Interview: Wolfgang Huber-Lang

Wolfgang Huber-Lang war 2015 zum ersten Mal Teil der Theatertreffen-Jury. Neben Peter Laudenbach, Barbara Burckhardt, Stephan Reuter, Andreas Wilink, Till Briegleb und Bernd Noack zeichnet er verantwortlich für die Auswahl der zehn bemerkenswertesten Inszenierungen. Ein Interview.

Theresa Luise Gindlstrasser: Jury-Mitglied Barbara Burckhardt hat den Begriff „leibliche Ko-Präsenz“ verwendet, um zu verdeutlichen, warum das Zentrum für Politische Schönheit mit der Aktion Erster Europäischer Mauerfall am Ende doch nicht für eine Einladung zum Theatertreffen in Frage kam. War dieser Begriff Bestandteil der Diskussionen innerhalb der Jury?

Wolfgang Huber-Lang: Dieser Begriff ist in der Diskussion aufgetaucht, weil wir uns unsicher waren, ob dieses Format tatsächlich im Rahmen des Theatertreffens einladungsfähig ist. Die Aktion Erster Europäischer Mauerfall hat sehr viele von uns sehr interessiert. Innerhalb der Jury wurde stark die Meinung vertreten, dass Theater sich mit zeitgenössischen Themen auseinander setzen muss, dass Kritik ein wichtiges Thema für das Theater ist. Es war also klar, dass die Aktion für uns in Frage kommt. Es mussten aber auch ästhetische und grundsätzliche Einwände diskutiert werden. Und natürlich gab es hier besonders viel Pro und Kontra, weil das einfach nicht dieser klassische Theaterabend ist, wo man in der Aufführung sitzt und auf der Bühne passiert etwas. Dann geht man nach Hause und am nächsten Tag passiert wieder das gleiche auf der Bühne. Auch wenn man weiß, dass das nur noch auf das ganz klassische Theater zutrifft und es viele und erfolgreiche Bestrebungen gegeben hat, dieses aufzubrechen, ist das ja noch immer der Grundkonsens auf den sich alle einigen können.

Die Frage der leiblichen Ko-Präsenz, also der notwendigen Anwesenheit des Rezipienten bei dem Akt, der dann Theater oder Performance oder wie auch immer genannt wird, ist für mich eine rein theoretische Diskussion. Ich hätte den Mauerfall sehr gerne in einem Rahmen wie diesem diskutiert gewusst. Für mich hört Theater nirgendwo auf. Theater ist letztlich auch eine Definitionsfrage der Personen, die Theater machen. Es gibt verschiedenste Formen medialer Vermittlung von dem, was man Theater nennen kann. So könnte man sagen, dass sich die eigentliche Inszenierung des Mauerfalls im Medienraum abspielte. Und warum sollte Theater im 21. Jahrhundert sich nicht auch einen anderen Raum als den lokalisierbaren erobern können?

Außerdem gab es ja doch einen Theaterzusammenhang. Das Maxim Gorki Theater hat die Aktion mit ermöglicht. Es gab ein Publikum vor Ort. Dieses Publikum wurde zum Teilnehmer der Performance gemacht. Die Grenzen zwischen Zuschauer und Mitspieler waren sehr durchlässig. Aber der Akt, um den es ja eigentlich überhaupt nicht gegangen ist, hatte Zuschauer. Die mediale Aufmerksamkeit war von Anfang an wichtiger als der Moment des Zaundurchschneidens. Es muss auch den Initiatoren klar gewesen sein, dass es nicht zu diesem Akt kommen wird. So blöde können Grenzschutzorgane gar nicht sein, dass die das nicht mitbekommen und zu verhindern wissen. Also war immer klar, dass die wirkliche Inszenierung der Raum rund herum ist.

TLG: Praktische Fragen der Umsetzung einer Einladung des Ersten Europäischen Mauerfalls zum Theatertreffen haben die Diskussion innerhalb der Jury also nicht so sehr tangiert. Worin bestand dann die Entscheidung?

WHL: Wir haben uns dann doch darauf verständigt, dass die Aktion entscheidenden Kriterien dessen, was zum Theatertreffen eingeladen werden kann, nicht entspricht. Das ist aber eine punktuelle Entscheidung gewesen. Auch Barbara Burckhardt hat sich in dieser Sache selbst wieder in Frage gestellt. Angesichts der virulenten Ereignisse an Europas Grenzen würde sie nun der Inhaltlichkeit den Vorzug vor dem Formalismus gegeben.

Im Ganzen aber hat sich die Jury nur selten auf Formal-Diskussionen eingelassen. Das Entscheidende für uns alle waren inhaltliche und ästhetische Fragen. Ob da etwas ist, das sich aus der großen Masse herausheben kann. Eine solche Spannung kann durchaus dort entstehen wo formale Grenzen ausgereizt werden. Wo es zu Diskussionen kommt, wo wir uns nicht so rasch auf Daumen runter oder Daumen rauf verständigen können. So etwas finde ich spannend als Mensch, der in einer Welt lebt, die sich so radikal ändert und wo wir uns alle in den Sack lügen würden, wenn wir sagen, dass das wichtigste Forum der öffentlichen Diskussion das Theater ist. Theater muss neue Räume außerhalb der klassischen erobern, damit eine solche Diskussion stattfinden kann. Theater kann nicht so tun, als gebe es das Außen nicht. Theater muss Ohren und Augen ganz weit auf machen. Die Zeit ist nicht stehen geblieben.

TLG: Durch Barbara Burckhardts Revidierung des Urteils, dass eine Inszenierung dem formalen Anspruch der leiblichen Ko-Päsenz genügen müsse, hat sich meines Erachtens sehr deutlich erwiesen, dass der Theaterbegriff auch der Jury ein provisorischer und zwar ein jeweils provisorischer ist. Würden sie das auch so sehen?

WHL: Würde ich sehr stark unterstützen. Weil eben nichts in Stein gemeisselt ist. Unsere Gesellschaft ist nicht in Stein gemeißelt. Die Art und Weise, wie wir Demokratie praktizieren ist nicht in Stein gemeißelt. Wir können nicht aufgrund irgendwelcher theoretischer Kriterien eine Richtlinie für künftige Einladungen definieren. Formalismus ist der Tod des Theaters.

TLG: Der Begriff „Tableau“ wurde in der Geschichte des Theatertreffens immer wieder von außen an die Auswahl herangetragen, um deren Zustandekommen zu beschreiben. Es stellt aber ein Novum dar, dass dieser Begriff, zumindest von der Leitung des Theatertreffens, nun auch tatsächlich verwendet wird. Yvonne Büdenhölzer hat die Auswahl der zehn bedeutendsten Inszenierungen in einen Zusammenhang mit dem Tableau-Gedanken gestellt. Das heißt, die Auswahl könnte begriffen werden als eine Zusammenschau, die versucht maßgebliche Themen, Strukturen dieser Zeit aufzugreifen. Wie darf ich mir die Diskussion der Jury in Bezug auf einen solchen Gedanken vorstellen?

WHL: Dieser Tableau-Gedanke ist etwas, das in der Diskussion sehr spät, aber irgendwann notgedrungen auftaucht. Natürlich ist das legitim wenn eine Festivalleitung danach fragt, ob die Auswahl in Anbetracht einer möglichen künftigen Rückschau standhält. Wird hier tatsächlich das abgebildet, was in diesem Jahr auf hohem Niveau am Theater Thema war? Wurde wirklich nichts übersehen? Wurden die wesentlichen ästhetischen Linien abgebildet? Durch diese Fragen war aber die Autonomie der Jury nie in Frage gestellt.

Am Ende hat sich die Jury auf eine Auswahl verständigt, auf die ich sehr stolz bin. So viel Neues. So viele Frauen wie noch nie. So viele zeitgenössische Themen und Uraufführungen. Das alles ist nicht am Reisbrett entstanden. Und zeigt, dass sich die inhaltlichen Diskussionen bis zum Schluss auch ganz ohne Tableau-Gedanken gehalten haben. Das ist eine sehr beglückende Sache.

It´s political. It´s beautiful.

Hier Theater. Dort Theater am Rande des Aktivismus. Hier klassische Formen, aus denen kein Entkommen ist. Dort Experiment, Studio, Labor. Mach ich ja auch ganz gerne, schlag ich mich mal auf ne Seite: Jetztzeitbetrachtung, Orchester, bling bling. Dass aber das eine sehr wohl mit dem anderen und eigentlich beides ineinander dauernd mit und gegen, trotzdem einfach keine isolierten Geschehnisse darstellt, es also nur unter richtig wilder Reduktion möglich ist, vom gesellschaftlich gleichgültigen Theater der Repräsentation einerseits und vom politisch motivierten Aktivismus der Selbstermächtigung andererseits zu sprechen, warum?

Weil erstens sich in so einer Gegenüberstellung meistens nicht nur das Theater und der Aktivismus begegnen, sondern dann eben auch noch all diese damit assoziierten Vokabeln, mit denen über das Verhältnis dieser Formen zu Aktualität, zu Publikum, zu Identität im Generellen und zu sich selber im Speziellen gesprochen wird. Weil zweitens TheaterTheater und das, was noch immer neue Formen heißt, sich nicht per se inhaltlich oder formal oder ästhetisch, noch auch in der politischen Motivation voneinander unterscheiden müssen, sondern dies meistens tun in den Produktionsweisen und Bedingungen. Weil drittens die Aktion Erster Europäischer Mauerfall innerhalb der Jury als eine mögliche unter zehn bedeutendsten Inszenierungen diskutiert wurde.

Melilla Political Beauty © Patryk Witt / Zentrum für Politische Schönheit
Melilla Political Beauty © Patryk Witt / Zentrum für Politische Schönheit

Im November 2014 inszenierte das Zentrum für Politische Schönheit den Ersten Europäischen Mauerfall. Nah an den Feierlichkeiten zu 25 Jahre Mauerfall in Berlin wurden die weißen Mauerkreuze an der Spree von eben dort entfernt und an heutige, real existierende Mauern, Grenzen, Zäune, nämlich die von dieser Festung Europa gebracht. Am 7. November machten sich zwei Reisebusse von Berlin aus auf den Weg nach Bulgarien, um dort wirklich oder symbolisch oder beides die Grenzen einzureißen.

Barbara Burckhardt aus der Jury vom Theatertreffen sieht das Ganze jedenfalls so:

Das ist doch gut. Das hört sich so an: Wie so vieles andere ist vielleicht auch der Begriff Theater im Wort Theatertreffen ein provisorischer. Weil in einem Rahmen agiert wird, innerhalb dessen manche Produktionsweisen naheliegender erscheinen als andere, werden Produktionen eingeladen, die diesem Rahmen näher liegen als andere. Dass Produktionsbedingungen immer auch verändert werden können, ja.

Dass die Produktionsbedingungen von Theater in Deutschland verändert werden müssen, das trug dieser zweite Tag neben der inhaltlichen Ausrichtung an Themen der Einwanderungspolitik, die innerhalb von Gesprächen und Workshops verhandelt wurden, groß mit sich herum. Weil es etwas gibt, das etabliert ist, nämlich das TheaterTheater, das sich hinreichend oft schon als weißer heterosexueller Mann um die 50 entpuppt hat, gibt es einfach genug Gründe sich nicht mit provisorischen Begriffen aufzuhalten, sondern einem konkreten Handlungsbedarf zu folgen. Also immer wieder und wieder hierarchische Verhältnisse, strukturellen Rassismus und blinde Flecken im Theater und in der Welt überhaupt in Form von Theater am Rande des Aktivismus anzugehen.

So geschehen auch heute. Das Zentrum für Rassismuszertifizierung hat vor dem Eingang zum Haus der Berliner Festspiele die Demo Version eines Erkennungstests vorgespielt. Ist das rassistisch, wenn. Und die Antwort war dann ja. Deswegen gab es einen Zertifizierungsstempel, der zwar nicht auf Menschen oder auf naheliegende Architekturen angebracht wurde, aber auf einer Rolle Papier.

Zentrum für Rassismus Zertifizierung © Oliver Franke
Zentrum für Rassismus Zertifizierung © Oliver Franke

Aha. Und eben! Eine Unterscheidung zwischen Theater und Theater am Rande des Aktivismus geht viertens auch nur sehr schwer, weil diese Dinge in einem strukturellen Näheverhältnis stehen. Am Nachmittag waren die Menschen vom Zentrum für Rassismuszertifizierung noch involviert in das, was heute wirklich als Establishment bezeichnet worden war, haben in verschiedenen Workshops, als verschiedene Initiativen verschiedene Projekte vorgestellt, die sich mit Selbstermächtigung im Kulturbereich auseinander setzen.

Und fünftens werde ich jetzt Marianna Salzmann aus der Podiumsdiskussion heute im Camp paraphrasieren: Theater ist sowieso aktivistisch. Das ist ein Handeln nach außen, also notwendigerweise schon immer auch politisch. Und auch das Private, also das nicht intendiert, das nicht explizit Politische ist: eh schon wissen.

Deswegen: Make love, not war. Macht Theater und macht Politik und macht Veranstaltungen, wo ich nicht mehr weiß, ob ich jetzt in meinem ästhetischen oder in meinem politischen Bewusstsein gefragt bin und macht Diskussionen, wo das eine gegen das andere ausgespielt wird. Ach so, ja, und damit wollte ich jetzt mehrere Lanzen brechen für eine Pluralität der Formen, die irgendwie miteinander existieren können und nicht über jeweils vorherrschende Produktionsbedingungen oder irgendwelche inhaltlichen Ansätze sprechen. Eh.