Über Berlin II: „Nein“ (also: „no“), meine Distanz zur Berliner Kulturszene

Berlin zieht internationale Künstler an und verkauft sich als offene Stadt für Kreative. Aber wie fühlt man sich als kreativer Immigrant in Berlin? Wie kommt man rein in die kulturellen Strukturen, etwa das Theatertreffen, und wie erhält man seinen künstlerischen Fokus?

Ich sitze zur schreibenden Stunde in einem Café in Neukölln, Heimat der Berliner Hipster, zwischen Flohmarkt-Stühlen und US-amerikanischen Immigranten. Meinen Eiskaffee (also: „Frappé“) habe ich schon ausgetrunken. Eiskaffee gönne ich mir täglich. In Berlin kann man so unglaublich billlig „über-überleben“.

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Ich, die Stadt und das TT. Zeichnung: Mai Vendelbo

Im Vergleich mit anderen Großstädten sind nicht nur Eiskaffees bezahlbar, auch Kunst und Kultur sind hier wahnsinnig zugänglich. Für das, was ich für eine Theaterkarte in Dänemark ausgeben muss, bekomme ich hier mindestens zwei (wenn ich nicht in der ersten Reihe neben Anzügen sitzen möchte). Ja, Kunst und Kultur werden hier wie Süßigkeiten verkauft, und du kannst in deiner Tüte alles Mögliche mixen und ausprobieren. Berlin hat alles. So heißt es. „Be Berlin“ ist der Werbeslogan. Ja, Berlin ist ganz sicher ein Paradies für Künstler und Kunstliebhaber (also: „lovers“), oder? Mein Antwort ist „nein“ (also: „no“).

Theatertreffen als Miniatur-Berlin

Als Berlin-Immigrantin im zweiten Jahr, als Kunstliebhaberin und entstehende Künstlerin (hoffentlich, oder soll ich mich freuen, dass ich immer noch nicht vom 10-Meter-Brett gesprungen bin?) fühle ich mich distanziert, nicht nur von der berlinerischen Kunstszene, sondern auch von meiner eigenen Arbeit und meinen eigenen Ambitionen. Ich fühle mich in Berlin drinnen, aber doch draußen, und diese Zwischen-Position ist unglaublich unmotivierend und unproduktiv. Es gibt diese merkwürdige berlinerische Bewegungskraft, die dein künstlerisches Feuer verdunsten lässt, bevor es dich wieder anziehen und anzünden kann. Was ich mit drinnen zu sein meine: drinnen in deiner künstlerische Arbeit.

Ich wurde zum Theatertreffen als Fotobloggerin eingeladen, und diese Arbeit hat wieder mein Drinnen-Draußen-Gefühl aktiviert. Ich bin offiziell drin, aber ich fühle mich konstant irgendwie draußen, und nein (also: „no“), es ist nicht nur eine Sprachsache. Ich habe lange überlegt, warum, und meine beste Antwort bis heute ist, dass das Festival einfach zu flüchtig ist. Ich schaffe es nicht, in zwei Wochen einen Überblick zu bekommen. Es geht ums Theater und es geht um das Treffen, aber es geht auch um Politik, Geschichte, Feiern, Kultur im Allgemeinen, Blackfacing, Film, Essen, Menschen mit Behinderung, Fotos etc. etc. (also: „usw. usw.“). Das Theatertreffen wird für mich plötzlich zu einer Miniatur von Berlin.

Unfokussierte Multi-Kulti-Künstler

Berlin steckt voller Möglichkeiten. Die Künstler, die ich auf der Straße oder bei Pop-up-Vernissagen (ein Café, das plötzlich und kurzfristig Galerie geworden ist) treffe, sind Leute wie ich: unfokussierte Multi-Kulti-Künstler, die alles wollen, aber nicht alles können. Frag mal jemanden in der U-Bahn oder beim Döner Stop, was er oder sie so macht. Die Person wird die folgende Erklärung abgeben: Er/sie ist nicht nur Autor. Er/sie ist auch Fotograf, Zeichner, Tänzer, Grafikdesigner, und nicht zu vergessen, DJ. Ja (also: „yes“). Die Straßen dieser Stadt sind voll von Multikünstlern, und die Theaterbühnen stellen keine Ausnahme dar. Lars Eidinger hat als DJ vergangenen Samstag beim Theatertreffen-Bergfest-Jubliäum meine Theorie zementiert und meine sprachlose Bewunderung für seinen „Hamlet“ in wortblöden Songs ertränkt. Continue reading Über Berlin II: „Nein“ (also: „no“), meine Distanz zur Berliner Kulturszene

Der Grantler mit den Witzen. Theaterpreis 2013 an Jürgen Holtz

50. Theatertreffen
Jürgen Holtz bei der Verleihung des Theaterpreises 2013. Foto: Piero Chiussi

Die Schauspielerin Corinna Harfouch fiel bei der Probe einer gemeinsamen Benn-Lesung in ihrer Wohnung vor ihm auf die Knie, der Regisseur Robert Wilson nannte ihn einen „Jungen, der unsere Herzen gestohlen hat“, Klaus Maria Brandauer neidete ihm seinen vielen Publikumsapplaus, den er als Kollege aus der Garderobe aus „jeden Abend“ hören konnte: Heute wurde der Schauspieler Jürgen Holtz im Haus der Berliner Festspiele mit dem Theaterpreis 2013 der Stiftung Preußische Seehandlung ausgezeichnet. Prominente Kolleginnen und Kollegen (siehe oben) ehrten ihn mit Reden und Ständchen (etwa Angela Winkler), Berlins Regierender Bügermeister Klaus Wowereit übergab den Preis an den 80-jährigen „Grantler, einen feinen Gedankenverfertiger im Sprechen, einen König des Monologs“ (aus der Begründung der Jury).

Dieser ließ es sich nicht nehmen, in seiner Schlussrede Kritik zu üben an den heutigen Verhältnissen. Er beschimpfte die Medien, die nur noch „Duplikate“ schafften und für Wirklichkeit ausgäben, bedauerte das Schwinden der Sprache auf der Bühne, das „Schwinden des Gestus“, meckerte über heutige Dramaturgen, „die das Googlen gelernt haben“ und in die Arbeit auf der Bühne hineinpfuschten. Holtz rief die Theatergeschichte der zwei deutschen Staaten herauf (die gesamte Rede erscheint übrigens demnächst in der Zeitschrift Theater heute) und erzählte zum Abschluss einen Witz. Der war wirklich gut, es ging um einen Zirkusdirektor, der das Publikum mit Scheiße bespritzen lassen will, um danach umso weißer und strahlender aufzutreten. Davon gibt es jetzt leider keinen Mitschnitt, weil die Blog-Kamera voll war. Und als ich ihn nach der Preisverleihung im Foyer fragte, ob er ihn noch einmal erzählen könnte, sagte er: „Nein.“ Aber er könne einen anderen erzählen. Hier ist er.

Herzlichen Glückwunsch, Jürgen Holtz.

Theaterpreis Berlin 2011 verliehen

Der Regisseur Dimiter Gotscheff, die Schauspielerin Almut Zilcher, sowie die Schauspieler Samuel Finzi und Wolfram Koch erhalten den Theaterpreis der Stiftung Preußische Seehandlung für ihre Theaterarbeiten, darunter “Iwanow” oder “Die Perser“. Er wurde am Sonntag, 8. Mai, im Rahmen des Theatertreffens Berlin, verliehen. Das Preisgeld von 20.000 Euro überreichte der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit. Die vier Preisträger über “Gemeinschaft”, und ihre Bühnenbildnerin Katrin Brack über die gemeinsame Arbeit.

 

 

 

 

Wir gratulieren!

Margit, mit dir is so schön

Heute wurde im Deutschen Theater der mit 20.000 Euro dotierte Theaterpreis Berlin 2010 an die Schauspielerin Margit Bendokat verliehen. Wir waren dort und gratulieren.

Sonntagmorgen, 11 Uhr, Berlin. Das Deutsche Theater ist rappelvoll. Noch drängen einige Journalisten in den Zuschauerraum, suchen hektisch nach freien Plätzen, um ihre Kameras zu positionieren und Stift und Block zu zücken. Denn heute findet eine einmalige Darbietung statt. Heute wird der Theaterpreis Berlin 2010 verliehen. Heute wird die Schauspielerin Margit Bendokat geehrt. Continue reading Margit, mit dir is so schön