Klageschrift des Flüchtlings Isaac

Let them speak!

Ausschnitt aus der selbst geschriebenen Klage- und Warnschrift des Flüchtings Isaac (Teil des Chors in Nicolas Stemanns Inszenierung „Die Schutzbefohlenen“)

 

(Die vollständige Abschrift:)

Baba Tunde und das Gotteswort

1 Die Abschiebe-Drohung

1 Untergang

Ich habe Zuflucht beim Menschen gesucht, aber Abschiebe-Drohung empfangen.
Aber mit meinem Glauben an Gott den Schöpfer, fange ich an auf Seine Hilfe zu hoffen
Und immer wieder beten und wieder beten und werde dadurch nicht müde sondern
In meinen Bemühungen fleißiger und geduldiger.

2 Vergebung

Plötzlich empfang ich Gottes Worte. Worte, die mich auswählten, mir beibringen und
Erklären was ich nicht wissen konnte, mich an alle meine guten und schlechte Taten
Erinneren und mich mit Seiner Vergebung trösteten.
Dass Er über Alles wacht, dass Er Weinen und Lachen lässt, dass Er bestraft und
Ankommen und ihre Taten finden wird, dass Er bereit ist alles zu vergeben und
Dass Er Seine Versprechungen immer hält.

3

Er lehrte und heilte mich
Er vergibt und leitet mich
Er ist geduldig und gerecht
Er ist sehr stark und gefährlich
Er ist die wirkliche Wahrheit
Er ist das Beste, was man hören kann.

4

Er kann auch Katastrophen auf die Welt kommen lassen
Er ist sehr streng mit seinem Schaffen
Keiner ist vor Ihm sicher und Er ist Unberechenbar
Ohne seine Barmherzigkeit findet keiner den Frieden
Ihm gehören die besten Beschreibungen
Und Er ist näher als wir uns vorstellen können.

 

2 Gotteswort: Rat

1

Alle Gerechten finden bei Uns den Frieden.
Ohne Uns ist die Glücksseligkeit unerreichbar.
Bei Uns kommen alle Reisen zum Ziel.

2

Seid ihr zu stolz an Uns zu glauben und zu Uns zu beten?
Und denkt nicht Uns zu begegnen?
Dann seid ihr Unseren Versuchungen ausgeliefert.

3

Die Ungerechten sind nicht von der großen Strafe ausgeschlossen.
Sie sind wie Blinde im Dunkeln und es lauert überall Gefahr
Aber die Gerechten werden ihr Licht empfangen.

4

Ohne Uns ist Gerechtigkeit wertlos.
Ohne Uns ist Alles umsonst.

5

Wir wollen euch nicht mit den Versuchungen allein lassen.
Wir waren doch die Urheber.
Keine Mutter gebar ohne Uns.
Kein Geist stieg herunter ohne Uns.
Kein Retter kommt ohne Uns.

6

Wollt ihr euch nicht Reinigen, anstatt in die Irre zu gehen?
Wollt ihr eure Sorgen nicht bei Uns lagern, anstatt herum zu tragen?
Wollt ihr nicht lieber Befreiung, anstatt gefangen zu bleiben?
Habt ihr einen anderen Retter, der euch vor Uns retten könnte?

7

Nach Schwierigkeiten kommen Erleichterungen.
Wir wollen euren Fragen Antworten geben.
Wir wollen euch Wissen geben,
Wir wollen euch Frieden geben
Bei Uns sind die besten Friedensorte.

8

Seht ihr den Baum?
Wir lassen seine Blätter fallen, nicht weil wir ihm Schaden zufügen möchten
Sondern dadurch vermehren Wir seine Reichweite.
Die meisten Menschen verstehen nicht unsere Zeichen „Wir“, „Uns“
glauben aber die besten zu besitzen.
Bei Uns sind die friedlichen Wahrheiten.

 

3 Gotteswort: Befehl

1

Wir wollen den Befehl kommen lassen.
Nichts ist vor Uns verborgen.
Wir haben Alles unter Unserer Gewalt.
Wir geben euch vieles, ohne Erwartung.
Und wenn ihr dankbar seid und gute Werke tut,
dann wollen Wir euch noch mehr geben.

2

Anstatt Frieden zu suchen, sucht ihr Krieg?
Anstatt Hilfe zu leisten, leistet ihr Gewalt?
Anstatt Geduld zu üben, übt ihr Wut?
Und dabei denkt das Richtige zu tun.

3

Möchtet ihr euch nicht beugen, und danken und gute Werke lieben?
Möchtet ihr lieber die Ausländer schwer machen und abschieben?
Möchtet ihr den Bittenden nicht nette Worte schenken?
Möchtet ihr die Waisenkinder ihr Erbe nicht zukommen lassen?
Ist die Geschichte von den Kindern mit den zwei Gärten euch nicht bekannt?
Sie waren so sicher mit ihrem Plan, aber die Reue war ihre Rettung.
Denn, Wir sind die besten Planer.

4

Haben Wir euch nicht zum König gemacht? Wollt ihr eure Untertanen unterdrücken?
Haben Wir euch nicht reich gemacht?            Wollt ihr den Armen nicht helfen?
Haben Wir euch nicht stark gemacht?            Wollt ihr die Schwachen bedrohen?
Haben Wir euch nicht klug gemacht?             Wollt ihr die Unwissenden betrügen?
Haben Wir euch nicht schön gemacht?           Wollt ihr die Hässlichen beleidigen?
Haben Wir euch nicht gesund gemacht?        Wollt ihr die Behinderten auslachen?
Möchtet ihr euch nicht lieber reinigen bevor ihr Uns wahrnehmt?

5

Wir wollen euch auf vieles prüfen,
Mit Schwierigkeit, mit Erleichterung, mit Verlust, mit Gewinn, mit Reichtum,
mit Liebe, mit Kindern, mit Macht.
Dadurch reinigen Wir die Herzen derer, die gute Werke tun,
und lassen Wir die Ungerechten in Unseren Strafen hineingehen.
Die Ungerechten finden keinen Ausweg.
Ohne die friedlichen Wahrheiten ist kein Ziel in Sicht.
Bei Uns ist das beste Ziel.

6

Anstatt Frieden bei Uns zu suchen, habt ihr euch von Kriegen verführen lassen
Denn Wir sind immer anwesend und Wir sind der besten Zeugen.

 

4 Babtunde: Die Hoffnung

Es ist schade, dass die Menschen nicht zu Gott beten
Es ist schade, dass die Menschen sich nicht Gott ergeben
Sondern sich Ihm gegenüber arrogant benehmen
Denken allein alles zu schaffen und zu bewegen
Obwohl Er uns den Weg der Reue empfohlen
Dass Er uns alles umsonst geschenkt und gegeben
Sonst haben wir nichts von der Erde zu entnehmen
Ohne Ihn können wir nichts machen und bewegen
Und wir werden die Prüfung nicht überleben
Weil Er uns zu prüfen der Welt übergeben
Ohne Ihn haben wir kein gesundes Leben
Sonst raubt uns der Teufel unsere Seelen
So viele Gefahren können wir nicht umgehen
Ohne Ihn haben wir nichts Gutes zu erleben
Gott schenkt uns das Leben
Und ist bereit alles zu vergeben
So lass uns zusammen zu Ihm beten
Dann bekommen wir Seinen Segen.

Chorus:

Gott schenkt uns das Leben
Und ist bereit alles zu vergeben
Lass uns zu ihm beten und flehen
Dann bekommen wir Seinen Segen.

Babatunde = Papa ist wieder da

Verzweiflungstaten: Die Schutzbefohlenen

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Ohne Reden, Danksagungen und Blumen eröffnet das Theatertreffen. Nicht in diesem Jahr, nicht vor ausgerechnet dieser Produktion. Denn unerbittlich wächst die fünfstellige Zahl, die in großen weißen Ziffern die Rückwand der Bühne beherrscht. Es tickt wie bei einer überdimensionierten Uhr, wenn die Anzeige in unregelmäßigen Abständen umspringt. Im Laufe von zwei Theaterstunden wird so bei knapp 25.200 enden, was mit 25.040 begonnen hatte. Vielleicht ist es ein Hinweis auf die Zahl der in Berlin unter das Asylbewerbergesetz fallenden Flüchtlinge, die ungefähr auf diese Größenordnung taxiert wird. Wohlmöglich ist es auch ein makabrer, willkürlich begonnener „death toll“ all jener, die tagtäglich vor der europäischen Haustür im Mittelmeer ertrinken, in den Frachträumen von Flugzeugen erfrieren oder im Stacheldraht der Grenzzäune verbluten. So oder so: In der Welt da draußen steigt sie, diese Zahl, während man hier, im Theater, tief in die Polster rutscht.

Die Macht des Faktischen

Nicolas Stemanns Inszenierung der „Schutzbefohlenen“ von Elfriede Jelinek, die über Mannheim nach Hamburg und schließlich zum Theatertreffen gewandert ist, wird umklammert von diesem Counter. Noch wenn ganz am Ende das Licht ausgeht, bleibt die erreichte Zahl dramatisch leuchtend im Raum stehen. Ohne je konkret darin zu werden, was sie benennt, behauptet sie die Macht des Faktischen und verweist stumm auf den jenseits aller Debatten und Diskurse liegenden Skandal: Dass es Flüchtlinge gibt, dass sie leiden, dass sie sterben. Und dass ausgerechnet Europa, gegründet auf der Universalgültigkeit der Menschenrechte, dabei zusieht.

Die gestische Wucht dieses Bühnenelements besetzt das eine Extrem einer an Diskrepanzen und Ambivalenzen nicht gerade sparenden Produktion. Ihm zur Seite hat Nicolas Stemann einen vielstimmigen „Flüchtlingschor“ gestellt, der das anklagende „Wir“ der Text-Vorlage aufgreift und verkörpert. Jelinek hatte für ihr Stück die zentrale Funktion des Chores aus Aischylos’ „Die Schutzflehenden“ entlehnt und dessen Menschenrechtsthematik mit den Ereignissen rund um die Besetzung der Wiener Votivkirche durch protestierende Flüchtlinge im Jahr 2012 verschaltet. Stemann wiederum passte diese Elemente den Situationen an den Aufführungsorten an und konnte so etwa in Hamburg Flüchtlinge aus der dortigen St.-Pauli-Kirche für die Mitarbeit gewinnen. Bei den Berliner Vorstellungen sind nun einige der Frauen und Männer hinzugekommen, die bis April 2014 den Kreuzberger Oranienplatz besetzt gehalten hatten. Ihnen gehören die eindrücklichsten und stärksten Momente der Inszenierung. Dabei tun sie oft gar nicht viel mehr, als am Bühnenrand stehend dem Publikum auseinanderzusetzen, was es zum Beispiel mit einem Menschen anstellt, der im Protest tagelang in einem Baum sitzend ausharrt. Die Sudanesin Napuli Langa hat das getan. Ihr Auftritt erntet Szenenapplaus.

Der Abend eines Versuchs über einen Versuch

Doch „Die Schutzbefohlenen“ will kein aktivistisches Theater sein, jedenfalls nicht nur. Deshalb stellt es neben das ungebrochene Pathos des „Flüchtlingschores“ eine Riege verdienter Thalia-Schauspieler, die das volle Programm der postdramatischen Theaterglaubenskrise abspulen müssen. Unvermeidlich entwickelt sich so auch ein „Abend über den Versuch einer Stemann-Inszenierung über ein Jelinek-Stück über Flüchtlinge“, sprich: Alle nur denkbaren Diskursfallstricke werden nicht nur vorsorglich schon gekappt, sondern auch gleich beschrieben, vermessen, eingerollt und katalogisiert.

Das beginnt einigermaßen plump, wenn drei (weiße) Schauspieler, die zu Beginn mit dem Jelinek-Text ringen, einen anderen (schwarzen) Schauspieler partout auf Englisch zur Mitwirkung überreden wollen – ungeachtet der Tatsache, dass es sich bei diesem um einen echten Hamburger Jung’ handelt. Und es endet, hochelaboriert, mit dem vielzitierten Satz: „Wir können euch nicht helfen, wir müssen euch doch spielen.“ Der Sensibilität des Sujets geschuldet, versucht Stemann allen Kunstnebel zu vermeiden, gerade indem er ihn doppelt und dreifach versprüht, um anschließend mit dem Finger darauf zeigen zu können. Die Folge ist ein Theater, das seine eigene Entschuldigung permanent mitspielt, so untadelig wie aalglatt. Wer hier „drinnen“ schon nicht als Betroffene/r spricht, sollte wenigstens den Aufwand betreiben, sich durchs Dickicht der Kunstdiskurse zu schlagen. Doch dabei verstreicht die Zeit im Gleichtakt mit jener unaufhaltsam wachsenden Zahl an der Bühnenrückwand. So oder so ähnlich entfaltet sich das Dilemma, vor dem „Die Schutzbefohlenen“ letztlich kapituliert, vielleicht sogar kapitulieren muss. Wo das Theater derart bitter an sich selbst verzweifelt, bleibt nur noch die Zuflucht im Appelativen und sich gemein Machen mit einer guten Sache. Immerhin dafür darf das Licht im Saal dann trotzdem nochmal ausgehen.