Tag 15

1. Ich habe mal wieder Heimatbesuch. Wir beginnen den Tag mit Knuspermüsli, Beeren und Joghurt im Café Coffemamas und blättern dabei Klatschzeitungen.

2. Der Feuilletonchef der Berliner Zeitung, Harald Jähner, kommt zu unserer Redaktionssitzung und gibt uns Feedback zum Blog.

3. Um 22 Uhr spielt Nosliw im Yaam. Mit diesem Konzert beginnt für mich der Karneval der Kulturen.

Ich wünsche mir, noch eine Karte für die restlos ausverkaufte Abendvorstellung “Die Ratten” zu bekommen.

Wir sind laut

Eine Frau steht mitten im Wedding auf der Verkehrsinsel und singt. Eine Mann mit Strumpfmaske schreit “Bildet einen Kreis, schließt die Augen”, dann geht er den Kreis entlang und lässt uns fühlen, wie sein Herz klopft. Später setzt er sich an die Panke, mit nacktem Oberkörper, und rezitiert Madonnas La Isla Bonita. So war das heute, bei der Workshop-Präsentation des Internationalen Forums. Die ganze Welt ist eine Bühne. Das weiß man zwar seit Shakespeares “Wie es euch gefällt”, aber auch das Theatertreffen erzeugt diesen seltsamen Entwirklichungssog. Je länger das Theatertreffen dauert, desto schwerer fällt es mir, vom Schau-Gespielten wieder in die echte, richtige Welt zurückzukehren. Jede Mutter, die ihren Kinderwagen über die Straße schiebt, jeder Penner, dessen Tattoos in der Sonne glänzen – sie alle wirken wir Mitspieler in einem einzigen Stück.

Als ich gestern auf der Fahrt nach Hause noch ein wenig der Vorstellung “Der goldene Drache” nachsinne, in Gedanken an die verschiedenen Male, die ich in Thai-Vietnam-Imbissen Nummer 3b (nicht scharf) bestellt habe, in Gedanken an die vielen Unbekannten Mitmenschen, die nicht durch ihren Zahn nach Hause telefonieren können, kreuzt die U-Bahn die Hauptroute des Karnevals der Kulturen. Hallesches Tor. Das Berliner Straßenfest findet in diesem Jahr zum 15. Mal statt und ist von einem Stadtteilfest zu einem touristischen Stadtfest geworden. Ein gesamter Kiez ist musikalisch und kulinarisch in einer globalen Daueraufregung. Argentinische Teigtaschen hier, sudanesische Kochbananen dort. Etwa 300 Multikultis quetschen sich in den Waggon, in dem ich auch sitze, einige von ihnen tragen Trommeln, fangen an, einen einfachen Rhythmus zu schlagen. Erst leiser, dann anschwellend. Andere – ohne Trommeln – schließen sich an, hauen mit der flachen Hand gegen die Decke der Bahn. Viele wippen mit, die Bahn fährt bebend durch die Nacht. Hier ist Platz für viele. Wir sind laut. Wir gehen nicht ab.