Was zur Hölle, Publikum!

Was zur Hölle, Publikum!

„die unverheiratete“ von Ewald Palmetshofer titelt der Spielplan. Was gezeigt wurde, ist die eine, was im Anschluss an die Inszenierung diskutiert wurde, die andere bemerkenswerte Form an diesem Abend.
Es ist gang und gäbe, dass im Anschluss an die Inszenierung die Beteiligten der Produktion Rede und Antwort stehen. Der Foyer-Gedanke ist so alt wie das Theater selbst, und all zu oft wird die Begegnung zwischen Menschen als hauptsächlicher Legitimationsgrund für die Theaterkunst ins Felde geführt. Selbstverständlich nicht die zwischen Schauspieler und Zuschauer, sondern die zwischen Zuschauer und Zuschauer. Die Diskussionskultur, der Austausch wird hochgehalten. Theater entfaltet in vielen Definitionen seine politische Kraft geradezu aus eben jener beiläufigen Begegnung im Foyer, jenem flaneurhaften Umherstreifen von Mittelstandsbürgern, auf das meine Eltern stets mit „Sekt und Sozialismus ging bei uns damals noch nicht zusammen“ reagieren. Das Internet heißt es dann aus allen Ecken, das Internet ist das neue Foyer, das Publikum, das wird ganz neu gedacht, Partizipation, schallt es von den Dächern. Und zusätzlich holen wir auch noch das Foyer auf die Bühne, mit Laien, mit den Geschichten von den Prekären werden wir uns rüsten, gegen jedweiligen Anflug von Elitarismus.
Und was war das jetzt, was ist passiert, dass plötzlich „Drecksau“ durch den Raum schallt, das Publikum den Kopf nicht schnell genug wenden kann, zwischen spontanen Applausattacken, wütenden Zwischenrufen von „Das ist eben Theater“ versus „Ich sehe das ja alles ein, aber es ist missraten“? Zeit-Online-Kommentatoren vor und auf der Bühne? Hilfe! Und: Theater, wann bist du falsch abgebogen und hast vergessen, die Leute mitzunehmen?

Eine gänzlich unvollständige Rekonstruktion der Debatte:

1. Warum verstehe ich Theaterstücke nicht mehr, ohne das Programmheft gelesen zu haben?
2. Warum soll das jetzt politisch gewesen sein?
3. Ich fühle mich ausgeschlossen.
4. Ich bin nur wegen des Frauenensembles hier.
5. Kann man etwas über Schuld und Täterschaft anhand einer individuellen Problematik festmachen?
6. Wessen Schuld wird hier überhaupt verhandelt?
7. Ist das euer Ernst: Ein politisches Stück. Auch noch über Nazis. Und es wird kein einziges Mal von den Verbrechen der Nationalsozialisten gesprochen?
8. Was soll diese Sprache und warum?
9. Was soll diese Musik und warum kommt darin Jesus vor?
10. Und das in einem Atemzug mit Thomas Bernhard?
11. Und das in einem Atemzug mit diesem rechten Politiker aus Österreich, von dem nicht mal der Musiker selbst weiß wie er heißt?
12. Wir machen hier doch kein GZSZ.
13. Ja, aber was macht ihr dann?
14. Wir wollen hier doch was versuchen!
15. Uff.

Und so weiter, und so weiter.
Deutlich wurde als Beobachter nur: Die Zuschauer verstehen nicht, was das Theater versucht, das Theater untersucht nicht, was der Zuschauer versteht. Es gab Bemühungen auf beiden Seiten, aber die Frage, die sich mir stellt:

Wann ist das Bewusstsein für eine Form von Theater, die sich nicht sofort erklärt, die sperrig ist, die vielleicht auch erst mal verschlossen wirkt, abhanden gekommen? Wo ist das Bewusstsein für die Kunst im Theater, die sich in einer eigenen Interpretation erschließt?

Man möchte schreien: Leute, ihr müsst nicht alles verstehen, darum geht es nicht!

Vermutlich hat eine Reihe von Deutschlehrern und Germanistikdozenten einen großen Teil dazu beigetragen, die Intention des Autors, des Regisseurs, der Schauspieler auf einen Sockel zu stellen, und alles, was unklar ist, als Schwäche oder Angriff auf die eigene Unwissenheit zu verstehen. Ich weiß nicht, wer es gesagt hat, aber die Tatsache, dass man nicht mehr zuhört, sondern nur noch überlegt, was man antworten kann, trifft in gewisser Weise auch auf das Theater – wie auf sein Publikum – zu.

 

Bild: Édouard Manet. „Music in the Tuileries“. Oil on canvas, 1862. National Galery, London