Stückemarkt. Ein spannendes neues Konzept unter falschem Label. Etikettenschwindel?

Mystery Magnet. Expressiver Umgang mit zeitgenössischen Oberflächen und aktuellen Inhalten. Sind wir nicht bereits alle übersättigt?

There Has Possibly Been An Incident. Ein Text wird gelesen und nicht gespielt. Wird er dadurch besser wahrgenommen?

Haus//Nummer/Null. Willkommen in einer furchtbaren Zukunft! Warum passt unsere gegenwärtige Gesellschaft nicht besser auf?

Während wir im Festspielgarten sitzen, wird der junge Autor Jörg Albrecht in Abu Dhabi festgehalten und, zum Glück, bald wieder frei gelassen. Hat die Öffentlichkeit für Freiheit gesorgt?

Letzte Zeugen des Holocaust, eine berührende Stimmübergabe mit Standing Ovations. Geht der Dialog auch aus dem Theater heraus?

Bei der Preisverleihung von Die letzten Zeugen, gibt Regisseur Matthias Hartmann seinen ersten öffentlichen Auftritt nach seinem Rauswurf aus dem Burgtheater Wien. Während noch alle von den Geschichten der Überlebenden bewegt sind, stilisiert er sich als Opfer und spricht von seinem Karrierealptraum: „Nach dem Horror der letzten Wochen, kommt es mir so vor als mache es jetzt Klick, und alles sei nur ein böser Traum gewesen“. Gehts noch?!

Ohne Inhalt Titel. Glitzerkostüme und Furzgeräusche. Worüber wird da gelacht?

Kasper Hauser. Ein freiheitsliebendes Pferd kommentiert das Geschehen im Puppenhaus.

Jury Debatte.


Schlussszene. Ein Tisch. Sechs Personen. Zwölf Bier. Viele Wünsche.

mehr freie Produktionen, auch aus kleineren Häusern, aus der Provinz und nicht nur große Namen”…„wieso machen sie nicht mal eine Ausnahme?”…„wieso sind sie ängstlich?”… „große Namen heißt ja vielleicht nur besserers Handwerk, und nicht die spannenderen Themen und relevanteren Fragen”…„mehr solche Inhalte wie sie im Stückemarkt verhandelt wurden”… „ja, das hat sich das Internationale Forum auch gewünscht”…„auch wenn Freie Szene nicht automatisch besser ist.”… “ja, Inhalte!”… „nach dieser schwachen Juryschlussdiskussion bitte alle Juroren austauschen” … „vielleicht auch ein paar Juroren aus der Bildenden Kunst, Kuratoren, oder aus anderen Disziplinen”…„ich wünsche mir ein heterogeneres Publikum”…„günstigere Karten, dann wären auch noch Freunde von mir gekommen”…„und keine Angst vor dem Internet”… „Inhalte fürs Netz. Momente, die man dort mit Freunden teilen kann”…„besseres Wetter!” … „ohja, und Freibier!”… „ich hätte gern mehr vom Internationalen Forum und dem Stückemarkt wahrgenommen” …„noch mehr Austausch”…„Prost”…„Prost” … „ja, waren intensive und spannende zwei Wochen”… „dennoch wünsche ich mir mehr Relevanz der Themen, mehr Aktualität” … „ja ,dafür ist Theater einfach da” …„von mir aus kann das Theatertreffen auch zwei Sparten machen. Also die Gala-boring-Nummern und die wilden Sachen” ….„also ich finde es gefährlich, zwei Sparten zu machen. Ich finde, die Sachen vom Stückemarkt sollten mit ins Hauptprogramm, nicht, dass die relevanten Themen zum Nebenschauplatz werden”… „beim Theatertreffen ähnelt das Konzept auch stark einer Museumsidee”… „ja stimmt, voll 90er” … „und Theater ist ja auch nicht per se ein Schatz”

Alle ab.

[Vorhang]

 

 

Theatertreffen final: three questions to follow-up

A final note by Nathalie Frank, stage editor by our partner magazine Exberliner

TT14 is over! Was it „interesting as never before”, as predicted Berliner Festspiele’s director Thomas Oberender on the first evening? Being in Berlin for not even three years I cannot judge whereas “as never before” applies for this 51st festival, but it was for sure an exciting edition that raised crucial theatrical issues. To finish my blogging contribution I would like to examine three questions to follow-up:

How far can theatre and Internet work together?
Parallel to the opening weekend of the Theatertreffen a conference on “Theater and the Net” took place at the Heinrich Böll Stiftung. An opportunity to discuss the possible cross-overs between two a priori antinomic media, the living theater and the virtual world wide web. How can one respond to the other, or can they reflect on each other? And, what concerns precisely the Theatertreffen-Blog adventure: what kind of opportunities can theatre criticism use within the web platform? In that sense, the blog can be seen as an experiment, a try, within a small team, to respond to a theatre festival not only with texts, but with multimedia formats: videos, sketches, graphical responses or soundtracks. As an experiment it can and should be discussed further. Your feedback on these tries or inputs concerning the possible relationship between the Web and the Theatre are welcomed at stage@exberliner.com.

Who copies who and is that relevant?
Plagiarism was a highly discussed issue at this year’s Theatertreffen. It started with journalist Wolfgang Behrens who found out that jury-member Daniele Muscionico, instead of writing her “justification” for the choice of the “Journey to the End of the Night” by herself, had copied it for a large part from the Residenztheater’s advertising material. This raises obviously the question of the credibility of a choice that cannot even be justified by a jury’s own words. Wolfgang Behrens published his discovery on the portal nachtkritik.de and as an answer became official excuses from both the festival and Daniele Muscionico. But a few days later nachtkritik.de went further in investigation and found out that the same jury member copied another text to justify another choice last year already. This was too much for the Theatertreffen. Daniele Muscionico resigned from her position in the TT- Jury immediately. This was also necessary  to preserve the festival’s credibility. How that could happen in such a big organization with many controlling instances remains a mystery.

On May 11, one day after the first Muscionico’s case was made public, Alain Platel’s production “tauberbach” had to face similar accusations. Before the performance began, the dance collective Grupo Oito from the Ballhaus Naunynstr. demonstrated in front of the house and distributed leaflets stating that Platel’s work was inspired by Ricardo de Paula’s piece “Sight” that premiered a year before “tauberbach” in Berlin. It turned out that this accusation – later denied both by Platel and de Paula – was more of a way to discuss Platel’s “post-colonial” view on Estamira, both pieces’ central character living in a Brazilian favela. Although the plagiarism accusation is a shameless way to raise up a debate, these questions belong to contemporary Western theatre and you might want to make your own opinion on that case. By waiting until the Ballhaus Naunynstr. plays “Sight” again (appetizer in the trailer). And by making a trip to Munich or Frankfurt to catch “tauberbach”, my personal TT14’s highlight (at the Münchner Kammerspiele on June 9-12, at the Künstlerhaus Mousonturm on June 17-18).

What kind of theatre deserves to be presented as “remarkable”?
The ongoing burning question at the Theatertreffen since many years never seems to find a proper, clear answer. As a background information: since the 1970s the German states-and municipal theaters landscape cohabit with a flourishing independent scene, that differs a lot with big stages in terms of size, production and financing structure. However relevance and quality are well represented in both scenes. So why should the choice of the “10 most remarkable works” of the year systematically heavily advantage the states-and municipal theaters? The question is as simple as the answers are multiple and contradictory. The audience couldn’t take independent experiments? Small productions couldn’t compete with the giant masters who can afford huge stages? They would only look ridiculous?
Or is it a structural problem, as stated by jury member Barbara Burckhardt during the jury’s final talk: the independent productions are usually performed three or four times in a row and sometimes never again.  If one jury member likes it, this makes it difficult for the other jury’s members to see it. The state-and municipal theatre system, playing repertoire pieces repeatedly month after month with a permanent ensemble, is thus advantaged: if a jury member sees a good show, the others can travel and see it a month later. The argument is clear thus questionable: shouldn’t a festival that pretends to select the “10 most remarkable plays of the year” be able to rethink its structure and selection process in order to adapt to a flourishing and diverse theatrical landscape?
As if a statement had to be made, the only selected piece from the independent scene, Rimini Protokoll’s “Situation Rooms”, could not attend the festival – the project is co-produced internationally and was already booked for Paris and Athens in May. Berliners, the piece is coming at the HAU in December.
Yet a promising step toward aesthetic diversification was made this year, although to the detriment of young authors whose yearly competition was cancelled: the Stückemarkt, traditionally a selection of fresh texts, was transformed into a platform featuring and discussing new forms of authorships and theatrical forms (for more information see my overview article on the Stückemarkt as well as interviews with the three invited artists, Miet Warlop, Chris Thorpe and Mona el Gammal). Interesting forms were represented and one can only hope they would deserve to be presented next to the blockbusters are part of the “remarkable” German theatre landscape.
What can we expect for 2015? Three jury-member out of seven are being replaced – apart from the specific case of Daniele Muscionico, two more jury members, Anke Dürr and Christoph Leibold, finished their three-years-service. With almost half of fresh blood, the new jury have a good excuse to rethink its politic and have the courage to really reflect on the fabulous diversity of the German theatre landscape.

Über #bemerkenswert

Viele Worte sind gefallen. Auf den Bühnen, in Diskussionen und in den Pausengesprächen des Theatertreffens. Aus Liebe zur Sprache ist die Idee entstanden, das Gesprochene aufzuzeichnen und in Form von Plakaten aus dem Haus der Berliner Festspiele hinauszutragen. Als TT-Blog-Orchester, haben wir kontinuierlich Aussagen aus dem Geschehen heraus gefiltert, welche von unserem Grafikinsturmentalist Felix in Plakatform umgewandelt wurden. So sind über den Zeitraum des Theatertreffens mehr als 60 Motive entstanden, die in den Straßen und Parkanlagen, rund um das Haus der Berliner Festspiele,  verbreitet worden.

Camp #17 – Das Forum verabschiedet sich mit Fragen an die Zukunft des Theaters

Die zwei Wochen Theatertreffen sind vorbei, das Internationale Forum verabschiedet sich mit Fragen zur Zukunft des Theaters.

Uwe Gössel, Leiter des Internationalen Forums 2014, resümmiert, worüber die Stipendiaten diskutierten.

Die CAMP#-Videos sind eine Clip-Serie von Hannah Dörr, in der die Stipendiaten des Internationalen Forums unterschiedliche Perspektiven auf das Theatertreffen vorstellen: über Inszenierungen, ihre eigene Arbeit und darüber hinaus.

 

Das Theatertreffen – ein Ort der Debatte? Interview mit Thomas Oberender und Yvonne Büdenhölzer

Am Montag, den 12. Mai, begrüßte der Intendant der Berliner Festspiele Thomas Oberender das TT-Blog-Orchester mit Yvonne Büdenhölzer, Leiterin des Theatertreffens, in seinem Büro. Es gab Schokolade, Kaffee und jede Menge Gesprächsstoff. Das Twitter-Experiment, die Plagiatsaffäre und die Platel-Intervention hatten für Trubel gesorgt, und neben diesen eher unerwarteten Vorfällen wurde auch noch einmal die Festivalstruktur an sich thematisiert.

Am Vorabend des Interviews hatte es eine Intervention nach Alain Platels „tauberbach“ gegeben. (Lesen Sie auch unseren Bericht, Alain Platels Stellungnahme und die Antwort der Aktivisten darauf.) Da Thomas Oberender in einer kleinen Vorrede zu unserem Gespräch hervorhob, dass das Theatertreffen ein „Ort der Debatte“ sei, hakte TT-Bloggerin Hannah Wiemer direkt nach.

Hannah Wiemer: Frau Büdenhölzer, Herr Oberender, was sagen Sie zur gestrigen Intervention und dem Publikumsgespräch?
Yvonne Büdenhölzer: Mir ist es wichtig in einem Festival wie dem Theatertreffen Raum für solche Debatten zuzulassen. 2012 war es der Protest der Ernst Busch-Studierenden, die wir am Eröffnungsabend auf die Bühne gelassen haben, um ein Statement formulieren zu können. Über das ganze Festival haben sie hier im Haus für ihre Schule gekämpft. Im vorigen Jahr war es die Blackfacing-Debatte, die wir nach dem Festival in einer Diskussionsrunde verhandelt haben. Und jetzt ist es dieser Meinungsaustausch.

Thomas Oberender: Leider kann ich zu dem Publikumsgespräch gestern Abend nicht viel sagen, da ich in einer anderen Veranstaltung war. Aus einer übergeordneten Sicht denke ich, dass wir in einer Kultur leben, die zunehmend ohne reflektierende Distanz auf Ereignisse reagiert und eine Tyrannei des Gefühls erzeugt. Im Sinne eines unmittelbaren Echos der Echtzeitreaktion und -medien. Die berühmte Nacht, die man noch mal drüber schläft, gibt es nicht mehr. Kaum ist der Vorhang der Bühne zu, lese ich in Twitter oder auf nachtkritik.de wie die Vorstellung war. Diese Tyrannei des Tempos und der Subjektivität verändert auch das Verhältnis von Gegenwart und Erinnerung – irgendwann, könnte ich mir vorstellen, leben wir nur noch in einer gigantischen Echtzeitwolke, aber wer weiß. So eine rabiate Reaktion wie bei der Publikumsdiskussion gestern, die von den moralischen Protestprofis aus dem Ballhaus Naunynstraße sehr undemokratisch gekidnappt worden ist, wirkt da geradezu altmodisch. Oder vielleicht auch nicht. Ich habe das Gefühl, dass bei solchen Diskussionen schnell sehr viel Aggression, sehr viel Verletzungsbereitschaft und sehr viel Unduldsamkeit gegen jede Situation von Hegemonie mit im Raum ist. Plötzlich wird ein erfolgreicher Künstler wie Alain Platel, der seinerseits mit Künstlern, Stoffen und Sprachen derer arbeitet, die am Rand stehen, die behindert oder ausgegrenzt sind, von Extremisten angegriffen, die ihn als den Inbegriff des Establishments angreifen. Ich finde ein solches Publikumsgespräch aus diesen Gründen schon rein phänomenologisch interessant. Aber es liegt in der Art dieser gefühlstyrannischen Debatte, dass sie kaum noch Reflexionen leistet. Hier soll jemand, den man mit der „Macht“ identifiziert, ethisch kaltgestellt werden, wobei fast egal ist, ob die Fakten der Vorwürfe stimmen oder nicht. Dass in zwei Inszenierungen eines Stoffes Lumpen auf der Bühne liegen, bedeutet nichts. Die Inszenierungen selber sind fundamental verschieden in Haltung und Stil. Stoffe erfindet man nicht, sondern man findet sie. Und es können durchaus mehrere Leute einen Stoff finden, aufgreifen und aufführen. Der Rest ist Propaganda.

Nathalie Frank: Sie führen die Echtzeitreaktion auch auf die Folgen der Digitalisierung und des Internets zurück, wenn Sie zum Beispiel über nachtkritik.de sprechen. In der Eröffnungsrede zum Theatertreffen haben Sie aber vom Theater „als neuem Leitmedium eines neuen Zeitalters, an dessen Morgendämmerung wir stehen“, gesprochen. Wie ist das zu verstehen?
TO
: Meine These vom Theater als künftigem Leitmedium beruht sehr verkürzt auf folgender Annahme: Der Kapitalismus hat in seiner Geschichte unterschiedliche Dinge ausgebeutet. Zu allererst die natürlichen Ressourcen, Kohle, Öl, Gold, dann die körperliche Arbeitskraft bis hin zur Dienstleistung. Nach dem Geschäft mit der Hardware begann die Ausbeutung der Intelligenz, man ließ die „Software“ arbeiten. Es folgt die „Wetwear“ als Quell der Ausbeutung – das Feuchte, Körperliche ist das nächste große Ding, die Entzifferung der Gene. Und ich glaube, was jetzt kommt, ist die Realität selbst. Das Verwirtschaften der Wirklichkeit als Produkt ist das, woran momentan die komplette Intelligenz der Welt arbeitet. Genau das ist das Urthema des Theaters: Es stellt die Frage nach der Realität und hat auch eine sehr besondere Technologie entwickelt, wie man sie erzeugt, simuliert, steuert, beherrscht, ausbeutet, verwandelt -wie Sie wollen. Wie unwirklich Realität oder wie irreal Realität auf der Bühne ist, steckt in jeder Form von Theater. Sie wird immer unwirklicher je authentischer sie sein möchte. Das Verbergen einer Realität erzeugt eine Realität. Kultur im Allgemeinen lebt immer von einer Form ästhetischen Faltenwurfs. Man muss etwas über die Dinge legen, damit man eine autonome Form erhält. Und in dieser Form wird artikuliert, was man über diese Welt sagen kann. Es ist aber nicht die Sprache der Welt selbst. Und diese sehr vermittelte Form von Realität, die für die Welt steht und selbst eine Welt ist, das ist der Stoff der Kunst und speziell des Theaters. Ich glaube, dass, wenn wir in eine Welt hineinwachsen, in der unsere soziale und physische Realität zum Produkt, zur Ressource wird, zum nächsten großen Rohstoff, dann ist es das Theater, was da wieder sehr interessant wird. Künstler sind Antennen, die solche Prozesse als erste artikulieren. Noch bevor die NSA dieses Netz gebaut hat, haben Künstler darauf reagiert. In trivialer Form, in Science-Fiction oder in sonst etwas; in der Entwicklung anderer Produktionsformen, in anderer Art und Weise wie Kunst gemacht wird oder womit sich Kunst beschäftigt, was überhaupt Kunst ist. Und das ist auch in so einem Festival spürbar.

Nathalie Frank: Aber wie gehen Sie mit dem Widerspruch um, dass Theater das Leitmedium sein soll, aber nur fünf Prozent der Bevölkerung ins Theater geht? Das Theatertreffen selbst scheint nur Leute anzuziehen, die sich eh für das Theater interessieren.
TO:
Fünf Prozent sind ja schon viel. Bei den alten Griechen wurde man dafür bezahlt, dass man ins Theater geht. Aber seit das nicht mehr so ist, sind 5 Prozent historisch betrachtet nicht schlecht. Der Deutsche Bühnenverein behauptet, dass statistisch mehr Menschen ins Theater gehen als in Fußballstadien.

YB: Wir spüren, dass unser Publikum nicht voller Theaterdebütanten ist, sondern dass es sich auskennt. Ich empfinde das als ein Privileg. Das Publikum hier weiß meist genau, was es wählt, und was es bedeutet, wenn „Wiener Burgtheater“ auf der Karte steht. Hier verirrt sich kaum jemand hin, der sagt: „Ich will heute mal ins Theater gehen, also gehe ich doch zum Theatertreffen.“ Wir haben ein Stammpublikum, das immer wieder kommt. Unsere Zuschauer haben viel gesehen, das ist großartig und für ein derartiges Festivals auch unheimlich wertvoll.

David Winterberg: Aber ist das nicht genau das Problem? Wäre eine Durchmischung des Publikums nicht interessanter und sind die Schritte, die das Theatertreffen in Richtung Internet geht, nicht sogar zentral dafür?
YB:
Das ist wirklich ein Thema, das uns interessiert. Zum Beispiel haben wir als Berliner Festspiele mit der Bundeszentrale für politische Bildung die „Netzkultur“-Konferenz veranstaltet. Unser diesjähriges Live-Twitter-Experiment bei Castorfs „Reise ans Ende der Nacht“ wurde allerdings im Allgemeinen als gescheitert und langweilig empfunden. Es fehlte in der Meinung vieler der Mehrwert. Trotzdem finden wir es unglaublich wichtig Experimente einzugehen und das Theater dahingehend weiter zu öffnen.

Bianca Praetorius: Ich glaube, die Frage lautet, auf welchen Ebenen es langweilig war. Beim Nachlesen kann ich die Kritik des fehlenden Mehrwerts verstehen, denn es wird keine Literatur verfasst. Aber als Twitterer erlebe ich einen völlig anderen Theaterabend. Ich werde nie ganz von Bühnengeschehen eingesaugt, da ich die ganze Zeit das Geschehen dokumentiere oder kommentiere. Gleichzeitig habe ich einen sehr intensiven Abend gehabt, weil ich das Gefühl hatte, ich habe diesen Abend mit diesen 15 Leuten erlebt. Ich konnte ihre Gedanken und Impulse die ganze Vorstellung über mitlesen. Die individuelle Seherfahrung wird zu einer kollektiven. Außerdem baut die virtuelle Unterhaltung während der Aufführung Hemmschwellen ab. Es fällt mir leichter, im Moment der Irritation nachzufragen, was auf der Bühne gerade passiert, als später im Foyer zuzugeben, dass ich etwas nicht verstanden habe.

TO: Hier möchte ich mal kurz intervenieren: Wäre es dann nicht klüger, den Mund zu halten? Und sich das Geschehen auf der Bühne lieber noch wenig länger anzuhören, vielleicht verstehe ich dann die Sache besser. Das meinte ich vorhin mit dieser Tyrannei der Echtzeit. Ich will das Twittern dieses Jahr während des Theatertreffens lernen und ausprobieren. Aber ich habe zugleich Angst, dass mich das auffrisst und mich ständig in Parallelgespräche verwickelt. Ihnen hilft das ja scheinbar. Ich bin mir da für meine Natur etwas unsicher. In so einer Situation, also während einer Theateraufführung. Bei anderen Sachen: Ai Wei Wei ist vor meinen Augen in ein Taxi gezerrt worden! Aber ist es im Theater nicht klüger, den Mund zu halten und die Vorgänge genau zu beobachten, anstatt zu twittern?

BP: Da würde ich widersprechen. Aber es gibt heute ja noch ein anderes brisantes Thema: Was sagen Sie zu den Vorwürfen gegen die Jurorin Daniele Muscionico in der Plagiatsaffäre?
TO: Wie man so sagt: Was ich dazu zu sagen habe, steht auf der Website.

Wir gaben uns damit zufrieden, nicht ahnend, dass kurze Zeit später der zweite Plagiatsfall öffentlich gemacht werden würde.
Nach einem Austausch, wie man die Petition von Jörg Albrecht besonders unterstützen könnte (sehen Sie hier unseren Beitrag, Jörg Albrecht ist inzwischen auf freien Fuß), verließen wir das Büro.

Die Berliner Zeitung ist Partner des Theatertreffen-Blogs.

Camp #16 – Darío Lopérfido über das Theatertreffen, das deutsche Theater und das Programm "Be my guest"

Darío Lopérfido spricht mit den Stipendiatinnen Sofia Wilhelmi und Ariadna Rubio Lleo des Internationalen Forums 2014 über das Theatertreffen, das deutsche Theater und warum er „Fegefeuer in Ingolstadt” (Inszenierung Susanne Kennedy, Münchner Kammerspiele) innerhalb des „Be my guest”-Programms für das FIBA Festival in Buenos Aires ausgewählt hat.

„Be my guest”
Das Goethe-Institut und das Theatertreffen starteten dieses Jahr ein Austauschprogramm mit einem ausländischen Festivalveranstalter (dieses Jahr Darío Lopérfido, künstlerischer Leiter des FIBA Festival Internacional de Buenos Aires in Argentinien), der seine Eindrücke vom deutschen Theater und dem Theatertreffen schilderte und eine der zehn bemerkenswerten Inszenierungen auswählte, um diese dann auf seinem Festival zu präsentieren.

Kaspar Hauser. Die kleinen Bürger und der Fremdling, kommentiert von einem freiheitsliebendes Pferd

„Die Geschichte von Kaspar Hauser”
Regie und Bühne: Alvis Hermanis
Premiere: 16. Februar 2013 am Schauspielhaus Zürich
Handlung: ein hilfloser Gulliver landet bei den Biedermeiers und damit kommt keiner klar
Anzahl der Klaviere: 4
Rekordverdächtig: Die meisten Kinder spielen gerne mit Puppen, aber diese hier spielen selbst die Puppen.

90 Minuten Märchen- und Traumwelt. Der Eintritt in diese Welt beginnt mit einem Weg durch einen schmalen Gang zur Zuschauertribüne auf der Hinterbühne, auf der links rechts und rechts links ist. Das sorgt für Verwirrung beim Finden des Sitzplatzes, macht aber auch gleich spürbar deutlich, dass hier andere Regeln gelten. Hier scheint es normal, dass auf der Bühne vier Klaviere und ein weißes Pferd stehen. Wenn nacheinander von rechts und links sechs Schwarzgekleidete die Bühne betreten, schaut das Pferd, im Scheinwerferlicht leicht nervös, hin und her wie bei einem Tennisspiel. Die Darsteller und Darstellerinnen setzen große schwarze Hüte mit Gesichtsschleier auf und verwandeln sich so vor aller Augen in Nicht-Figuren, in schwarze Schatten. Sie fungieren als Erzählerinnen, Pianisten und vor allem als Puppenspielerinnen, die die Protagonisten – gespielt von Kindern in Biedermeierkostümen und mit grauhaarigen Frisuren – führen und ihnen ihre Stimmen leihen. Die von den schwarzen Schatten geführten Kinder mit ihren künstlich überzeichneten Erwachsenengesten und -stimmen, bilden einen vielschichtigen Assoziationsraum. Wie sich die Kinder der Führung überlassen, ist – bei aller Putzigkeit – ein befremdlicher und rührender Anblick. Man kann sich gut vorstellen, dass es für die jungen Bühnenlaien eine dankbare Hilfe ist, in jeder Geste und jedem Schritt geleitet zu werden. Andererseits werden die Kinderkörper, klein und folgsam, hier als ästhetisches Mittel für eine Puppenstubeninszenierung eingesetzt. Es ist ein kraftvolles Bild, das davon erzählt, wie Kinder Rollen als hohle Gesten einüben, ambivalenter Zwang und Hilfestellung gleichzeitig, wie das Zusammenleben von unsichtbaren, aber wirkmächtigen Schatten bestimmt wird. Das Spiel erinnert mich an Kinder, die mit altklugen Gesten und von den Eltern originalgetreu kopierten Körperhaltungen oder Formulierungen ganze Festgesellschaften unterhalten können. Das ist lustig und irgendwie gruselig. Führt uns diese Parodie vor, wie genormt wir uns selbst verhalten, während wir uns frei und individuell fühlen?

Kaspar Hauser wird weder von einem Kind verkörpert noch von schwarzen Schatten geführt. Jirka Zett spielt ihn als unsicher tapsenden Riesen und hilflos leidenden Fremdling, der allein durch seine Körpergröße so gar nicht in die auf Kindergröße zugeschnittene Puppenstube der Biedermeiers hineinpassen will. Trotzdem geht, wie durch ein Wunder, noch nicht einmal Porzellan zu Bruch bei dem Versuch der Bürger, Kaspar Hauser für ihre Art von Leben tauglich zu machen. Der Fremdling und seine Lernprozesse sind für die philosophisch gebildeten Bürger „ein sehr interessanter Fall“. Sie wollen Kaspar Hauser zunächst erforschen und seine Seele retten, bis sie den Fremdling am Ende umbringen – Kolonialgeschichte in der eigenen Puppenstube. Kaspar wird für sie zur Folie, vor der sie versuchen, sich der eigenen Fortschrittlichkeit und Aufgeklärtheit zu vergewissern. Es gibt aber auch die ganz kleinen Momente, in denen ihre enge Welt ins Wanken gerät und die Selbstvergewisserung am „wilden” Forschungsobjekt nach hinten losgeht. Nämlich dann, wenn das Objekt auf einmal eigene Gedanken äußert. Wenn Kaspar so irritierende Fragen stellt wie „Warum ist der Himmel ein Loch?“, „Wer hat die Blätter an den Baum gehängt?“ oder „Warum ist das Leben traurig?“, zweifeln die Bürger doch an ihren fertigen Antworten. Sie schwanken in ihren Reaktionen zwischen Vorwurf „Du bringst mich noch ganz durcheinander, Kaspar!“ und melancholischem Seufzen „Weißt du, das ist doch unser Zuhause…“ und scheinen zu ahnen, dass sie nicht weniger im Dunkeln tappen als Kaspar.

Die Momente der echten Irritation durch die Konfrontation mit einem ganz anderen Leben sind aber nur von kurzer Dauer. Am Ende stößt die Gesellschaft Kaspar als Betrüger aus und vergräbt ihn wieder in dem Sandkasten, aus dem er zu Beginn von einem kleinwüchsigen Menschen ausgegraben wurde. Diese seltsame Gestalt, fürsorglich und bedrohlich, gespielt von Roland Hofer, geistert nur sichtbar für Kaspar und das Publikum, nicht aber für die anderen Figuren, als Teil von Kaspars Albträumen über die Bühne.

Aber zurück zum Pferd. Ihm gelingt, zumindest kurzzeitig, gleich zu Anfang etwas, das weder Kaspar Hauser noch die Gesellschaft der kleinen Bürger schaffen: mit einem geschickten Schwung der Hufe löst es den Strick, mit dem es angebunden ist, aus der Verankerung am Bühnenboden. Aber was eine symbolische Geste hätte sein können, oder – am Ende des Stücks platziert – eine allzu platte Moral von der Geschicht, war offensichtlich nur ein Versehen und so wird das Pferd nach einem kurzen Moment der Verwirrung auch gleich wieder angebunden. Im Verlauf des Stücks versucht es sich noch ein paar Mal vergeblich an dem Befreiungsmove, der beim ersten Mal so erfolgreich war. Damit weist uns das Pferd als stummer Kommentator am Bühnenrand immer mal wieder in überdeutlicher Bildsprache darauf hin, dass hier gerade nichts Geringeres verhandelt wird als der jahrhundertealte philosophische Streit zwischen Natur und Zivilisation. Was ist das eigentliche Gefängnis? Die Dunkelheit des Nichtwissens und der Sprachlosigkeit, aus der Kaspar Hauser ausgebuddelt wurde? Oder die Zivilisation, die schon die Kinder zu Greisen macht und ein süßes Pferdchen an kurzer Leine hält?

Das Stück endet mit einem Streichkonzert der kleinen Bürger, dieses eine Mal ohne Puppenführer. Sie gehen nach Kaspars Tod zur Tagesordnung über. Ein rührendes, eindrückliches, ambivalentes Schlussbild: Die Kinder spielen diese Musik, passabel zwar, aber mit vielen schiefen Tönen, den komplexen Regeln der Musik folgend so gut sie können, mit sichtlichem Enthusiasmus. Ich sehe die greisen Kinder, die offensichtlich viel geübt haben, an ihren Instrumenten und für ihre beeindruckend virtuos gespielten Rollen als lebendige Puppen in diesem Stück, die alles richtig machen wollen, so angepasst folgsam. Gleichzeitig spielen sie jetzt selber, selbstbewusst, mit ihren ganz eigenen Bewegungen. Das klingt wie erste Gehversuche, die strenge Form des Mozartstücks dabei als Geländer nutzend, um in der Musik und im Zusammenspiel auch etwas Eigenes zu finden.

Foto: Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Die Berliner Zeitung ist Partner des Theatertreffen-Blogs.

Der Autor ist tot, es lebe die Autorschaft! – Ein Kommentar zum diesjährigen „Stückemarkt"

Der Idee eines erweiterten Begriffs von Autorschaft folgend, hat sich der diesjährige Stückemarkt beim Theatertreffen der Berliner Festspiele nun von seinem bisherigen Modell der Autorennachwuchsförderung verabschiedet. Drei sogenannte „Paten” – Katie Mitchell, Signa Köstler und Simon Stephens – haben stattdessen jeweils einen Theaterkünstler für den Stückemarkt nominiert, der in ihren Augen für ein anderes Autorenverständnis steht und der, so die öffentliche Erklärung des Stückemarkts, „neue Formen von theatraler Sprache und außergewöhnliche performative Erzählweisen” entwickelt. So will das Theatertreffen aktuelle Tendenzen der Theaterlandschaft abbilden und fördern, die sich von rein textbasierten Inszenierungen wegbewegen und entweder kollektivere Prozesse von Stoffentwicklungen ausprobieren oder auch performative und interdisziplinäre künstlerische Ansätze verfolgen.

Die Regisseurin Katie Mitchell hat sich in diesem Auswahlverfahren mit folgender Begründung für Miet Warlop entschieden: „Ihr Gefühl für Spannung und dramatisches Timing ist vollendet und die Arbeit ist auf dunkel-ironische Weise sehr komisch. (…) Ich habe mich wegen ihrer Beherrschung der theatralen Mittel und ihrer einzigartigen visuellen Handschrift für sie entschieden, aber auch weil ihre Produktionen ein klares Potential für das zukünftige Gesamtwerk versprechen.“ Miet Warlops Inszenierung „Mystery Magnet” erscheint wie ein knallbunter Reigen visueller und pyrotechnischer Effekte: seltsame Wesen mit Wischmobfrisuren betreten den Raum und tackern sich gegenseitig an das Bühnenbild. Blaues und violettes Kunstblut fließt in Strömen. Ein dicklicher Mann verschwindet irgendwann ganz unvermittelt in einer Wand und bleibt reglos darin hängen. Riesige farbige Schaumfontänen spritzen aus kleinen Flaschen in die Höhe. Rauch steigt auf. „Mystery Magnet” kommt ganz ohne Text aus und macht dabei den Eindruck einer wirkungsvollen Showeinlage bei einem Kindergeburtstag. Der Abend ist unterhaltsam und visuell überzeugend, aber auch irritierend inhaltsleer. Hinter der exzessiven Farb- und Kostümschlacht lässt sich kaum wirklich eine tiefergehende Auseinandersetzung, geschweige denn mit irgendeinem politisch oder gesellschaftlich relevanten Thema, ausmachen. Die sich Effekt für Effekt entfaltende surreale und poppige Märchenwelt kippt zwar irgendwann ins Düstere, Brutale, wird aber letztlich doch durch ein schräge Töne spuckendes, fröhliches Tonbüsten-Ensemble wieder ins Niedliche und Harmlose zurückgeholt. Eine besondere „visuelle Handschrift”, vielleicht. Aber ansonsten? Viel, die eigenen Mittel feiernder, Ästhetizismus und Lärm um nichts.

Simon Stephens hat sich in seiner Recherche für den Performancekünstler und Autor Chris Thorpe entschieden und begründet dies so: „Er ist ein Autor, der das komplizierte Chaos der menschlichen Existenz versteht. Dieses Verständnis zwingt ihn zur Ehrlichkeit. Aber es lässt ihn niemals zum Richter werden. (…) Seine Texte entsprechen nicht dem traditionellen Verhältnis zwischen Stück und Inszenierung. Er ist eher Theatermacher als Dramatiker.” „There has possibly been an incident” kann man Inhaltsleere keineswegs vorwerfen. Ganz im Gegenteil, bebt der Text nur so vor Inhalt und brennt sich, emphatisch vorgetragen von den drei Lesenden, allen voran von Chris Thorpe selbst, der all seine Energie in diesen Text legt, direkt in die Köpfe der Zuschauer. Die Lösung, den Text ohne szenische Bebilderung trocken, aber gesetzt und forciert in einer szenischen Lesung zu präsentieren, hat durchaus etwas Zwingendes. Auch ist der Text inhaltlich brisant: es geht um so wichtige Themen wie Terrorismus, die europäische Idee, um Macht und Widerstand. Erfreulich ist, dass Thorpe offensichtlich auch aufgrund seiner dezidierten Beschäftigung mit aktuellen, drängenden politischen Themenkomplexen ausgewählt wurde. Sprachlich und auch dramaturgisch ist der Text für mein Empfinden jedoch ein wenig zu schematisch angelegt. Fraglich ist daher, inwieweit hier tatsächlich ein Autor ausgewählt wurde, der eine neue, auch formal und sprachlich wagemutige Form in seinem Schreiben verfolgt.

Die dritte Wahl der Patin Signa Köstler fiel auf die Bühnenbildnerin Mona el Gammal, mit der sie bereits in gemeinsamen SIGNA-Projekten zusammengearbeitet hat: „Mona el Gammal arbeitet kompromisslos. Sie gestaltet Räume, die durch die Detailbesessenheit selbst im kleinsten Requisit real werden und für einen Moment an die Stelle der Wirklichkeit treten. Mona el Gammals „narrative spaces” sind weit vom konventionellen Bühnentheater entfernt, dennoch offenbaren sie viel über das Theater, besonders über das Zuschauersein.“ Die für mich überzeugendste Arbeit der drei Stückemarkt-Produktionen zeigt an, was vielleicht damit gemeint sein könnte, wenn man von einem neuen Verständnis von Autorschaft spricht. Nicht nur ist die Erarbeitung der Texte für „Haus//Nummer/Null” kollektiv entstanden, im Zusammenspiel zwischen Mona el Gammal und ihrem Co-Autor und Regisseur Juri Padel, sowie dem Sounddesigner und anderen Teammitgliedern. Auch offenbart das Konzept der „narrative spaces” eine spannende und herausfordernde Verlagerung der Autorschaft vom Text hin zum Raum, der Geschichten erzählt. Mona el Gammal beschreibt ihre sogenannten Zeit- und Rauminstallationen als Bücher, die der Zuschauer betritt und in denen er sich selbst eine Geschichte zusammensetzen kann. In „Haus//Nummer/Null” ist es die beklemmende Vision einer dystopischen Zukunft, in der ein privater Konzern die Weltherrschaft übernommen hat und die Menschen in all den Facetten ihres Lebens kontrolliert, ähnlich wie in den Romanen „1984” oder „Brave New World”. Dieser Stoff, den man in „Haus//Nummer/Null” ganz plastisch und unmittelbar erfahren und ertasten kann, ist in Zeiten von NSA-Skandal und ähnlichen Phänomenen hochaktuell und mahnt an, totalitäre Zeittendenzen zu erkennen und dagegen Widerstand zu leisten, statt solche Zustände einfach konformistisch und passiv hinzunehmen. Man darf auf Gammals zukünftige Projekte gespannt sein. Ihre Arbeitsweise und die inhaltliche Brisanz bei “Haus//Nummer/Null” ist jedenfalls sehr vielversprechend.

Ich freue mich darüber, dass solche neuen, auch formal experimentierfreudigen Theaterformen wie „Haus//Nummer/Null” beim Theatertreffen gezeigt werden und Raum und Öffentlichkeit bekommen. Fraglich bleibt für mich jedoch, ob dies unter der Rubrik des bisherigen Stückemarktes seinen richtigen Platz hat. Solche Projekte gehen zwar mit einem neuen Verständnis von Autorschaft einher, sie haben jedoch nur wenig noch mit der ursprünglichen Idee zu tun, junge talentierte Dramatiker und ihre Stücke zu fördern und zu unterstützen; das Label “Stückemarkt” scheint hier schlichtweg falsch gewählt. Gerade eben weil sich die Theaterlandschaft so vehement neuen, kollektiven Formen von Autorschaft und performativen Produktionsweisen öffnet, halte ich es für wichtig, dass demgegenüber auch der individuelle Dramatikertypus weiterhin gefördert wird, da sprachlich eigenwillige dramatische Texte und Theatersprachen nachwievor prominente Foren brauchen. Die Kraft eines guten dramatischen und gern auch postdramatischen Textes ist schlichtweg unersetzlich. Das eine tun und das andere nicht lassen, sollte daher hierzu tatsächlich die Devise sein. Das Theatertreffen wäre, so meine Einschätzung, gut beraten damit, auch diese individuelle Form von Autorschaft zukünftig weiterhin zu fördern, will man sich daran beteiligen, die Vielfalt und den Reichtum der deutschen Theaterlandschaft zu erhalten. Wichtig finde ich es zudem für so ein Forum wie den Stückemarkt, dass zurückgekehrt wird zu einem offenen Bewerbungsverfahren, da man bei einem solch exklusiven Auswahlverfahren durch Paten wie in diesem Jahr zu vielen jungen Dramatikern die Chance nimmt, sich mit einem starken Text bewerben und letztlich öffentlich präsentieren zu können.

Vielleicht wäre es auch eine Möglichkeit, dass man den Stückemarkt in seiner voherigen Form wiederbelebt und hier vor allem auf eigenwillige und experimentelle dramatische Positionen von Autoren beziehungsweise Autorenteams Wert legt und solche Produktionen, wie sie beim diesjährigen Stückemarkt gezeigt wurden, entweder in einer eigenen Rubrik für junge experimentelle performative Formate – ähnlich dem Young Director`s Project bei den Salzburger Festspielen – präsentiert, oder sie gleich ganz in das zentrale Programm des Theatertreffens, in die Auswahl, aufnimmt. Letzteres wäre ein mutiger Schritt für das Theatertreffen und würde verhindern, dass performative Theaterformen oder installative Projekte zum wenig beachteten Nebenprogramm des Festivals verkommen. Ich halte insgesamt ein neues, nicht-hierarchisches Verständnis von Autorschaft definitiv für verfolgens- und unterstützenswert, weil es das Denken erweitert und öffnet. Die Pluralität der Theaterlandschaft – also auch die Förderung starker individueller Autorenstimmen und -positionen – statt des alleinigen Fokus auf performative, kollektive Theaterformen sollte dennoch in jedem Fall weiterhin das Ziel sein!

Foto: Piero Chiussi

Die Berliner Zeitung ist Partner des Theatertreffen-Blogs.