Einfach mal draufhalten

Am Deutschen Theater Berlin hat die Regisseurin Daniela Löffner die Spielenden in ihrer Turgenjew-Adaption „Väter und Söhne“ an einem großen Esstisch versammelt – und das Publikum drumherum, extrem nah, quasi auf Tischtuchfühlung. Der Inszenierung brachte das eine Theatertreffen-Einladung. Zu Recht? Continue reading Einfach mal draufhalten

Jetztzeit-Debakel

Schauspielkunst oder Jetztzeit-Forschung? Wie sieht die Schauspielausbildung der Zukunft aus?

Am zweiten Tag der „Theater und Netz“-Konferenz in der Heinrich-Böll-Stiftung soll es um die Zukunft der Schauspielkunst gehen. Teilnehmer sind Jens Hillje (Ko-Intendant Gorki Theater Berlin), Annemarie Matzke (Dozentin an der Universität Hildesheim, She She Pop) und Anja Klöck (Hochschule für Musik und Theater Leipzig). Die Fronten scheinen schon beim Lesen der Diskutanten klar verteilt. Die Universität Hildesheim mit ihren interdisziplinär ausgerichteten Studiengängen soll das Performance-Spektrum vertreten, Jens Hillje fordert die Öffnung der Schauspielschulen und der Theater, um es zu ermöglichen, andere Sehgewohnheiten zu etablieren, und die Hochschule für Musik und Theater beruft sich auf die Tradition des handwerklich gut ausgebildeten Schauspielers, die unerlässlich sei.

Dass die Schauspielkunst der Zukunft unweigerlich mit dem Theater der Zukunft verbunden ist – geschenkt.

Das Theater der Zukunft ist nach Meinung der Leipziger Hochschule allerdings nun mal in der Zukunft, und daher nicht vorauszusehen. Was gleichbedeutend mit irrelevant zu sein scheint. Die Anbindung der Hochschule an etablierte Schaubühnen (Köln, Dresden, Halle) ist anscheinend Grund genug, um performative Ideen und Konzepte, wenn überhaupt, den Studenten selbst zu überlassen. Über einen anderen Umgang mit der Lehre, dem Auswahlverfahren wird geredet – für das Theater der Zukunft ist es aber augenscheinlich wichtiger, ein Versprechen einzulösen, das da sei: Du wirst Teil eines Ensembles. Was dieser Ansatz für die Zukunft des Theaters bedeutet, lässt sich kurz sagen:
Es gäbe sie nicht.

Die Theaterwelt ist in Bewegung. Und ehrlich: Es ist keine Tendenz mehr, von autonomen, eigenständigen Schauspielern auszugehen, von Menschen, die ein Anliegen haben, kurz: die wissen, wofür sie auf der Bühne stehen. Das ist Fakt. Handwerk ist wichtig, ohne Frage. Aber, kann eine Schauspielausbildung der Jetztzeit wirklich Menschen auf die Bühne stellen, ohne von deren Anliegen, deren Geschichte, deren Begeisterung fürs Theater überzeugt zu sein? Das Argument, man könne ja nicht von jedem erwarten, etwas von sich Preis zu geben, etwa seinen Namen auf der Bühne zu sagen, ist verständlich. Aber ist es verständlich, dass manche Menschen sich lieber vom Regisseur sagen lassen, was sie machen sollen? Bedingt. Ist es verständlich, die Heterogenität in der Schauspielausbildung dadurch gewährleisten zu wollen, dass man nach, Zitat, „Kellerkindern“ Ausschau hält? Nein.

Es geht hier nicht um ein Ausspielen unterschiedlicher Theaterformen gegeneinander. Die Frage „Wer spielt was mit welchen Mitteln?“ ist keine, die sich in die Ecke freie Szene oder Stadttheater drängen lässt. Ich denke nicht, dass es im Sinne einer mannigfaltigen Gesellschaft ist, wenn in ihren Institutionen Menschen aus anderen sozialen Schichten, Ländern, oder einfach Interessengebieten immer noch als Einzelfälle betrachtet werden. Und ich denke nicht, dass das Theater es sich leisten kann, Menschen Geschichten erzählen zu lassen, die sie nicht vertreten (wichtig: Es geht hier nicht um „erlebten“).
Der Wunsch nach Schauspieler*innen, die, als Reaktion auf die Pluralität, die Demokratisierung und Vielstimmigkeit unserer Gesellschaft, Performer*innen sind, die sich als Autor*innen verstehen, wie bspw. Jens Hillje und Annemarie Matzke, widerspricht nicht einer handwerklich sehr guten Ausbildung, wie das Ensemble des Maxim-Gorki-Theater beweist. Eine Rückkoppelung dieses Verständnisses an die Schauspielschule in Leipzig wäre wünschenswert.

Zum Glück wird das Theater der Zukunft nicht ausschließlich von der Leipziger Hochschule gemacht. Auf dem Podium des Theatertreffen-Stückemarkts betont Stefan Wipplinger die Form, in der er am liebsten Stücke schreibt: im regen Austausch mit den Schauspielern. Die improvisieren, die gemeinsam Situationen entwickeln. Und dabei von Beginn an Teil des Prozesses sind. Bei einem Projekt mit Schauspielstudenten der UdK hätte das hervorragend funktioniert.
Hallo, Zukunft.