Pfeif auf Präsenz

Wenn man sich gegenüber stellt, gegenüber des großen Bildschirms, des großen Screens, des großen Bruders, neben das Lokal „Lindenbräu“ und den zwei Rolltreppen, die aus dem Nichts kommen und nach unten rollen, immer nach unten, dann fängt man die Atmosphäre dieses geschlossenen Centers ganz gut ein. Wenn die Menschen vom äußeren Ring in den inneren Ring kommen und dem unwiderstehlichen Sog des Bildschirms nichts entgegensetzen können. Stelle einen Bildschirm auf, und alle schauen hin. Es geht gar nicht anders. Continue reading Pfeif auf Präsenz

Reich, aber Schön

Regisseur Simon Stone hat es mit Ibsens „John Gabriel Borkman“, seiner Debütinszenierung am Wiener Burgtheater, direkt zum Theatertreffen geschafft – und das Publikum im Festspielhaus war zwei Stunden lang aus dem Häuschen. Endlich wieder: Stars, Stars, Stars! Unsere Autorin hat sich ins Paillettenkleid geworfen und den Bleistift dennoch auf Pieksen gespitzt. Continue reading Reich, aber Schön

„Mehr ist mehr“ – Über Marathon-Theaterabende

Vier Stunden – das ist in etwa die Durchschnittsdauer der diesjährigen Inszenierungsauswahl; Spitzenreiter ist John Gabriel Borkman mit acht bis zwölf Stunden. Gegenwartsdramatik überschreitet hingegen in der Regel nicht die Zwei-Stunden-Grenze. Alles ab drei Stunden fällt für mich in die Kategorie „Theatermarathon“. Und ein Theaterabend der länger als vier Stunden dauert, passiert nicht einfach – er wird forciert. Denn normalerweise würde man doch bei den Endproben noch einmal straffen, „Kill your darlings“ eben. Deshalb behaupte ich: je länger desto unfokussierter.

Diese These lässt sich natürlich nicht immer verteidigen: Alvis Hermanis „Platonov“ zum Beispiel dauert fünf Stunden. Fünf Stunden, die alleine dem 170 Seiten langen Originaltext geschuldet sind, der einen einzigen Tag auf dem Gut Vojnicevka beschreibt. Tschechow gibt dem Betrachter die Möglichkeit, das Geschehen quasi in Originalzeit mitzuerleben. Minutiös mitverfolgen zu können, wie Martin Wuttkes Platonov und die ihn verehrenden Damen mit jedem Gläschen betrunkener und somit liebesbedürftiger werden, ist ein Erlebnis, für das es sich lohnt auszuharren.
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