Theater bleibt Theater: „Baal“

„Kunst braucht Geld“, sagte Theatertreffen-Juror Till Briegleb am Sonntagnachmittag bei der abschließenden Jurydiskussion, „ohne Geld kein gutes Theater.“ Über Sinn und vor allem Unsinn des zweiten Halbsatzes ließe sich streiten; Tatsache aber bleibt, dass finanziell wohlsituierte Kunst oft zumindest ungleich besser aussieht. Davon konnte man sich beim heißbegehrten Festival-Finale überzeugen, als für Frank Castorfs im Rechtsstreit mit den Brecht-Erben abgesetzter „Baal“-Inszenierung aus München der letzte (nicht vorhandene) Vorhang fiel. Viele Minuten liegt da Aleksandar Denić’ unglaubliche Drehbühne zunächst im Halbdunkeln, während vorne die Schauspieler Aurel Manthei, Franz Pätzold und Andrea Wenzl in einem verkasperten Prolog den „Baal“ des „Frank Bertolt Brecht“ ankündigen.

Wenn sich die Bühne dann endlich unter reichlich versprühtem Kunstnebel zu drehen beginnt und stolz ihre Preziosen wie in der Auslage eines Spielzeugladens für Erwachsene anbietet, gehen einem die Augen über: Auf mehreren Etagen türmt sich ein Vietnamkriegs- und Kolonialismus-Amalgam, zusammengesteckt wie ein Kartenhaus der Südostasien-Klischees. Ein echter Army-Hubschrauber mit Playboy-Logo, Feldzelte und Propaganda-Plakate erscheinen wie aus Hollywoods Trauma-Aufbereitung entliehen, es gibt eine Garküche und einen Gemüsestand, flackernde Neonreklamen, einen von Kerzen erleuchteten Salon im Kolonialstil und hoch oben den chinesischen, als Bordell fungierenden Pavillon, in dem die Opiumpfeife herumgereicht wird wie in den opulenten Freudenhäusern von Hsiao-hsien Hous Film „Flowers of Shanghai“. Von der erschlagenden Fülle an Eindrücken und wabernden Weihrauchschwaden etwas blümerant gemacht, möchte man sich diesem Fest für die Augen eigentlich bloß noch kapitulierend hingeben.

„Jetzt flieg doch endlich mal!“

Doch mit dem rein Genießerischen ist es bei Frank Castorf ja immer so eine Sache und „Baal“ bildet da keine Ausnahme. Bei aller visuellen Überwältigung bleibt stets ein stattlicher Rest an Verweigerung zurück, eine Absage an den reinen Räucherstäbchen-Budenzauber und das Sich-Verlieren im magischen Moment. Diese Bühne ist keineswegs ein heimlicher Hauptdarsteller, der noch viel größere Schauwerte in der Hinterhand hält, nur um diese irgendwann triumphierend auszuspielen. Auf den Moment des Überspringens in geradezu filmischen Realismus und rückstandslose Illusion kann man trotz der betörend sinnlichen Optik an diesem Abend lange warten. Stattdessen ist immer klar, dass es sich hierbei bloß um eine umwerfend schöne Kulisse handelt, die in herrlichster Verschwendung nach einer Stunde schon fast alles gezeigt hat, was sie aufbieten kann. „Jetzt flieg doch endlich mal!“, schreit Bibiana Beglau als bei Rimbaud entliehene „Höllengemahlin“ folgerichtig nach fast vier Stunden, während sie dem riesigen Hubschrauber mit den Fäusten wild auf die Nase hämmert. Nichts da. Alles nur Attrappe.

Strapazen, Fleisch und Branntwein

Castorfs den Urheber angeblich so verfälschender „Baal“ ist zumindest in diesem Sinne ganz nah bei Brecht: Zwar wird die gewaltige Bühne selbst zur Erzählerin, die ungebrochene Einfühlung und perfekte Illusion jedoch verweigert sie konsequent: „Das Theater bleibt Theater“, heißt es bei Brecht selbst. Den Zorn der Rechteinhaber wird sich der Regisseur allerdings auch eher an anderer Front zugezogen haben. Denn Castorf zieht die Daumenschrauben der Postdramatik von Artaud’scher Konfession selbstverständlich fester an als irgendeine andere der eingeladenen Inszenierungen dieses Theatertreffens. Brechts frühes Drama wird perforiert, gesprengt, neu zusammensetzt, unterwandert und von Fremdtexten zwischen Joseph Conrad und Ernst Jünger bis zur völligen Wüstung bombardiert. Dazu entfesselt Castorf sein irrsinnig heißlaufendes Sex-und-Gewalt-Theater der sonnenbebrillten Ganoven und teuflischen Weiber, das auch hier wieder überlebensgroß auf zwei Leinwände projiziert wird. Immer wieder gibt es dabei Großartiges zu bestaunen: Etwa eine tolle Bluescreen-Interpolation der Schauspieler in die surreale Szene auf der französischen Plantage aus „Apocalypse Now“, die tief ins finstere Herz des Kolonialismus führt. Ein Video, das die Darsteller beim freien Flug über Paris zeigt, reich geworden und blattvergoldet auf Kosten der Unterdrückten. Oder einfach Bibiana Beglau, als lauernde Spinne mit Pilotenbrille von einer Zimmerdecke herabhängend, wie wahrscheinlich nur sie das kann.

Der den Branntwein aus allen Poren schwitzende Baal (Aurel Manthei) wird in alledem zur Blaupause der Ausbeuter, Kriegführenden und Kolonialisten, der Egomanen, aber auch der verletzlich-eitlen Großkunstwerkler. Ein vor homoerotischem Verlangen überkochender Macho in Strapsen, der seinen Kumpanen Ekart (Franz Pätzold) kurzerhand auf dem Esstisch flachlegt, während die Umstehenden die Messer wetzen und Spanferkel und Genie-Filet gleichermaßen goutieren. Castorf lässt ihn im Laufe dieses famosen Abends etliche Wahlverwandtschaften schließen: Baal wird zum wahnsinnig gewordenen Colonel Kurtz und zu dessen antagonistischer Spiegelung, dem in sein Inneres reisenden Willard aus Coppolas Film. Er wird zu Ernst Jüngers „Waldgänger“, zu Bertolt Brecht und natürlich nicht zuletzt auch zu Castorf selbst, dessen fleischig-lebenssattes Theater der Strapazen und Überforderungen zum Abschluss dieses so von Selbstzweifeln zernagten Theatertreffens vom Publikum in seltener Einhelligkeit bejubelt wurde. Wohl auch ein bisschen aus Trotz und Prinzip, denkt man an die Maschinen, die nach dieser letzten Aufführung der Inszenierung wahrscheinlich hinter der Bühne schon zur Zerhäckslung derselben warmliefen. Und von Berliner Seite her gewiss auch versehen um einige vorgezogene Wehmut.

 

Baal
von Bertolt Brecht
Regie: Frank Castorf, Bühne: Aleksandar Denić, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Licht: Gerrit Jurda, Live-Kamera: Marius Winterstein und Jaromir Zezula, Video: Stefan Muhle, Dramaturgie: Angela Obst.
Mit: Götz Argus, Bibiana Beglau, Aurel Manthei, Hong Mei, Franz Pätzold, Katharina Pichler, Jürgen Stössinger, Andrea Wenzl.
Dauer: 4 Stunden 30 Minuten, eine Pause

Residenztheater, München

Foto © Thomas Aurin