Zum hören: Die Zeit ist ein gieriger Totschläger – Robert Borgmanns „Onkel Wanja”

Der Text „Die Zeit ist ein gieriger Totschläger – Robert Borgmanns ,Onkel Wanja'” von Jannis Klasing, vorgelesen.

Das Theatertreffen-Blog 2014 versucht erstmals alle schriftlich verfassten Texte auch als Audiobeiträge zu präsentieren.
Den vorliegenden hat die Schauspielerin Sophie Weikert  freundlicherweise für uns eingelesen.

Das klägliche Restzucken toter Tiere – Susanne Kennedys „Fegefeuer in Ingolstadt"

Bevor das Stück beginnt, wird bereits das Bühnenbild auf den heruntergelassenen Eisernen Vorhang projiziert. Ein in der Tiefe perspektivisch kippender Raum in siffigem Pastellton kündigt drohendes Unheil an. Rechts neben einem lichtdurchfluteten Fenster: ein Kruzifix. Die Projektion beginnt zu flackern, wie in einem Horrorfilm. Als der Eiserne Vorhang sich hebt und das tatsächliche Bühnenbild freigibt, die ersten Gestalten den Raum bevölkern, setzt sich der unheimliche Eindruck fort: aufgezogenen Puppen oder Comicfiguren gleich scheinen sie in den Raum gestellt, bewegen sich künstlich und maschinell, mal verlangsamt, mal in zackigen, abgehackten Gesten. Die Stimmen kommen vom Band und werden von den Schauspielern tonlos synchron mitgesprochen. Jedes bisschen Leben, alles Menschliche scheint aus diesen Figuren entwichen.

Die Textvorlage wird zergliedert in kurze Standbilder, die Geschichte von der ungewollten Schwangerschaft und der darauf folgenden Hetzjagd in der Provinz verdichtet sich zu einem düsteren Diavortrag aus der Hölle. Jede Szene wird harsch unterbrochen von einem Black, begleitet von bedrohlichem Brummen. Mal wird in einem einzigen Standbild bloß ein Lied gesungen oder ein Satz gesprochen, schon wird weitergeschaltet. Ab und zu ensteht ein Flirren, wenn sich über die Szenerie, leicht versetzt, das gleiche Bild als Projektion darüberlegt.

Die Szenen sind von unterkühlter Brutalität und Abgestumpftheit geprägt. Die künstlichen, hochgepitchten Stimmen und der stark verdichtete Fleißer-Text zeichnen ein nihilistisches Bild von einer Gemeinschaft, der jeglicher sozialer Zusammenhang und jede Empathie abhanden gekommen ist. Die Töchter Clementine (Anna Maria Sturm) und Olga (Çigdem Teke) beneiden einander, der Vater (Walter Hess) ist ein resignierter Schläger, Mutter Roelle (Heidy Forster) löffelt ihrem Sohn (Christian Löber) debil und, Gottesbeschwörungen murmelnd, das Essen in den Rachen. Gervasius (Edmund Telgenkämper) und Protasius (Marc Benjamin) – zwei tumbe Dorfproleten – haben es auf Roelle abgesehen und wollen ihn stumpf vernichten, weil er ihnen zu fremd ist. Die Regungen der Darsteller, ihr zwischenzeitliches Aufbäumen und Aufbegehren, erscheint wie das klägliche Restzucken toter Tiere.

„Fegefeuer in Ingolstadt“ von Susanne Kennedy überzeugt vor allem in seiner ästhetischen Entschiedenheit. Die hohe Künstlichkeit der Bühne, der Kostüme, vor allem aber die der Spielweise zeichnet insgesamt ein groteskes, beklemmendes Bild einer erkalteten und seelenlosen Gesellschaft und schafft darin einen ganz eigenen theatralen Kosmos, der entfernt an die Arbeiten von Ida Müller und Vegard Vinge erinnert, aber doch eine sehr eigenwillige Sprache und einen ungewohnten Rhythmus entwickelt. Die kalkulierte Kälte dieser Inszenierung macht schaudern. Doch die subtile Komik, die hier und da aufschimmert, und der stilsichere ästhetische Gestaltungswille, die konsequent eingesetzten Mittel, bringen das in der Inszenierung verhandelte Grauen in eine intensive Schwebe, die sehr viel Raum für Assoziationen lässt.

Felix Ewers hat sich grafisch mit der Inszenierung auseinandergesetzt. 

Die Berliner Zeitung ist Partner des Theatertreffen-Blogs.

Beitragsbild: Ostkreuz / Julian Röder

Die Zeit ist ein gieriger Totschläger – Robert Borgmanns „Onkel Wanja"

Robert Borgmanns Inszenierung von Anton Tschechows „Onkel Wanja” feierte am 5. Mai seine Theatertreffen-Premiere. Felix Ewers und Manuel Braun berichteten hiervon bereits in Form einer kurzen Zigarettenkritik, Felix Ewers fertigte zusätzliche eine Grafik an.  Jannis Klasing sah die zweite Aufführung, in der das Publikum buhte und viele Plätze nach der Pause frei blieben. Die Reaktionen im Zuschauerraum zeigten deutlich: diese Inszenierung bedarf genauerer Betrachtung.

Wie der Zeiger einer Uhr fährt ein weißer Volvo im Kreis immerzu in langsamem Tempo über die Bühne. Er misst die Zeit ab. Die Gutsgemeinschaft begrüßt sich. Man tauscht sich über den leidigen Alkohol aus, über die viele Arbeit und darüber, wie lange man sich schon kennt. Onkel Wanja (Peter Kurth) beneidet den Professor (Elmar Roloff) um seinen Erfolg bei den Frauen und um Elena (Sandra Gerling), die er selbst heiß begehrt. Der stotternde Telegin (Michael Stiller) bemitleidet sich selbst. Sonja (Katharina Knap) begehrt Astrov (Thomas Lawinky). Astrov begehrt Elena, sie lässt ihn abblitzen. Und so weiter. Allesamt gescheiterte Existenzen, die ihr verpfuschtes Leben beklagen und alle Verantwortung von sich weisen. Mal aufdringlich jammernd, mal lautstark, kraftvoll, zornig. Sonja buhlt um Astrovs Liebe. Der ist unbeeindruckt; er hat nur Elena im Kopf. Sonja und Elena versöhnen sich und tanzen sich in der anbrechenden Nacht trotzig den Schmerz von der Seele, jauchzen und lachen sich immer mehr in Ekstase, bis schließlich das Licht ausgeht und sie von der Dunkelheit verschluckt werden.

Bis zu diesem Ausbruch von Lebenshunger, dehnt sich die erlebte Zeit der Inszenierung gefühlt bis ins Unendliche. Konstant wummern Gitarrensounds, die den quälenden Rhythmus von angestauter Aggression vorantreiben, die ihr Ventil nur selten in kleinen Wutausbrüchen findet und ansonsten meist untergründig schwelt.

In der Pause etliche Buhrufe, viele Zuschauer verlassen wütend den Saal. Interessant wäre nun zu erfahren, wem oder was ihr Unmut gilt. Ich schaue dem Ganzen gern zu, bin eingenommen von der vibrierenden Atmosphäre, von dem lodernden, latent aggressiven aber stets sehnsüchtigen und intensiven Spiel der Darsteller.

Im zweiten Teil des Abends ist die Bühne fast leergefegt. Die Distanz zu den Figuren ist aufgehoben, man ist nun viel näher dran. In einem Zwiegespräch kämpft Sonja mit den Stimmen in ihrem Kopf. Die ersten verlassen das Gut, weil alles immer mehr zugrunde geht. Onkel Wanja spricht einen langen berührenden Monolog über Lebenslügen und seine unglückliche Ehe. Anschließend entflieht er, mit einem Regenschirm davon fliegend, dem Geschehen auf der Bühne. Sonja und Elena schmieden einen Plan, wie Sonja das Herz von Astrov erobern kann. Elena trifft auf Astrov, der – sturzbetrunken – einen riesigen Frosch in seinen Händen hält, welche selbst zu riesigen Froschpranken mutiert sind. Er besingt den allgemeinen Zerfall. Elena verhört ihn dafür in Sonjas Auftrag. Er wird Elena gegenüber zudringlich. Sie stößt ihn weg. Er will nun endgültig abreisen. Der Professor verkündet daraufhin, dass er das Gut verkaufen will. Onkel Wanja bekommt einen Wutausbruch und läuft Amok, erschießt einen nach dem anderen mit dem Gewehr. Wundersamerweise stehen alle wieder auf und verabschieden sich, umarmen einander.

Sonja bleibt allein zurück. Ein riesiges, grell leuchtendes Rad schwebt auf die Bühne, wird zur fliegenden Untertasse, steht unheilvoll und gleichzeitig prophetisch über ihr. Die unglücklich liebende Sonja spricht davon, dass im Jenseits alles besser werden wird, dass dann endlich Ruhe einkehrt, für immer.

Die langgedehnte raum- und zeitgreifende Erfahrung von Stillstand und Lethargie hat vor allem den Blick für das atmosphärische Geschehen auf der Bühne geöffnet, weniger für die Handlung oder einzelne Figuren. Die lodernde Sehnsucht und angespannte, gehemmte Aggressivität unterliegt dabei dem gesamten Abend. Ein herausforderndes Erlebnis, das vor allem den Schauspielern hoch anzurechnen ist. Sofern man sich darauf einlässt, auf diesen anstrengenden und aufreibenden Kraftakt, ist viel, vor allem sehr viel mehr als Langeweile, darin zu entdecken.

Beitragsbild/Rechte: Julian Röder

Die Berliner Zeitung ist Partner des Theatertreffen-Blogs.