This is not a love song: „Conte d’Amour“

Conte d’Amour“ zählt nicht zu den zehn nominierten TT-Inszenierungen, sondern wurde 2011 beim Theaterfestival „Impulse“ als beste Off-Theater-Produktion ausgezeichnet und ist nun als Gastspiel nach Berlin eingeladen. Die Ko-Produktion der Kollektive Institutet aus Schweden und Nya Rampen aus Finnland mit Markus Öhrn, verantwortlich für Regie, Bühne, Video und Foto, bildet also nicht nur ein Beispiel für kollektive Arbeitsweisen, sondern auch für internationale Vernetzung – und für ein körperlich-sinnliches Theater ohne Sprachbarrieren und mit großer verstörender Wirkung. Continue reading This is not a love song: „Conte d’Amour“

Theater 2.0 – vernetzt, verheddert, aufgeknüpft?

Eine Betrachtung der eingeladenen Theater und ihrer Netzaktivitäten
„Von 100% auf 99 ist doch keine Steigerung“, lässt René Pollesch Fabian Hinrichs in „Kill Your Darlings!“ sagen. Dieser Satz bringt die Absurdität von Rankings auf den Punkt: Fast immer sind sie unbrauchbar. Doch heutzutage wird so ziemlich alles irgendwie „gerankt“ – und wenn es nur die „Gefällt-mir“-Klicks bei Facebook sind. Also los: Ginge man nach diesen, läge das Thalia Theater unter den eingeladenen Häusern ganz vorne. Vor ein paar Tagen haben die Hamburger die 8.000er-Marke geknackt: Das ist augenblicklich Rang eins beim Theater-Facebook-Ranking. Ein Grund zu feiern?
Continue reading Theater 2.0 – vernetzt, verheddert, aufgeknüpft?

Theater und Kollektivität – schöne Utopie oder schöner Schein?

Beim Theatertreffen 2012 sind mit Gob Squad und dem International Institute of Political Murder gleich zwei Theater-Kollektive geladen. Auch Vegard Vinge, Ida Müller und Trond Reinholdtsen arbeiten als Regie-Team, Nicolas Stemann oder René Pollesch betonen immer wieder die Bedeutung von kollektiven Aushandlungsprozessen in der Gruppe. Und beim Stückemarkt ist in diesem Jahr mit „Polis3000: respondemus“ von Markus&Markus erstmalig auch ein Projekt ausgewählt worden.
Ein Blick auf die zehn Nominierungen zeigt, dass die meisten mit dem Begriff „Kollektivität“ – mehr oder weniger direkt – in Verbindung gebracht werden können… Stellt sich also die Frage, ob die Zeit der autokratischen Star-Regisseure vorbei ist? Zeichnet sich beim Theatertreffen 2012 eine Tendenz des Gegenwartstheaters zu mehr Kollektivität hin ab?
„Wir haben keinen tieferen Plan und keine hierarchischen Strukturen, […] keinen Genie-Kult wie im Theater üblich.“
Gob Squad bezeichnen sich explizit als Kollektiv: “We are an artists collective, the 7 core members working collaboratively on the concept, direction and performance of our work. Other artists, performers and technicians are invited to collaborate on particular projects.” Wer die Projekte von Gob Squad oder auch von SheShePop verfolgt, nimmt ihnen diesen Anspruch an ihre Arbeit und Arbeitsweise auch ab, hier wird die Devise „Das Private ist politisch“ offenbar ernst genommen. Johanna Freiburg [sowohl bei Gob Squad als auch bei SheShePop involviert] betont hierbei, dass gerade der fiktive Rahmen einer Inszenierung Fragen ermöglicht, die im wirklichen Leben oft gar nicht gestellt werden.
Continue reading Theater und Kollektivität – schöne Utopie oder schöner Schein?

Schau mir in die Augen, digitales Publikumsgespräch!

Es ist vollbracht: Die TT12-Nominierungen stehen und es gibt ganze fünf Überschneidungen mit dem alternativen nachtkritik-Theatertreffen. Heute hat die TT Jury ihre Entscheidung öffentlich bekanntgegeben, das 49. Theatertreffen rückt näher und näher.
Es ist, auch wenn das oft gar nicht so augenscheinlich wird, weil während des Festivals die Kulturprominenz immer in den ersten Reihen sitzt, grundeigentlich ein Debatten-Festival: 430 Inszenierungen haben die sieben Jurorinnen und Juroren angesehen und diskutiert, die zehn “bemerkenswertesten” sind im Mai innerhalb von drei Wochen in Berlin noch einmal zu begutachten, nach jeder “TT Premiere” stellen sich die Ensembles im Publikumsgespräch den Fragen der Zuschauer, die Presse-Akkreditierungen sind heißbegehrt, denn über die Eingeladenen wird berichtet – und debattiert.
Das alles ist natürlich noch lange hin. Weil aber die Diskussionen sofort nach Bekanntgabe der TT Einladungen einsetzen, also jetzt und heute, ist auch das TT Blog in diesem Jahr schon vor Festivalstart diskussionsbereit. Mit Leserbrief-Funktion (schauen Sie bitte in die rechte Spalte) und wöchentlichen Beiträgen der neuen TT12-Blog-Redaktion, die ebenfalls kommentiert werden wollen, mit einer mobilen Seite, die Sie ganz bequem auf Ihrem mobilen Endgerät aufrufen können, und mit einem neuen aufgeräumten Design soll dem Hin und Her des Dialogs nichts mehr im Weg stehen.
Nicht Mitmachtheater, sondern Publikumsgespräch im Hier und Web: Du kannst beginnen.

Welche Genderdebatte?

Begleitend zum Festivalprogramm diskutiert das Theatertreffen dieses Jahr Genderfragen. Doch anstatt die Debatte als Möglichkeit zu begreifen, tradierte Geschlechterbilder zu hinterfragen, wird unter dem Stichwort Gender hauptsächlich zum Karrierenetzwerken aufgerufen.

Weitere Veranstaltungen zum Thema:
Mittwoch, 18.5., 18 Uhr, Oberes Foyer im Haus der Berliner Festspiele: “Feminismus: Heute ein Unwort?
Samstag, 21.5., 19 Uhr, Plenarsaal der Akademie der Künste: “Fucking Feminists?

„Gender your role!“ schallt es durch die Gänge des Hauses der Berliner Festspiele, und während die Blogger_innen noch überlegen, ob „to gender“ überhaupt ein Verb ist, hat uns der Imperativ bereits eingeholt. Jetzt wird, so steht es in der hundertfach reproduzierten Flyer- und Handzettelverordnung, debattiert am Theatertreffen, deba-tt-iert nämlich, und zwar fix. Weil wir als artige Intellektuelle alle fleißig Judith Butler auswendig gelernt haben, ist es bloß eine Frage der Zeit, bis das Wort „Performativität“ fällt. Und damit wäre auch der Zusammenhang zwischen „Gender“ und „Rolle“ geklärt: Es war doch schließlich immer schon ein Theater mit dem Geschlechtsleben!

Doch wie kann so eine Debatte aussehen? Was haben Theater und Gender einander zu sagen? Was ist in diesem Rahmen denkbar, was nicht? Eine Idee davon, was das Theatertreffen unter Gender versteht, bekommt man in Christina Haberliks Ausstellung, „Regiefrauen: Ein Männerberuf in Frauenhand“, die am Donnerstagnachmittag in der Akademie der Künste eröffnet wurde. Zum Sektempfang im schicken Dachfoyer mit Blick auf den Reichstag und das Brandenburger Tor hat sich eine beinahe ebenso schicke Gesellschaft eingefunden. Noble Jacketts, Seidenschals und spitze Schuhe, wohin man schaut. Die zahlreich erschienen Frauen werden als „Damen“ begrüßt, über die weniger zahlreich erschienen Männer freut man sich aber auch. Continue reading Welche Genderdebatte?