Worte lernen fliegen: drei Tage Stückemarkt in der Pan Am Lounge

Gut versteckt in Berlins utopischem Westen, zwischen Bahnhof Zoo und Ku’damm, liegt das Haus Eden mit der Pan Am Lounge im zehnten Stockwerk. Einst logierte hier die Crew der berühmten US-amerikanischen Fluggesellschaft. Die gibt es nicht mehr, aber deren Reliqiuen geben die denkbar beste Kulisse ab für ein First-Class-Theatererlebnis, den 35. Stückemarkt des Theatertreffens. Drei Tage lang szenische Lesungen, Hörspiele, Archivmitschnitte von 35 ehemaligen Stückemarkt-Autorinnen und -Autoren in der Bearbeitung vier unterschiedlicher Regisseure.

Die Liebe steckt im Detail. Nierentische, Martinigläser, Kristalllampen, dazu das indirekte Licht im Sundowner-Ton und die Blumenbouquets, selbstverständlich echt. Auch die adretten Capes der Stewardessen erinnern alle Billigflugliniennutzer an eine Zeit, als die Bordverpflegung aus mehr als einem Foliensandwich bestand. Von der Terrasse der Pan Am Lounge fällt der Blick auf den Außenbereich einer Therme, was manchen Schauspieler dazu verleitet, sich über die Brüstung zu strecken und die Nackerten da unten an ihre Nackheit zu gemahnen: „Ihr müsst lernen, wie die Götter zu sein!“

50. Theatertreffen
Flügel an Retrolampen: Requisiten beim 35. Stückemarkt. Foto: Piero Chiussi

Tag Eins
Festspiel-Intendant Thomas Oberender spricht in seiner Begrüßungsrede von „site-specific“ Theater; wer mag, kann das mit „ortsbezogen“ übersetzen. In den vorigen Jahren fand der Stückemarkt in der Kassenhalle des Haus der Berliner Festspiele statt. Zum Jubiläum verlegt dessen Leiterin Christina Zintl die szenischen Lesungen in das Haus Eden und beweist, wie anregend das Wechselsspiel von Ort und Text ausfallen kann.

Drei der Arbeiten inszeniert Regisseurin Anna Bergmann in der Lounge, wo man Mitleid hat mit jenen Zuspätgekommenen, die nahe den Fenstern sitzen, wo sich die Hitze staut. Die Stücke von Carles Batlle und David Carnevali teilen das Schicksal des Überehrgeizes ihrer Autoren, die neben dem vorgegeben Thema „Verfall und Untergang der westlichen Zivilisation?“ auch noch eigenen Narrationssträngen gerecht werden wollten. Sowohl Carnevalis kluge Businessdystopie als auch Batlles Erzählung von einer Ménage à trois, die das lebenslange Eheunglück vorwegnimmt, sind zu komplex für einen Werkauftrag dieses Formats. Nicht ohne Grund lieferte die Mehrzahl der Autoren Einakter ab. Roland Schimmelpfennig löst das Problem der knappen Form, indem er einen Großteil der Handlung in die Zukunft verlegt, gemäß dem aus Film & Fernsehen bekannten „to be continued“. Sein Stück ist so angenehm seifenblasig und durchgeknallt wie der Airbrushdruck an der Wand (wenn man es nicht besser wüsste, würde man meinen, kein Mensch kauft so was) und das Teeservice aus Glas (gewiss eine limitierte Edition!), die das Lebensgefühl Altbauwohnung ihrer Besitzer demonstrieren müssen. In allen drei Stücken brilliert Katharina Schmalenberg.

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„Bilder helfen mir zu fremden Leidenschaften.“ Ein Interview mit Anja Hilling

Anja Hilling gehört zu einer Generation junger Autoren, deren Stücke schon an so renommierten Häusern wie dem Schauspielhaus Wien und dem Burgtheater inszeniert wurden. Von 2002 bis 2006 studierte die 1975 geborene Hilling Szenisches Schreiben an der UdK Berlin. 2003 war sie mit „Sterne” zum Stückemarkt eingeladen und wurde mit dem Preis der Dresdner Bank für junge Dramatik ausgezeichnet. Es folgten Einladungen zu Werkstatttagen in London und Wien und die Teilnahme an Autorenfestivals wie den Mülheimer Theatertagen und den Autorentheatertagen des Thalia Theaters Hamburg.

In diesem Jahr antwortet sie auf die Frage „Verfall und Untergang der westlichen Zivilisation?“ mit einem Text über Dominique Strauss-Kahn, angelehnt an Eugène Delacroix’ berühmtes Gemälde „Tod des Sardanapals“. Diese Frage wurde ausgewählten Stückemarkt-Autoren der vergangenen 35 Jahre für ein Auftragswerk gestellt. Von einer „Atmosphäre wie in der Grabkammer eines Pharaos“ ist im Programmheft die Rede. Ihr Stück hat heute Premiere.

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Eugène Delacroix „La Mort de Sardanapale” (1827). Das Gemälde hängt im Louvre und da hat Anja Hilling es wohl auch zuerst gesehen.

Leider kann ich mit Anja Hilling nicht persönlich über ihre Arbeit sprechen, da sie heute nicht beim Stückemarkt sein wird, sondern „ganz woanders“.

Eva Biringer: In „Sardanapal“, Ihrem Beitrag zum Jubiläum des Stückemarkts, steht Dominique Strauss-Kahn exemplarisch für den Typus des selbstsüchtigen Players. Sind solche Männer schuld an der gegenwärtigen Krise? Gibt es keine weiblichen Sardanapals?
Anja Hilling: Mich hat hier das absolut Männliche gekickt, innerhalb eines Systems von Macht und Unterwerfung. Uralte Gesten, lächerlicher Widerstand, innen wie außen. Vielleicht gibt es weibliche S., das wär aber ein anderer Text geworden. Continue reading „Bilder helfen mir zu fremden Leidenschaften.“ Ein Interview mit Anja Hilling

Wie kommt das Stück zum Stückemarkt?

Heute beginnt der Stückemarkt – 297 Texte wurden in diesem Jahr eingereicht. Welche Schritte durchläuft ein eingesandtes Stück, bis es zu den acht Auserwählten gehört, die im Rahmen des Theatertreffens präsentiert und gegebenenfalls gefördert werden? Eine kleine Reise.

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