Traumatisches Theater

Sprachlos verlassen die Zuschauer den Theatersaal. Eine seltsame Bedrückung  liegt in der Luft. Einer sagt zu seiner Freundin: „Das mit dem Biertrinken können wir jetzt wohl vergessen.“  Dann schweigt er wieder. Beim anschließenden Publikumsgespräch wird klar: „Hate Radio“, das eine Radiosendung während des Genozids in Ruanda authentisch wiederaufführt, hat die Zuschauer zutiefst mitgenommen, traumatisiert.

Publikumsgespräch mit Hate Radio. Foto: Nadine Loës.

„Trauma“ ist so etwas wie die Allzweckwaffe im kulturwissenschaftlichen Diskurs, gern wird der Begriff hinzugezogen, wenn etwas irgendwie „unerklärbar“, wenn Ursache und Wirkung nicht kausal verbunden sind, wenn Symptome ohne Ursachen auftreten (ein Genozid ist so ein Symptom – die Ursache derartiger Gewaltexzesse ist „nachträglich“ nicht mehr nachzuvollziehen). Aber was ist ein „Trauma“ überhaupt? Den Medienwissenschaftlern Cathy Caruth und Thomas Elsaesser nach werden Traumata als Ereignisse betrachtet, welche die Kapazität der Psyche zur Reizverarbeitung übersteigen und nicht-assimiliert außerhalb der bewusst zugänglichen Psyche weiterexistieren. Nur mit Hilfe einer sinnstiftenden Narration können Traumata „nachträglich“ in die Psyche integriert, assimiliert und verarbeitet werden. Continue reading Traumatisches Theater