Welt? Burg? Dorf?

Unser Autor denkt aus Wiener Perspektive über das Theatertreffen nach – und trägt sich selbst drei Leitfragen für den Weg durchs Festival auf.

Karl Kraus soll einmal mal gesagt haben: „Wenn die Welt untergeht, dann gehe ich nach Wien. Da passiert alles zwanzig Jahre später.“ Wenn es stimmt, dass hier sogar der Weltuntergang Verspätung hat, gilt das erst recht fürs Wiener Theater. Manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass das Theater hier mit angezogener Handbremse fährt. Continue reading Welt? Burg? Dorf?

„Ihr Auftritt, bitte!“

Der Auftritt der eingeladenen Theater jenseits der Bühnenkante:
„Ich ziehe jeden Fahrplan an der Bushaltestelle vor“, sagt ein Zuschauer, gebeugt über einem halben Dutzend Monatsspielplänen. Er spricht über gedruckte Theaterspielpläne an sich und die der eingeladenen Theater im Besonderen. Man muss dazu wissen: Der Mann lebt in Berlin und hier werden die Buspläne nach Vorlagen von Meta Design gestaltet. Es sind in der Tat die besten Buspläne der Republik: sie sind klar, übersichtlich und gut strukturiert. Seiner Meinung nach reichen die gefalteten Spielpläne von deutschen Theatern da nicht heran. Schwer erträglich findet er dieses „Kunstgetöse“ gerade bei einem Medium, das „einfach gut gestaltet und lesbar sein sollte. Es muss dem Leser dienen“, meint er. Continue reading „Ihr Auftritt, bitte!“

Unverständlich?

Ein Wiener in Berlin. Zur Premiere von „Der Biberpelz“ stellt sich mir die scheinbar simple Aufgabe, Gerhart Hauptmanns Dialektsprache auf einer rein inhaltlichen Ebene zu erfassen. Ein Erfahrungsbericht über einen unverständlichen Theaterabend.

Es war im April dieses Jahres, anlässlich der Burgtheater-Premiere der Antisemitismus-Abrechnung „Professor Bernhardi“ von Arthur Schnitzler. Die österreichische Volksseele, vertreten durch enervierte Kampfposter_innen in der Onlineausgabe der Tageszeitung Der Standard, kochte. „Muss ich mir denn einen Schnitzler tatsächlich von einer Bochumer Truppe anhören?“ schäumt ein Poster noch vor dem Premierenabend. Als ob die Deutschen uns Österreicher_innen nicht schon genug vergällt hätten, nicht schon genug Minderwertigkeitskomplexe eingebrockt hätten: jetzt verhunzen sie uns auch noch unsere schöne Wiener Sprachmelodie. Schließlich, so behauptet ein anderer: „Wenn Österreicher Hauptmann spielen, wird einem Berliner etwa auch was fehlen.“

Familie Wolff in Herbert Fritschs Inszenierung von "Der Biberpelz". Foto: Silke Winkler

Beim diesjährigen Theatertreffen ist Gerhart Hauptmanns „Der Biberpelz“ vertreten, aufgeführt vom Ensemble des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin. Mecklenburg? Schwerin? Nie gehört. Das zwingt mich, die Frage andersrum zu stellen: „Wenn die Deutschen ihren Hauptmann spielen, was fehlt mir, als Wiener?“ Continue reading Unverständlich?

Herzzahl: Gegessen

Gesehen, gedacht, gepunktet. Direkt nach jeder tt-Premiere beurteilen wir die Inszenierung in vier Kategorien. Am nächsten Tag folgt eine ausführliche Kritik.

Heute: “Der goldene Drache”

  • SAUEREI // ♥ ♥ ♥ ♥  //
  • TRANSGENDER // ♥ ♥ ♥ ♥ //
  • SYMBOLHAFTIGKEIT // ♥ ♥ ♥ ♥ //
  • GESCHMACKSVERSTÄRKER // _ _ _ _ //

Künstlerisches Höhentraining

Hätten Kelly Copper und Pavol Liska unbegrenzte finanzielle Mittel zur Realisierung ihrer Kunst, würde es die Werke ihrer Gruppe “Nature Theater of Oklahoma” nicht geben. Denn ihre Inspiration und Kreativität beziehen die New Yorker Künstler gerade aus den schwierigen Bedingungen, unter denen sie produzieren müssen.

Auch wenn sie nun mit ihrer Inszenierung “Life and Times – Episode 1” am vergleichsweise gut subventionierten Wiener Burgtheater angekommen sind und zu zahlreichen Festivals in Europa eingeladen werden – ihre Ästhetik bleibt geprägt von den Hürden und Einschränkungen, die sie in den USA überwinden mussten. “In Amerika gibt es so gut wie keine staatlichen Gelder für Kunst. Wir bekommen hier keinerlei finanzielle Förderung”, erklärt Pavol Liska. “Und unter diesen Bedingungen als Künstler zu arbeiten, zwingt dich wirklich, darüber nachzudenken, was du tun willst und warum. Sonst wäre es einfach nur blöd, weiterzumachen.” Continue reading Künstlerisches Höhentraining

Ein schmaler Grat

Der Schauspieler Joachim Meyerhoff erzählt in seinem mehrteiligen Soloprojekt “Alle Toten fliegen hoch” aus seiner Biographie – nicht ohne einige Verschiebungen und Verfremdungen einzubauen. Selbst seine Dramaturgin Sibylle Dudek kennt nicht die ganze Wahrheit – und findet das gut so, wie sie auf dem Weg zum Berliner Maxim-Gorki-Theater berichtet, wo heute Abend die Teile 1 bis 3 ihre tt09-Premiere feiern.

Die Dramaturgin Sibylle Dudek
Hilft Joachim Meyerhoff beim theatererzählerischen Balanceakt: Die 31jährige Dramaturgin Sibylle Dudek, dieses Jahr Stipendiatin beim Internationalen Forum. Foto: Kristin Becker

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