Abwesenheitsnotiz

Christoph Schlingensief kündigt sich für heute im Berliner Festspielhaus an – schließlich ist er eingeladen. Doch was zu ihm sagen, falls sich sein Geist materialisiert? Und wie über ihn reden, falls er unsichtbar bleibt?

Für Osama bin Laden galt „tot, lebendig oder photoshopped“, Christoph Schlingensief hingegen hat sich für seinen Auftritt am Theatertreffen noch für keine Form entschieden. Aber schon jetzt ist er da, ohne da zu sein: Er lässt sich vertreten (bei der Pressekonferenz von seiner Frau Aino Laberenz), doubeln (bei den Vorstellungen von Via Intolleranza II) oder jederzeit herbei reden, wenn das „postmigrantische Theater“ und die Jury-Entscheidungen keinen Gesprächsstoff mehr hergeben.

Ob sich sein Geist aber auch wirklich zeigt? Manifestationsmöglichkeiten gäbe es für ihn viele (schließlich sind wir im Theater), zum Beispiel als heiliger Geist oder böser Dämon, Zombie, Phönix oder gar als radioaktive Strahlung. Falls er sich für die Sichtbarkeit entscheidet, müssen wir uns nur noch überlegen, was wir zu ihm sagen – „Lange nicht gesehen“ wirkt zur Begrüßung wohl eher unpassend.

Wahrscheinlicher ist es aber, dass Schlingensief unsichtbar bleibt. Denn seltsamerweise scheinen sich gar nicht mehr so viele für ihn zu interessieren wie vermutet. Continue reading Abwesenheitsnotiz

“Simultan auf- und abbauen”

Der technische Leiter des Theatertreffens Andreas Weidmann und seine Mitarbeiter erhielten von Joachim Sartorius, dem Intendanten der Berliner Festspiele, und Iris Laufenberg, der Leiterin des Theatertreffens, zum Abschluss des Festivals einen opulenten Vitaminkorb. Warum sie den verdient haben, erzählt Andreas Weidmann im Interview.

Herr Weidmann, war die technische Herausforderung beim Theatertreffen 2009 höher als sonst?

Die ursprüngliche Atmosphäre von Christoph Schlingensiefs “Kirche der Angst” rüberzubringen war schon eine enorme Herausforderung. Continue reading “Simultan auf- und abbauen”

Das Kreuz mit der Kunst

112-mal kommt Gott in seinem “Tagebuch einer Krebserkrankung” vor. Wesentlich öfter als Joseph Beuys. Christoph Schlingensief ist kein Atheist, sondern, wie er selbst sagt, “praktizierender Christ”. Er zahlt Kirchensteuer und würde dem Papst gerne mal die Meinung sagen. In unserem Lagebericht zur Theologieverträglichkeit seiner Kunst sind sich zwei Priester uneins. Hören Sie unter dem Beitrag außerdem, was Schlingensief selbst über Himmel, Glaube, Blasphemie, das göttliche Prinzip und den Vatikan sagt.

Foto: Jan Zappner
Fast echt: Der Altarraum der Oberhausener Herz-Jesu-Kirche als Nachbau in Christoph Schlingensiefs “Kirche der Angst”. Foto: Jan Zappner

“Jesus ist trotzdem nicht da, und Gott ist auch nicht da, und die Mutter Maria ist auch nicht da.” Es scheint schlecht bestellt um Glauben und Gottvertrauen in Christoph Schlingensiefs Inszenierung “Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir”. Angesichts seiner Krebserkrankung sind alle Gewissheiten in Frage gestellt, und die Wut auf die Unerklärlichkeit und Ungerechtigkeit des Schicksals bricht sich in einem brachialen Oratorium Bahn. Continue reading Das Kreuz mit der Kunst

Wie ein Bahnmitarbeiter zum Bühnenpriester wurde

Eugen Dittrich hat sein Leben lang bei der Deutschen Bahn gearbeitet. Dann hat er das Theater entdeckt, oder besser: das Theater ihn. Zur Zeit spielt er in Christoph Schlingensiefs “Kirche der Angst” den Oberpriester. Wie es dazu kam, hat der 69-jährige Mainzer Kristin Becker und Anna Postels erzählt. Zum Anhören des Podcast unter den Fotos auf “Play now” klicken.

Eugen Dittrich als Schlingensiefs Oberpriester und privat. Foto: Jan Zappner
Vorher-Nachher-Bilder: Eugen Dittrich, der Oberpriester der “Kirche der Angst”, in seinen zwei Gewändern. Fotos: Jan Zappner