Applaus Applaus

Über das Theatertreffen-Publikum
Ein Stück ist nicht zu Ende, wenn es zu Ende ist. Auch die Inszenierung ist nicht zu Ende, wenn das letzte Wort auf der Bühne gesprochen ist. Applaus wird geprobt und der Regisseur ist aufgefordert, genau zu überlegen, wie er an dieser Stelle mit dem Publikum umgeht. Die konkrete Umsetzung am Abend der Vorstellung ist dann aber meist den Darstellern und ihrem Gespür überlassen: Wenn gebuht wird, muss man sicher nur einmal zum Verbeugen auf die Bühne. Für die Zuschauer ist diese Applaus-Inszenierung meist nicht wahrnehmbar, weil subtile Mittel benutzt werden. Bei Herbert Fritsch ist das anders. Er legt seine Mittel offen. Bei ihm endet das Gesamtkunstwerk erst, wenn der letzte Zuschauer den Saal verlassen hat. Continue reading Applaus Applaus

Faust I+II, mit Pinsel und Papier

Nach der gut achtstündigen Aufführung von Faust I+II gab es noch ein Publikumsgespräch. Auf dem Podium war natürlich auch  Regisseur Nicolas Stemann, der im Gespräch die Vermutung aufstellte, dass Goethe Faust II beenden musste, weil er im Begriff war zu sterben. Ja, wahrlich eine Deadline, die nicht zu verschieben ist. Faust II ist komplex und, wie das Leben selbst, nie ganz greifbar. Um die Fülle der Inszenierung des Faust-Marathon zu verdauen, habe ich zu Stift und Papier gegriffen und dem Strich freien Lauf gelassen.

 
 

„Programme! Programme!“

Was die Programmhefte der eingeladenen Stücke so in sich haben
Stimmgewaltige Ausrufer sind dabei: als wären sie Sänger bei der Erprobung ihrer Sprechstimmen. „Programme, Programme“, rufen sie dem vorbei strömenden Publikum der Opéra Bastille zu. In Paris herrschen gänzlich andere Verhältnisse, als in der Heimat des Protestantismus. Dass man diese Drucksachen von fast enzyklopädischem Kaliber Programme nennt, ist eine glatte Untertreibung. Es sind Bücher, die man sich von einem unvergesslichen Abend mit nach Hause nimmt und ins Regal stellt. So stehen die Ausrufer auch noch nach der Vorstellung etwas erhöht hinter ihren eigens dafür gefertigten Tresen und verkaufen vom Stapel weg – für zwölf Euro das Stück. Man hört noch die Rufe, wenn man schon auf dem Weg zur Metro ist.
Acht Stunden Faust begleiten 100 Seiten Programm
Die gedruckten Programme der zum Theatertreffen eingeladenen Inszenierungen könnten unterschiedlicher nicht sein – untereinander und im Vergleich zum beschriebenen französischen Modell. Von kostenlos und kopiert bis zum gestandenen 100-Seiten-Taschenbuch zu sieben Euro. Continue reading „Programme! Programme!“

Running the Faust-Marathon

Director Nicolas Stemann appeared on stage with a microphone at the start of nearly every section of his Faust I+II to explain the plot of Goethe’s two-part tragedy bit by bit as the performance unravelled. “Unravelled” feels like an accurate description of the evening, but – like Stemann – I should preface my statement with a fast-forward through the storyline: Continue reading Running the Faust-Marathon

Der Faustbau

Auch wenn sich der Vorhang zur TT-Premiere von Faust I + II erst heute Nachmittag öffnet – der Aufbau hat schon vor zwei Tagen begonnen.

Der Zuschauerraum wird zur Bühne. Foto: Nadine Loës

Noch in der Nacht, direkt nach der Vorstellung, wurde der schlafende Raum von Macbeth zu Bett gebracht, damit gleich am frühen Morgen die LKWs aus Hamburg anrücken konnten. Links einladen, rechts ausladen. Überall ein Gewusel von Thalia Theater– und Festspiel-Technikern – um Verwechslungen vorzubeugen immer mit dem entsprechenden T-Shirt gekennzeichnet. Und selbst nach einem 8-Stunden-Aufbau-Tag ist noch nicht aller Tage Abend. Das Licht wird eingerichtet, die Projektionen müssen richtig leuchten, die Tonprobe dauerte die halbe Nacht, denn für die Durchlaufprobe mit Schauspielern in Kostümen am nächsten Tag musste alles stimmen.
Und dann, so nach und nach, man glaubt es kaum, lichtet sich das Chaos auf der Bühne, bis der Raum den Schauspielern gehört: „Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten…“

Theater und Kollektivität – schöne Utopie oder schöner Schein?

Beim Theatertreffen 2012 sind mit Gob Squad und dem International Institute of Political Murder gleich zwei Theater-Kollektive geladen. Auch Vegard Vinge, Ida Müller und Trond Reinholdtsen arbeiten als Regie-Team, Nicolas Stemann oder René Pollesch betonen immer wieder die Bedeutung von kollektiven Aushandlungsprozessen in der Gruppe. Und beim Stückemarkt ist in diesem Jahr mit „Polis3000: respondemus“ von Markus&Markus erstmalig auch ein Projekt ausgewählt worden.
Ein Blick auf die zehn Nominierungen zeigt, dass die meisten mit dem Begriff „Kollektivität“ – mehr oder weniger direkt – in Verbindung gebracht werden können… Stellt sich also die Frage, ob die Zeit der autokratischen Star-Regisseure vorbei ist? Zeichnet sich beim Theatertreffen 2012 eine Tendenz des Gegenwartstheaters zu mehr Kollektivität hin ab?
„Wir haben keinen tieferen Plan und keine hierarchischen Strukturen, […] keinen Genie-Kult wie im Theater üblich.“
Gob Squad bezeichnen sich explizit als Kollektiv: “We are an artists collective, the 7 core members working collaboratively on the concept, direction and performance of our work. Other artists, performers and technicians are invited to collaborate on particular projects.” Wer die Projekte von Gob Squad oder auch von SheShePop verfolgt, nimmt ihnen diesen Anspruch an ihre Arbeit und Arbeitsweise auch ab, hier wird die Devise „Das Private ist politisch“ offenbar ernst genommen. Johanna Freiburg [sowohl bei Gob Squad als auch bei SheShePop involviert] betont hierbei, dass gerade der fiktive Rahmen einer Inszenierung Fragen ermöglicht, die im wirklichen Leben oft gar nicht gestellt werden.
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