Applaus Applaus

Über das Theatertreffen-Publikum
Ein Stück ist nicht zu Ende, wenn es zu Ende ist. Auch die Inszenierung ist nicht zu Ende, wenn das letzte Wort auf der Bühne gesprochen ist. Applaus wird geprobt und der Regisseur ist aufgefordert, genau zu überlegen, wie er an dieser Stelle mit dem Publikum umgeht. Die konkrete Umsetzung am Abend der Vorstellung ist dann aber meist den Darstellern und ihrem Gespür überlassen: Wenn gebuht wird, muss man sicher nur einmal zum Verbeugen auf die Bühne. Für die Zuschauer ist diese Applaus-Inszenierung meist nicht wahrnehmbar, weil subtile Mittel benutzt werden. Bei Herbert Fritsch ist das anders. Er legt seine Mittel offen. Bei ihm endet das Gesamtkunstwerk erst, wenn der letzte Zuschauer den Saal verlassen hat. Continue reading Applaus Applaus

What Is Hate Radio?

Of the five Berlin-based productions invited to the Theatertreffen this year, Hate Radio is the only one I managed to see before the festival began. That’s how I came to be in the position where I can give you an idea of what’s to be expected at the show’s Theatertreffen premiere tonight.
Swiss director Milo Rau, founder of the International Institute of Political Murder theatre group and creator of IIPM projects such as The Last Days of Ceausescu, about the execution of the Romanian dictator, and The Dark Continent, a look at ethnic cleansing under Stalin, has most recently turned his attentions to yet another violent atrocity of the 20th Century. In his examination of the Rwandan genocide, it is the horrific and vicious anti-Tutsi propaganda proliferated by the Rwandan radio station RTLM that is placed under the microscope. Continue reading What Is Hate Radio?

„Programme! Programme!“

Was die Programmhefte der eingeladenen Stücke so in sich haben
Stimmgewaltige Ausrufer sind dabei: als wären sie Sänger bei der Erprobung ihrer Sprechstimmen. „Programme, Programme“, rufen sie dem vorbei strömenden Publikum der Opéra Bastille zu. In Paris herrschen gänzlich andere Verhältnisse, als in der Heimat des Protestantismus. Dass man diese Drucksachen von fast enzyklopädischem Kaliber Programme nennt, ist eine glatte Untertreibung. Es sind Bücher, die man sich von einem unvergesslichen Abend mit nach Hause nimmt und ins Regal stellt. So stehen die Ausrufer auch noch nach der Vorstellung etwas erhöht hinter ihren eigens dafür gefertigten Tresen und verkaufen vom Stapel weg – für zwölf Euro das Stück. Man hört noch die Rufe, wenn man schon auf dem Weg zur Metro ist.
Acht Stunden Faust begleiten 100 Seiten Programm
Die gedruckten Programme der zum Theatertreffen eingeladenen Inszenierungen könnten unterschiedlicher nicht sein – untereinander und im Vergleich zum beschriebenen französischen Modell. Von kostenlos und kopiert bis zum gestandenen 100-Seiten-Taschenbuch zu sieben Euro. Continue reading „Programme! Programme!“

„Ihr Auftritt, bitte!“

Der Auftritt der eingeladenen Theater jenseits der Bühnenkante:
„Ich ziehe jeden Fahrplan an der Bushaltestelle vor“, sagt ein Zuschauer, gebeugt über einem halben Dutzend Monatsspielplänen. Er spricht über gedruckte Theaterspielpläne an sich und die der eingeladenen Theater im Besonderen. Man muss dazu wissen: Der Mann lebt in Berlin und hier werden die Buspläne nach Vorlagen von Meta Design gestaltet. Es sind in der Tat die besten Buspläne der Republik: sie sind klar, übersichtlich und gut strukturiert. Seiner Meinung nach reichen die gefalteten Spielpläne von deutschen Theatern da nicht heran. Schwer erträglich findet er dieses „Kunstgetöse“ gerade bei einem Medium, das „einfach gut gestaltet und lesbar sein sollte. Es muss dem Leser dienen“, meint er. Continue reading „Ihr Auftritt, bitte!“

Theater 2.0 – vernetzt, verheddert, aufgeknüpft?

Eine Betrachtung der eingeladenen Theater und ihrer Netzaktivitäten
„Von 100% auf 99 ist doch keine Steigerung“, lässt René Pollesch Fabian Hinrichs in „Kill Your Darlings!“ sagen. Dieser Satz bringt die Absurdität von Rankings auf den Punkt: Fast immer sind sie unbrauchbar. Doch heutzutage wird so ziemlich alles irgendwie „gerankt“ – und wenn es nur die „Gefällt-mir“-Klicks bei Facebook sind. Also los: Ginge man nach diesen, läge das Thalia Theater unter den eingeladenen Häusern ganz vorne. Vor ein paar Tagen haben die Hamburger die 8.000er-Marke geknackt: Das ist augenblicklich Rang eins beim Theater-Facebook-Ranking. Ein Grund zu feiern?
Continue reading Theater 2.0 – vernetzt, verheddert, aufgeknüpft?

[Offstage: An ominous rumbling] … Theatertreffen is coming!

This is it. The almighty jury has travelled Germany, Austria and Switzerland searching for the “most remarkable” German-speaking theatre productions of the season, and the verdict is finally in. Of the 430 plays the seven jury members managed collectively to attend, ten have been invited to the Theatertreffen Festival in Berlin this May (4th to 20th, put it in your diaries).
I say “invited” to Berlin, but in fact exactly half of the chosen productions are already here. Not only that, they’re on in the same Berlin theatres: “Hate Radio” and “Before Your Very Eyes” at the Hebbel am Ufer, and “John Gabriel Borkman”, “Kill Your Darlings! The Streets of Berladelphia”, and “Die [s]panische Fliege” at the Volksbühne.
At the press conference on Friday we were reminded several times just how many productions at how many different theatres were considered by the tireless jury. Yet despite all those hours on the Deutsche Bahn, all that sampling of regional delicacies, Berlin dominates the list. Not exactly a ringing endorsement of the rest of the theatres in the German-speaking world, or is another bias at work?
But it is good news for me – I’m one of this year’s six Theatertreffen Bloggers, by the way, and your English-speaking window into all the excitement from now until the end of the festival. As a Neu-Berlinerin, pretty much all of these Berlin productions have been on my To-Do list since my arrival (below “tidy up”, which might as well be written in permanent ink). Just a few weeks ago I ran full pelt down Stresemannstraße to try to get an on-the-door ticket for the last night of “Before Your Very Eyes” and failed miserably – thank the theatre gods for Theatertreffen!
It’s going to be a hardcore line-up come May, particularly given the mammoth eight to 12-hour Ibsen, Salzburg’s two-part “Faust”, and the Sarah Kane triple bill from Munich, so getting a headstart might not be a bad idea. You can still catch “Kill Your Darlings!” and “Die [s]panische Fliege” at the Volksbühne – who also promise that “John Gabriel Borkman” will be “coming back soon.” And “Hate Radio” is returning to HAU 2 from 1st to 3rd March. Festival tickets will be on sale starting 14th April, and most performances will have English surtitles, enabling access for even the most stubborn German-phobes, but we’ll keep you posted as the fest draws nigh. In the meantime, watch out for previews, discussions and more right here on the tt-Blog – and don’t forget you can put in your two cents in the “Leserbrief” column on the right!

“Ich krieg ja auch Gage!”

In „Testament: Verspätete Vorbereitungen zum Generationswechsel nach Lear“ des Performance-Kollektivs She She Pop sind auch die Väter der Gruppe beteiligt. Peter Halmburger, der Vater von She She Pop-Mitglied Fanny, erzählt von seinem neuen Leben als Schauspieler.

Peter Halmburger, einer der She She Pop-Väter. Foto: Leopold Lippert

Wie gehen Sie mit der Öffentlichkeit um, die der Erfolg von „Testament“ mit sich gebracht hat? Haben Sie bewusst überlegt, wie viel Sie von sich preisgeben wollen?

Für mich ist das Thema Privatsphäre kein so großes Problem. Es ist ja ohnehin klar, dass nicht alles, was im Stück vorkommt, eins zu eins der Wirklichkeit entspricht. Da werden zum Glück eher allgemeine Fragen verhandelt, die dann ein Auslöser für Diskussionen sein sollen. Daher kann ich ganz entspannt damit umgehen. Meiner Erfahrung nach ist es ja so, dass gerade die Leute, die immer auf ihre Privatsphäre pochen, sich eher gegenteilig verhalten.

Wie ist es denn zu Ihrer Beteiligung an dem Stück gekommen? Musste man Sie lange überreden?

She She Pop hatten von Kritikern immer den Vorwurf bekommen, dass sie keine „klassischen“ Theaterstücke spielen. Als Gegenreaktion haben sie dann über „King Lear“ nachgedacht und sind ziemlich bald auf die Idee gekommen, den Text aufzubessern und ihre eigenen Väter einzubauen. Continue reading “Ich krieg ja auch Gage!”