Zum hören: Die Zeit ist ein gieriger Totschläger – Robert Borgmanns „Onkel Wanja”

Der Text „Die Zeit ist ein gieriger Totschläger – Robert Borgmanns ,Onkel Wanja'” von Jannis Klasing, vorgelesen.

Das Theatertreffen-Blog 2014 versucht erstmals alle schriftlich verfassten Texte auch als Audiobeiträge zu präsentieren.
Den vorliegenden hat die Schauspielerin Sophie Weikert  freundlicherweise für uns eingelesen.

Die Zeit ist ein gieriger Totschläger – Robert Borgmanns „Onkel Wanja"

Robert Borgmanns Inszenierung von Anton Tschechows „Onkel Wanja” feierte am 5. Mai seine Theatertreffen-Premiere. Felix Ewers und Manuel Braun berichteten hiervon bereits in Form einer kurzen Zigarettenkritik, Felix Ewers fertigte zusätzliche eine Grafik an.  Jannis Klasing sah die zweite Aufführung, in der das Publikum buhte und viele Plätze nach der Pause frei blieben. Die Reaktionen im Zuschauerraum zeigten deutlich: diese Inszenierung bedarf genauerer Betrachtung.

Wie der Zeiger einer Uhr fährt ein weißer Volvo im Kreis immerzu in langsamem Tempo über die Bühne. Er misst die Zeit ab. Die Gutsgemeinschaft begrüßt sich. Man tauscht sich über den leidigen Alkohol aus, über die viele Arbeit und darüber, wie lange man sich schon kennt. Onkel Wanja (Peter Kurth) beneidet den Professor (Elmar Roloff) um seinen Erfolg bei den Frauen und um Elena (Sandra Gerling), die er selbst heiß begehrt. Der stotternde Telegin (Michael Stiller) bemitleidet sich selbst. Sonja (Katharina Knap) begehrt Astrov (Thomas Lawinky). Astrov begehrt Elena, sie lässt ihn abblitzen. Und so weiter. Allesamt gescheiterte Existenzen, die ihr verpfuschtes Leben beklagen und alle Verantwortung von sich weisen. Mal aufdringlich jammernd, mal lautstark, kraftvoll, zornig. Sonja buhlt um Astrovs Liebe. Der ist unbeeindruckt; er hat nur Elena im Kopf. Sonja und Elena versöhnen sich und tanzen sich in der anbrechenden Nacht trotzig den Schmerz von der Seele, jauchzen und lachen sich immer mehr in Ekstase, bis schließlich das Licht ausgeht und sie von der Dunkelheit verschluckt werden.

Bis zu diesem Ausbruch von Lebenshunger, dehnt sich die erlebte Zeit der Inszenierung gefühlt bis ins Unendliche. Konstant wummern Gitarrensounds, die den quälenden Rhythmus von angestauter Aggression vorantreiben, die ihr Ventil nur selten in kleinen Wutausbrüchen findet und ansonsten meist untergründig schwelt.

In der Pause etliche Buhrufe, viele Zuschauer verlassen wütend den Saal. Interessant wäre nun zu erfahren, wem oder was ihr Unmut gilt. Ich schaue dem Ganzen gern zu, bin eingenommen von der vibrierenden Atmosphäre, von dem lodernden, latent aggressiven aber stets sehnsüchtigen und intensiven Spiel der Darsteller.

Im zweiten Teil des Abends ist die Bühne fast leergefegt. Die Distanz zu den Figuren ist aufgehoben, man ist nun viel näher dran. In einem Zwiegespräch kämpft Sonja mit den Stimmen in ihrem Kopf. Die ersten verlassen das Gut, weil alles immer mehr zugrunde geht. Onkel Wanja spricht einen langen berührenden Monolog über Lebenslügen und seine unglückliche Ehe. Anschließend entflieht er, mit einem Regenschirm davon fliegend, dem Geschehen auf der Bühne. Sonja und Elena schmieden einen Plan, wie Sonja das Herz von Astrov erobern kann. Elena trifft auf Astrov, der – sturzbetrunken – einen riesigen Frosch in seinen Händen hält, welche selbst zu riesigen Froschpranken mutiert sind. Er besingt den allgemeinen Zerfall. Elena verhört ihn dafür in Sonjas Auftrag. Er wird Elena gegenüber zudringlich. Sie stößt ihn weg. Er will nun endgültig abreisen. Der Professor verkündet daraufhin, dass er das Gut verkaufen will. Onkel Wanja bekommt einen Wutausbruch und läuft Amok, erschießt einen nach dem anderen mit dem Gewehr. Wundersamerweise stehen alle wieder auf und verabschieden sich, umarmen einander.

Sonja bleibt allein zurück. Ein riesiges, grell leuchtendes Rad schwebt auf die Bühne, wird zur fliegenden Untertasse, steht unheilvoll und gleichzeitig prophetisch über ihr. Die unglücklich liebende Sonja spricht davon, dass im Jenseits alles besser werden wird, dass dann endlich Ruhe einkehrt, für immer.

Die langgedehnte raum- und zeitgreifende Erfahrung von Stillstand und Lethargie hat vor allem den Blick für das atmosphärische Geschehen auf der Bühne geöffnet, weniger für die Handlung oder einzelne Figuren. Die lodernde Sehnsucht und angespannte, gehemmte Aggressivität unterliegt dabei dem gesamten Abend. Ein herausforderndes Erlebnis, das vor allem den Schauspielern hoch anzurechnen ist. Sofern man sich darauf einlässt, auf diesen anstrengenden und aufreibenden Kraftakt, ist viel, vor allem sehr viel mehr als Langeweile, darin zu entdecken.

Beitragsbild/Rechte: Julian Röder

Die Berliner Zeitung ist Partner des Theatertreffen-Blogs.