Wie reflektiert bist du? Ein Fragebogen.

Am 2. Mai, keinen Tag zu früh, setzt das Theatertreffen 2015 mit dem Themenkomplex Flucht, Asylpolitik, Heimat und Fremde seinen ersten inhaltlichen Schwerpunkt. In allen Debatten und Diskussionen kristallisiert sich schnell heraus: Es reicht nicht mehr, sich auf die eigene Unzulänglichkeit zu berufen.
Kunst kann nicht nur Fragen stellen, Kunst kann: __________
Die Frage nach gut oder schlecht, fair oder unfair, legal oder illegal ist eine, die konkret ist, ein Ja oder Nein verlangt. Keine Ausflüchte, keine Ausreden, kein Marketing-Sprech, das uns weismachen möchte, es gäbe für bestimmte Katastrophen Ursachen, die unvermeidbar sind.

Hier ein Versuch der Debatte „Say it loud, say it clear…!” im Rahmen des Focus Jury eine Form zu geben. 47 Fragen. Ein Thema. Eine Anhäufung von Schlagworten, vielleicht auch Phrasen. Was bleibt hängen, was geht unter? In einer Debatte, die um ihre eigene Unzulänglichkeit kreist – Wo siehst du dich?

Teilnehmer*innen der Debatte waren Barbara Burckhardt, Marianna Salzmann, Ahmed Sha, Nicolas Stemann, Samee Ullah. Alle Sätze sind so oder so ähnlich gefallen.

Bitte ankreuzen:

1) Wie viele Tote braucht das Theater, um seinen Gattungsbegriff ausweiten zu können?
Egal [   ]  700 [   ]
2) Kann Kunst Leben retten?
Ja [   ] Nein [   ]
3) Wir können die Menschen gerne aufklären, das dauert eine Minute.
Ja [   ] Nein [   ]
4) Ihr kommt hier nicht rein.
Ja [   ] Nein [   ]
5) Es gibt keine legalen Möglichkeiten und faktisch keine Alternativen.
Ja [   ] Nein [   ]
6) Der Bogen vom Mittelmeer bis zu uns ist nicht weit.
Ja [   ] Nein [   ]
7) Es gibt offensichtlich juristische Grauzonen, die ein Bürgermeister in Hamburg hat
Ja [   ] Nein [   ]
8) und die Politik in Berlin nicht.
Ja [   ] Nein [   ]
9) Bekennen wir uns zu den Menschenrechten?
Ja [   ] Nein [   ]
10) Ganz ehrlich.
Ja [   ] Nein [   ]
11) Das System gibt keine Antwort auf die Frage, ob wir alle gleich sind?
Ja [   ] Nein [   ]
12) Es gib kein einzelnes Schicksal – nur ein gemeinsames?
Ja [   ] Nein [   ]
13) Mögen wir Theater zu sehr, um uns seine Grenzen einzugestehen?
Ja [   ] Nein [   ]
14) Und immer wieder Repräsentationstheater?
Ja [   ] Nein [   ]
15) Ein blinder Fleck.
Ja [   ] Nein [   ]
16) Die Mittel, die wir haben, sind doch die der Sprache, die der Überforderung, die des Theaters
(Und, ja: Was sollen wir sonst machen?)
Ja [   ] Nein [   ]
17) Das Dilemma nicht lösen sondern zeigen.
Ja [   ] Nein [   ]
18) Ein Anfang
Ja [   ] Nein [   ]
Aber
19) Theaterimmanente Probleme behandeln.
Ja [   ] Nein [   ]
20) …in bester Brechtscher Tradition?
Ja [   ] Nein [   ]
21) Wir zeigen ein Scheitern, also sind wir gescheitert?
Ja [   ] Nein [   ]
22) Soll ich auf der Bühne etwas lösen, was in der Gesellschaft scheitert?
Ja [  ] Nein [  ]
23) Also zeigen wir unser Stück in dem Zustand, in dem es das Europäische Ausländergesetz zulässt:
Ohne Schauspieler?
Ja [   ] Nein [   ]
24) Neuer deutscher Realismus?
Ja [   ] Nein [   ]
25) Postrevolutionsgefühle?
Ja [   ] Nein [   ]
26) Theater ist Aktivismus?
Ja [   ] Nein [   ]
27) Big Surprise: Das gilt nur für Weiße.
Ja [   ] Nein [   ]
28) Politisch ist im Theater vor allem seine eigene Unzulänglichkeit zu reflektieren?
Ja [   ] Nein [   ]
29) Wir reflektieren uns zu Tode?
Ja [   ] Nein [   ]
30) We need to talk?
Ja [   ] Nein [   ]
31)Redet Theater zu gerne über sich selbst?
Ja [   ] Nein [   ]
32) Die Diskussionen, die führen wir doch nicht wegen des Theaters, wegen der Projekte oder wegen der Bundesregierung?
Ja [   ] Nein [   ]
33) Die Diskussionen führen wir, weil ihr uns an eure Stimme erinnert habt?
Ja [   ] Nein [   ]
34) Refugee-Fundamentalismus?
Ja [   ] Nein [   ]
35) Die Entscheidungsträger sind die einzigen, die es sich leisten können darüber zu sprechen?
Ja [   ] Nein [   ]
36) Die Grundlage für diese Absonderung ist Rassismus?
Ja [   ] Nein [   ]
37) Ich würde gerne eine Lanze brechen für Theater?
Ja [   ] Nein [   ]
38) Entscheidungen fällt man nicht mehr nach rein ästhetischen Kriterien?
Ja [   ] Nein [   ]
39) Kunst darf eben alles?
Ja [   ] Nein [   ]
40) Ich habe mich nach Autonomie von Kunst zurückgesehnt?
Ja [   ] Nein [   ]
41) Irgendwann verliert die Kunst die Kraft, wenn sie sich nur engagiert?
Ja [   ] Nein [   ]
41) Wenn wir das Kunst nennen müssen, dann nennen wir das Kunst?
Ja [   ] Nein [   ]
42) Die Kunst ist vielleicht, wenn wir die Leute richtig bezahlen?
Ja [   ] Nein [   ]
43) We will make it a movement?
Ja [   ] Nein [   ]
44) Leiht den Menschen eure Bühnen, nicht eure Stimmen?
Ja [   ] Nein [   ]
45) Es geht, es ist gar nicht so schwer?
Ja [   ] Nein [   ]
46) Ich bin hier angekommen und dachte Theater muss raus gehen.
Ja [   ] Nein [   ]
47) Aber Theater muss rein lassen.
Ja [   ] Nein [   ]

Das Schönste ist
Der Zynismus verfliegt
ein wenig.

 

 

Rasterfahndung

Stichtag 9. Mai 2011: Beim heutigen Zensus wird Deutschland durch den Fragebogen gedreht. Auch im Theater versucht man sich bei Publikumsumfragen in der Kunst der richtigen Kästchenwahl, in der tt-Jury hingegen hatte ein Kritikerfragebogen keine Chance. Wie berechenbar sollen Welt und Theater sein?

Ein Fragebogen hat ja im Grunde etwas Dankbares: Die Fragen lassen sich prinzipiell immer beantworten. Und so endet das Ausfüllen meist mit dem guten Gefühl, der Welt beigekommen zu sein. 82 Millionen Deutsche, 400 Theaterinszenierungen pro Jahr – wie könnte man sonst bloß Ordnung in diese Überfülle bringen?

Im Herbst 2010 stand auch der Theatertreffen-Leitung der Sinn nach letztbegründbarer Struktur: Sie überreichte ihrer Jury einen Fragebogen mit diversen Kategorien und Kriterien (zum Beispiel „zukunftsweisend“, „unkonventionell“, „den Zeitnerv treffend“) zur Bewertung von Inszenierungen. Die Anweisung „Sie müssen zum Schluss auf eine Gesamtzahl von insgesamt 16 Punkten kommen“ glich einer Aufgabe für Grundschüler; die Degradierung des Kritikers zum Beamten einer Berufsstolzverletzung. Die Jury tat das einzig Mögliche, um dem Theater nicht Unrecht zu tun: Statt Rasterfahndung nach den bemerkenswertesten Inszenierungen behielt sie ein Auge auf das, was durchs Raster fiel. Weil Theater noch immer dann am meisten interessiert, wenn es ausrastet, ob nun die Schauspieler auf der Bühne oder die eigene Wahrnehmung.

Natürlich macht es Sinn, zu wissen, wie viele Kindergärten, Schulen und Altersheime Deutschland in Zukunft braucht. Aber in der Berechenbarkeit der Welt, die ein Fragebogen vorgaukelt, liegt auch eine große Gefahr, denn der Fragebogen ist nicht unschuldig, sondern eine gezielte Suchmaschine. Er ist dem zufriedenen Konsumenten, dem staatsgetreuen Bürger, dem glücklichen Theaterbesucher auf der Spur. Continue reading Rasterfahndung